„Wenn man will, dann kann man alles“

Daniel Mellem befasst sich in seinem Debütroman mit Hermann Oberth

Daniel Mellem, „Die Erfindung des Countdowns“, dtv-Verlag, München 2020, 287 Seiten, 23,70 Euro.

Der Lebenslauf des Physikers und Raketenpioniers Hermann Oberth könnte unter eine Maxime von Mahatma Ghandi subsumiert werden, die lautet: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ Gleichzeitig ist Oberth in politischer Hinsicht eine streitbare Figur. Beides macht ihn zu einem mehr als dankbaren Sujet für eine literarische Auseinandersetzung. 

Eine solche – gelungene – lieferte unlängst der junge deutsche Autor Daniel Mellem, der sich in seinem Debütroman „Die Erfindung des Countdowns“ mit der faszinierenden Biografie des Hermannstädters befasst. Dabei stellt er nicht nur Glanzlichter, sondern auch „Verfehlungen“ in den Mittelpunkt. Zentral im Buch sind das visionäre Werk Oberths, seine außergewöhnliche Begabung, sein hartnäckiges, ununterbrochenes Arbeiten, die Fähigkeit, seiner Vision von der Raumfahrt alles andere unterzuordnen. Zentral ist aber auch die Frage nach der Verantwortung eines genialen Wissenschaftlers im Jahrhundert der Extreme. 

Die Kapitel des Romans sind rückwärts nummeriert – wie bei einem Countdown eben –, was die Spannung auch förmlich steigen lässt. Das Kapitel „Zehn“ (also das erste) lässt den Leser zunächst in das idyllische Schäßburg des Jahres 1899 eintauchen, den kleinen Hermann und seinen Bruder bei ihren kindlichen Unternehmungen beobachten. Nach und nach entwickelt sich bei Hermann das Interesse für Physik. Er liest begeistert Jules Verne in einem Boot auf der Kokel, und als er erstmals den Mond durch das Teleskop seines Vaters betrachtet, fragt er neugierig, ob „man da hinfahren“ könne. Dem sonst eher strengen Julius Oberth legt Mellem eine ermutigende Schlüsselantwort in den Mund: „Wenn man will, dann kann man alles“. 

Bei Oberth scheint dies zuzutreffen: Er wird seine bahnbrechenden Thesen bestätigt sehen, die er 1923 in „Die Rakete zu den Planetenräumen“ veröffentlichte, allerdings führt der Weg dahin über unzählige Enttäuschungen, misslungene praktische Versuche, die Missbilligung der anderen, Selbstzweifel und wiederholtes Scheitern. Mellem gelingt es, Oberths Errungenschaften gebührend zu würdigen. Die „technischen“ Textabschnitte gestaltet der Autor, der auch promovierter Physiker ist, so aus, dass man als Laie zwar nichts versteht, aber gerade dies mit großer Freude zur Kenntnis nimmt. Überhaupt ist die Darstellung von Oberth als genial (aber auch linkisch) sehr gelungen. Gleichzeitig verabschiedet sich Mellem von jeglicher undifferenzierter Oberth-Verehrung. Darin liegt eine maßgebliche Leistung des Buchs, das anfänglich etwas trocken daherkommt, sich aber entlang des Countdowns zu einem spannenden Roman entwickelt. 

Mit dem Ersten Weltkrieg beginnt die Handlung stringent vo-ranzuschreiten. Nach einer Kriegsverletzung arbeitet Hermann im Lazarett, wo er erstmals mit dem Kriegsgrauen konfrontiert wird – was im Roman auch Anlass für erschütternde Bilder bietet. Bald darauf heiratet er die lebensfrohe Mathilde, die trotz gegebenen Konfliktpotentials stets an seiner Seite bleiben wird und literarisch als Gegenpart fungiert. Oberth studiert in Deutschland Physik und wandert mit seiner Dissertationsschrift erfolglos von Professor zu Professor, von Verlag zu Verlag. Erst spät entsteht ein Austausch mit der weltweiten wissenschaftlichen Gemeinschaft, allerdings haftet dem epochalen Werk lange auch etwas Unseriöses an.

Dem siebenbürgischen Leser schlägt das Herz höher, wenn im Buch von der Wusch, die zwischen Schäßburg und Agnetheln fährt, die Rede ist, wenn die Stufen zur Schäßburger Bergschule gestiegen werden, wenn die Margaretenkirche in Mediasch erwähnt wird. Allerdings atmen diese Buchseiten auf literarischer Ebene kaum siebenbürgischen Flair. Immerhin singt ein Mädchenchor auf Sächsisch „Siven Krueden“, aber das Spezifikum dieser Region, ihre Vielfalt, ihr Geist werden kaum ausgeschöpft.  Zudem kann man sich fragen, ob der junge Hermann ein schwaches Zeugnis in „Magyarisch“ erhalten hat – oder nicht eher in Ungarisch, die Klausenburger Universität bis 1918 wirklich „deutsch“ (Seite 76) war – oder deutschsprachig. Zudem heißt „die Mierisch“ in Wirklichkeit „Mieresch“. Und man kann gut darüber diskutieren, inwiefern die Siebenbürger Sachsen wirklich „aus Deutschland“ (Seite Seite 77) kamen – oder es „Deutschland“ damals noch gar nicht gab. Begrüßenswert ist aber, dass Mellem sich Diskriminierungserfahrungen annimmt, die Oberth als Siebenbürger Sachse im amtlich deutschsprachigen Raum macht.
 
Weitere bedeutende Stationen auf Oberths Lebensweg sind das facettenreiche (oder: zwiespältige) Verhältnis zu Wernher von Braun und seine wiederholten Bemühungen, die Deutschen vom Potential seiner Erfindung zu überzeugen. Ab diesem Punkt geht die Handlung (und die Biografie) politisch in eine Richtung, von der sich der Physiker auch nach dem Krieg nicht distanzieren wird – im Gegenteil. Oberth bekennt sich schon früh zum Nationalsozialismus und wird ab 1937 im Dritten Reich beschäftigt. 1942 gelingt der Test des Aggregats 4, wie die Rakete als Waffe nun heißt. Nach dem Krieg wird er mit den Folgen des Einsatzes seiner Rakete konfrontiert (8000 Menschen starben bei den Angriffen, 20.000 Häftlinge beim Bau im Konzentrationslager Mittelbau-Dora), und trotzdem tritt er später einer rechtsextremen Partei bei – ausgerechnet in dem Jahr, in dem in Deutschland der erste Auschwitz-Prozess zu Ende geht. „Ein Physiker sehnt sich nach einfachen und widerspruchsfreien Theorien“, schreibt Mellem im Nachwort zu seinem Buch. „Das unterscheidet ihn vom Schriftsteller. Die Literatur beginnt mit den Widersprüchen“ ( Seite 285).


Daniel Mellem, geboren 1987, lebt in Hamburg. Er studierte Physik und schloss mit einer Promotion ab, bevor er sich am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig der Arbeit an seinem ersten Roman widmete. Für den Roman „Die Erfindung des Countdowns“ wurde er mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur und dem Hamburger Literaturförderpreis ausgezeichnet. 

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