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Wie ein riesiges Familientreffen

69. Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl – 70 Jahre Verbandsjubiläum in Deutschland

Festlicher Trachtenumzug vor der Schranne: Diesmal sind über 3100 Trachtenträger mit dabei. Fotos: George Dumitriu

Auch Bundesvorsitzende Herta Daniel steht zur Tracht.

Jedes Jahr an Pfingsten gehört die Altstadt von Dinkelsbühl den Siebenbürger Sachsen.

Hier wird vor einem interessierten Publikum gebockelt und geschleiert.

„Wer seine Heimat wirklich liebt, begnügt sich nicht mit täglichen Lobgesängen, sie sei die beste auf der Welt. Nein, er arbeitet unablässig daran, dass sie es ist und bleibt.“ Der Spruch von Guy de Maupassant, zitiert von der bayerischen Staatssekretärin Carolina Trautner zum Anlass des 69. Heimattags der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl (7.-10. Juni), könnte nicht besser passen: zeichnen sich diese doch einerseits durch Engagement für die alte Heimat aus - als Brückenbauer und Motor für politische, wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit mit Rumänien, durch Verbundenheit mit ihren nicht ausgewanderten Landsleuten und im Erhalt des zurückgelassenen Kulturerbes. Andererseits wird in der neuen Heimat Integration vorgelebt, aber auch das europäische Prinzip „in Vielfalt geeint“. Denn neben der Pflege ihrer Gemeinschaft, ihres Brauchtums und ihrer Identität ist für sie das Miteinander in einer multikulturellen Gesellschaft seit 875 Jahren selbstverständlich. Ihr Beispiel zeigt auch, dass man heutzutage problemlos drei Heimaten unter einen Hut bringen kann: die alte, die neue und eine übergeordnete, die beide vereint, Europa.

An die 20.000 Teilnehmer wurden zum diesjährigen Heimattag an Pfingsten in Dinkelsbühl erwartet - davon über 3100 Trachtenträger, wie die Bundesvorsitzende des Verbands der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, Herta Daniel, erfreut in ihrer Eröffnungsrede betont. Das Motto des diesjährigen Heimattages lautet „70 Jahre - Für die Gemeinschaft“ und bezeichnet das 70. Jubiläum seit der Gründung des Verbands am 26. Juni 1949 in München. Über die Entwicklung des Verbands und seine Aufgabe zur Interessensvertretung auf politischem, wirtschaftlichem, kulturellem, sozialem und rechtlichen Gebiet informiert die von Bundeskulturreferent Hans Werner Schuster konzipierte Ausstellung „Für die Gemeinschaft einstehen – 70 Jahre Verband der Siebenbürger Sachsen“ (hierzu wird noch gesondert berichtet).

Dass das jährliche Treffen immer noch so viel Zuspruch findet, ist der beste Beweis, dass die Gemeinschaft tatsächlich lebt, auch wenn ihre Mitglieder in alle Winde zerstreut sind: Etwa 200.000 Siebenbürger Sachsen gibt es in Deutschland, an die 35.000 in Nordamerika, rund 20.000 in Österreich und zirka 15.000 in Rumänien. In Deutschland zeigen acht Landesgruppen, 98 Kreisgruppen und 19.574 Mitglieder-Familien, dass ihnen Erhalt, Bewahrung und Weiterentwicklung der siebenbürgisch-sächsischen Kultur immer noch am Herzen liegt. Es gibt über 50 Chöre und Singkreise, 25 Blaskapellen, 22 Kultur- und Theatergruppen und eine im Zweiwochenrhythmus und online erscheinende Verbandszeitung, die Siebenbürgische Zeitung, die nächstes Jahr ihr 70. Jubiläum feiert.

Der jährliche Heimattag in Dinkelsbühl ist wie ein großes Familientreffen: Auf allen Straßen der laut Focus „schönsten Altstadt Deutschlands“, die mit ihren Toren und Türmen ein wenig an die wehrhaften Städte und Dörfer Siebenbürgens erinnert, in Eisdielen, Brauereien und Restaurants, trifft man bekannte Gesichter. Oberbürgermeister Dr. Christoph Hammer ruft überschwänglich in seiner Willkommensrede: „Die Stadt gehört jetzt euch! Am Montag nehmen wir sie wieder zurück.“

Plattform auch für ernste Themen

Gleich drei große Veranstaltungen – die Eröffnung, die Festveranstaltung zum 70. Verbandsjubiläum und die Kundgebung vor der Schranne - gaben Verbandsmitgliedern, Ehrengästen und Politikern Gelegenheit, auch ernste Botschaften zu übermitteln.
Über die Situation in Rumänien äußerte sich Rainer Wieland, Vizepräsident des EU-Parlaments, im Zusammenhang mit dem Referendum zur Justiz. Er lobte eine „starke Zivilgesellschaft“, die sich damit deutlich gegen Korruption und die Einschränkung einer unabhängigen Justiz ausgesprochen hat - und äußerte die Hoffnung, der Verband der Siebenbürger Sachsen möge seine Kontakte nach Rumänien nutzen, diesen Prozess zu untersützen.

Herta Daniel betonte die Anteilnahme des Verbands an den Problemen der Landsleute in Rumänien, etwa zur anhaltenden Verleumdungskampagne gegen die deutsche Minderheit und das Demokratische Forum der Deutschen (DFDR) - „obwohl in den Protokollen der Sitzungen der deutsch-rumänischen Regierungskommission von 2017 und 2018 jeweils ein Passus enthalten ist, der die Distanzierung von der Verleumdungskampagne gegen die deutsche Minderheit in Rumänien enthält.“

Auch zum Thema Rückerstattungen zeigt sie Unmut: Aufgrund der hohen Anzahl noch nicht in Bearbeitung befindlicher Fälle könne der von der Restitutionsbehörde für 2019 geplante Abschluss der noch offenen Verfahren wohl schwerlich realisiert werden.

Ein aktuelles Thema in Deutschland, um das sich auch die abschließende Podiumsdiskussion drehte, ist die Änderung im Fremdrentenrecht, die viele Siebenbürger Sachsen im Alter an die Armutsgrenze treibe, so Daniel. In einer an die Bundesregierung gerichteten Resolution machte der Verband konkrete Vorschläge zur Verbesserung: „Die inzwischen über 33.500 eingegangenen Unterschriften zeigen, dass wir damit den richtigen Nerv unserer Landsleute getroffen haben.“ Auf Initiative des Freistaates Bayern fasste der Bundesrat nun den Beschluss, die Bundesregierung aufzufordern, sich des Problems anzunehmen.

Dr. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, überbrachte Grüße von Kanzlerin Angela Merkel und berichtete über seine Tätigkeit als Mittler zwischen Bund und Ländern. Es sei ihm bereits im ersten Amtsjahr gelungen, alle Kollegen in den Bundesländern in einer Bundesbeauftragtenkonferenz, die bis dato zweimal tagte, an einen Tisch zu bringen.

Grußworte sprachen die Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, Sylvia Stierstorfer, die in diesem Jahr die Schirmherrschaft über die Haferlandwoche übernommen hat, sowie Staatssekretärin Carolina Trautner vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales, der Herta Daniel für die Unterstützung in Sachen Rentenrecht explizit dankte. Der rumänische Botschafter in Berlin, Emil Hurezeanu, kritisierte das Chaos in der Botschaft und den rumänischen Konsulaten während des Referendums und der Europawahl.

Der Heimattag ist auch Plattform für Preisverleihungen und Ehrungen: Der Ehrenstern der Mitgliedsverbände der weltweiten Föderation der Siebenbürger Sachsen ging dieses Jahr an Dr. Bernd Fabritius; die Laudatio hielt Altbischof D. Dr. Christoph Klein. Der mit 3000 Euro dotierte Ernst-Habermann-Preis wurde an Nadia Codreanu, die Leiterin der Pfadfindergruppe in Leschkirch/Nocrich, überreicht. In der dortigen Kirchenburg betreiben die Pfadfinder eine Töpferei und setzen sich für den Erhalt von sächsischem Handwerk und Kulturerbe ein. Den siebenbürgisch-sächsischen Kulturpreis – höchste Auszeichnung der Verbände in Deutschland und Österreich - erhielten die Museologin und Ethnologin Dr. Irmgard Sedler und Altbischof D. Dr. Christoph Klein. Die Laudatio hielten Dr. Mathias Henkel und Honorarprof. Dr. Konrad Gündisch. Beide Preisträger haben durch ihr Lebenswerk an der Geschichte der Siebenbürger Sachsen mitgeschrieben.

„Phänomen Dinkelsbühl“

Das „Phänomen Dinkelsbühl“ vereint Jung und Alt, Tradition und Moderne. Für die Jugend bedeutet der Heimattag Abtanzen im Festzelt, Musik und ausgelassenes Feiern. Wiedersehen mit Gleichgesinnten, wobei die Fragen „Wo kommt ihr her? Wann seid ihr ausgewandert?“ immer noch gestellt werden. In Deutschland Geborene sind neugierig auf Siebenbürgen, organisieren gemeinsame Reisen, manche fahren sogar jedes Jahr, überrascht Herta Daniel. Auch ihre Tochter wollte unbedingt ein Studienjahr in Siebenbürgen verbringen, um zu wissen, wie man dort lebt.

Selbst im überaus prächtigen Trachtenzug ist die Jugend gut vertreten. Die Kleinsten werden im hölzernen Leiterwagen auf bestickten Kissen gefahren. Mädchen und Frauen glänzen mit goldenen Gürteln und Hefteln, so manche stolze Sächsin geht wie früher gebockelt oder geschleiert, mit bis zu 36 halb-edelsteinbesetzten Bockelnadeln auf dem Kopf. Zünftige Männer defilieren in bestickten Hemden und Kirchenmänteln. Flaggenträger kündigen die Herkunft der jeweiligen Heimatortsgemeinschaft oder Tanzgruppe an. Es scheint, als wären sie allesamt einem rauschenden Fest am Hofe eines mittelalterlichen Fürsten entstiegen.

Für Kulturinteressierte gestaltet sich der Heimattag als Marathon: Soll man nun die Vortragsreihe der Carl Wolff Gesellschaft und des deutschen Wirtschaftsclubs besuchen? Oder lieber die Präsentation von Dr. Irmgard Sedler zur Entwicklung der sächsischen Standestracht? Die Vorführung im Bockeln „Gut behauptet, behütet und betucht“ von Christa Andree, Roswitha Bertleff und Ines Wenzel – sechs Frauen werden fachgerecht nach der Tradition ihres Herkunftsortes geschleiert, wobei so manche Anekdote zum Besten gegeben wird – ist erstaunlich gut besucht. Sie begeistert so sehr, dass viele den nächsten Vortrag, „Schloss Horneck auf dem Weg zum Kultur- und Begegnungszentrum“, glatt verpassen. Die frisch geschmückten Trachtenträgerinnen, noch belagert von Fotografen, stehen jenen im Weg, die das Podium bereits für die nächste Filmvorführung mit Diskussion vorbereiten, „Deutsche Minderheit – 100 Schicksale in 100 Jahren modernem Rumänien“ von der Michael Schmidt Stiftung…

Eine junge, frische Note verleiht dem traditionsgeprägten Kulturprogramm die Performance „Zweige verwurzeln“ - eine Premiere von „Bombast Duo“, von der Kulturreferentin für Siebenbürgen Dr. Heinke Fabritius extra für den Heimattag in Auftrag gegeben. Für etwas Unmut sorgte die Ausstellung „Mapping Sibiu“ der Münchner Künstlerinnengruppe „connect 48/11“ - doch lediglich wegen des Namens, betont Herta Daniel. Sie sei es ihren Landsleuten schuldig, daran zu erinnern, dass die Stadt auf Deutsch auch heute noch Hermannstadt heißt. Das – mittlerweile fünfte – multimediale Mapping-Projekt einer europäischen Stadt besticht mit einer kreativen Balance zwischen Tradition und Moderne durch Malerei, Siebdruck, Grafik, Fotografie, Installation von Objekten und Videos.

„Wer seine Heimat liebt, begnügt sich nicht mit Lobgesängen“ – sondern packt an, gestaltet mit, kritisiert. Dass die Geschichte der Siebenbürger Sachsen nicht nur aus Rückblicken besteht, sondern weitergeflochten wird, egal in welcher Heimat, zeigt sich eindrucksvoll jedes Jahr auch an Pfingsten in Dinkelsbühl.

 

 

cffviseu

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Bemerkungen :

  • user
    Arnold 19.06.2019 Beim 10:24
    Hallo dan,
    ich verstehe Ihren negativen Kommentar nicht so recht. "Konsum, Fressen und Saufen" kann man überall haben, dazu muß man nicht nach Dinkelsbühl fahren, das ist also eher ein Herabwürdigung der Teilnehmer.

    "Armutszeugnis für die einstigen Pioniere", was soll das sein? Diese Pioniere lebten vor mehr als 800 Jahren. Die heute lebenden Nachfahren sind da sicher keine Pioniere mehr.
    Die Auswanderung der Deutschen aus Rumänien geschah ganz oft sicher nicht freiwillig und begann ja schon vor fast 100 Jahren.
    Ich persönlich wünsche mir sehr, daß die Kultur der Sachsen, Satmarer und andere deutschstämmiger in Rumänien nicht ganz untergeht, aber ich kann (leider) auch verstehen, wenn die Leute sich bessere Lebensverhältnisse in Deutschland versprechen. Daß auch nach 1990 viele Deutsche aus RO ausgewandert sind, kann ich leider auch nachvollziehen, ich (bin kein RO-Deutscher, aber mit einer Rumänin verheiratet) kenne einige von diesen Leuten.
  • user
    dan 16.06.2019 Beim 21:45
    Oberflächlicher Artikel.
    Denn in Dinkelsbühl interessiert die meisten Besucher nur noch der Konsum, das Fressen und Saufen... sonst nichts.
    So wie beim Treffen in Hermannstadt, wo 18.000 Saxen gewesen sein sollen.
    Diese Treffen sind nur noch ein Armutszeugnis für die einstigen Pioniere und Vorbilder in Rumänien, unsere Saxen!
    In Deutschland toleriert, wohin die meisten ausgewandert sind, leider auch nach 1990.
    In Rumänien fast verschwunden.
    Danke, liebe Saxen!