Was bleibt vom Einfluss der Deutschen?

Prof. Dr. Konrad Gündisch in der Rumänischen Akademie. Foto: George Dumitriu

Auf der sechsten Konferenz des Projekts „Brücken der Toleranz“ (siehe ADZ vom 2. Juli 2019: „Plattform des freundschaftlichen Dialogs“) ging es um den Beitrag der nationalen Minderheiten zur wirtschaftlichen Entwicklung Rumäniens. Der Historiker Prof. Dr. Konrad Gündisch präsentierte die Etappen und Gründe der Einwanderung der deutschen Volksgruppen und ihre Rolle bei der Entwicklung ihrer Region. Dabei wird deutlich, dass sich die deutsche Minderheit ihre Heimat auf dem heutigen Gebiet Rumäniens durch harte Arbeit und große Opfer erworben hat – und nicht etwa andere verdrängt hat. Zum Schluss stellt Gündisch die Frage: Was ist geblieben? Der Kommunismus hat vieles zunichte gemacht, der Großteil der Deutschen ist nach der Wende ausgewandert... 

Wichtig ist festzustellen, dass die Besiedlung Südosteuropas durch Deutsche friedlich verlaufen ist. Sie kamen, weil sie gerufen wurden und um dort eine Aufgabe zu erfüllen: als Verteidiger und zur wirtschaftlichen Entwicklung eines nach Kriegen entvölkerten Raums, um Land urbar zu machen und Landwirtschaft zu betreiben, Sümpfe trockenzulegen, Bodenschätze abzubauen oder Wälder zu erschließen. Nur einige kleinere Gruppen in Siebenbürgen und im Banat waren unter Maria Theresia aus religiösen Gründen (Landler) oder als unerwünschte Bürger (Landstreicher, Wilderer, Schmuggler, Prostituierte oder Aufständische, von denen jedoch ein großer Teil bald zurückkehrte) zwangsumgesiedelt worden. Im Gegenzug zu den Vorteilen, die die Einwanderer ihren neuen Herrschern verschafften, machte man ihnen verlockende Zusagen – religiöse und administrative Freiheit, eigenes Land, Befreiung von Militärdienst oder Steuern –, die jedoch nicht immer eingehalten wurden.
Die Siedler haben keine Einheimischen vertrieben, sondern mussten sich ihre Infrastruktur selbst entwickeln, sich gleichzeitig verteidigen und mit anderen Volksgruppen auskommen, die aus ähnlichen Gründen angesiedelt worden waren. Doch Platz war für alle genug. Know How und technische Geräte – etwa die Rotation der Kulturen, neue Kulturpflanzen wie Wein, den eisernen Pflug auf Rädern oder die eiserne Sense – brachten sie aus ihrer alten Heimat mit, zu der sie immer noch Kontakte pflegten und an deren Entwicklungen sie Anteil hatten, die der neuen Heimat zugute kamen.

Kolonisierung im Mittelalter

Im Mittelalter wurden nach der Expansion des ungarischen Reichs deutsche Siedler zum Schutz der neuen Grenzen eingesetzt. Die Besiedlung war auch zur Rodung von Wäldern und Urbarmachung von neuem Land nötig – und weil Landwirtschaft, Handel und Handwerk Steuereinnahmen bedeuten, die die neuen Gebiete erst wirtschaftlich wirksam machten.
Hinzu kam, dass die steigende Nachfrage nach Salz und Metallen nur durch neue Arbeitskräfte befriedigt werden konnte, die Ungarn hatten zu wenig Fachleute. Im Erzgebirge, im Rodna-Gebirge, in der Maramuresch und im Siebenbürgischen Becken wurden daher Spezialisten aus dem Westen, vor allem aus dem deutschen Sachsen, angesiedelt, um die Produktion zu erhöhen oder römische Minen neu zu erschließen. Sie brachten Pumpen, Wasserräder und ein neues Verfahren zur Trennung von Silber und Gold mit, modernisierten Hütten und steigerten die Produktion.

Nach der großen Invasion der Tataren und Mongolen 1241/1242 wurden erneut Siedler herbeigerufen, diesmal Fachleute im Festungsbau, um Handwerkszentren und Städte an wichtigen Handelsrouten zu bewehren. Infolgedessen wuchsen an den Übergängen der Karpaten die Städte Bistritz/Bistrița, Kronstadt/Brașov, Hermannstadt/Sibiu und Klausenburg/Cluj. Jenseits der Karpaten ließen sich deutsche Handwerker und Händler in der Moldau und der Walachei nieder, es entwickelten sich die Städte Baia, Siret und Suceava sowie Câmpulung. Die Blüte von Bergbau-, Handels- und Handwerksstädten zwischen 1303-1437 führte dazu, dass sich neue Siedlungen in Richtung Osten ausbreiteten.

Rechtliche Normen zur Verwaltung von Städten wurden eingeführt. Das Recht von Buda wird im 15. Jahrhundert von Klausenburg adoptiert. Der Codex Altemberger wird auf Initiative des Hermannstädter Bürgermeisters Thomas Altemberger aus Nürnberg beschafft.
Wanderungen siebenbürgischer Handwerksgesellen in den Westen trugen dazu bei, dass sich die Zünfte in Siebenbürgen früh entwickelten. Auf dieser Basis begann im 16. Jahrhundert ein großangelegter Handel mit der Moldau und der Walachei.

Einwanderer im 18. und 19. Jahrhundert

Im 18.-19. Jahrhundert wurden die Vorfahren der Banater und Sathmarer Schwaben, der Landler, Bukowinadeutschen, Zipser, Bessarabien- und Dobrudschadeutschen angesiedelt. Der Rückzug der Osmanen aus den entsprechenden Gebieten schuf die Bedingungen und die Notwendigkeit dafür. Denn die unter österreichische Herrschaft gelangten, entvölkerten Gebiete konnten nur rentabel sein, wenn auch dort Landwirtschaft, Bergbau, Handel und Handwerk florierten. Im Habsburgerreich wurde schon 1686 die Neubesiedlung alter ungarischer Grenzbefestigungen mit deutschen Soldaten und Militärtechnikern beschlossen. Entlang der Grenzen gründete man Siedlungen, deren Einwohner frei waren, doch verpflichtet, den Ort zu verteidigen.

Ungarische Adlige, die nun Besitztümer aus vorosmanischer Zeit zurückforderten, trieben die Besiedlung voran. Sie verlangten vom König die Förderung der Einwanderung von Bauern und Handwerkern. So kam es zu staatlich geplanten Siedlungen unter Karl VI., Maria Theresia und Josef II. Ein erster Schwabenzug fand auf Anraten Prinz Eugens von Savoyen statt. Die Einwanderer regelten das Flussbett der Bega, bauten Eisen, Kupfer, Silber und Kohle ab, betrieben Landwirtschaft.
Ein Meilenstein ereignete sich im 19. Jahrhundert, als deutsche Bergarbeiter die Technik des hydraulischen Mahlens von Erz ins Banat mitbrachten. Im Banat wurden auch Baumeister für öffentliche Gebäude, Kasernen und Befestigungen angesiedelt, sowie Textilfacharbeiter, Müller, Gerber, Glaser und andere.
1763 lud Zarin Katharina II. deutsche Kolonisten in landwirtschaftlich unterentwickelte Regionen Russlands ein. Nach der Eroberung Bessarabiens von den Osmanen setzte Zar Alexander I. diese Politik fort und rief Einwanderer aus Südwestdeutschland und aus dem Banat ins Land. Diese bildeten später Tochterkolonien und wanderten schließlich auch in die – damals noch osmanische – Dobrudscha weiter. Die Bessarabiendeutschen leisteten vor allem in der Landwirtschaft große Beiträge, akklimatisierten neue Kulturen, bewässerten riesige Flächen und führten moderne Geräte ein.

1775 gaben die Osmanen die Bukowina zugunsten Österreichs auf. Ohne staatliche Intervention siedelten sich dort österreichische Soldaten, Handwerker, Händler, Ärzte und Priester an. In der Bukowina ließen sich vor allem Bauern und Handwerker aus Süddeutschland, Bergleute aus der Zips, Glaser oder deutsch-tschechische Waldarbeiter aus Böhmen nieder.
Der Zollkrieg 1886-1892 zwischen Österreich-Ungarn und Rumänien schädigte vor allem die Wirtschaft in Siebenbürgen und im Banat, die auf Rohmaterialien aus den rumänischen Fürstentümern angewiesen war. Felle oder Weizen für die an den Grenzen liegenden Mühlen wurden unerschwinglich. Auch die Banater Metallurgie, die zuvor viel in die rumänischen Fürstentümer geliefert hatte, litt. So kam es, dass die am stärksten betroffenen Handwerker in die Walachei zogen und dort Werkstätten gründeten. Die industrielle Entwicklung des Prahova-Tals war eine Folge dieses Zollkriegs.

Was bleibt?

Nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörte die staatliche Monopolisierung der Industrie, des Bankenwesens, der Metallindustrie und des Transportwesens jede private Initiative. Enteignungen, Deportationen in die Sowjetunion und in den Bărăgan dezimierten die deutsche Bevölkerung und lösten schließlich Auswanderungswellen aus, die im Exodus nach der Wende kulminierten. So ist es heute schwierig zu beziffern, was von dem zweifellos bedeutenden Beitrag der deutschen Minderheit zur wirtschaftlichen Entwicklung Rumäniens übrig geblieben ist. Unumstritten ist allerdings ihre Rolle als Mittler zwischen Ost und West – bis heute, durch die immer noch bestehende Verbindung zur neuen und alten Heimat. Diese generiert permanent neue wirtschaftliche Beziehungen und schafft einen kulturellen Austausch zwischen Zentral- und Südosteuropa. So ist es gut möglich, dass die grenzüberschreitenden Bindungen zwischen Ausgewanderten und Verbliebenen genau die Sorte Klebstoff bilden, der die Völker Europas verbindet und Frieden garantiert.

(Quelle: Zusammenfassung aus dem 13-seitigen Vortragsmanuskript)

Kommentare zu diesem Artikel

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Bemerkungen :

  • user
    Mathias 15.07.2019 Beim 23:11
    Nach menschlichem Ermessen behält dan Recht. Manchmal war und ist es wirklich so, mit Meschendörfer formuliert "Völker kamen und gingen......Langsam neigt sich ihr Lauf."Aber wer hätte auch nur geträumt, dass ehemalige Staaten aus dem "Warschauer Pakt" einmal Mitglieder der EU werden könnten. Selbst Ceausescu hatte solche Visionen nicht.
  • user
    dan 12.07.2019 Beim 09:06
    Es bleibt NICHTS vom Einfluss der Deutschen.
    Spätestens in 100 Jahren wird nichts mehr davon vorhanden sein.
    Leider.
    Denn in den Köpfen der meisten Entscheider in Rumänien ist immer noch die Idee, dass es für die Rumänen besser ist, einen "stat unitar roman" zu haben, wo es keine anderen Völker geben darf.
    Diese Idee wurde schon vor 1944 verfolgt.

    Das wird von orthodoxer Kirche bis hin zu vielen Politikern offiziell so täglich gepredigt und den Normalmenschen als richtig eingetrichtert.
    Und es wird keine Änderung dieser Denkweise geben -- so können sich die Politiker reinwaschen: Schuld am Elend des rumänischen Volkes sind immer die anderen = Nichtrumänen.

    Es wäre an der Zeit, dass nicht mehr die immergleichen lozinci der immergleichen Historiker gefördert und gefordert werden.

    Diese lozinic haben bisher nicht geholfen, damit es in Rumänien besser wird. Dass eine Denkweise, wie sie Andreas II bei der Anwerbung der Sb. Sachsen für sein Reich getan hat.
    Aber sowas will auch dieser Herr Gündisch wie viele andere Saxen-Historiker nicht sagen, aus Angst, dass er die Wahrheit sagt.

    Was die Rolle der Saxen als Mittler zwischen Ost und West betrifft, waren und sind sie es schon seit den 30er Jahren nicht mehr.
    Herr Gündisch bauscht da etwas auf, weil er ja selbst davon profitiert = zu Vorträgen eingeladen wird, seine Schriften sich verkaufen.
    Das ist eben sein Beruf als Historiker: im Dienst der Mächtigen deren Lied zu singen, um Geld zu verdienen.
    Diese Vorträge, wie sie Gündisch und andere Historiker halten, hat es schon vor 1990 gegeben.
    Was haben sie positives bewirkt? Nichts - im Grunde interessiert es keinen Nichthistoriker, noch weniger das Volk der Rumänen, was Gündisch zu sagen hat.
  • user
    Wolfgang 12.07.2019 Beim 07:17
    Ein wichtiger Beitrag zur Zurechtrückung der offiziellen Geschichtsschreibung in Rumänien !