Pleasant Street

Zeichnung: Bianca Balica

Das Erste, was mir auffiel, waren ihre roten Stöckelschuhe, solche, die man gewöhnlich nur im Schaufenster teurer Geschäfte sehen konnte. Sie trug einen eleganten schwarzen Rock, der bis zu ihren Knien reichte und die Schuhe ließen ihre dünnen Beine noch graziöser wirken.

Es war ein verregneter Novembermontag und ich stand mit meiner Gitarre neben der kleinen Bäckerei am U-Bahnhof. Ich war gerade in einer Phase meines Lebens, in der ich davon überzeugt war, mir meinen Lebensunterhalt mit Straßenmusik verdienen zu können. Das Jurastudium, das ich meiner Eltern wegen angefangen hatte, brach ich nach zwei Jahren ab; mir fehlte auch jegliche Motivation dafür. Nichts Schlimmeres konnte ich mir vorstellen, als die Anwaltskanzlei meines Vaters übernehmen zu müssen und ein so trostloses Leben zu führen wie er. Ich hatte zwar noch einen kleinen Bruder, doch er hatte unseren Eltern schon sehr früh angekündigt, dass er auf keinen Fall Anwalt werden wollte, das sei schließlich meine Aufgabe.

Musik war jedoch mein Ein und Alles, mit sieben lernte ich Gitarre spielen und seitdem hatte ich den Traum, irgendwann mal als Musiker den Durchbruch zu schaffen. Nachdem ich das Studium abgebrochen hatte und mit Gelegenheitsjobs mein Taschengeld verdiente, fasste ich den Entschluss, mit Straßenmusik anzufangen und zog dafür in eine größere Stadt um. Was meine Eltern davon hielten, konnte ich mir nur vorstellen, ihr perfekter Sohn, der Hoffnungsträger der Familie, der eine brillante Karriere als Rechtsanwalt hätte haben müssen, lebte plötzlich in einer Stadt am anderen Ende des Landes und versuchte, auf der Straße Geld für die Miete zusammenzukratzen.

 

Die ersten Monate als Straßenmusiker in der neuen Stadt verbrachte ich singend und Gitarre spielend in Fußgängerzonen und auf Märkten, überall dort, wo Restaurants, Terrassen und Biergärten gut besucht waren. Es war Sommer und bis Mitternacht waren noch alle Lokale offen, was gut für mich war, denn dadurch konnte ich länger spielen und mehr Geld verdienen.

Ende September aber schlug das Wetter um und das hatte schlimme Konsequenzen für mein Einkommen. Wenn es draußen kalt ist, die Bars und Restaurants nur noch drinnen offen sind und die Menschen sich immer beeilen, der Kälte und Feuchtigkeit zu entkommen, schenken sie Straßenmusikern überhaupt keine Beachtung mehr. Ich begriff schnell, dass es keinen Sinn mehr hatte, auf der Straße zu spielen. Kaum jemand war noch bereit, mir Geld zu geben und ich begann Schwierigkeiten damit zu haben, die Miete für meine heruntergekommene Einzimmerwohnung zu zahlen. Der Entschluss, am U-Bahnhof zu singen, erwies sich als goldrichtig. Es war viel wärmer als draußen, die Akustik war fantastisch und es gab immer Menschen, die wartend hin- und herliefen. In der großen Eingangshalle gab es eine Bäckerei, einen Zeitschriftenladen und ein kleines Café; ich stand mit meiner Gitarre immer neben der Bäckerei, der Verkäufer dort fand mich sofort sympathisch und hin und wieder, wenn ich einen Pink Floyd-Song spielte, brachte er mir ein Croissant oder eine Brezel, ohne je dafür Geld zu verlangen.

Und dann sah ich sie, diese elegante Frau mit den langen, glatten Haaren und den roten Stöckelschuhen. Sie hielt in einer Hand einen Pappbecher mit Kaffee und balancierte auf dem anderen Arm eine Balenciaga-Handtasche. Nachdem sie am Zeitschriftenstand die Tageszeitung gekauft und sich diese unter den Arm geklemmt hatte, suchte ihr Blick eine freie Bank. Ich begann, “Pleasant Street”, meinen Lieblings-Tim-Buckley-Song zu spielen. Die meisten Menschen kannten Tim Buckley überhaupt nicht und zeigten keine Reaktion zu dieser Art Musik. Ein über 50 Jahre alter Song begeisterte keinen, und doch spielte ich ihn.

Die Frau, die gerade noch in der Zeitung herumgeblättert hatte, hob plötzlich ihren Kopf, schaute zu mir rüber und wandte den Blick nicht weg, bis ich zu Ende gespielt hatte. Sie kam auf mich zu, kramte aus ihrer Tasche einen Geldschein hervor und warf ihn in meinem auf dem Fußboden liegenden Gitarrenkoffer. Ich stellte erschrocken fest, dass es 20 Euro waren und rief ihr nach, ich könnte so viel Geld doch nicht annehmen. Sie drehte den Kopf um und ihre dunkelrot bemalten Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. “Bitte behalten Sie das Geld. Tim Buckley ist mein Lieblingssänger und ich habe nicht geglaubt, dass es noch Menschen gibt, die seine Musik mögen. Das war gerade eine wunderschöne

Version.“

 

Elf Stunden später - es war kurz vor 18 Uhr und ich stand noch immer in der Eingangshalle am U-Bahnhof und spielte - mittlerweile etwas heiser - stieg dieselbe Frau mit den roten Stöckelschuhen, die mir am Morgen die 20 Euro reingeworfen hatte, aus einem Zug aus. Wenn ich jetzt zurückblicke, glaube ich zu wissen, dass ich mich gleich an diesem Tag in sie verliebt habe, als sie mir in der Menschenmenge am Bahnhof zum ersten Mal auffiel.

 

Jeden Morgen um Punkt 7:20 Uhr betrat sie den Bahnhof, bestellte Kaffee, kaufte die Tageszeitung und wartete auf den Zug, und um 18 Uhr kam sie dann zurück.

Und jeden Tag trug sie dieselben umwerfend aussehenden roten Stöckelschuhe.

Es verging nicht allzu lange bis wir ins Gespräch kamen. Sie war Immobilienmaklerin und arbeitete in einem der lukrativsten Unternehmen der Stadt. Ich erzählte viel von meinem Leben, wie ich zur Straßenmusik gekommen war und wie ich jetzt lebte und sie hörte mir immer so gebannt zu, als würde ich ihr einen Hollywood-Film beschreiben. Unsere Leben hätten unterschiedlicher nicht sein können. Mit der Zeit entwickelten wir eine Art Ritual: ich sang jeden Morgen für sie “Pleasant Street“, wir unterhielten uns, sie überließ mir ihren halb ausgetrunkenen Kaffee und ging dann zur Arbeit. Wenn sie zurückkam, verbrachte sie dann noch fast eine Stunde mit mir in der Eingangshalle des U-Bahnhofs. Manchmal erzählte sie mir von ihrem Tag, von ihrem Job oder von ihren Eltern, manchmal saß sie einfach ganz still da und sah zu, wie ich spielte. Wir verabredeten uns nie außerhalb des Bahnhofs, aber jeder wusste von dem anderen, dass er am nächsten Tag genau dort sein würde.

 

Es war ein regnerischer Februarmorgen. Ich hatte es geschafft, von dem wenigen Geld, das ich mit meiner Musik verdiente und ich nicht für die Monatsmiete und Lebensmittel ausgab, am Vorabend einen wunderschönen roten Kaschmirschal zu kaufen und konnte es kaum noch abwarten, ihn ihr zu schenken. Er würde so gut zu ihren roten Schuhen und schwarzen Haaren passen. Auch wollte ich sie an diesem Abend in ein schickes Restaurant ausführen, es wäre das erste Mal, dass wir uns auch außerhalb der U-Bahnstation treffen würden. Anders als sonst schien sie an diesem Morgen aber etwas abgelenkt und zerstreut, also entschied ich, mit dem Geschenk zu warten, bis sie zurückkam.

 

Punkt 17:30 Uhr traf der Zug ein. Sie stieg ein paar Sekunden später aus und begann sich umzuschauen. Ich lächelte und winkte, doch sie sah mich anscheinend nicht. Und dann ging ein Mann auf sie zu. Er war schlank, trug einen teuren schwarzen Mantel und schwarze Lackschuhe. Bei seinem Anblick leuchteten ihre Augen gleich auf. Der Mann umarmte sie, schlang seine großen Hände um ihre Taille und sie küssten sich innig. Als sie sich umdrehten und ich das Gesicht des Mannes erkannte, konnte ich meinen Augen kaum trauen - es war mein Bruder, mein kleiner Bruder, der früher immer in zerrissenen Jeans und mit grünen Haaren herumlief, mein kleiner Bruder, über den jeder dachte, es würde nichts aus ihm werden.

Ob sie mich sahen, weiß ich nicht. Arm in Arm verließen sie anschließend den U-Bahnhof. Draußen regnete es mittlerweile heftig, mein Bruder öffnete einen riesigen Schirm und hielt ihn schützend über sie.

Ich stand am Ausgang und sah ihnen nach, während der Regen so auf mich einprasselte, dass ich nach ein paar Sekunden schon klatschnass war. Aus der Jackeninnentasche zog ich das Päckchen mit dem Kaschmirschal und warf ihn in eine Mülltonne, die gleich neben einem Laternenmast stand.

 

Vanessa Cuțui

Die Autorin ist Mitglied des Temeswarer Literaturkreises „Stafette“