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Aus dem „ganz normalen“ Alltag in Siebenbürgen und anderswo

Kurt H. Binder: „Mixed Pickles – Humoresken und Satiren“

Kurt H. Binder: „Mixed Pickles, Humoresken und Satiren aus dem ‘ganz normalen’ Alltag in Siebenbürgen und anderswo“, Hermannstadt-Bonn, Schiller Verlag, 2018, Broschiert, Cover Glanz, 221 Seiten, 11,80 Euro / 49 Lei + Versand. Bestellung auf www.schiller.ro, ISBN 978-3-946954-43-9

Der Schiller Verlag aus Hermannstadt-Bonn hat im vierten Quartal 2018 mit einer letzten Überraschung aufgewartet: Kurt H. Binders zweites Buch im Jahr 2018. Der Autor, geboren 1933 in Hermannstadt/Sibiu, hat vor wenigen Monaten im selben Verlag seine mit Witz geladenen Limericks publiziert, daher dem lesenden Publikum wohlbekannt. Sein neuer Titel „Mixed Pickles“ ist für den in kulinarischen Angelegenheiten nicht bewanderten Menschen erläuterungsbedürftig. „Gemischtes Eingelegtes“ ist die Übersetzung des aus dem Englischen übernommenen Ausdrucks „Mixed Pickles“. Es ist eine pikante Beilage, bestehend aus verschiedenen Früchten und Gemüseteilen, die mit spanischem Pfeffer und anderen Gewürzen in scharfem Essig eingelegt sind. Erst der Untertitel, fast schon barock anmutend, „Humoresken und Satiren aus dem ‘ganz normalen’ Alltag in Siebenbürgen und anders-wo“, eröffnet dem Leser, dass Kurt H. Binder sich treu geblieben ist, und „Begegnungen als Zufall auf Ebene des Humors“ liefert. Der ganz „normale Alltag“ ist dann doch in Hochkommata gesetzt, denn, was ist bei Kurt H. Binder schon „normal“? Seine Themen entnimmt er tatsächlich dem Alltag, aber die humoristische Brille mit der ganz speziellen satirischen Fassung, durch die er das Geschehene betrachtet, hat Einmaligkeitscharakter. Und doch kann man Parallelen mit einer Größe des Genres herstellen: Ephraim Kishon, dessen Schwerpunkt in der humoristischen Darstellung des israelischen Alltags und seines Familienlebens lag.

Die „Mixed Pickles“ von Binder haben meist Erlebtes aus Siebenbürgen zum Thema, die es schaffen, alle Seiten des Humors vorzuführen und die feine Gratwanderung bis zur Satire zu bewältigen. Bei einem Stammtisch-Treffen von Landsleuten sucht man anhand des Familiennamens den Verwandtschaftsgrad zu finden, und tatsächlich, jedes Mal lässt sich die Verwandtschaft mit der zufälligen Tischnachbarin herstellen. Als es so weit geht, dass laut Stammbaum, Binder feststellen muss, er sei sein eigener Sohn und gleichzeitig sein Urgroßvater, stellt er seine Besuche beim Stammtisch ein (Adam ist überall). Die Literatur ist oft Trägerin und Vermittlerin von erlebter Historie. Das, was Geschichtsbücher nicht unbedingt vermitteln können, so den herrschenden Mangel an Fleischwaren in der dunklen Diktaturzeit der 80er Jahre in Rumänien, wird in einer kurzen bühnenreifen Skizze dargestellt. Als ein Zeitdokument ist Binders Besuch in einem Restaurant an der Schwarzmeerküste zu werten und der Wunsch „Mititei“ zu essen („Die Sache mit den ‘Mititei’“).

Als Nachwort formuliert Runa Verdandi „ein paar Gedanken zu diesem Buch“ und weist auf die „erstaunlich fein differenzierte thematische Vielfalt“ des Buches hin. Der Band ist „über einen längeren Zeitraum zustande gekommen, und ist stets ein Produkt spontaner Einfälle, oft suggeriert von Erlebnissen oder kleinen Konflikten mit Menschen unterschiedlicher Wesensarten“. In vielen seiner Kurzgeschichten sind politische und sozial-geschichtliche Aspekte anzutreffen, die ein buntes Panorama seiner Landsleute, aber auch des Landes, in dem er geboren wurde, zeichnen.In Binders Erzählweise vereinen sich die Satire des rumänischen Kurzprosa-Meisters Ion Luca Caragiale mit der funkelnden Prosa von Gregor von Rezzori. Denn die geistige Heimat Binders ist tatsächlich das utopische Land Maghrebinien. Die sprichwörtliche Gastfreundschaft in Rumänien, wird, laut Binder, „heute noch groß geschrieben; manchmal – sehr groß. (Bedienen Sie sich!). Die nicht aufhörende Aufforderung, sich zu bedienen und zu essen, trägt pantagruelische Ausmaße. Dem Erzähler bleibt nur noch die Möglichkeit, ins Absurde zu entfliehen und somit der übertriebenen Höflichkeit ein Ende zu machen.Als Prolog wird dem Buch ein „dialogisiertes Vorwort“ in Form eines „Interview mit meinem Alter Ego“ vorangesetzt. Und so erfahren wir über Binders Absicht, den Menschen mittels seiner Geschichten nur den Spiegel vorzuhalten, und das Bekenntnis, er sei kein Reporter, sondern Humorist. Seine „Themen liegen auf der Straße“, meint er. „Man ist umgeben von vielfältigen Situationen, und wenn man Augen, Ohren und vor allem seine Seele öffnet, kann so manches Ereignis der Anlass für eine amüsante Geschichte sein!“Binders Humoresken und Satiren sind mehr als „amüsante“ Geschichten, sie sind kleine Meisterwerke des Humors und so reiht sich Kurt H. Binder in die Reihe der großen Erzähler neben Ephraim Kishon und Gregor von Rezzori ein. Wenn seine Kurz-Prosa gute Übersetzer fände, könnte der siebenbürgische Humor Kurt H. Binders weltweit bekannt werden.

 

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