WORT ZUM SONNTAG: Die großartige Gottesstadt

„Es ist alles anders geworden“ – sagte mir neulich eine junge Witwe. Sie hatte ihren Mann vor nicht langer Zeit verloren. Es ist anders geworden in der Familie, mit der Hausordnung und im Beruf. Nicht nur die junge Witwe hat diese Erfahrung gemacht, sondern weitgehend auch wir selber: Denn mit dem Tod tritt ein entscheidendes Ereignis in unser Leben. Zunächst tritt ein inneres Vakuum, eine innere Leere ein. Es entsteht eine Lebenskrise, die ein Innehalten, eine Neuorientierung geradezu herausfordert. Dann scheint alle Luft aus dem Leben gewichen zu sein.

Ich denke, auch im Raum der Kirche, beim Gottesdienst zum Totensonntag, ist diese Leere eingetreten. Wir fühlen uns innerlich aufgewühlt und denken zurück an glückliche, an gemeinsame Zeiten. Wir wünschen uns in diese Zeit zurückversetzt und haben schon Pläne bereit, wie wir so manches ungeschehen machen könnten, um den Lebenslauf zu ändern. 

Ein langer Aufsatz eines jungen Mädchens machte mich hellhörig. Die Überschrift lautete „5090 Tage mit meinem Vater“. Dieses Mädchen hatte etwas mehr als 13 Jahre an der Seite des Vaters leben dürfen, dann hatte ihn der Tod genommen. Aber in diesem Aufsatz waren lauter schöne, farbige Erinnerungen an den zu früh verstorbenen Vater geschildert. Es waren keine Trauerbilder anzutreffen, sondern eher Trostbilder. Denn die haben wir ja auch: Die ersten Trauerbilder werden mit der Zeit durch Trostbilder ersetzt.

Ganz anders verhält es sich mit dem Bild, welches wir durch Johannes, den Apostel, der das Buch der Offenbarung geschrieben hat, vermittelt bekommen (Offenbarung 21,1-7): Das Bild nimmt seine Kraft nicht aus der Vergangenheit, aus den 5090 gemeinsamen Tagen, sondern ist ganz und gar auf die Zukunft ausgerichtet. Es ist ein Sehnsuchtsbild, welches darauf hofft, dass Himmel und Erde verwandelt werden. Es ist ein Sehnsuchtsbild, in dem alles in diese Verwandlung hineingezogen wird: Alle Menschen mit Leib und Seele, dann alle Kreaturen, sowie die ganze Erde und sogar der Himmel. 

Der Seher Johannes malt in seiner Sehnsucht das himmlische Jerusalem, die Gottesstadt, in einer großartigen architektonischen Zeichnung, in wunderbaren Farben und Formen, 2400 km breit und 2400 km lang. In späterer Zeit findet dieses Gedankenbild den vielfältigen Ausdruck in fantasievollen Gemälden und auch bewegenden Liedern: „Jerusalem, du hoch gebaute Stadt, wollt Gott, ich wär in dir! Mein sehnend Herz so groß Verlangen hat und ist nicht mehr bei mir“ (EG 150). Das haben wir oft gesungen, und vielleicht ist in Euch beim Singen und Hören dieses Chorals auch ein so unbeschreiblich erhebendes Gefühl entstanden. Der Liederdichter Johann Matthäus Meyfart hat es 1626 mitten im Dreißigjährigen Krieg gedichtet. Mitten im Elend des Dreißigjährigen Krieges, der mehr als ein Drittel der Bevölkerung Mitteleuropas mit bis dahin unbekannter Brutalität vernichtete. 

Vielleicht gehören wir auch zu denen, die sich mitreißen lassen von jener Sehnsucht nach Erlösung, die auch in den Spiritual-Liedern der Afroamerikaner über das Himmlische Jerusalem ihren Ausdruck finden. Die Texte der Spirituals erzählen vom Leben geschlagener, geschundener und sehnsüchtiger Sklaven. Im Jahre 1619 trafen die ersten aus Afrika verschleppten Menschen im US-amerikanischen Bundesstaat Virginia ein. Sie wurden auf den großen Tabak- und Baumwollplantagen zur Zwangsarbeit eingesetzt. Diese Arbeit war hart, kleine Vergehen wurden streng und brutal geahndet. Die Spirituals erzählen von der Hoffnung dieser Menschen und ihrem Glauben an Gott. Ihre Trauer hängt nicht nur mit ihren schwierigen Lebensbedingungen zusammen, sondern auch mit dem Verlust ihrer Angehörigen. 

Es kann allerdings auch sein, dass wir leider nur wenig anklingen lassen, beim Bild vom Himmlischen Jerusalem. Es liegt so jenseits der Wirklichkeit, die wir hier leben. Denn, was hat diese Vorstellung der himmlischen Stadt mit der Realität zu tun, mit den schweren Erfahrungen, die wir im alltäglichen Leben machen, ja mit der Corona-Angst, die wir jetzt erleben? Wir kennen doch den Wunsch, dass wir manchmal, wenn viele Lebensschatten mitspielen, dass wir dann am liebsten an einem ganz anderen Ort sein möchten. Dass wir uns irgendwohin weit weg wünschen, am liebsten weit weg von den Problemen, der Trauer, dem Leid. Jedoch, sich an einen anderen Ort zu versetzen ... dann muss sich eine starke Kraft mit uns verbinden, eine Kraft, die hilft, hier und jetzt weiterzuleben.

Vor Jahren lief im Fernsehen eine Familiengeschichte mit dem Titel „Dunkler Sommer“. Der Großvater dieser Familie ist krank und liegt häufig im Bett. Seine Enkel und seine Tochter betreuen ihn. Eines Tages fragt die Enkelin: „Großvater, glaubst du an Gott?“ Der Großvater sagt lange nichts. Dann antwortet er: „Ich weiß es nicht.“ Wieder macht er eine Pause und überlegt. Und sagt dann: „Da muss doch noch eine Überraschung sein, wenn es hier zu Ende ist. Da überrascht uns doch noch was!“

In den letzten Jahrzehnten hat sich etwas geändert. Früher wuchsen Menschen einfach in den christlichen Glauben hinein. Sie sprachen Gebete. Viele gingen zum Gottesdienst. Man wuchs in den Glauben hinein wie in einen guten Anzug oder ein schönes Kleid, die zwar am Anfang noch zu groß waren, aber irgendwann ganz gut passten. Man kannte viele Geschichten aus der Bibel, kannte Lieder und Melodien. Heute wachsen viele in nichts mehr hinein, was Kirche oder Glaube angeht. Weder in die Sprache, noch in biblische Geschichten, noch in Lieder. Manche wissen von Kirche und Bibel gar nichts mehr. Und plötzlich wird ein Großvater dann mit der Frage beschäftigt: Glaubst du an Gott? Der Großvater ist am Rande seines Lebens. Er weiß nicht genau, ob er an Gott glaubt. Er hofft aber in seiner Sprache, dass da noch eine „Überraschung“ sein wird, wenn sein Leben auf der Erde zu Ende ist. In dieser „Überraschung“ vermutet er die tröstende Kraft, die in sein Leben am Ende eindringen wird.

Der Apostel Johannes zeigt jedoch in seiner Vision auf die Erwartung des neuen Jerusalem. Eine Stadt mit zwölf Toren, die für alle offen ist, in der niemand herrscht, sondern in der Gott selbst anwesend ist und tröstet. Er ist den Menschen so nahe, dass er selbst ihre Tränen abwischt. Johannes sieht, was kein Auge je gesehen und kein Ohr gehört hat. Er sieht, was man sich kaum vorstellen kann: Das Ende der Zeit mit allem Leid und den Beginn der ewigen Herrlichkeit. Er sieht eine neue Erde, einen neuen Himmel, eine Stadt ohne Tränen, ohne Tod, ohne Leid, ohne Jammer, ohne Mühsal. 

Er selbst, der sich als einsamer, bedrängter Gefangener auf der kargen, sonnendurchfluteten Insel Patmos befindet, sieht seine eigene trostlose Gegenwart abgelöst von einer nie dagewesenen Zukunft in Herrlichkeit. Das neue Jerusalem ist keine bestehende Stadt, die von Menschen verbessert wird, auch nicht eine Stadt, die wie ein goldenes Kalb von Menschen nach ihrer Vorstellung gegossen werden könnte. Die Stadt bedarf keiner Sonne oder des Mondes, die ihr scheinen, weil sie von der Herrlichkeit Gottes erleuchtet wird. Es wird keinen Tempel und keine Kirchen dort geben, weil das Lamm Gottes, Jesus selbst, dort sein wird. Wo Christus ist, da ist Jerusalem.

Und dieser Christus ist nicht weit weg. Er ist nicht verschwunden, so wie auch unsere Verstorbenen nicht verschwunden sind. Sie leben noch fort, in unseren Träumen, in unseren Erinnerungen, in unseren Vorstellungen und in unserem Glauben. 

Hast du schon mal an deinen Tod gedacht? – wurde ein Konzertvirtuose gefragt. – „Ja, natürlich“ – war die Antwort. „Als Kind habe ich immer im Sand am Meer gesessen und den großen Schiffen zugeschaut. Sie wurden dann immer kleiner und kleiner, bis sie schließlich ganz weg waren. Aber sie waren ja gar nicht weg; ich habe sie nur nicht mehr gesehen. Ich habe dann immer gedacht: Hinter dem Horizont ist vielleicht jemand, der jetzt so ein großes Schiff sieht und vielleicht sagt: Da bist du ja endlich. Und so ist das ja vielleicht auch mit dem Sterben, wer weiß, mal sehen ...“

So ist das auch mit Christus und seiner himmlischen Stadt. Er ist nicht unerreichbar. Er ist nur hinterm Horizont, und er kann nur mit dem glaubenden Auge gesehen werden.

Die Vision vom neuen Jerusalem sagt: Gott kommt herab und beseitigt unsere Tränen. Gott kommt, und der Mensch ist frei – frei von Tod, Leid, Geschrei und Schmerz. Wir können uns nicht selbst trösten, wir können nicht zu Gott kommen, aber Gott kommt zu uns und wird bei uns wohnen und uns trösten. Vielleicht tut es gut, dem Bild vom Tod und Leid ein anderes Bild entgegensetzen zu können. 

Mag sein, dass jetzt einer sagt: „Mich tröstet das neue Jerusalem nicht, was da einmal kommt“. Das kann ich gut verstehen, denn das Schwierige an der Trauer ist, dass wir uns nicht selbst aus ihr befreien können. Wir brauchen einen Tröster. Und die Vorstellung vom neuen Jerusalem weist uns darauf hin: Gott ist dein Tröster. Du wirst dich nicht selbst trösten können und du wirst nicht allein am Ziel deiner Trauer ankommen. Gott wird die nächsten Schritte mit dir gehen, dich vielleicht sogar durch die Zeit der Trauer hindurchtragen. Das, was du jetzt siehst, ist noch nicht alles. Die Erde ist noch nicht alles. Lenke deinen Blick immer wieder bewusst dorthin, nach oben, dem Himmel entgegen. Du wirst dann mehr sehen, als du jetzt erahnen kannst.

 

cffviseu

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    Susan Benson 23.11.2020 Beim 07:19
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