Wie Rumänien die politische Bühne Europas betrat

Historiker Gheorghe Iacob über die Modernisierung Rumäniens von 1859 bis 1939

Gheorghe Iacob: „Rumänien in der Epoche der Modernisierung (1859-1939)”. Aus dem Rumänischen übersetzt von Larissa Schippel; Wien: Verlag new academic press 2018, 260 S., zahlreiche Tabellen, ISBN 978-3-7003-2061-6 (= Blickpunkt Rumänien 3), 27,00 Euro

Die Länder Europas erlebten im 19. Jahrhundert einen massiven Modernisierungsschub, häufig in Verbindung mit nationalen Erweckungsbewegungen und den davon hervorgerufenen Staatsbildungen durch den Niedergang von Großreichen. Das gilt auch für die Völker Südosteuropas. Die jüngst in deutscher Übersetzung erschienene Untersuchung „Rumänien in der Epoche der Modernisierung (1859-1939)“ des Historikers Gheorghe Iacob stellt diese für die Geschichte und Entwicklung des Landes so entscheidende Phase in einer konzisen wie objektiv-sachlichen Weise dar, wobei die Entwicklung vor und nach der „Großen Vereinigung“ von 1918 methodisch sauber unterschieden werden.

Iacob bereitet das Thema einerseits in einem Längsschnitt chronologisch auf, andererseits aber auch thematisch, wenn er nach der historischen Erklärung (S. 15-96) in weiteren eigenständigen Kapiteln die Verfassungen jener Epoche und die ökonomische Modernisierung skizziert (S. 97-192) und abschließend in zwei Kapiteln mit umfangreichen soziologischen Daten und Tabellen die Bevölkerungsstruktur und die Lebensbedingungen der Zwischenkriegszeit behandelt (S. 193-245).

Gheorghe Iacob ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Jassy/Iași. Er entzieht sich in seiner faktenorientierten und unaufgeregten Schilderung mancher bis heute hitzköpfigen und ideologisch geprägten Debatte unter den Rumänien-Historikern. Er beschreibt die historische Ausgangslage präzise, lässt Zeitzeugen und andere Historiker zu Wort kommen und beschreibt Impetus, Indikatoren wie Imponderabilien der handelnden Akteure und politischer Prozesse hintergründig wie nachvollziehbar.

Die gesamte Studie überzeugt auch deshalb, weil Quellenstudium und wissenschaftliche Ausführungen die Darstellung bestimmen. Dies verschafft dem Autor sicher nicht die Aufmerksamkeit, wie sie dem reißerischen Lucian Boia widerfährt, führt aber zu gesicherten Erkenntnissen ohne Polemik und Klischees. Völlig zu Recht hält Iacob selbst als methodische Prämisse fest: „In dem Versuch, die rumänische Geschichte zu ‘entmythologisieren‘ und zu ‘erneuern‘, muss ein ausgewogenes Herangehen ohne Etikettierungen und neue Mythen oder Klischees gewählt werden.“ (S. 53)

Der Autor beschreibt, wie die erste Vereinigung der Donaufürstentümer unter Alexandru Ioan Cuza vonstatten ging. Als die drei großen Ziele Cuzas benennt er die Konsolidierung der Vereinigten Fürstentümer, die Modernisierung des Landes als solche und die Unabhängigkeit. Er macht deutlich, wie schwer sich der Anschluss an den europäischen Westen für ein Land gestaltete, in dem am Anfang der Entwicklung noch 80 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebten.

Den (bis heute vorherrschenden) Populismus und Klientelismus der rumänischen Politik jener Zeit wie auch deren Korruptionsanfälligkeit bezeichnet er mehrfach als negative Begleiterscheinungen der Modernisierung, wobei diese nur benannt, aber nicht näher – etwa an Beispielen – bestimmt werden und so etwas blass bleiben. Trotz heftiger innenpolitischer Auseinandersetzungen zwischen den Parteien der „Liberalen“ und der „Konservativen“, die er präzise nachzeichnet, attestiert er beiden politischen Strömungen einen Konsens im Blick auf die außenpolitischen Ziele und die prinzipielle Bejahung der Modernisierung: „Beide Parteien wollten die Modernisierung. Die Differenzen betrafen die Wege dahin und vor allem die Geschwindigkeit.“ (S. 27)

Das bekannte Diktum, wonach Rumänien das „Land der zwei Geschwindigkeiten“ ist, untermauert Iacob nachhaltig. So zeigt er einerseits auf, wie zwischen 1878 und 1914 mehr als 3000 Kilometer Eisenbahnlinien verlegt wurden, wie eine nationale Industrie entstand, allen voran die Erdölgewinnung, wie die Nationalbank und ein eigenes Kreditsystem etabliert und zahlreiche öffentliche Gebäude in den Städten errichtet wurden, andererseits aber in den Dörfern vormoderne Lebensverhältnisse mit Analphabetismus, hoher Sterblichkeitsrate und prekärer Gesundheitsversorgung bestehen blieben. Diese massive Diskrepanz zwischen Urbanisierung und ruraler Rückständigkeit untermauern auch die umfangreichen statistischen Daten, die er in den späteren Kapiteln übersichtlich tabellarisch bietet.

Der Band stellt dem Leser exakte Daten zur Verfügung, bis hin zum genauen Datum bei wichtigen politischen Ereignissen. Es wird deutlich, wie umfassend die Modernisierung seit Cuza das Land veränderte. Er benennt die zahlreichen neuen Gesetze vom Verstaatlichungsgesetz von 1863 und dem Agrargesetz von 1864 über das Zivilgesetzbuch und das Handelsgesetzbuch von 1875 und das Handelsgesetz (1886) bis zum Gesetz zur Förderung der Industrie von 1887. So umfasste der Außenhandel Rumäniens 1913 den Umfang wie der von Serbien, Bulgarien und Griechenland zusammen; gab es 1862 nur 45 Industrieunternehmen, so waren es 1901 bereits fast 2000.

Auch die Organisation von Verwaltung und Ministerien werden als elementare staatliche Institutionalisierung nach westlichem Muster präsentiert. Dass die nationale Erweckung und Nationsbildung des 19. Jahrhunderts im Falle Rumäniens (wie anderer Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches) auch zur Autokephalie der Orthodoxen Kirche führt, wird en passant mit referiert. Zur Modernisierung gehörte schließlich auch die entschlossene Sicherung der neu erworbenen Eigenstaatlichkeit.

Der sehr instruktive Band arbeitet die Rolle und die Probleme der politischen Eliten, der Regierenden und der Monarchie heraus, unterstreicht aber auch den Mangel an politischer Bildung, die Trägheit und das Unvermögen der Regierten. Besonders die Amtszeit Fürst Cuzas steht dabei umfassend im Fokus. Iacob bilanziert: „Die Bildung des modernen rumänischen Staates und das Reformwerk der Ära Al. I. Cuza schufen die Grundlagen für die Modernsierung der Gesellschaft und etablierten Rumänien als europäischen Staat. Dazu trug die beherzte Außenpolitik des Herrschers wesentlich bei.“ (S. 56) Neben der grundlegenden Bedeutung Cuzas wird auch die spätere systemstabilisierende und die nationale Einheit von 1918/1919 fördernde Rolle der Monarchen Rumäniens gewürdigt.

Den langen, aber doch entschlossenen Weg zur Bildung von „Großrumänien“ schildert Iacob als in den europäischen Kontext einzuordnenden historischen Prozess, aber auch als Verwirklichung nationaler Ideale der politischen Modernisierungsbestrebungen. Und er dokumentiert diese Vorgänge mit Quellen, etwa dem Text der „Entschließung zur Einheit“ von 1918 (S. 86 f.). Er kommt zu dem Schluss: „Die Schaffung des vereinigten Rumänien durch Aktionen mit demokratischem und plebiszitärem Charakter schließt eine Etappe der Modernisierung ab. Es ist eigentlich die Vollendung des Projekts der rumänischen politischen Elite aus dem 19. Jahrhundert, des 1848er Programms“ (S. 88).

Im anschließenden komparativen Teil mit vielen Tabellen zur ökonomischen Modernisierung vergleicht Iacob die Entwicklung der Landwirtschaft, der Industrie, des Verkehrs-, Nachrichten- und Telekommunikationswesens, des Bank- und Kreditsystems, des Handels und der Investitionen mit ausländischem Kapital von 1866 bis 1914 sowie 1919 bis 1939 und setzt sie auch ins Verhältnis zu anderen europäischen Ländern. Daten zur Bevölkerungsstruktur, zu ethnischen und religiösen Verhältnissen, Bildung und Wohnraum und Lebensstandards beschließen den Band.

Wer ohne negativem Geifer oder nationalem Pathos verfasste wissenschaftliche Studien schätzt, wird diese fakten- und quellenorientierte Analyse mit Gewinn lesen, die auf reine Defizitorientierung erfreulicher-weise verzichtet. Wobei Iacob auch Problemkonstellationen im Untersuchungszeitraum ohne parteiische Zurückhaltung benennt. Wer sich mit dieser so wichtigen Phase der Geschichte Rumäniens beschäftigen will, ist mit diesem Band bestens bedient.

 

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