„Wir konnten die donauschwäbische Kultur, die Tradition und die Sprache bewahren. Und wir sind stolz darauf!“

Gespräch mit Viviane Schüssler von der Genossenschaft Agrária in Entre Rios, Brasilien

Seit zwei Jahren führt Viviane Schüssler acht Abteilungen der Genossenschaft Agrária: die Leopoldina-Schule, die Semmelweis-Stiftung, die Donauschwäbisch-Brasilianische Kulturstiftung, die Mitgliederabteilung, die technische Assistenz, die Forschungsstiftung, die Vermarktungsbateilung und die Betriebsmittelverteilung, wobei sie den soziokulturellen Bereich schon seit 2011 leitet. Foto: privat

Die Geschichte der Donauschwaben ist bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges relativ ähnlich, egal in welchen Nationalstaat sie lebten. Vor 70 Jahren zog der Wunsch nach einem besseren Leben einige von ihnen nach Südamerika. So entstand die donauschwäbische Siedlung in Entre Rios. Das liegt im Süden Brasiliens, irgendwo in der vertikalen Mitte des südamerikanischen Kontinents, im Bundesstaat Parana. Die donauschwäbische Gemeinschaft lebt seit ihren Anfängen vor allem von den landwirtschaftlichen Erträgen, die sie im Hochlandgebiet auf einer Höhe von 1100 Metern über dem Meeresspiegel erwirtschaften. In Entre Rios spricht man Deutsch und „Schwowisch“, man hat eine Agrargenossenschaft, eine Kulturstiftung, Apotheke, Krankenhaus, Schule, eine eigene Zeitung und eine Radiosendung in deutscher Sprache, zahlreiche Kulturgruppen und eigentlich alles, was eine Gemeinschaft zum Leben sowie zur Bewahrung von Identität und Kultur nötig hat. Ein Interview mit Viviane Schüssler von der Genossenschaft Agrária führte ADZ-Redakteurin Astrid Weisz.


Frau Viviane Schüssler, wie kam es dazu, dass Donauschwaben in den letzten 70 Jahren zu erfolgreichen Landwirten in Brasilien wurden, rund 10.000 km Luftlinie von ihren Herkunftsgebieten entfernt?

Unsere Donauschwaben, also unsere Pioniere, lebten in Rumänien, in Jugoslawien und ein Teil in Ungarn, sie mussten nach dem zweiten Weltkrieg flüchten. Sie waren dann für eine Weile in Österreich. Im Jahr 1951 gab es die Möglichkeit, ein Siedlungsprojekt zu entwickeln. Das wurde von der Schweizerischen Europahilfe und später von der Genossenschaft Agrária getragen. So kamen rund 2500 Donauschwaben nach Brasilien. Sie kamen hauptsächlich aus den Regionen Batschka, dem Banat, aus Syrmien und aus Slowenien. Zu Beginn gab es eine Siedlungskommission, die das Projekt ausgearbeitet hat, und es entstand die Genossenschaft. Sie wurde am 5. Mai 1951 gegründet, und die ersten Siedler kamen im Juni 1951 in Brasilien an. Es wurden rund 22.000 Hektar Land gekauft und die Donauschwaben konnten darauf ihre neue Heimat gründen und für die zukünftige Generation eine neue Siedlung, ein neues Leben gestalten. Sie haben der Reihe nach fünf Dörfer gegründet: Vitoria, Jordaozinho, Cachoiera, Soccoro und Samambaia. Zuerst haben die Pioniere in Baracken gewohnt, später konnten die Familien dann ins selbstgebaute eigene Haus einziehen. Jede Familie hat ein Haus bekommen und etwa 28 bis 30 Hektar Land, die ab 1953 von jedem Bauer bearbeitet wurden. Heute sind wir rund 12.000 Einwohner in Entre Rios, und davon ist vielleicht ein Viertel oder sogar ein Drittel donauschwäbischer Abstammung. Das bedeutet, dass der größte Teil der Menschen hier Brasilianer sind, die kein Deutsch sprechen.

Wissen Sie denn, woher Ihre Ahnen stammen?

Das weiß ich ganz genau, wie die meisten unserer Gemeinschaft. Meine Großmutter väterlicherseits kommt aus Schag/Şag, südlich von Temeswar/Timişoara – ich habe die Gelegenheit gehabt, Temeswar kennenzulernen und war auch schon in Schag. Mein Großvater kommt aus Großgai/Gaiu Mare, auch Rumänien, und die Familie meiner Mutter kommt aus Mrzovic, aus Slowenien, im heutigen Kroatien. Also ganz „a Schwowin pin ich“.

Was bedeutet es für Sie, eine „Schwowin“ zu sein?

Ich bin sehr stolz drauf, wenn ich mir so die Kultur und die ganze Geschichte dieses Volkes anschaue: Was unsere Ahnen, unsere Vorfahren schon alles erlebt haben und was sie getan haben, damit wir heute einen hohen Lebensstand haben. Ich bin auch sehr froh, dass wir den Dialekt noch bewahren können, dass ich ihn und auch die deutsche Sprache noch sprechen kann. Wir kochen noch nach alten Rezepten, haben unsere deutsche Musik und feiern die schwäbischen Feste. Wir leben nicht in einer großen Stadt, sondern 20 km von Guarapuava (rund 180.000 Einwohner) entfernt, und in der Genossenschaft konnten wir die Kultur, die Traditionen, die Sprache bewahren. Und wir sind stolz darauf!

Wie hat sich denn die Landwirtschaft entwickelt? Denn am Anfang wird es ja nicht leicht gewesen sein, wenn man quasi mit paar Koffern in einem fremden Land ankommt?

Es war sehr schwierig. Der Boden war versauert und die ersten Jahre waren sehr, sehr schwierig. Bis 1960 hat man sehr viel Verluste gehabt, keine guten Ergebnisse mit der Landwirtschaft und deswegen ist auch ein großer Teil der ersten Ansiedler zurück nach Deutschland oder Europa migriert. Eine Pionierin erzählt uns immer, wenn sie mehr Geld gehabt hätte, um die Reise nach Europa zu bezahlen, wäre sie zurückgegangen, weil die Lage hier gar nicht gut aussah. Aber mit der Zeit hat sich die Landwirtschaft verbessert. Es kamen neue Technologien, man bekam auch Gelder, damit man Maschinen kaufen konnte und so langsam hat sich dann die Landwirtschaft und die Gemeinde entwickelt, sodass wir heute ein gutes Leben und eine gute Lage hier in Entre Rios haben.

Eine zentrale Rolle spielt ja bei Ihrer Gemeinschaft die Genossenschaft Agrária. Was wird durch sie geleistet?

Zur Anfangszeit war sie die Trägerin des Projekts, die neuen Ansiedler gliederten sich ein und mussten, das war eine Bedingung, die ersten zwei Jahre in Gemeinschaftsarbeit die Siedlung aufbauen. Und dann waren und sind doch die meisten Donauschwaben Landwirte. Die ganze Produktion, das Getreide wird heute über die Agrária geliefert und industrialisiert, damit auch bessere Ergebnisse für die Mitglieder zur Verfügung stehen. Das bedeutet, dass heute praktisch alle Mitglieder von der Agrária irgendwie eine Verbindung zueinander haben. Viele arbeiten in der Genossenschaft, die heute rund 1500 Mitarbeitern hat, so hängen viele Familien direkt oder indirekt von der Genossenschaft ab. Wir bauen Soja, Mais (wir sagen Kukruz), Weizen und Gerste an. Das sind die Hauptkulturen, die wir dann auch weiterverarbeiten: Eine Fabrik für Soja, eine für den Mais, Mälzereien für die Gerste und eine Mehlfabrik. Nebenbei haben wir noch eine Saatgut-Einheit und eine Futtermittel-Fabrik, sowie die Einheiten, wo das Getreide von den Mitgliedern gelagert werden kann. Zur Genossenschaft gehört auch unser Labor, das für alle Fabriken und Einheiten gedacht ist: Da werden Analysen vom Endprodukt gemacht, vom Getreide usw. Alles aus unseren Produktionsketten wird da untersucht. Und so wie das Labor haben auch die Einheiten und die Fabriken internationale Zertifizierung.

Wie erfolgreich sind denn die donauschwäbischen Landwirte in Entre Rios?

Es hat sich sehr viel geändert seit den Anfangsjahren. Wir hatten 2020 Rekordergebnisse beim Mais. Dieses Jahr stehen wir nicht so gut da, denn wir hatten sehr viel Regen im Januar und jetzt keinen mehr. Das schadet der Produktion. Außerdem gab es einen Krankheitsbefall beim Mais. Unsere Landwirte sind recht gut und sie können auch mit einer Versuchsstation, einer Institution mit landwirtschaftlicher Forschung rechnen, wo sie Neuigkeiten über Produkte und neue Techniken bekommen. Insgesamt bebauen wir hier in der Region rund 115.000 Hektar. Wir haben für dieses Jahr rund 12.000 Kilogramm Mais pro Hektar (wir sind gerade noch beim Dreschen) und für Soja haben wir für dieses Jahr 4200 kg pro Hektar vorgesehen.

Einen besonderen Stolz scheinen die Donauschwaben in Brasilien auf ihre Malzproduktion zu haben. Warum ist das so?

Malz spielt eine große Rolle in der Genossenschaft. Rund 350 Tonnen können wir jährlich in unseren drei Mälzereien herstellen. Wir bearbeiten die ganze Gerste unserer Mitglieder und noch Gerste, die von auswärts kommt, ein großer Teil des brasilianischen Biermarkts bekommt von uns das Malz. Bier stellen wir selbst nur in kleinen Chargen her, als Hausbrauer quasi, aber auch da werden wir immer professioneller und haben auch mehrere Liter pro Monat zur Verfügung für die Gemeinde. Agrária hat außerdem eine Versuchsbrauerei für die Kunden.
 
In der Trägerschaft der Genossenschaft befinden sich auch Stiftungen, die für die Kultur, das Lehrwesen, aber auch für die Gesundheit der Donauschwaben in Entre Rios agieren. Welche Rolle übernimmt die Donauschwäbisch-Brasilianische Kulturstiftung dabei?

Agrária ist Trägerin unserer Leopoldina-Schule. Erst im Februar haben wir mit der Ausbildung im Bereich Brauerei angefangen. Da haben wir 21 Schüler, die aus ganz Brasilien nach Entre Rios kommen, um diesen einjährigen Kurs zu besuchen. Die Schule selbst umfasst die Schulstufen vom Kindergarten bis zum zwölften Schuljahr. Die Kinder haben ein Immersionscurriculum im Kindergarten, das heißt, der Unterricht wird auf Deutsch gehalten, und ab dem ersten Schuljahr findet zwar ein großer Teil des Unterrichts auf Deutsch, aber ein Teil auf Portugiesisch statt. Unsere Schüler können Deutsch-Prüfungen schreiben und Zertifikate für ihre Deutschkenntnisse bekommen. In der Schule wird Hochdeutsch gelernt, aber zu Hause „reta mar Schwowisch“. Aber es ist ein Stolz für die ganze Gemeinde, dass wir den Kindern und Jugendlichen die deutsche Sprache beibringen können . Es gibt auch Mischehen, also mit einem Elternteil Schwäbisch und mit dem anderen Portugiesisch.

Und dann ist die zweite Stiftung der Agrária die Donauschwäbisch-Brasilianische Kulturstiftung (es gibt noch die Forschungsstiftung und die Semmelweis-Stiftung für Krankenhaus und Apotheke). Sie beherbergt ein Heimatmuseum, das es schon seit 50 Jahren gibt und das wir in diesem Jahr schließen, denn wir bekommen eine neue Ausstellung, die zum 70. Jubiläum, das im Januar 2022 stattfinden soll, eingeweiht wird. Wir führen eine deutsche Zeitschrift und die deutsche Radiosendung mit zwei Stunden pro Tag in deutscher Sprache. Wir haben auch Kulturgruppen: Tanzgruppen, Musikgruppen, Chöre, Theatergruppen usw., da sind rund 400 Mitglieder eingeschrieben. Nebenbei gibt es auch eine Musikschule, damit die Kinder und Jugendlichen Musik studieren und Instrumente spielen lernen können. Übrigens gibt es erst seit Mitte März wieder Präsenzunterricht, denn wegen Corona waren alle elf Monate lang zu Hause und haben online gelernt. Sonst feiern die Donauschwaben Kerweih, Maibaum, wir haben verschiedene Bälle und Musik, einige haben noch alte Trachten, aber auch viele Dirndl, die man sich in Österreich angeeignet hat. Die Männer tragen „Schwoweleiwl“, also Westen mit vielen Silberknöpfen.

Wie haben Sie vor, im Januar 2022 das 70. Jubiläum der Donauschwaben-Gemeinde in Entre Rios zu feiern?

Wir bauen ein Veranstaltungszentrum, denn auch sonst gibt es bei uns viele Veranstaltungen und keine richtige Halle, also keinen Festsaal. Nun bauen wir es mit unseren Mitgliedern und Genossenschaftern auf. Es wird schon vorher fertig, aber wir werden es am 5. Januar 2022 einweihen. Dann haben auch eine internationale Attraktion geplant, also eine Band (aber den Namen verrate ich noch nicht), die die Hauptattraktion sein wird. Auch ist eine Pionierenehrung vorgesehen, für die noch lebenden Pioniere, aber auch für die verstorbenen. Geplant ist die Herausgabe eines Buches zum 70-jährigen Jubiläum von Entre Rios. Wir werden die neue Ausstellung des Museums eröffnen und ein ökumenischer Gottesdienst wird gefeiert, damit wir uns auch dafür bedanken, was die Pioniere vor 70 Jahren geleistet haben.

 

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