„werch ein illtum!“

Zum 20. Todestag des österreichischen Dichters Ernst Jandl

Zu den berühmtesten Gedichten des österreichischen Schriftstellers Ernst Jandl, der am 1. August 1925 in Wien geboren wurde und ebendort am 9. Juni 2000 verstarb, zählt das aus nur fünf Versen bestehende Gedicht „lichtung“, das 1966 in Jandls Gedichtband „Laut und Luise“, mit dem der experimentelle Lyriker Berühmtheit erlangte, erstmals erschien: „manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht / velwechsern. / werch ein illtum!“

Ob man dieses kurze Gedicht mit nur einer Handvoll Versen nun politisch deuten will, indem man darin etwa den linken wie den rechten Extremismus gleichermaßen gebrandmarkt sieht; oder ob man es psychologisch deuten mag, indem man in der Verwechslung von „l“ und „r“ eine Freudsche Fehlleistung wittert; oder ob man es gar philosophisch zu deuten sich anschickt, indem man den Heideggerschen Begriff der „Lichtung“ als Richtung weisendes Moment der Daseinsanalyse in diesem Gedicht reflektiert sieht – in jedem Falle wird man an der Wahrnehmung der Sprachartistik, des Spiels mit der Sprache, des innovativen Sprachgebrauchs und der experimentellen Sprachverwendung durch den auch als Vortragskünstler und Rezitator geschätzten Schriftstellers Ernst Jandl nicht vorbeikommen.

Und als solcher, als Sprachkünstler, als Sprachmusiker, als Spracherneuerer in der Tradition des Expressionismus und Dadaismus, der Wiener Gruppe und der Konkreten Poesie, ist und bleibt Ernst Jandl ein wichtiger Referenzpunkt in der Literaturgeschichte der Moderne wie der Postmoderne. Insbesondere die Tatsache, dass Jandl neben den schriftlichen Formen moderner experimenteller Dichtung wie Piktogrammen und Permutationen, Ideogrammen und Konstellationen, auch das konkrete Sprechen, nicht zuletzt in seinen Dialektgedichten, zum literarischen Gegenstand gemacht hat, hebt ihn in den Rang einer Dichterpersönlichkeit, für die Artikulation und Realisation, Performance und Musik, zum Erlebnis von Sprache und lyrischem Sprechen notwendig dazugehören.

Jandls „buchstabiermonolog“ beispielsweise, veröffentlicht in seinem Gedichtband „sprechblasen“ (1968), besteht ausschließlich aus Großbuchstaben, die durch Punkte voneinander getrennt sind. Den sprachlichen Inhalt etwa des ersten Verses „B.H.G.K.N.M.“ versteht man nur, wenn man das Sprachmaterial durch Buchstabieren, also durch konkretes Sprechen, in Bewegung bringt. Der Sinn dieses Befehlssatzes „Behage keinem“, also niemandem zu Gefallen sein und niemandem nach dem Mund reden zu sollen, hat dabei nicht nur eine sprachliche, sondern auch eine ethische Dimension. Nur der, welcher für sich selbst verantwortlich ist und sich von niemand anderem fremdbestimmen lässt, kann seine Autonomie als sprachliches und moralisches Subjekt bewahren.

Der 1925 geborene Ernst Jandl blieb von den Erfahrungen des Krieges nicht verschont. Nach Schulabschluss mit Matura wurde Jandl 1943 zunächst zum Arbeitsdienst abkommandiert, um kurze Zeit später zum Wehrdienst eingezogen zu werden. Noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich Jandl mit seinen Kriegserlebnissen lyrisch auseinandergesetzt, etwa in dem aus 35 Versen bestehenden Gedicht „schtzngrmm“ (1957), das ohne einen einzigen Vokal auskommt und das allein mit dem Konsonantenmaterial des dialektal transkribierten Wortes „Schützengraben“ die Geräuschkulisse des Stellungskrieges, angefangen von den Granateinschlägen bis zu den Salven aus Maschinengewehren, im Lautgedicht wiedererstehen lässt.

Das 1966 entstandene und aus sechs Versen bestehende Gedicht „vater komm erzähl vom krieg“, das Jandl in seinen Gedichtband „dingfest“ (1973) aufgenommen hat, gibt in anrührender Sprache die Bitten eines Kindes an seinen Vater wieder, ihm doch vom Krieg zu erzählen: wie er eingerückt ist, wie er geschossen hat, wie er verwundet wurde. Der vorletzte Vers versetzt dem Leser dann einen Schock: „vater komm erzähl wiest gfallen bist“! Der Vater kann dem Kind gar nicht mehr vom Krieg erzählen, denn er ist aus dem Krieg nicht mehr zurückgekommen. Der Schlussvers wiederholt die vertraute Bitte des Anfangsverses „vater komm erzähl vom krieg“, die sich am Ende des Gedichts aber als irrealer Wunsch einer durch den Krieg vaterlos gewordenen Waise entpuppt.

Auch die politische Geschichte, die zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs führte, hat Ernst Jandl in seiner Lyrik zum Gegenstand gemacht. Das 1962 entstandene Gedicht „wien : heldenplatz“ spielt auf die Rede Adolf Hitlers auf dem Wiener Heldenplatz am 15. März 1938 an, in der Hitler den „Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“, den sogenannten Anschluss Österreichs, verkündete, frenetisch bejubelt von einer riesigen Menschenmenge, in der sich auch der zwölfjährige Ernst Jandl befand.

Und in einem kurzen Dialektgedicht aus dem Gedichtband „stanzen“ (1992) erinnert sich Ernst Jandl, wie die jugendlichen Anhänger des 1934 von den Nationalsozialisten ermordeten österreichischen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß mit fliegenden Fahnen ins Lager Hitlers überliefen: „säd’s änich, hods ghassn / auf n oozächn von uns dollfussbuam / daun woammarolle bletzlich auf da schdrossn / hiddlabuam, und wia ma gschrian hom…“ (Seid einig, hat es geheißen / auf den Abzeichen von uns Dollfußbuben / dann waren wir alle plötzlich auf der Straße / Hitlerjungen, und wie wir geschrien haben…).
Nach dem Krieg studierte Ernst Jandl Germanistik und Anglistik an der Universität Wien, promovierte mit einer Arbeit über Schnitzlers Novellen, erhielt eine Anstellung als Lehrer an einem Wiener Gymnasium und wandte sich in den folgenden Jahren immer mehr der literarischen Arbeit zu. Schicksalhaft wurde die Begegnung im Jahre 1954 mit der österreichischen Lyrikerin Friederike Mayröcker, mit der zusammen Ernst Jandl bis zu seinem Tode ein Paar bildete. Sie verfassten gemeinsam Hörspiele und inspirierten sich gegenseitig zu lyrischen Experimenten.

Durch Friederike Mayröcker kam Ernst Jandl in Kontakt mit dem Dichterkreis der Wiener Gruppe, zu der er gleichwohl Distanz hielt, wie dies auch aus seinem Gedicht „verwandte“ hervorgeht: „der vater der wiener gruppe ist h. c. artmann / die mutter der wiener gruppe ist gerhard rühm / die kinder der wiener gruppe sind zahllos / ich bin der onkel“. In den 1960er Jahren stellte sich schließlich auch der literarische Erfolg ein, der in seinem Lyrikband „der künstliche baum“ (1970) gipfelte, in dem so bekannte Gedichte wie „ottos mops“ oder „fünfter sein“ enthalten sind.

In den 1970er Jahren engagierte sich Ernst Jandl zunehmend im österreichischen Kulturbetrieb, etwa mit der Gründung der Grazer Autorenversammlung im Jahre 1973, einem Konkurrenzunternehmen zum österreichischen P.E.N., dem Ernst Jandl damals jede repräsentative Legitimität absprach. 1975 wurde Jandl deren Vizepräsident, von 1983 bis 1987 war er ihr Präsident, und noch bis 1994 blieb er im Vorstand dieser Schriftstellervereinigung.

Unter den zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen, die Ernst Jandl im Laufe seines Lebens erhielt, sind der Georg-Büchner-Preis sowie der Große Österreichische Staatspreis für Literatur besonders hervorzuheben, die dem Schriftsteller beide im Jahre 1984 verliehen wurden. Jandl war einer der wenigen experimentellen Dichter, die wirklich populär wurden, wovon auch das Wort „jandln“ zeugt, welches für das sprachlich innovative Spiel im Stile des Wiener Dichters steht.

Ernst Jandl wurde in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt. Seine Todesanzeige zitierte die erste Hälfte des Gedichts „zwei erscheinungen“ aus Jandls Gedichtband „idyllen“ (1989), welche lautet: „ich werde dir erscheinen / wie stets ich erschienen dir bin / und du wirst weinen / denn ich bin dahin“.

 

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