Der trottlige „James Bond“ in Reschitza

Die „Selbstanzeige“ des Leiters des privaten Forstamtsbezirks OSBM SA war getürkt

Wälder sind nach wie vor umkämpfte Zielobjekte divergierender wirtschaftlicher und politischer Interessen. Foto: Zoltán Pázmány

Die Geschichte hört sich an wie das Drehbuch eines Hollywood-Krimis: der Leiter eines vor nicht langer Zeit gegründeten privaten Forstamtsbezirks erstattet bei der Forstgarde in Bukarest Selbstanzeige. Als die Garda Forestieră Națională mit einem Kontrollcorps anrückt, fällt der angebliche Selbstanzeiger aus allen Wolken. Darauf schalten der „Selbstanzeiger“ und die Nationale Forstgarde die Polizei ein, um den vorgeblichen Selbstanzeiger ausfindig zu machen. Ergebnisse der polizeilichen Untersuchungen stehen noch aus. Die Geschichte ist wahr und so, oder ähnlich, dem Leiter des Forstamtsbezirks Banatul Montan (OSBM SA), Ghiocel Meda, passiert, der nun in bester rumänischer „Rechtstradition“ seine Unschuld nachweisen, bzw. die Schuld oder Unschuld von jemand anderem mit klären muss.

Die Nationale Forstgarde in Bukarest bekam am 20. Mai 2019 – knapp ein Jahr nach der Gründung des gemeinsamen Forstamtsbezirks mehrerer Ortschaften des Banater Berglands, allen voran Reschitza – per e-mail eine „Selbstanzeige“ des Leiters von OSBM SA, Ghiocel Meda, in welcher er auch andere Angestellte dieses Forstamtsbezirks der Übertretungen der Forstgesetze beschuldigt, wobei alles seit Gründung des Forstamtsbezirks passiert und mit Wissen des Reschitzaer Bürgermeisters Ioan Popa geschehen sein soll. Alles getürkt, „fake news“, aber gut zum Säen von tief sitzendem Zweifel und Verdacht.

Die Behauptung zum Reschitzaer Bürgermeister Ioan Popa dürfte unter Umständen der Schlüssel des Skandals sein, der gegenwärtig auch die Lokalpolitiker des Banater Berglands mehr oder weniger intensiv beschäftigt, vor allem aber diejenigen aus den Ortschaften, die ihre Forste in die gemeinsame Verwaltung von OSBM SA eingegeben haben und – welch ein Zufall! – alle von der oppositionellen PNL geführt werden. Mit beschuldigt wird die Forstgarde Temeswar, vor allem deren Mitarbeiter C²t²lin Petru Sima, der seine schützende Hand über dem privaten Forstamtsbezirk OSBM SA halten soll.

Unter allen Umständen und über allem aber steht in der Anzeige der Reschitzaer Bürgermeister Ioan Popa, dem unverändert Zustimmungswerte um die 60 Prozent bei der Sonntagsfrage nachgesagt werden. Und genannt wird auch der Forstamtsbezirksleiter Nicolae Borte{, der zur Gruppe der „geheimen Unterstützer“ von OSBM SA aus den Reihen der Chefs der staatlichen Forstverwaltung Romsilva mehrmals angegeben wird. Allen wird in der „Selbstanzeige“ vorgeworfen, als Endziel das Untern-Nagel-Reißen der Wälder der auf Initiative des Reschitzaer Bürgermeisters zusammengeschlossenen Ortschaften zu betreiben.

Forstamtsbezirksleiter Ghiocel Meda, ein Forstingenieur, der kurz vor der Rente steht, hatte keine Ahnung von seiner „Selbstanzeige“, zeigt jetzt umstandsbedingt aber ein ganz großes Interesse, die Umstände von deren Zustandekommen aufzuklären. Auf die am 20. Mai in Bukarest per E-Mail eingegangene „Selbstanzeige“ reagierte die Forstgarde mit einer Kontrollkommission aus dem für Reschitza zuständigen Temeswar, die am 3. Juni an der Bersau landete. Meda brauchte nicht viel Zeit, um den Verdächtigen aus dem eigenen Haus zu erahnen und die fortsetzenden Untersuchungen des Falls an die Polizei weiterzugeben. Die Videokameras im eigenen Haus hatten die Person – ein bisher unauffälliger OSBM-Angestellter - registriert, die wahrscheinlich das ominöse E-Mail gesendet hat. Zum Zeitpunkt, als der E-Mail abging, befand die Person sich als einzige im Haus.

Das rumänische Forstwesen ist eine Wirtschaft, die von Schwarzgeschäften und Illegalitäten überbordet. Meda, altgedient im Forstwesen, hatte bei der Einrichtung des Sitzes von OSBM SA gefordert, in allen Räumen Überwachungskameras zu installieren, nach dem bekannten Stalinschen Prinzip vom „Vertrauen“ (…ist gut, Kontrolle ist besser“).

Der verdächtigte Mitarbeiter von OSBM SA hatte eines nachmittags, nach Dienstschluss, die Büros von Meda und anderer Angestellter aufgesucht, ausgerüstet mit Laptop und Fotoapparat, hatte Dokumente fotografiert, gescannt und auf seinem Laptop eingespeichert, hatte sich im Internetkonto des Forstamtsbezirks eingeloggt und das ominöse E-Mail von einem fingiert als zum Forstamtsbezirk gehörigen Konto abgeschickt. Das Ganze unter Ignorierung der ihn registrierenden Videokameras. Meda: „Was mir echt wehtut: der Mann hatte meinerseits öfter Unterstützung benötigt - und gewährt bekommen!“

Die Aufzeichnungen der Videokameras vom Sitz der OSBM SA werden von Distriktchef Traian Pandor bestätigt, der zwei Mitarbeiter hat, die eidesstattlich zu beschwören bereit sind, den „James Bond des Forstwesens des Banater Berglands“ (so rasch die Medienbezeichnung des „Spions“) bei seiner „Arbeit“ beobachtet zu haben. Als der nämlich den Schreibtisch von Pandor durchsuchte und Dokumente fotografierte. Die dann im Anhang des den Skandal auslösenden „Selbstanzeige“-e-mails auftauchten.

„Schon die Ausgangssituation des Skandals ist einfach verrückt“, kommt Ghiocel Meda nicht zur Ruhe. „Da soll ich, ein Jahr nach der Verantwortungsübernahme im neuen Forstamtsbezirk und knapp bevor ich in Rente gehe, Selbstanzeige erstattet haben und noch eine ganze Reihe Amtskollegen mit in den Kakao hineinziehen wollen. Diese kranke Fantasie muss man erst mal haben. Oder aber ein sehr strammer Parteisoldat sein… . Sämtliche Behauptungen in der E-Mail können mühelos mit Dokumenten widerlegt werden. Allein schon deshalb habe ich eine Strafanzeige gegen den von uns, den Angeschwärzten, Verdächtigten erstattet. Aber ich vermute sehr, dass der Arme bloß ein Bauernopfer in einem Schachspiel ist, wo die Angriffsfiguren von langer (politischer) Hand gelenkt werden und den Tod des Königs, also Bürgermeister Popa, beabsichtigen.

Irgendjemand moniert sich daran, dass seit Gründung des Forstamtsbezirks OSBM SA viel weniger Holz aus der Umgebung der implizierten Ortschaften gestohlen wird, aber auch, dass von daher keinerlei Wahlkampfgeld und keine Parteienunterstützung mehr kommt. Die Interessengruppen im Forstwesen und in der Holzwirtschaft sind sehr mächtig. Und sie schrecken vor nichts zurück. Nicht einmal vor Dilettantismus... Hauptsache, eine Aktion dieser Art hinterlässt Spuren. Und fest sitzende Restzweifel. Wir sind inzwischen immer fester davon überzeugt, dass die Aktion eigentlich gegen den Initiator dieses privaten Forstamtsbezirks, gegen Bürgermeister Popa, gerichtet war. Immerhin ist es Fakt, dass seit Gründung von OSBM SA das Brennholz kein entscheidender Faktor mehr zur Schmierung des Wahlvolks am Lande ist, also auch nicht mehr wahlentscheidend eingesetzt werden kann.“

Das Generalinspektorat der Rumänischen Polizei verweigert bislang jede Stellungnahme zur causa OSBM SA. Die polizeilichen Untersuchungen werden fortgesetzt, versichert man aus dieser Richtung.