Wie der Zwerg in den Kopf kommt oder „Piticul din ureche“

Die rumänische Fassung eines coolen Romans für Kinder

„Piticul din ureche“ von Christine Nöstlinger, übersetzt von Prof. Dr. Ioan Lăzărescu, Meteor Press Verlag 2021

Anna ist ein verliebtes kleines aufgewecktes Mädchen, das seine Probleme zuhause und in der Schule zu bewältigen versucht. Wie ihr ein Zwerg im Kopf dabei zur Seite steht, oder ob er ihr das Leben noch schwerer macht, erfahren wir in Christine Nöstlingers Roman Der Zwerg im Kopf, der vor Kurzem im Meteor Junior Verlag in der rumänischen Übersetzung von Prof. Dr. Ioan Lăzărescu und mit Illustrationen von Raluca Tudor erschienen ist.
Nöstlingers Buch wurde erstmals 1989 bei Beltz&Gelberg veröffentlicht und bereits 1991 von der Regisseurin Claudia Schröder verfilmt. Annas Kindheitsgeschichte wird mit dem typischen Wiener Charme der Autorin witzig, spannend und lehrreich erzählt. Dafür ist Christine Nöstlinger schon 1990 mit dem Zürcher Kinderbuchpreis „La vache qui lit“ (die Kuh, die liest) ausgezeichnet worden.


Zwischen 1990 und 2012 wurde der Roman in zwölf Sprachen übersetzt. Ioan Lăzărescus Übersetzung ist somit die dreizehnte und die einzige ins Rumänische.

Christine Nöstlinger hat ihre Biografie in vielen ihrer Bücher und in Interviews selbst beschrieben und somit den Schlüssel zum Verstehen ihrer Geschichten geliefert. In ihrer Stockholmer Rede zur Verleihung des Astrid-Lindgren-Memorial-Preises im Jahr 2003 sagte sie: „Ich kann mit dem Begriff ‚glückliche Kindheit‘ wenig anfangen. Ich kann nur sagen, dass ich in meiner Kindheit so heftige Glücksgefühle hatte wie später nie mehr. Und ebenso gewaltige Unglücksgefühle wie später nie mehr.“ Sie schreibt hauptsächlich über und für Kinder, Modell dafür ist ihr das eigene innere Kind, sind Erinnerungen aus der eigenen Kindheit. Viel Autobiografisches ist in ihrem Schreiben enthalten, nicht zuletzt die elterlichen Figuren, die denen von Anna stark ähneln. Genau wie Nöstlinger hat Anna eine sehr innige Beziehung zum Vater, dem „Lebensmenschen”, eine aber eher distanzierte zur Mutter. Sie ist wie viele Kinder ihrer Generation ein Scheidungskind, das seine Zeit zwischen den beiden Eltern ungleich verteilt erleben muss. Hinzu kommt noch, dass Anna altersbedingte Erlebnisse mit Mitschülern, mit dem Lernen, mit ihrer ganzen Umgebung hat. Und plötzlich wird ihr inneres Gleichgewicht von einem kleinen Kobold noch stärker aus der Ruhe gebracht. Ein kleinfingernagelgroßer Zwerg („un pitic cât unghia de la degetul mic“) nistet sich im Kopf der Protagonistin ein und bringt ziemlich viel Durcheinander in ihren ersten Liebeskummer.

Der unverkennbare Charme von Nöstlingers Erzählungen, der unverkennbare Wiener Schmäh, mit dem sie schreibt, machen aus dem Originaltext ein Lesevergnügen für Kinder und Erwachsene. Und dem ist die rumänische Übersetzung in keiner Weise unterlegen. Weder ist die Wirkung auf den Leser eine geringere, noch könnte man den Übersetzer hier als Traditore im translatologischen Sinn bezeichnen. Jenem wird oft genug vorgeworfen, dem Ausgangstext so ungetreu zu sein, im Zieltext so Vieles hineinzuinterpretieren, dass es an Verrat grenzt. Anders aber bei Lăzărescus rumänischem „Piticul din ureche“. Anna, die Hauptfigur, ist auch im Zieltext ein sehr sympathisches und vifes Mädchen, dessen inneres und äußeres Leben offensteht. Die Erwachsenen, die Nöstlinger als launisch und kinderfremd beschreibt, kommen genauso gut auch im Rumänischen zur Geltung. Ioan Lăzărescu schildert die Interaktion zwischen Anna und ihrem Vater oder ihrer Mutter mit großer Finesse, beschreibt die Distanz zwischen ihnen mit besonderer Sorgfalt, so dass der Leser die Geschichte nicht nur spannend, sondern auch lehrreich findet. Und damit ist das höchste Gebot einer Übersetzung vollkommen erfüllt, es sollte sich nämlich wie ein Originaltext lesen, es sollte dieselbe Wirkung auf die Leser haben.

Das translatologisch äußerst gelungene Unternehmen von Professor Lăzărescu wird schon im Titel erkennbar, der das rumänische Publikum in zweifacher Weise anspricht. Einerseits ist der rumänische Titel („Piticul din ureche“) eine Anlehnung an Georges Feydeaus berühmtes Theaterstück „Puricele în ureche“, was übersetzt so viel heißt wie „einen Floh im Ohr haben/jemandem einen Floh ins Ohr setzen”. Andererseits ist für rumänische Ohren die Wendung mit dem Wort „piticul“ (der Zwerg, der Gnom) eine Anspielung auf das umgangssprachlich sehr verbreitete „a avea pitici pe creier/cap“, was gleichzusetzen wäre mit der deutschen Redensart „einen Vogel/eine Meise haben“. Selbstverständlich könnte in dem Zusammenhang der Titeldeutung der kleine Mann im Kopf oder im Ohr auf alte dämonistische Vorstellungen zurückführen, denen zufolge ein kleines Wesen jemandem vorschreibt, was er/sie zu sagen oder zu denken hat.

Der Übersetzer dieser hervorragenden Geschichte bringt, genauso wie die Autorin des Originals, eine sprachliche Feinheit zum Ausdruck, hinter der sich nicht zuletzt viel menschliche Erfahrung verbirgt. In innigen Szenen zwischen Anna und ihrem Vater schreibt Lăzărescu: „...i-a dat un pupic pe vârful nasului, un pupic pe obrazul stâng, un pupic pe obrazul drept și un pupic pe guriță”. An anderer Stelle heißt es in vertrauter (groß)väterlicher Herzlichkeit: „...un pupic pe vârful nasului, unul pe obrăjelul drept, unul pe obrăjelul stâng și unul pe guriță“.

Beim Übersetzen von Kinderliteratur bringt der Übersetzer außer seinem kulturellen Erbe, seiner Leseerfahrung auch sein eigenes Bild von Kindern, von deren Erwachsenwerden, von Akzeptanz und Trost mit in den Zieltext hinein.

In diesem Fall entsteht ein Dialog zwischen Übersetzer, Ioan Lăzărescu, und Illus-tratorin, Raluca Tudor, bei dem die Zielgruppe sorgfältig bedacht wird. Das rumänische Buch richtet sich als Ganzes an die Sinne, an die Augen und Ohren der Kinder, ist aber in gleichem Maße lese- und aufführungsorientiert. Vom Buchtext zu einem Drehbuch für eine rumänische Aufführung ist es folglich nur ein kleiner Sprung, den Ioan Lăzărescu sorgfältig mit einer meisterhaften Übersetzung vorbereitet hat.

 

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