Wohl bekomm’s! Ein kulinarische Stadtführung

Hermannstadt jenseits von Pizza und Burger

Klein aber fein: „Consomme“ im ASTRA-Park | Fotos: Roger Pârvu

„Kombinat“ am Parkplatz hinter dem Theater

Eine Kaffeepause am Goldschmidtplatz sollte sein: „Nod“.

Weingenuss am Weinanger bei „Wine Not?“

2019 wurde Hermannstadt/Sibiu und die dazugehörende Umgebung zur „Europäischen Gastronomischen Region“ gekürt. Viel hat man im gastronomischen Bereich versprochen, wenig wurde tatsächlich umgesetzt. Von dem nicht wirklich als Erfolg zu verbuchenden Vorhaben ist außer einem Skandal, in dem es um die Veruntreuung von Geldern geht, nichts mehr wirklich in der Stadt zu spüren. Zwar stand das Jahr unter dem Sternzeichen der Gastronomie, doch hatten viele der Veranstaltungen außer dem Namen und der Projektbeschreibung nichts mit einer kulinarischen Erfahrung zu tun. Die durch die Kulturhauptstadt 2007 hoch angesetzte Messlatte sorgte im Falle der „gastronomischen Region“ sowohl bei den Mitwirkenden als auch den Teilnehmern für einen eher bitteren Nachgeschmack. 

Und trotzdem merkt man hie und da, dass für manche der damals Mitwirkenden die Hauptgedanken, welche hinter diesem Projekt standen – lokale Küche, kurze Lieferkette, qualitativ hochwertige Produkte usw. – doch eine Änderung des kulinarischen Angebots bewirkt haben. Dank ihnen kann Hermannstadt heute auch für die eine oder andere gastronomische Überraschung sorgen. 

Das Angebot in der bekannten Heltauer Gasse, am Großen oder am Kleinen Ring ist nicht zu verachten, doch die Chancen, dass man hier eine Menükarte in die Hand bekommt, wo man sich allenfalls zwischen Pizza, Pasta und traditionellen rumänischen Gerichten entscheiden kann, sind eher groß. Aber nur ein paar Schritte weiter sieht die Hermannstädter gastronomische Welt schon anders aus. 

Besucht man das Landeskirchliche Museum im „Friedrich Teutsch“ Kultur- und Begegnungszentrum in der Fleischergasse/Str. Mitropoliei und kommt mit einem Stoß Büchern beladen aus der Erasmus-Buchhandlung, muss man nur die Straße überqueren und findet am Eingang zum ASTRA-Park ein kleines Lokal. „Consomme“ ist leicht zu übersehen, überhaupt wenn sich im Sommer keine Gäste auf der Terrasse aufhalten. Das kleine Bistro bietet jede Woche ein neues Menü, abhängig davon, was der Koch auf dem Markt findet oder sich gerade einfallen lässt. Und gute Ideen hat der Koch, zugleich auch Eigentümer, immer. Das auf einer Tafel aufgeschriebene Menü kann von Sellerie-Suppe mit Meerrettich über Schweinebraten mit Steinpilzen bis zu Rote-Bete-Kuchen reichen, doch eine Empfehlung im Voraus ist Dank der Dynamik der Speisekarte schwer zu erteilen. Zu beachten ist nur, dass „Consomme“ gewöhnlich sonntags und montags geschlossen hat, dienstags und mittwochs erst um 17.00 Uhr öffnet, wobei am Donnerstag und Freitag schon ab 13.00 Uhr die Türen offen stehen. 

Über den Hundsrücken/Str. Centumvirilor, die Treppen hinunter Richtung Kinder- und Jugendtheater „Gong“, gelangt man in die Unterstadt. In den letzten Jahren wurden hier mehrere Lokale eröffnet, die der standardisierten Küche eine Absage erteilt haben. Soweit diese die Covid-19-Pandemie überlebt haben, bieten die meisten in einem angenehmen Ambiente unterschiedliche Küchen und Spezialitäten an.  

Am Weinanger/Târgul Vinului sollte eine „Wein-Pause“ eingelegt werden: „Wine Not?“ bietet die Möglichkeit, sich mit den rumänischen Weinen vertraut zu machen. Wer diese schon kennt, kann in dem unglaublich reichhaltigen Angebot sicher seine Lieblingssorte finden oder neue Weine entdecken. Im Sommer gerne auf der kleinen Terrasse, doch auch das Gefühl, im Winter im schicken Salon am offenen Kaminfeuer ein Glas Wein zu genießen, sucht seinesgleichen.      
 
In der Hermannstädter Unterstadt gebührt „Max“ eine besondere Erwähnung. Das Restaurant in der Burgergasse/Str. Ocnei 22 wurde 2004 von dem Schweizer Unternehmer Max Schweizer eröffnet. Mittels einer nicht zu verachtenden Investition sanierte er das Haus aus dem 15. Jahrhundert und eröffnete ein Lokal, welches kulinarische Geschichte machen sollte. „Max“ schaffte neue Standards in der Hermannstädter Gastronomie. Als Schweizer die Leitung des Lokals abgab, gingen diese teilweise verloren. Doch August 2022 eröffneten die jetzigen Inhaber unter dem Namen „Max – The Original“ erneut das Restaurant und, nomen est omen, die Gedanken des Gründers wurden wiederbelebt. Es lohnt sich, einen Nachmittag auf der schattigen Innenhofterrasse zu verbringen. Die Speisekarte bietet zwar auch internationale Küche an, doch liegt der Akzent auf der Verarbeitung von Produkten aus der Region. Unsere Empfehlung: während man ein gutes Glas Wein genießt, lasse man sich heiße Steine bringen, auf denen man sich eine Auswahl an unterschiedlichen Fleischschnitten mit Kräuterbutter selber zubereiten kann. 

Die Konkurrenz ist nicht weit entfernt. An der Dragoner-Wache/Str. 9 Mai findet man „La Cuptor“. Wie der Name schon ankündigt, wartet das Restaurant mit einer Auswahl im Backofen zubereiteter Gerichte auf. Das auch hier auf die Verarbeitung lokaler Produkte gesetzt wird, müsste man eigentlich nicht mehr erwähnen. Von der Ochsenschwanzsuppe arbeitet man sich über das Hauptgericht (unsere Empfehlung: Mangalitza-Kotlett mit Knochen, dazu Kartoffelschaum mit gebackenem Knoblauch, Apfelsoße mit Senfkörnern, gebackene grüne Paprika, Pfifferlinge und braune Soße) in Richtung Nachtisch durch. Hier fällt dann die Entscheidung am schwersten, denn am liebsten würde man ein wenig von allem probieren. Die Qual der Wahl bleibt dem Leser überlassen. 

Von der Dragoner-Wache aus sollte man sich auf dem Goldschmied-Platz /Piața Aurarilor eine Kaffeepause gönnen. Auf dem schmucken, von Autos befreiten Platz, wurde 2021 „Prăjitoria de cafea Nod” (Kaffeerösterei Nod) eröffnet. Kaffee wird hier oft und in kleinen Chargen geröstet. Wenn man sich zwischen den Kaffeesorten und den unterschiedlichen Zubereitungsweisen, von cold-brew bis french-press, nicht entscheiden kann, ist es nicht verkehrt, der Empfehlung der Bedienung zu vertrauen. So könnte man seine Vorliebe für noch unbekannte Kaffeesorten und Zubereitungsweisen entdecken.  

Das Restaurant „Hermania“ auf der Kleinen Erde/str. Filarmonicii dürfte für jeden, der einmal Hermannstadt besucht hat, ein Begriff sein. Genau so die Tatsache, dass der größte Teil der hier verarbeiteten Produkte aus hauseigenen Farmen stammen. „Von der Farm auf den Teller“ lautet das Motto. Zwar ist das Lokal für seine aus Albota stammenden Forellen bekannt, doch bietet die Speisekarte auch andere Leckerbissen an. So werden mit Sicherheit bei einem Teller Kümmel-Suppe so manche Kindheitserinnerungen wach, wobei die aus Angus-Rind gemachte Brodelawend sicher den einen oder anderen, der diese siebenbürgisch-sächsische Suppe nicht kennt, überraschen wird. Wer sich dann doch gegen die unterschiedlich zubereitete Forelle entscheidet, sollte die „Sachsenpfanne“ (verschiedene Fleischsorten mit Sauerkraut, Zwiebelsoße und hausgemachten Spätzle) probieren. Als Nachtisch lässt man sich am besten einen Teller mit einer Auswahl aller Süßspeisen bringen, so muss man sich nicht für oder gegen etwas entscheiden. 

Ein Aufenthalt in Hermannstadt ohne einen Theaterbesuch ist so gut wie nicht vorstellbar. Was aber könnte einen Theaterabend schöner abschließen als eine gute Mahlzeit? Auf dem Parkplatz hinter dem „Radu Stanca“-Nationaltheater befindet sich das Restaurant „Kombinat“. Das Lokal, der Innenraum ein gelungenes Zusammenwirken von Ziegeln und industriellen Elementen, setzt auf Saisonangebote. Die Speisekarte wechselt mit den Jahreszeiten. Der Herbst lässt von Mousse aus Truthahn-Leber über Rinderbackenfleisch, Blumenkohlsteak und als Nachtisch Mousse aus urdă (einem lokalen ungesalzenen Käse) den Feinschmecker auf seine Kosten kommen.

Wer eine Schwäche für die eher traditionelle Küche hat, könnte versuchen, einen alten Hermannstädter Disput zu schlichten. Auf die Frage, wo man in Hermannstadt die beste Kuttel-Suppe erhielte, gibt es nur zwei Antworten: Kon Tiki oder Prima. Die beiden Fronten sind nicht zu versöhnen, es gibt nur ein Entweder-Oder. Die beiden sehr schlicht und rustikal gehaltenen Lokale (Kon Tiki in der Konrad-Wiese/Piața Cluj und Prima in der Petrila-Straße) liegen abseits jeder Touristenroute, doch jeder Taxifahrer kennt den Weg. Beide Lokale sind sich ihres Ruhmes bewusst und man darf sich auf einen verständnislosen Blick seitens des Kellners gefasst machen, sollte man etwas anderes als die besagte Suppe bestellen. Erst nach dem man von beiden gekostet hat, sich seine eigene Meinung (begründet oder nicht) gebildet hat, kann man mitreden und sich „hermannstädterisch“ fühlen. 

Das vorgegebene Format zwingt uns andere Lokale wie: Jules, Old Lissbon oder Sibiu Vechi, auszulassen. Die hier angebotene Auswahl ist subjektiv, doch sollte Hermannstadt auch kulinarisch entdeckt werden. Also: Guten Appetit!