Eine weitere Premiere für Temeswar

Erster „Stolperstein“ in Rumänien wurde gesetzt

Der deutsche Künstler Gunter Demnig setzte den ersten Stolperstein in Temeswar.

Im Schatten des Nachmittags glänzt auf dem frischen Asphalt ein goldenes Quadrat. Man kommt neugierig auf der gewöhnlich ruhigen und leeren Straße dem Glitzern im Boden entgegen. Wie ein „Stolpern“ folgt die Reaktion jedes Passanten, wenn man plötzlich auf dem Gehsteig im Boden gepflastert auf das Stückchen Messing folgende Inschrift sieht: „Hier wohnte Bloch Lorand. 1909 geboren. Arbeitslager in Paulis 1941 deportiert, 14.11.1943 gestorben“. Die noch in Rumänien unbekannte Geschichte der Stolpersteine zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus fing vor Kurzem mit dem ersten Gedenkstein an. Der erste Stolperstein in Rumänien wurde in Temeswar/Timisoara verlegt.

 

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt der Künstler Gunter Demnig. Seit Mitte der 90er Jahre möchte er an die Opfer des Nationalsozialismus europaweit erinnern. Kleine Gedenktafeln aus Messing werden vor dem letzten Wohnort der Opfer in den Boden eingelassen. Der Name, Geburtsdatum und Informationen zur Deportation und Ermordung sollen an das jeweilige Opfer erinnern. „Passanten sollen wissen, dass hier tatsächlich eine Person gelebt, gelacht, geweint hat und dass sie hier wahrscheinlich glücklich oder traurig gewesen ist – die Opfer des Nationalsozialismus sollen nicht nur Zahlen einer Statistik sein, sie sollen eine menschliche Figur bekommen, lebendig werden“, sagt Gunter Demnig. In Temeswar wird nun die Lebensgeschichte von Lorand Bloch an der Pia]a-Romanilor-Straße Nr. 8 lebendig. In der Straße, rechter Hand der Millenium-Kirche, in der Fabrikstadt hat der Temeswarer Jude letztens gewohnt. Sein Leben veränderte sich plötzlich 1941, als er nach Paulis deportiert wurde. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er, indem er Zwangsarbeit leistete. In der ersten Etage des nun sanierungsbedürftigen Hauses wohnte er. Nun blicken neugierige Blicke aus der Eingangstür des alten Gebäude. Dass hier mal ein Holocaust-Opfer gewohnt hat, das wussten die jetzigen Bewohner des Hauses bisher nicht. Die Temeswarer im allgemeinen wissen von den Deportationen der Temeswarer Juden im Banat nur wenig. Einige würden sogar sagen, es gab im Banat keinen Holocaust.

Die Verlegung des ersten Stolpersteins in Temeswar, in Rumänien überhaupt, soll nun beweisen, dass es auch hier Opfer gab. Das Ganze beruht auf einem Projekt einer deutsch-rumänischen Gruppe.

 

Das Projekt „Eine andere Geschichte“ startete im Sommer des vergangenen Jahres

Die Initiative des Projektes geht aber etwas länger zurück. Einige Mitglieder aus der Projektinitiative haben in Rumänien ein Jahr lang gelebt. „2008-2009 waren wir hier und haben Sozialarbeit gemacht, schon da haben wir uns mit dem Land und seiner Geschichte auseinandergesetzt. Einige Jahre später war Lukas Uhlig in Israel und hat dort erfahren, dass auch in Rumänien viele Juden umgebracht wurden. Uns war das nicht bekannt. Dann haben wir mit Leuten hier vor Ort diskutiert und viele wussten auch nichts davon“, erzählt Daniel Großer, wie das Projekt entstanden ist. Das war der Auslöser, der zu diesem Projekt geführt hat, sagt der Projektinitiator, denn gleich dachten die deutsche Jugendliche, wie sie sich mit diesem Thema mehr befassen könnten. Nachdem Projektpartner gesucht wurden und alles Schritt für Schritt geplant wurde, startete das Projekt tatsächlich im Sommer des vergangenen Jahres. Eine Woche lang haben sich die Mitglieder des Projekts auf den Weg gemacht, das Schicksal eines Holocaust-Opfers zu recherchieren. Dabei haben sie im Rumänischen Nationalarchiv des Kreises Temesch/Timis geforscht, Zeitzeugen/innen befragt und Orte jüdischen Lebens besucht. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Holocausts in Rumänien wurde dann in einem kurzen Film festgehalten.

Die Recherche fokussierte sich auf das Leben von Alexandru Ornstein. Die Teilnehmer am Projekt haben sich das Schicksal des Temeswarer Juden ausgesucht. „Während unserer Recherche sind wir auf eine Verwandte von Alexandru Ornstein gekommen. Sie hat uns Vieles erzählt, doch hat sich dagegen ausgesprochen, dass Ornstein Teil des Stolperstein-Projektes wird. Sie meinte, sie könnte dieses Konzept nicht vertragen. Sie könne nicht akzeptieren, dass Leute wieder über seinen Namen und sein Gedenken mit Stiefeln treten“, erzählt Lukas Uhlig, eines der Projektinitiatoren. Diese Meinung bezüglich der Verlegung von Stolpersteinen kommt auch in anderen jüdischen Gemeinschaften in Europa vor, wo Angehörige oder Vertreter der Gemeinschaft sich dagegen aussprechen. Meistens wird es aber von den jüdischen Gemeinschaften akzeptiert. Der Kölner Künstler Gunter Demnig sieht sein Konzept ganz anders: „Wer den Namen des Opfers lesen will, muss sich hinunterbeugen. In diesem Moment verbeugt er sich vor ihm.“ 

 

Der Stolperstein ein Kunstprojekt konzipiert von Gunter Demnig

Demnigs Kunstprojekt startete 1996 als Denkmal für die aus Köln deportierten Sinti und Roma. Mittlerweile ist das Konzept sein Lebenswerk und zum weltweit größten dezentralen Mahnmal für die Opfer des Dritten Reiches geworden. Rund 47.000 Stolpersteine in mehr als 750 Orten aus 18 Länder in Europa wurden bereits gesetzt. Durch die Verlegung des Stolpersteins in Temeswar wird bezweckt, die Erinnerung an die Opfer des Holocaust lebendig zu erhalten. In Deutschland liegen mittlerweile an über 500 Orten Stolpersteine, die ebenfalls von Gunter Demnig verlegt wurden. Vor allem bei der ersten Verlegung überhaupt versucht der deutsche Künstler immer dabei zu sein. Gunter Demnig habe das Projekt für ganz Europa gedacht. „Überall wo die Deutschen einmarschiert sind und ihr Unwesen getrieben haben. Ich möchte nun mit diesen Stolpersteinen an die zahlreichen Opfer erinnern“, sagt Gunter Demnig. „Ich hatte überhaupt nicht daran geglaubt, damit jemals anzufangen – angesichts der riesigen Zahl an Opfern. Ein Pfarrer aus Köln hatte mir damals aber gesagt: die Million schaffst du nie. Aber man kann klein anfangen“, fügt Demnig hinzu. Der deutsche Bildhauer habe damals auch nicht mit großem Interesse bezüglich der Öffentlichkeit gerechnet. „Angehörige in der ganzen Welt wünschen sich diese Steine. Das liegt natürlich vor allem daran, dass die meisten von diesen Menschen keinen Grabstein haben“, sagt der Künstler.

 

„Eine andere Geschichte“ auf die Spuren von NS-Opfer im Banat

Anlässlich der Stolpersteinverlegung haben die Mitglieder des Projekts „Eine andere Geschichte“ auch ein Symposium zu diesem Thema veranstaltet. Im Orpheum-Saal der Temeswarer Musikhochschule sammelten sich zahlreiche Interessenten, um etwas über den Holocaust im Banat zu erfahren. Mitglieder der Jüdischen Gemeinde aus Temeswar und Gäste aus dem Bereich der Wissenschaft nahmen daran teil, und es wurden Möglichkeiten der Erinnerung angeführt und besprochen.

Auch Schüler der Nikolaus-Lenau waren Teil des Projektes. „Mich hat dieses Projekt als Person weiter entwickelt. Wir haben auch Zeitzeugen der Judenverfolgung getroffen und das war sehr eindrucksvoll. Dabei habe ich auch die Geschichte als Leidenschaft entdeckt. Bisher war dies nur ein Fach in der Schule“, sagt die Lenauschülerin Oxana Grosseck. „Ich glaube, wir alle haben hiermit erfahren, dass Geschichte auch persönlich sein kein“, schließt die Schülerin.