Als würden wir hartnäckig wissen wollen, wer von uns beiden starb

Zu Ana Blandianas Variationen über ein gegebenes Thema

Der Mann ist tot.

Was tut die Dichterin?

Sie schreibt an ihn, für ihn, um ihn.

Sie schreibt obsessiv. Sie wiederholt sich. Sie wiederholt sich nicht. Denn die Gesichter des Schmerzes sind unendlich in ihren winzigen Abweichungen.

Die Form muss sich dem Schmerz unterordnen, der einfach zu groß ist für Überlegungen und Kalkül.

Mit ihrem Gedichtband „Variationen über ein gegebenes Thema“ will die Lyrikerin Ana Blandiana niemandem etwas beweisen.  Ihr Talent, die Dinge auf den Punkt zu bringen, die Eindringlichkeit ihrer Metaphern und die Tiefe ihrer Gedankenspiele hat sie in ihrem umfangreichen Werk längst ausgelotet und von Mal zu Mal neu justiert. In den Variationen erlaubt sich die Autorin ganz persönlich zu sein, sprich: die Trauer über den Tod ihres Mannes ins alleinige Zentrum zu rücken.

Kompromisslos.

Unverbrämt.

Schutz- und schonungslos.

Der Mann ist tot.

Was tut die Frau? Die Dichterin?

Sie erinnert sich an ihn und an sich selbst in Verbindung mit ihm.

An ein Paar, das Paar, eine geistig-seelische Einheit, die bewahrt werden will und muss über den Tod hinaus. Blandianas Buch ist in diesem Sinne als Einspruch zu verstehen gegen den Absolutheitsanspruch des Todes: ein Unterfangen, das eigentlich nur scheitern kann. Was bleibt, sind Bruchstücke, Beschwörungsformeln, Alltägliches, und Spirituelles, eine großzügige Wahrnehmungs- und Empfindungslandschaft , in der die Autorin sich der Gegenwart des geliebten Mannes ein um das andere Mal versichert: Antworten imaginierend, Zeichen deutend.
Die „Variationen über ein gegebenes Thema“ sind, in diesem Sinne, ein atemloses Buch, eine atemlose Lektüre. Kann es sein, dass der geliebte Mensch tatsächlich nicht reagieren wird auf so viel nachgetragene Liebe? Muss er nicht am Ende einfach antworten?

Er wird es nicht.

Und nur die Vorstellung, das Ende könne tatsächlich einen neuen Anfang in einer neuen Dimension bedeuten, gewährt den trotzigen Trost, der notwendig ist, um weiterzumachen, weiter zu schreiben, weiter zu leben:

Mit großem sprachlichem und menschlichem Einfühlungsvermögen hat Ruxandra Niculescu Blandianas Totengesang ins Deutsche übertragen und dabei einen unverwechselbaren Ton gefunden, der die Gedichte auf vielen Ebenen zugänglich macht: als zeitlose Lyrik und als Zeugnis einer Erschütterung, die eine Form finden muss, um nicht an ihr zu ersticken.
In der funktionalen Gesellschaft der Gegenwart, in der Worte wie Liebe oder gar die Seelenverwandtschaft zweier Menschen kaum mehr angedacht werden können, erscheinen Blandianas Gedichte als eindringliche Evokation einer tiefen Form innerer Verbundenheit, die nur dann existieren kann, wenn man überhaupt den Gedanken zulässt, dass Menschen sich kei-neswegs nur auf der materiellen Ebene begegnen. Wo diese Vorstellung grenzenloser geistiger Räume schwindet, braucht es im Grunde nicht einmal mehr des Todes, um sie von-einander zu trennen, denn sie sind es ja schon.

Liebe ist immer auch der Wille zur Liebe und damit die Bereitschaft zum Risiko. Auf Augustinus geht der Gedanke zurück, man könne der Liebe des anderen durch seine eigene Liebe vorauseilen, ihr ge-wissermaßen einen Vertrauensvorschuss gewähren, indem man sich, ohne Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, Wind, Feuer und Sturm aussetzt und dabei wie nebenbei in und an sich selbst deren Wesen erfährt.

Dieses Maßlose, Gefährliche der Liebe schwingt mit in jeder Zeile der Gedichte Blandianas, die einem Mann gewidmet sind, der eine Einsamkeit zu bauen verstand,  in der wir beide Platz hatten.


Erst mit dem Tod beginnt alles.
Aber wir wissen nicht was.
Und deshalb verwechseln wir lieber
das Mysterium mit dem Nichts.
Nur wenn jemand, den du liebst –
ein Teil von dir
die Trennlinie überschreitet
erhellt sich alles blitzartig
und du siehst den Weg
der dort anfängt
und so lang ist
dass du nicht ahnst
wohin er führt –
es zählt nur
dass er von neuem beginnt.