Ein Sammler aus Leidenschaft

Erich Lukas und sein Museum in Seligstadt

Erich Lukas bietet Erklärungen zu seiner ungewöhnlich reichen Sammlung.

Über einhundert Jahre alt ist das Haus, in dem die Sammlungen von Erich Lukas untergebracht sind.

Trotz seines Alters kann der Webstuhl auch heute noch verwendet werden.

Die zahlreichen in der Scheune untergebrachten landwirtschaftlichen Geräte zeugen von der technischen Ausstattung der Landwirte.

Der bemalte Baumstumpf diente vor Jahrzehnten als Bienenstock.

Die Kaffeemühle diente ihrem Zweck in der bekannten Embacher-Konditorei von Fogarasch.
Fotos: Dieter Drotleff

Über 3000 Gegenstände umfasst die Sammlung von Erich Lukas, die er in einem alten, von den Großeltern seiner Frau geerbten Haus in Seligstadt, dieser äußerst abgelegenen Ortschaft im Kronstädter Kreis, thematisch in mehreren Räumen, Schuppen und einschließlich in einer Scheune zur Schau stellt. Sie zeugen von einer Sammlerleidenschaft, wie man sie nur selten antrifft. Dafür wird viel Zeit und auch finanzieller Einsatz geopfert.

Denn das Museum sichert seinem Eigentümer kein Einkommen, das er darin weiter investieren kann. Die gelegentlich da vorbeikommenden Ortsfremden zeigen ihre Begeisterung für die zur Schau gestellten Exponaten, hören aufmerksam den von Erich Lukas gebotenen Erklärungen zu, hinterlassen vielleicht auch eine kleine Spende. Und dabei bleibt es. Denn, zugegeben  - zwar liegt die Ortschaft in einer malerischen Hügellandschaft, doch die 35 km, die man von Fogarasch auf zum Teil einer sehr schlechten Straße bis Seligstadt zurücklegen muss, halten einen von dieser Expedition ab. Nur gelegentlich kommt mehr Leben in das Dorf, das von der Verwaltung her seit der 1968 durchgeführten Reform, wie auch Bekokten, Felmern und Rohrbach, zur Gemeinde Scharosch gehört.

Erstmalig wird Seligstadt in einer Schenkungsurkunde aus dem Jahr 1206 als „Villa Militum“ erwähnt, als König Andreas II. Wolldorf an Johannes Latinus vergab. In einer Urkunde von 1355 wird die Ortschaft dann als Seligenstadt angeführt, die als freie Königsbodengemeinde zur Hermannstädter Provinz gehörte, später dann zum Schenker Stuhl. 1398 wird sie als Zelgerstadt und 1532 als Selygenstadt vermerkt. 1500 gab es in Seligstadt 34 Wirte. Heute sind es, laut der Kirchenevidenz des Kronstädter Kirchenbezirkes, noch sechs Gemeindeglieder (Jahresende 2014). Nicht nur eine sehr geringe Zahl, aber auch der Zerfall ehemaliger Häuser, wobei eines gerade am Vortag unseres Besuches einstürzte, sind nun kennzeichnend für  eine einst blühende sächsische Ortschaft. Weitere Daten kann man auch in der von Erich Lukas verfassten Monographie „Seligstadt, meine Heimat in Siebenbürgen“ einsehen.

Das Vorwort dazu schrieb Dr. Johannes Klein, Pfarrer von Fogarasch, sowie der Kirchengemeinde Scharosch und des Dorfverbandes, zu dem heute sechs weitere Diasporagemeinden aus dem Umfeld zugehörig sind. Der unermüdliche Erich Lukas arbeitet übrigens gegenwärtig auch eine rumänischen Fassung der Ortsmonographie aus. Und wenn das schöne Sommerwetter, wie am Tag unseres Besuches, es erlaubt, hat er Bauarbeiter im Einsatz, die Reparaturen an dem Dach des Hauses, der Schuppen oder Scheune durchführen, damit die Gegenstände seiner Sammlung nicht unter der Witterung zu leiden haben. Seit 50 Jahren geht er seiner Sammlerleidenschaft nach; nach der Wende 1989 eröffnete er sein Museum. Und wie ein ausgebildeter Museumsführer übernimmt Lukas die Führung durch die einzelnen Räume, bietet einem geschichtliche wie auch technische Erklärungen, die oft bis in kleinste Details gehen.

Große Vielfalt an Exponaten
 
Der Kellerraum ist dem Ersten Weltkrieg gewidmet, da die Front nicht weit von Seligstadt verlief. Zudem war sein Urgroßvater Bürgermeister der Ortschaft von 1900 bis 1918. Ein altes Teleskop, eine Kanonenkugel, Kompass, Feldstecher, sogar ein türkischer Paradesäbel, ein Foto mit Königin Maria, die durch ihren Erste-Hilfe-Einsatz an der Front beeindruckte, ein Archivfoto mit General Alexandru Averescu, Sturmlampen sind da zu sehen. Und dann geht es die Stiegen hoch, flankiert von den Gestalten der Sieben Zwerge zu den Sammlungen. Überrascht wird man da anfangs von dem Feldtelefon, auch heute noch voll funktionsfähig,  mit dem er mit seiner Gattin in ihrem modern ausgestatteten Wohnhaus, das etwas weiter liegt, kommuniziert.

Die erste Sammlung ist sicher eine der größten landesweit. Diese umfasst über 500 Kaffeemühlen, verschiedenster Herkunft, Ausführung und Alters. Darunter sind auch selbst erstellte,  die noch von seinem Urgroßvater stammen, der Tischler war. Sammeln konnte er diese von Verwandten, hat hinzu viele auf Flohmärkten in Deutschland gekauft. Dazu gehören zahlreiche Miniaturkaffeemühlen aber auch eine große Kaffeemühle, die in der Embacher-Konditorei von Fogarasch verwendet wurde. Hinzu kommen zahlreiche Pfeffermühlen, Mörser. Man kann auch in der von ihm verfassten Ortsmonographie nachblättern, die da aufliegt.
In Deutschland ist er kommissarischer Vorsitzender der Heimatortsgemeinschaft Seligstadt. Erich Lukas verbringt die kalte Jahreszeit von September bis Ostern in Deutschland, die restlichen Monate hier, wo er sich seinem Museum und den damit verbundenen Arbeiten widmet.

Der zweite Raum umfasst Hausgeräte zur Bearbeitung des Hanfs. Spinnrad, ein Webstuhl, der  die Jahreszahlen 1815, 1886, 1929 trägt. Alles noch betriebsfähig, sodass hier Vorführungen vorgenommen werden können. Wanduhren, Küchen- und Postwagen, Musikinstrumente, ein Grammofon und Platten, Leuchter, alte bemalte sächsische Möbel. Und so wie er betont, kann man die Geschichte in einem Museum an Hand der Exponate am besten erleben.

In einem nächsten Raum werden einem die Blicke von alten Krügen aus Messing, Bierkrüge aus Zinn, alten Schreibmaschinen, kostbares Porzellan angezogen.

Raumeinrichtungen und landwirtschaftliche Ausstattung

Dann geht es in eine alte, voll ausgestattete Bauernküche, in der auch ein alter Kessel zum Brennen von Schnaps steht. Die Stube, die dem täglichen Aufenthalt diente, ist mit Schränken, Betten, Tisch, Ofen wie vor Jahren regelrecht bezugsfähig.

Als nächstes führt uns der Gastgeber in die Schreiner-Werkstatt, in der man alles erforderliche Werkzeug vorfindet. Dieses bis hin zu den Brandzeichen, Flaschenzügen. Und von da gelangen wir in die Schmiede, die mit Blasebalg und sämtlicher Ausstattung versehen ist. Vom Schuppen gelangen wir in die Scheune, die voll mit landwirtschaftlichen Geräten wie Pflüge, Sämaschine, Getreidemühle, Traubenpresse, Reinigungsanlage für Getreide, mechanischer Rechner, Feuerwehrkarren, Säge für Hausgatter, Fuhrwerk, Holzschlitten u.v.a. gelagert ist.

Geöffnet ist das Museum in der Sommerzeit wenn Erich Lukas und seine Gattin in der Heimat weilen. Er nutzt die Zeit aus, um Reparaturen an den Gebäuden und Sammelobjekten vorzunehmen, selbst Exponate zu restaurieren. Das Museum, das  praktisch in zwei Teile gegliedert ist - die Sammlungen bzw. die Haushalts- und Landwirtschaftsgeräte  - kann den Neid so mancher Ethnographiemuseen erwecken, die nicht über eine solche Vielfalt an authentischen Exponaten verfügen. Eine Zusammenarbeit mit dem Kronstädter Ethnographiemuseum, geleitet von Dr. Ligia Fulga, das auch zeitweilige Ausstellungen privater Sammler beherbergt, wäre nicht nur wünschens- sondern auch lohnenswert. So könnte ein Teil der in Besitz von Lukas befindlichen „Schätze“ auch an die breite Öffentlichkeit kommen.

Erich Lukas wurde 1935 in Seligstadt geboren. Seine Mutter stammte von da, der Vater kam aus Schirkanyen. 1949 übersiedelten sie nach Kronstadt im Gebiet des Suburbiu-Bahnhofes und  gehörten der Bartholomäer Kirchengemeinde  an. Da ging er zur Schule, besuchte die Technische Schule für Metallurgie. Noch im Lande widmete er sich auch der Bienenzucht und besaß einen Bienenwagen für die Ausfahrten mit den Bienenstöcken.1980 siedelte er mit seiner Familie aus. In der Bundesrepublik war er bis zu seinem Rentenantritt berufstätig als Meister und Fertigungsleiter. Vor einigen Jahren nahm er wieder auch die rumänische Staatsbürgerschaft an. Die Monate, die er jährlich da verbringt, genießt er voll, widmet sich seinem Hobby, für das er sich aber ein größeres Echo wünscht.