Rendezvous mit einer alten Dame (IV)

Banater Fußallimpressionen / UTA zwischen gestern und heute

Helmuth Duckadam in Siegerpose Foto: Sportbuch

Laut Bauherr hätte das Stadion schon längst fertig sein müssen. Foto: der Verfasser

Meine Gedanken fliegen wieder in die Vergangenheit zurück. Ich sehe das alte Stadion, in dem ich letztmals am 12. Mai 2001 beim Zweitligaderby UTA – Poli (0:0) saß. Und ich erinnere mich noch ganz genau an das Klubheim beim Stadion und das Rundtischgespräch, das ich als NBZ-Sportredakteur vor 33 Jahren dort im Allerheiligsten der Arader führte, dem Trophäenzimmer, in dem alle Pokale und Meisterwimpel von UTA aufbewahrt wurden. Neben Spielern, Manager und Vorsitzendem war damals auch Nicolae „Coco“ Dumitrescu anwesend, jener Trainer, mit dem UTA die Riesensensation gegen Feyenoord schaffte. Das Rundtischgespräch erschien in der „Neuen Banater Zeitung“ unter dem Titel „Sterne, die über Nacht verglühten“. Treffender könnte die Überschrift auch heute nicht lauten...

Übrigens: Dumitrescu war als Einziger an allen sechs Meistertiteln und zwei Pokalsiegen der Arader beteiligt: Die ersten vier Meisterschaften und die beiden Pokalgewinne errang er als Spieler, die beiden letzten Meistertitel als Trainer. Eine einzigartige Bilanz! Über die Sensation gegen Feyenoord sagte er mal: „Meine Elf hat damals mit Erfolg eine große Prüfung des Willens und des Wunsches bestanden, einen berühmten und gefürchteten Gegner zu bezwingen.“

Das alte Stadion ist verschwunden und an seiner Stelle beginnt ein neues Konturen anzunehmen. Doch bis es fertig ist, muss UTA im Neuarader Motorul-Stadion auf Kunstrasen spielen. Zwischenzeitlich war der Verein für anderthalb Jahre ins Exil gegangen, trug seine Heimspiele im Otto-Greffner-Stadion in Schiria aus, da das Motorul-Stadion renoviert werden musste. Ein Armutszeugnis für eine Stadt wie Arad, in der 1899 das erste Fußballspiel auf dem Gebiet des heutigen Rumäniens ausgetragen wurde und das älteste rumänische Fußballstadion stand.

Mit dem Bau der neuen Arena wurde am 21. Mai 2015 begonnen und er sollte zunächst drei Jahre dauern. Aber daraus wurde nichts. Denn bis heute ist das Stadion wegen Schwierigkeiten mit der Baufirma und Finanzierungsproblemen nicht fertig geworden. Jetzt wird davon gesprochen, dass es in diesem Sommer eingeweiht wird. Es soll eine Kapazität von 13000 Plätzen haben, 33 Millionen Lei kosten und auch ein Hotel mit Restaurant beherbergen. Das neue Stadion wird jenen Namen tragen, den auch schon das alte zuletzt trug: „Francisc Neumann“. Der Baron verstarb 1996 in Florida im Alter von 85 Jahren. Sein Sohn und seine Tochter haben das Stadion nach dem Umsturz in Rumänien zurückerstattet bekommen und überließen es der Stadt Arad – unter einer einzigen Bedingung: Es muss den Namen „Francisc Neumann“ tragen. Die Zuschauerränge mit Überdachung stehen bereits. Zurzeit wird an der Rasenheizung gearbeitet. Und dann folgt die Installation des Flutlichts. Die Masten dafür sind hochgezogen.

Etwas vermisse ich jedoch. Vor dem alten Stadion stand früher die Statue von Josef Petschowszky. Ich drehe mich suchend nach allen Seiten um – und da erblicke ich sie endlich auf der anderen Straßenseite. Sie schaut genau auf den Stadionneubau, als ob sie die Bauarbeiten überwachen möchte.

Petschowszky wurde in der Temeswarer Josefstadt geboren, besuchte dort die deutsche Volksschule. Sein Vater Johann stammte aus der Zips, seine Mutter Rosalia Hack war eine Banater Schwäbin aus Denta. Am 6. Oktober im vergangenen Jahr war sein 50. Todestag. So lange tot – aber unvergessen! Er gilt trotz eines Nicolae Dobrin († 2007), Ilie Balaci († 2018) und Gheorghe Hagi (54) als einer der besten Fußballer Rumäniens aller Zeiten. Auf jeden Fall war er der kompletteste. Denn er spielte während seiner großartigen Karriere auf allen Positionen – vom Torwart bis zum Linksaußen. Was kein anderer schaffte. Petschowszky kickte elf Jahre für UTA, wurde dreimal Meister sowie einmal Pokalsieger mit den Aradern. Kein Wunder, dass ihm der Verein ein Denkmal setzte.

Aber da war doch noch etwas? Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Es handelt sich um den Fairplay-Pokal der ehemaligen Fachzeitung „Sportul“ aus Bukarest. Deren Reporter benoteten bei jedem A-Ligaspiel das Verhalten der heimischen Mannschaft und ihrer Anhänger. Am Saisonschluss bekam der fairste Verein den Fairplay-Pokal „Josef Petschowszky“ überreicht. Der vor zwanzig Jahren verstorbene Ioan Chirilă, den ich in den achtziger Jahren in der Bukarester Redaktion von „Sportul“ kennengelernt habe, schrieb in seinem 1986 erschienenen Buch „Tage und Nächte im Stadion“ über Petschowszky: „In seinem Haus in der Arader Beethoven-Straße 27 befand sich in einer etwa fünf Meter hohen Mauer ein Gitterfenster. Es diente als Belüftungssystem für die Lebensmittelkammer. Jeden Vormittag vor dem Mannschaftstraining übte Petschowszky eine Stunde lang Toreschießen auf dieses Fenster. Die Nachbarjungen prügelten sich, um ihm den Ball für den nächsten Schuss zu bringen.“

Im gleichen Buch erzählt Petschowszkys Mitspieler Johann Reinhardt eine weitere interessante Episode aus dessen Leben: „Mein guter Freund Josef war ein Phänomen, das den Ball magisch anzog. Nicht nur den Fußball. Er war auch ein sehr guter Tischtennisspieler, der, ohne viel zu trainieren, die besten Spieler des Landes mühelos bezwang. Einmal kam er nach dem Fußballtraining zu einer Kegelbahn. Er schnappte sich die schwere und für ihn unbekannte Kugel und bezwang bis auf einen alle anderen Profikegler. Die Kugel verwandelte sich in seinen Händen in einen Fußball. Er spielte auch hervorragend Billiard. Der einzige Ball, mit dem er nicht spielte, war der Rugbyball. Wahrscheinlich, weil er nicht rund war.“

Der bekannte rumänische Fernsehjournalist Aristide Buhoiu beschrieb ihn in seinem Buch „Petschowszky, Meister des Fairplay“ wie folgt: „Er hat nie einen Oscar bekommen, hat nie im Wembley-Stadion gespielt, tanzte nie auf den Mattscheiben der Flimmerkisten und wurde nie zum elrey erklärt. Aber er war einer von uns. Er hatte die moralische Statur von Pelé und Alfredo Di Stefano. Er war einer der komplettesten europäischen Spieler, als sich der moderne Fußball erst zu entwickeln begann. Der Kapitän der rumänischen Nationalmannschaft hat sein Amt mit Würde ausgeübt. Eigentlich war er gar kein Kapitän, sondern ein General!“

Leider ist die Zeit zum Abschiednehmen gekommen. Ich blicke noch einmal ehrfurchtsvoll hinüber zur Bronzestatue von Petschowszky, verneige mich in Gedanken vor dem berühmten Ballzauberer. Tschüss, Großer Meister! Tschüss, UTA!

Diese UTA war im Laufe von Jahrzehnten von allem etwas: alte Dame, Lady und Diva. Aber vor allem war sie einzigartig. Sie stieg hoch und fiel tief. Stand aber immer wieder auf. Sie war Königin und Aschenputtel. Geschichten, die das Leben schrieb...

Wir lassen Stadion und Statue hinter uns. Ob sie mal wieder bessere UTA-Zeiten erleben wird? Die Voraussetzungen dafür wurden geschaffen. In der Winterpause hat man die Mannschaft mit fünf erfahrenen Erstligaspielern verstärkt. Das neue Stadion soll bald fertig sein. Vielversprechende Bedingungen, um den langersehnten Erstligaaufstieg ins Visier zu nehmen. Nächste Spielzeit soll er perfekt gemacht werden. Zuletzt war UTA vor 16 Jahren erstklassig. Lang, lang ist’s her!

Wir gehen vom Stadion zu Fuß ins schmucke Stadtzentrum, kaufen uns unterwegs leckere Grammelpogatschen. Ihr betörender Duft benebelt unsere Sinne. Es riecht nach Heimat. Das Thermometer zeigt 22 Grad. Und das Anfang März. Die Luft schmeckt auch hier nach Frühling. Wir essen zu Mittag im ehemaligen Astoria-Hotel. Dort haben alle großen Siegesfeiern von UTA statt-gefunden. Einst Glanz und Gloria. Alles vorbei! Jetzt heißt das Hotel Continental Forum. Auch hier ist nichts mehr so, wie es einmal war. Das ist der unaufhaltsame Lauf der Zeit.

Als wir aus der Stadt fahren, strahlt die Sonne immer noch vom Firmament. Ich werfe ihr mehrere Kusshände zu. Ein besseres Wetter hätten wir nicht haben können. Danke! Tief in Gedanken versunken frage ich mich: Wann wird die Sonne auch wieder für UTA scheinen? Die Antwort weiß ganz allein der Wind...

(Schluss)