1425 Tage Kindheit im Krieg 

Ein Museum in Sarajevo sammelt Erinnerungen junger Leute

Der Teddybär erlebte den Bosnienkrieg. Nun ist er Exponat einer Ausstellung | Foto: Elise Wilk

„Ich bin zehn Jahre älter als meine Schwester. Wir haben während des Krieges unsere Heimatstadt Sarajevo nicht verlassen. Sie war drei Jahre alt und hatte dauernd Lust auf Spielen. Wir haben viele Tage zu Hause verbracht, im Dunkeln, ohne Elektrizität. Mit dieser Plastikente habe ich meine kleine Schwester unterhalten. Ich habe ganze Shows hinter dem Sofa inszeniert, und die Ente war der bekannteste Star. Jedes Mal habe ich eine andere Geschichte erfunden“. Es sind die Worte von Amira, 1979 geboren. Sie war 12 Jahre alt, als in Bosnien der Krieg ausbrach. Die Plastikente befindet sich nun hinter einer Glaswand in einem der neuesten Museen Sarajevos: das Museum der Kindheit im Krieg (War childhood Museum). 1425 Tage lang hat der Bosnien-Krieg gedauert. Junge Leute, die heute anfang Vierzig oder Mitte Dreißig sind waren Kinder, als Sarajevo von allen Seiten beschossen wurde. Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Krieges sind sie noch stark davon geprägt. Ihre Geschichten erzählt das Museum anhand von Gegenständen, die sie selbst zur Verfügung stellten und dessen Geschichte sie an die nächsten Generationen weitergeben wollen. 

Eine turbulente Geschichte 

Es regnet stark in Sarajevo und es sind gerade einmal fünf Grad. Viel zu wenig für Anfang Oktober. „Wir entschuldigen uns für das Wetter. Vorgestern waren es noch 25 Grad. Da sieht die Stadt ganz anders aus”, meint die junge Frau an der Rezeption. Dann zeigt sie uns auf einer Karte, wo die bekanntesten Sehenswürdigkeiten liegen. Es ist schwer, sich ohne Google Maps zu orientieren (da Bosnien nicht in der EU ist, kosten Roaming und Daten ein Vermögen. „50 Meter von diesem Hotel entfernt hat der Erste Weltkrieg angefangen”, meint die junge Frau. Beim Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 wurden der Thronfolger Österreich-Ungarns Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, bei ihrem Besuch in Sarajevo von Gavrilo Princip, einem Mitglied der serbisch-nationalistischen Bewegung Mlada Bosna(Junges Bosnien), ermordet. Das von der serbischen Geheimgesellschaft Schwarze Hand geplante Attentat in der bosnischen Hauptstadt löste eine Krise aus, die schließlich zum Ersten Weltkrieg führte.

Der Personenwagen Marke Gräf & Stift, Baujahr 1910, in dem Franz Ferdinand und seine Gemahlin saßen, als sie ermordet wurden, steht heute im Heeresgeschichtlichen Museum aus Wien.  Eine Kopie davon steht auch vor dem Museum der Stadt Zagreb, direkt neben der Lateinischen Brücke über den Fluss Save. Hinter dem Museum beginnt schon Baš?aršija, das alte historische Zentrum Sarajevos, früher ein osmanisches Marktviertel mit vielen kleinen Gassen und Marktständen. In alten Zeiten war jede Gasse des Basars einem bestimmten Beruf gewidmet, von Schuhmachern und Schlossern bis hin zu Juwelieren und Töpfern. Heute sind die meisten Werkstätten im Basar in Cafés und Souvenirläden umgewandelt worden. Hier findet man unter anderen Souvenirs, die mit Munition aus dem Bosnien-Krieg hergestellt wurden, Teekannen mit Tito-Fotografien und T-Shirts, die mit der Jugoslavien-Flagge bedruckt sind. In den kleinen Lokalen kann man Ayran trinken und Burek essen oder einen bosnischen Kaffee und eine Baklava genießen. Alle Gassen führen zum Taubenplatz, einem beliebten offenen Platz im Herzen von Baš?aršija. Dort treffen sich die Einheimischen sehr gerne, um sich miteinander zu unterhalten oder um einen Kaffee zu trinken. In der Bar Balkan-Express, wenige Gehminuten von der Altstadt entfernt, hört man jugoslawische Rockmusik und es darf geraucht werden. Im Supermarkt, wo es köstliche Plasma-Kekse zu kaufen gibt, trägt kaum jemand Schutzmaske. Ich google: „Covid in Bosnien” und lese einen Artikel auf Mediafax in dem steht, dass das Coronavirus mehr Opfer gefordert hat als der Krieg. Das Museum der Kindheit während des Krieges  befindet sich  im Gebäude eines ehemaligen Kulturzentrums. Es ist empfehlenswert, besonders für diejenigen, die in den 90er Jahren aufgewachsen sind. Der Bosnien-Krieg war so nahe, und trotzdem fand er für junge Leute aus Rumänien nur im Fernseher statt. Es ist erschütternd, zu erfahren, was andere Kinder damals erlebt haben, nur hunderte von Kilometern entfernt. Jedes Exponat im Museum steht für ein Kinderschicksal im Bosnienkrieg. 

Gegenstände, die Kinder durch den Krieg begleitet haben 

Zum Beispiel ein Notizbuch. Edina, 1984 geboren, erinnert sich dass sie eines Tages von den humanitären Hilfsorganisationen Pakete mit Kleidung und Schulzeug bekam. Darunter auch ein Notizbuch, in dem sie alles zeichnete, was sie sich erträumte zu besitzen- Prinzessinnenkleider, Barbie-Puppen, ein Fahrrad. Später studierte sie Produktdesign und Mode, auch heute zeichnet sie noch Kleider. Auch Dzenita schrieb während des Krieges in ein Notizbuch, es war ihr Tagebuch. „Ich schrieb auf Englisch. So schien es, als ob das Ganze jemand anderem passierte, nicht mir. Jasminko Halilovi?, Gründer des Museums, wuchs im belagerten Sarajevo auf. 1.600 Menschen teilten ihre Erinnerungen mit ihm, die er 2013 in dem Buch „Kindheit im Krieg – Sarajevo 1992-1995“ veröffentlichte. Das ermutigte ihn zum nächsten Schritt: einen Ort für die Erinnerungen der Kriegskinder in Sarajevo zu schaffen. Sein Traum wurde wahr: 2017 öffnete das Museum der Kindheit im Krieg seine Pforten. „Die Geschichte meiner Generation muss erzählt werden“, sagte Halilovi? bei der Eröffnung. Viele Geschichten sind besonders ergreifend. „Wir konnten den Tod fühlen. Mein Bruder ist hinausgegangen, um etwas Gras für unseren Papagei zu pflücken, als ihm ein Scharfschütze direkt ins Herz schoss. Er war nur 10 Jahre alt. Wir konnten nicht einmal zu seinem Begräbnis gehen. Wir konnten das Leben fühlen. Meine Schwester wurde mitten im Krieg geboren. Wir lebten im Keller und konnten monatelang keinen Himmel, keine Sonne, keinen Regen sehen. Meine Schwester hat uns gerettet. Wir haben versucht, zu überleben. Dieser kleine Ofen symbolisiert die Kunst des Überlebens während des Krieges. Mein Vater hat ihn 1993 in Sarajevo gebaut. Wir haben darauf Bohnen, Makkaroni, Reis und Linsen gekocht. Wir haben ihn auch für die Wärme verwendet, wir mussten lauter Bücher und Zeitschriften verbrennen, damit wir warm bleiben.“, erinnert sich Sanja, 1979 geboren.  

„Ich wünschte mir, ihr Lächeln zu besitzen“

Ein anderes Exponat ist ein Brief, mit Kinderhand geschrieben und mit Blumen verziert. „Meine liebe Freundin! Ich hoffe, du magst meine Geschenke. Ich heiße Astrid und bin 7 Jahre alt. Hier ist ein Foto von mir. Ich hoffe, du hattest schöne Weihnachten. P.S. Iss zuerst, was du am meisten magst“. Gleich neben dem Brief kann man die Erinnerung von Leijla, 1983 geboren, lesen: „Im Jahr 1994 erhielten alle Kinder aus Cazin Pakete von der humanitären Hilfe. Ich erinnere mich, wie aufgeregt ich war, als ich eine bunte Schuhschachtel bekam. Drinnen war Kosmetik, Schokolade, Bonbons, Buntstifte, ein gelber Kamm und ein Brief und ein Foto von Astrid. Die Buntstifte habe ich nie benutzt. Ich wusste nicht, wie lange der Krieg dauern wird und ich wollte sie nicht verbrauchen. Ich habe versucht, Astrid zu erreichen, aber leider war ihre Postanschrift nicht komplett. Vielleicht wird Astrid eines Tages dieses Museum besuchen. Das Foto, das sie mir geschickt hat, ist noch immer Teil meines Familienalbums. Zu der Zeit wünschte ich mir, ihr Lächeln zu besitzen. Und ein Schwimmbecken im Garten, so wie sie“. Das Projekt wurde über Bosnien hinaus ausgeweitet.  Die Sammlung des Museums ist gewachsen und umfasst heute persönliche Gegenstände, Geschichten und Videoberichte, die Erfahrungen aus verschiedenen Konflikten und Orten darstellen, von Bosnien-Herzegowina bis Afghanistan, vom Zweiten Weltkrieg bis zum Krieg in Syrien. In Zukunft wird es auch Wanderausstellungen in der EU geben. 

KASTEN

Als Bosnienkrieg wird der Krieg in Bosnien und Herzegowina von 1992 bis 1995 im Rahmen der Jugoslawienkriege bezeichnet. Infolge des beginnenden Zerfalls der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, sowie der damit verbundenen kriegerischen Auseinandersetzungen, besonders in Kroatien, wuchsen in den Jahren 1990 und 1991 auch die Spannungen zwischen den Ethnien in Bosnien und Herzegowina. Während große Teile der serbischenBevölkerung für einen Verbleib in der jugoslawischen Föderation und einen engen Verbund mit Serbienplädierten, gab es insbesondere bei den Bosniaken den Wunsch, einen eigenen unabhängigen Staat zu bilden. Kroaten aus der westlichen Herzegowina wollten sich stärker an Kroatien anlehnen, beziehungsweise sich dem neuen kroatischen Staat anschließen. Die Spannungen eskalierten nach der Ankündigung eines Referendums über die Unabhängigkeit der Republik Bosnien und Herzegovina und der Ausrufung einer bosnisch-serbischen Republik. Nach der internationalen Anerkennung der unabhängigen Republik Bosnien und Herzegowina duch die Europäische Union und die USA am 6.-7- April 1992, begann die militärische Eskalation zwischen den Konfliktparteien. Auch internationale Vermittlungsbemühungen sowie der Einsatz von UN-Truppen konnten über lange Zeit den Krieg nicht eindämmen. Nachdem, durch internationalen und internen Druck, Kroatien seine Teilungspolitik in Bosnien beendete und es Kroatien mit seiner Regierungsarmee im Sommer 1995 gelang, die Republik Serbische Krajina zu erobern und die serbische Seite auch în Bosnien in die Defensive zu bringen, zeigten sich die inzwischen ermüdeten Kriegsparteien, auch unter internationalem Druck insbesondere aus den USA, bereit, ernsthafte Verhandlungen über eine Beendigung des Krieges zu führen. Diese Verhandlungen mündeten Ende 1995 in den Dayton-Vertrag. Mit dem Vertrag wurden die beiden Entitäten Förderation Bosnien und Herzegowina und Republika Srpska als Bestandteile von Bosnien und Herzegovina festgeschrieben. Gleichzeitig wurde eine internationale militärische und zivile Kontrolle des Landes vereinbart, die bis heute anhält. Der Bosnienkrieg forderte etwa 100.000 Tote.

Quelle: Wikipedia