Wasser auf die Mühlen der Ungläubigen

Warum Fake News zum Thema Covid-19 so erfolgreich sind

Die einen essen Seegras, um sich vor dem Virus zu schützen. Andere folgten dem „Rat“ von US-Präsident Trump und spritzten sich Desinfektionsmittel ins Blut. Manche meinen, es sei sinnvoll, sich auf „Corona-Partys“ gezielt anzustecken, um dann gegen Covid-19 immun zu sein. Das Schlimmste aber: Ganz viele Menschen glauben, dass die Viruspandemie eine Erfindung sei, mit dem Ziel, uns zu kontrollieren, um die Reichen noch reicher zu machen, oder eine Art von Kriegsführung – China, Russland, die USA gegen den Rest der Welt. Dass Verschwörungstheorien meist zutiefst unlogisch sind, tut ihrer Popularität keinen Abbruch. Kommt man in den Dorfladen und setzt die Maske auf, spottet garantiert jemand: „Aber hören Sie mal, dieser Virus ist doch nicht real! Glauben Sie denn diesen Unsinn?“ Die Zahl der Ungläubigen ist gefährlich groß, vor allem auf dem Dorf. Es ist vielen peinlich, Maske zu tragen, denn das bedeutet ja, man glaubt an „den Unsinn“.

Woher aber kommt diese Einstellung? Fakt ist, im Internet wimmelt es nur so von dubiosen Theorien und Tipps. Im besten Fall sind sie harm- und wirkungslos, im schlimmsten gefährlich und destruktiv. Gefährlich nicht nur für denjenigen, der sie anwendet, sondern oftmals für die ganze Gesellschaft. Denn wer glaubt, geschützt zu sein, hält sich nicht mehr an die Regeln zur Verhinderung der Verbreitung der Pandemie.  

Zur letzteren, gefährlichen Sorte gehört ein angeblich offizieller Bericht des deutschen Innenministeriums, der über eine dubiose kanadische Webseite verbreitet wurde, von dort an Mediafax gelangte und von zahlreichen rumänischen Medien ungeprüft übernommen wurde. Das 192 Seiten starke Dokument behauptet im Titel, Corona sei ein globaler Fehlalarm! Der „seriöse deutsche Bericht“ – tatsächlich als Fake News entlarvt – gießt Wasser auf die Mühlen jener, die die staatlichen Einschränkungen satt haben. Für die Ärzte, die Covid-19-Patienten behandeln, und jene, die die Krankheit am eigenen Leib erlebt haben, war er ein Schock.

Wer ist der Urheber des Berichts? Was ist seine Absicht? Wie ist er an die Öffentlichkeit gelangt? Welchen Schaden hat er hierzulande angerichtet? Und: Wie reagiert man als Pressemedium am besten, wenn man irrtümlich auf Fake News hereingefallen ist und selbst zu ihrer Verbreitung beigetragen hat? Mediafax hat den peinlichen Bericht stillschweigend gelöscht, doch da war es schon zu spät: Stirile ProTV, Capital, Digi24 und andere Medien hatten ihn bereits übernommen. Digi24 veröffentlichte später eine kurze Richtigstellung und schob darin den „Schwarzen Peter“ Mediafax zu, erklärt Journalistin Elena Calistru von „Funky Citizens“. Die NGO betreibt die Faktencheck-Seite factual.ro und diskutierte den Bericht und seine Folgen in der On-line-Serie „Buletin de Fake News“ mit der Kronstädter Spezialistin für Infektionskrankheiten Dr. Andreea Moldovan und Ionu] Codreanu von „Active Watch“.

Die Ärztin hatte von dem deutschen Bericht von zwei Covid-19- Patientinnen erfahren: „Sie waren empört!“ Erst zwei Tage später las sie ihn selbst: „Er war so gut gefälscht, dass du glaubst, was da steht, wenn du keine medizinische Basis hast“, stellt sie erschüttert fest.   Die „Enthüllung aus Deutschland“ ist Zündstoff für eine Bevölkerung, die in den eigenen Staat wenig Vertrauen hat und gleichzeitig „deutsch“ oft mit „qualitativ hochstehend“ gleichsetzt. Wie ein Schneeball verbreitet sich die Nachricht. Wozu noch Masken, wozu soziale Distanz? Die Menschen verhalten sich entsprechend. Der Schaden einer solchen Fehlinformation lässt sich nicht beziffern.

Klare Aussagenstatt endlose Expertendiskussionen

Woher aber kommt der Unglauben in die eigenen Experten, der Fake News einen Vorteil zu verschaffen scheint? Zum einen sind es die vielen, scheinbar widersprüchlichen Aussagen, meint Andreea Moldovan. In der Forschung ändern sich die Dinge rasant: Was heute als Standard gilt, kann übermorgen überholt sein. Hinzu kommt, dass auch für die Experten vieles unbekannt ist. Der Virus ist eben neu. „Am Anfang hieß es, man solle Dexamethason nicht verwenden“, illustriert sie als Beispiel. Tatsächlich wurde es anfangs nur als präventives Mittel diskutiert. Neueste Studien haben jedoch gezeigt, dass es zwar präventiv und bei leichten Fällen keine, doch bei schweren Fällen eine sehr vielversprechende Wirkung gibt. Für den Bürger, der die Forschung nicht im Detail verfolgt, klingt dies wie ein zielloses Hin und Her. Experten diskutieren, tauschen verschiedene Meinungen aus, sind sich selbst über vieles unsicher, weil es eben noch keine Gewissheit gibt, erläutert Moldovan. „Wir haben eine evidenzbasierte Medizin.“
Im Gegensatz dazu klingen manipulative Nachrichten zuversichtlich und treffen klare Aussagen: So ist es und nicht anders! Sie erfüllen damit ein natürliches Bedürfnis an Gewissheit. Psychologen wissen: Selbst schlechte Nachrichten werden vor ungewissen Nachrichten bevorzugt.

Wer verdient an Fake News zu Covid-19?

Das Phänomen Fake News ist nicht neu – warum aber nimmt es gerade zur Zeit der Pandemie derartige Ausmaße an, sodass selbst die WHO vor einer „massiven Infodemie“ warnt? Im Wissenschaftsmagazin „Nature“ analysiert Nic Fleming das Phänomen der Falschinformationen in Bezug auf den neuen Coronavirus. Die Corona-Krise hat einen stark erhöhten Nachrichtenkonsum mit sich gebracht, wird Jevin West, Datenexperte an der Universität von Washington in Seattle, darin zitiert. Das Marktforschungsinstitut GlobalWebIndex, so West, hatte im März 13 Länder untersucht und festgestellt, dass der Nachrichtenkonsum während der Pandemie um 67 Prozent angestiegen ist! Das große Bedürfnis nach Wissen und die vielen offenen Fragen zu einer neuen Krankheit, die das Gesundheitssystem an seine Grenzen bringt und viele das Leben kostet, seien das perfekte Nährmedium, auf dem sich Mythen verbreiten, schließt Fleming.

Das gesteigerte Informationsbedürfnis nutzen jene, die davon finanziell oder politisch profitieren: Links verleiten durch suggestive Titel zum Anklicken, nicht selten befindet sich dahinter Werbung oder ein ganz anderes Thema (Methode „Clickbait“). Häufig wird aufgefordert, die sensationellen Neuigkeiten an möglichst viele Personen weiterzuleiten. Was dahinter steckt, ist, dass der Urheber der Nachricht an der Anzahl der Klicks oder der Intensität des Verkehrs auf seiner Webseite Geld verdient.
Der Direktor der italienischen Faktencheck-Seite „Facta“ stellt fest: „Etwa die Hälfte der Desinformation kommt von Leuten, die Klicks heischen oder auf eine Webseite voller Google Ads verweisen. Seit „Facta“ am 2. April online ging, befasst sich der Faktencheck dort zu 90 Prozent mit Fake News über Covid-19.

Politische Manipulation

Zahlreiche Mythen über die Pandemie sind politisch motiviert. Damit soll die Glaubwürdigkeit der Regierung oder der gegnerischen Partei unterminiert und der Boden für eine politische Überzeugung vorbereitet werden. Sie reichen vom Negieren des Virus bis zur Behauptung, er sei Produkt eines Biowaffenlabors, obwohl die Mehrzahl der Experten dies eindeutig zurückweist. Dass dabei Zahlen genannt und mit zuversichtlicher Stimme Behauptungen aufgestellt werden, ist noch lange kein Zeichen von Seriosität. Beim Lügen wurde zum Beispiel Victor Ponta erwischt. Der Vorsitzende von Pro România schrieb am 8. Juni auf Facebook: „Rumänien hat die größte Zahl an Erkrankten pro Einwohner in Osteuropa und die größte Zahl an Toten / die größte Fallzahl!!!“ Factual.ro verifizierte und stellte fest, dass keine der drei Behauptungen zum gegebenen Zeitpunkt zutraf.
Auch Titel wie dieser sichern einen Klick: „LKW voller Leichen heute morgen in der Hauptstadt entdeckt! Man geht davon aus, die 250 Personen seien alle an Covid gestorben“. Die erlogene Nachricht wurde am 15. Juni in rumänischer Sprache auf www.antenanews.xyz/ publiziert. Laut stirioficiale.ro handelt es sich um eine Seite, die auf einem Server in Russland gehostet wird. Der Artikel war illustriert mit einem Foto aus dem Jahr 2018 aus Mexiko, das einen Kühlwagen mit in schwarze Säcke gehüllten Leichen zeigt. Um die Nachricht überhaupt öffnen zu können, musste man sie erst auf Facebook teilen!

Rote Fähnchen und ein bisschen Logik

Wie das Beispiel des deutschen Berichtes zeigt, ist es nicht immer leicht, Fake News als solche zu identifizieren. Denn oft enthalten sie Teile der Wahrheit oder sind inhaltlich vollständig wahr, aber bewusst in irreführendem Kontext präsentiert, sodass eine bestimmte Schlussfolgerung suggeriert wird. Anzeichen, die Verdacht auslösen sollten, fasst Fleming wie folgt zusammen: 1. vage Quellenangaben („ein britischer Wissenschaftler sagt“), 2. stark emotionelle Botschaften (diese werden am häufigsten geteilt), 3. Rechtschreib- und Grammatikfehler (seriöse Medien halten sich eine Korrekturabteilung), 4. Informationen aus einer einzigen Quelle, die behauptet, über ein Geheimnis zu verfügen, 5. die Aufforderung, die sensationelle Nachricht möglichst breit zu verteilen. Ein klassischer Trick von Fake-News-Verbreitern ist auch, Namen von seriösen Medien zu borgen, etwa „@BBCNewsTonight“.

Oft hilft aber auch nur ein wenig Logik: Was nützt es einem Land, einen Virus in die Welt zu setzen, dem es selbst zum Opfer fällt? Wie schaffen es die Möchtegern-Weltbeherrscher, in ihren Absichten einig zu sein, anstatt sich im Kampf um die Aufteilung des „Kuchens“ gegenseitig die Köpfe einzuschlagen? Wie hält man den Kreis an Verschwörern so klein, dass ihr Geheimnis ein solches bleibt, und dennoch die beabsichtigte globale Wirkung entfaltet?

Fall Stephan K.: Whistleblower oder Spinner?

Das Nachrichtenmagazin „Focus“ klärt auf, was hinter dem „Bericht aus dem deutschen Innenministerium“ steckt: Der Autor des Papiers, Stehpan K., ist tatsächlich Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums (BMI) – doch kein Experte für Pandemien und hat auch mit dem Kampf gegen den Coronavirus nichts zu tun. Er ist zuständig für die wichtigsten infrastrukturellen Einrichtungen des Landes – Wasserversorgung, Stromversorgung, Internet – und glaubt, dass die Maßnahmen der Behörden diese Infrastruktur nachhaltig beeinträchtigen könnten. Immer wieder weist er seine Vorgesetzten darauf hin, dass er die Pandemie für überschätzt hält. Schließlich setzt er sich hin und schreibt eine 192 Seiten lange „Analyse“. Diese schickt er an die Leitung des BMI und 16 Landesinnenministerien. Der Bericht gelangt an die Presse, wo K. als „Whistleblower“ gefeiert wird.
Im Verlauf der 192 Seiten mutmaßt dieser, dass die Daten des Krisenmanagements manipuliert seien. Immer wieder verlinkt er seine Aussagen mit rechten Medien und nebulösen Internetseiten. Seine Ausführungen enthalten wesentliche Verzerrungen, Denkfehler und Falschaussagen. Die Experten, die er zitiert, sind einseitig ausgewählt, ihre Meinungen werden von den meisten Forschern nicht geteilt. Ein wirrer Verschwörungstheoretiker sei der Autor dennoch nicht, schließt „Focus“. Einige der Argumente würden auch unter Experten kontrovers diskutiert. Doch dass es sich bei Corona um einen „Fehlalarm“ handelt, werden die Menschen in schwer getroffenen Ländern wie Italien, Frankreich oder den USA wohl nicht bestätigen können, heißt es weiter. Zu beachten sei auch das Präventionsparadox: Die Schäden, die dank der getroffenen Maßnahmen ausgeblieben sind, sieht man nicht!

 

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