100 Jahre seit der Geburt von Josef Gerstenengst (1920 - 2020)

Sonderbriefumschlag

Ehrenbürgerurkunde

In diesem Sommer sind es bereits 100 Jahre seit der Geburt von Msgr. Josef Gerstenengst, Priester und weltberühmter Organist. Er wurde am 3. Juli 1920 in Tschakowa, in der Familie von Thomas und Rosa Gerstenengst, geboren. Sein Vater war Angestellter der Tschakowaer Volksbank und seine Mutter, die musikalisch sehr begabt war, sang im Chor der Tschakowaer katholischen Kirche.

Der Werdegang des jungen Josef Gerstenengst

Auch der Sohn Josef liebte die Musik schon in seiner frühen Kindheit, so dass er im Alter von 6 Jahren den ersten Klavierunterricht von Adele Sommer in Tschakowa bekam. Später, als er Schüler der Deutschen Katholischen Lehrerbildungsanstalt „Banatia” war, wurde er im Klavierspiel und in Musiktheorie von Lehrerin Elisabeth Andree unterrichtet, die sein außerordentliches Talent, seine technischen Fähigkeiten sowie sein tiefes musikalisches Einfühlungsvermögen beobachten konnte.

In den Jahren 1931 - 1938 war seine musikalische Entwicklung fulminant. Er machte bei allen Konzerten und musikalischen Veranstaltungen des Lyzeums mit, und die Temeswarer Tagesblätter wie „Temesvari Hirlap“, „Temeswarer Zeitung“ und „Banater Deutsche Zeitung“ berichteten von seiner „brillanten” Technik sowie von der ausgezeichneten Beherrschung der Partitur.

Dem Wunsch seiner Mutter folgend, setzte Josef Gerstenengst 1939 sein Studium an der Temeswarer Theologischen Akademie (Priesterseminar des lateinischen Ritus) fort. Durch einen glücklichen Zufall traf der Student Gerstenengst hier am Priesterseminar Viktor Wegenstein, den Enkel des berühmten Orgelbauers Carl Leopold Wegenstein, bei Instandhaltungsarbeiten an verschiedenen Orgeln. Die Bekanntschaft mit Viktor Wegenstein wurde zum Wendepunkt im Leben des jungen Josef Gerstenengst. Wegenstein überzeugte den jungen Gerstenengst vom Klavier zur Orgel zu wechseln. Von großer Bedeutung war aber auch die Bekanntschaft mit Professor Emerich Vormittag und Josef Brandeisz, großer Violinist und Professor am Temeswarer Musikkonservatorium. Beide spielten eine große Rolle bei der Veranstaltung ausgezeichneter Konzerte in Temeswar und in Tschakowa.

Die Presse der Jahre 1942 bis 1946 zeichnete Konzerte mit Orgelmusik in Temeswar aber auch in anderen Städten des Banats auf, so z.B. in seinem  Heimatort Tschakowa, in Arad, Hatzfeld. Sein Repertoire wurde immer umfangreicher mit Werken von Bach, Mozart, Reger, Cherubini, Tartini, Leonardo, Springer.

Im Jahre 1945 weihte Dr. Augustinus Pacha, Bischof der Diözese Temeswar, Josef Gerstenengst zum Priester. Nach einer kurzen Tätigkeit in Neuarad und Lenauheim wird Josef Gerstenengst im Herbst 1946 nach Reschitza versetzt.

Josef Gerstenengst und der Reschitzaer Kirchenchor

Msgr. Paul Lackner notierte in seinen Aufzeichnungen: „1946 im Herbst wurde Josef Gerstenengst als Kaplan nach Reschitza versetzt. Damit begann eine neue und glanzvolle Periode des Kirchenchores, die fast 30 Jahre andauerte. Die großen musikalischen Aufführungen benötigten neben den sogenannten Regens chori auch einen Dirigenten, der Chor und Orchester führte. Der Regens chori spielte gewöhnlicherweise zugleich die Orgel. Die Musikbegleitung wurde immer von der Werkskapelle besorgt.“

In jener Zeit leitete Engelbert Kontur sowohl den Kirchenchor als auch die Werkskapelle (1945 - 1954). 1954 musste er diensthalber nach Bokschan übersiedeln. Den Dirigentenstab übernahm Emil Kummergruber (1954 - 1985).

Josef Gerstenengst hatte eine glänzende Zusammenarbeit mit beiden Dirigenten. So entstanden musikalische Veranstaltungen ersten Ranges mit Orgel, Chor und Orchester, die Reschitza zu einem wahren, echten Zentrum musikalischer Kultur machten. Für lange Zeit war und blieb Reschitza das Zentrum der priesterlichen und musikalischen Tätigkeit von Josef Gerstenengst. Von Reschitza ging es auf Tourneen ins ganze Banat: nach Karansebesch (1948), Orawitza (1948, zusammen mit Josef Brandeisz), Temeswar (1949, unter Mitwirkung von George Georgescu) und natürlich Tschakowa.

Am 24. Juli 1949 spielte Josef Gerstenengst zum ersten Mal in der Bukarester römisch-katholischen „St. Josef“-Kathedrale.

In den 50-er Jahren ging Josef Gerstenengst auf Tourneen durchs ganze Land: Temeswar, Hermannstadt, Großwardein, Bukarest, Klausenburg, Sathmar, Großkarol, Kronstadt, Orschowa - oft in Begleitung von Vasile Jianu (Flöte) und Radu Aldulescu (Cello), Vladimir Orlov (Cello).   

In der Zeit von 1955 - 1957 hielt er sich öfter in Hermannstadt auf, wo er sich des Unterrichts eines der größten Organisten und Musiker Europas erfreuen konnte und zwar bei Franz Xaver Dressler, Musiklehrer einer hervorragenden Generation von Organisten, wie Helmuth Plattner und Horst Gehan. Der junge Reschitzaer Organist Gerstenengst konnte in diesen Jahren seine Orgelkenntnisse vervollkommnen und bekam einen Feinschliff in Technik und Interpretation.

Drei besondere Ereignisse sind mit dem Namen Josef Gerstenengst und dem Reschitzaer Kirchenchor eng verbunden: 1956: das Mozart-Jubiläum - 200 Jahre seit der Geburt von W.A. Mozart; 1957: die 80-Jahrfeier des Kirchenchores; 1977: die 100-Jahrfeier des Kirchenchores.

Der Kirchenchor zählte damals ca. 60 - 70 Sänger. Unter den Solisten finden wir Namen wie: Maria Patloch, Else Krischer, Helen Voloschin und Elisabeth Gecse - Sopran, Trude Kortik, Elisabeth Oppelcz und Irene Horvath - Alt, Heinrich Kisswimmer und Ludwig Oppelcz - Tenor, Rudolf Karban und Josef Sänger - Bariton, Kasper Halsdorfer, Matz Halsdorfer - Bass. Dirigent war Emil Kummergruber. Die Orgelbegleitung und die Orgel-Solos sicherte Josef Gerstenengst.

Die Bukarester Jahre und die internationale Karriere

Gegen Ende des Jahres 1958 übersiedelte Josef Gerstenengst nach Bukarest. Von da öffnete sich für ihn der Weg zu einer internationalen sehr erfolgreichen Karriere. Mit den Jahren wurde er zu einem echten Orgelvirtuosen, zu einem Meister mit einer glänzenden Technik und fabelhafter Interpretation. Er war ein weltweit bekannter und geschätzter Musiker und Organist.

Von Journalisten wurde er oft gefragt: „Wo spielen Sie lieber? Im Konzertsaal oder in der Kirche?” Josef Gerstenengst antwortete: „In der Kirche. Die Akustik ist da viel besser. Der Plüsch der Sitze in den Orchestersälen saugt die Töne auf, dämpft. Deshalb ziehe ich es vor, in den Kirchen zu spielen“.

Die deutsche Presse berichtete über ihn folgendes: „In welchem Land auch immer Josef Gerstenengst aufgetreten ist, hat er stets die Verbindung zur Heimat aufrechterhalten. Dafür und für seine beispielhafte Bescheidenheit lieben ihn seine Landsleute. Es sei ihm auf diesem Wege nochmals gedankt“. 

In den 80-er Jahren hatte er eine enge Zusammenarbeit mit dem berühmten Cellisten Alexandru Moroşanu, mit dem er viele Konzerte mit Musik von Bach, Händel und Schubert veranstaltete.

1990, zu seinem 70. Geburtstag, wurde Josef Gerstenengst vom Temeswarer Bischof Sebastian Kräuter zum Ehrendomherrn (Canonicus ad Homorem) als Zeichen der Anerkennung seiner Verdienste und Tätigkeit ernannt. Im Alter von 70 Jahren wurde er von dem Weltverein für Erziehung und Frieden UNO - UNESCO mit dem Titel „Doctor Honoris Causa” für musikalische Erziehung geehrt. Am 2. Juli 1991 spielten Josef Gerstenengst und Alexandru Moroşanu zusammen ein Konzert in Reschitza. Das war auch sein letzter Auftritt in Reschitza.

Josef Gerstenengst starb ganz unerwartet am 9. Januar 1992 abends in Bukarest, am Ende der Abendmesse.

Als die Studenten der Musikfakultät Bukarest Josef Gerstenengst zu seinem 70. Geburtstag im Rahmen eines Seminars feierten, stellte man ihm folgende Fragen: „Wann und wo beginnt und wann und wo endet die Musik? Welches ist die Beziehung zwischen Musik und Gott? Ist es möglich oder zulässig, dass der Priester zugleich auch Musiker sei?” Unvergesslich bleibt seine Antwort auf diese Fragen, die man als eine Zusammenfassung seiner Lebensauffassung oder seiner Lebensphilosophie betrachten könnte: „Ich bin kein Künstler! Ich bin ein Handwerker Gottes. Als Priester bin ich ein Vermittler Gottes, der dank seiner Kraft, seines Vermögens durch die Musik die Gläubigen näher zu Gott bringt, um den Bereich der Musik mit der göttlichen Sphäre zu vereinen. Zwischen Erde und Gott gibt es nur die Musik!”

Anlässlich des 25. Todestages von Josef Gerstenengst wurde dem weltberühmtem Organisten durch musikalische Veranstaltungen gedacht und zwar gab es ein Konzert „In memoriam Josef Gerstenengst“ in der römisch-katholischen Sankt-Josef-Kathedrale zu Bukarest. Ein weiteres Konzert fand 2017 in der römisch-katholischen „Maria Schnee“-Pfarrkirche Reschitza statt.

Aus gleichem Anlass des 25. Todestages von Msgr. Josef Gerstenengst wurde vom Kultur- und Bildungsverein „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ und vom Demokratischen Forum der Banater Berglanddeutschen des Kreises Karasch-Severin ein philatelistischer Sonderbriefumschlag mit zugehörendem Sonderstempel hergestellt und herausgegeben.

In der römisch-katholischen „Maria Schnee“-Pfarrkirche wurde eine dokumentarische Gedenkausstellung mit Bildmaterial und Unterlagen organisiert, welche Aspekte aus dem Leben und Wirken von Josef Gerstenengst zeigen.

Infolge des Antrags des Vorsitzenden Erwin Josef }igla des Demokratischen Forums der Banater Berglanddeutschen vom 7. Februar 2017 - gerichtet an den Stadtrat des Munizipiums Reschitza - zur Ernennung von Josef Gerstenengst zum Ehrenbürger der Stadt Reschitza, genehmigte der Stadtrat Reschitza am 31. März 2017 diesen Vorschlag und ernannte Josef Gerstenengst post mortem zum Ehrenbürger der Stadt, indem das 12-jährige glanzvolle Wirken des berühmten Orgelkünstlers zu Gunsten des Reschitzaer Musiklebens anerkannt und gewürdigt wurde.

Georg Colța, Leiter des „Harmonia Sacra”-Kirchenchors Reschitza

(Redaktionelle Kürzung: Siegfried Thiel)