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Drei Festwochen der Weltklassik in Bukarest

Sechs Jahrzehnte nach Erstauflage des Enescu-Festivals steht Rumänien ohne neuen Konzertsaal da

Vladimir Juroswki stellt hohe Anforderungen an sich selbst und seine Mitstreiter auf der Klassik-Bühne. Wer die eigene Vorbereitung ernst nimmt, braucht seinen forschenden Blick nicht zu fürchten. Foto: Matthias Creuziger

Samstagabend, am 31. August laufenden Jahres, ist es soweit: Um 19.30 Uhr eröffnen die Berliner Philharmoniker unter dem Dirigat von Kirill Petrenko in der ausverkauften Sala Palatului im Herzen Bukarests das Internationale Enescu-Festival 2019. Glückliche Konzertbesucher, die eines von 4000 heißbegehrten Tickets reservieren konnten, aber auch Musikfreunde und Repertoire-Kenner aus dem In- und Ausland fiebern dem Ereignis entgegen, das live vom Fernsehkanal Trinitas TV des Patriarchats der Orthodoxen Kirche Rumäniens übertragen werden wird. Zur Eröffnung der diesjährigen Festivalauflage erklingen die Rumänische Rhapsodie Nr. 2 in D-Dur des Namensgebers George Enescu (1881-1955), die wegen ihres strahlenden Hauptthemas in Fachkreisen insgeheim als Landeshymne Rumäniens gehandelt wird und den offiziellen Staatsgesang „Deșteaptă-te, române“ in jeglicher Hinsicht an Optimismus übertrifft, sowie Beethovens Neunte. Marlis Petersen (Sopran), Elisabeth Kulman (Mezzosopran), Benjamin Bruns (Tenor) und Kwangchul Youn (Bass) bestreiten die Soloquartett-Partien letztgenannten Standardwerks, dessen Finalsatz vom Chor der George-Enescu-Philharmonie Bukarest gewährleistet wird. Für die chorische Einstudierung zeichnet der langjährig erfahrene Kapellmeister Iosif Ion Prunner verantwortlich.
Obwohl die Berliner Philharmoniker unter ihrem damaligen Chefdirigenten Sir Simon Rattle bereits 2015 mit Schostakowitschs Vierter Sinfonie zum ersten Mal Gäste des Enescu-Festivals waren, nimmt sich ihr zweiter Aufenthalt in Bukarest dennoch als Premiere aus. Ähnlich seinem Amtsvorgänger wagt auch Kirill Petrenko, künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker mit Beginn der Spielzeit 2019/2020, das schwierige Experiment eines Orchesterabends in der 1960 auf Anordnung von Diktator Gheorghe Gheorghiu-Dej fertiggestellten Sala Palatului. Die dürftige Innenakustik der Kongresshalle sozialistischer Bauweise beherbergt sämtliche 23 Aufführungsabende der Konzertkategorie „Mari Orchestre ale Lumii“ (Große Orchester der Welt) des Enescu-Festivals 2019. Hier werden auch das London Symphony Orchestra unter Gianandrea Noseda, das Orchestre National de France unter Emmanuel Krivine, die Staatskapelle Dresden unter Myung-Whun Chung, das Rumänische Jugendorchester und der blinde Starpianist Nobuyuki Tsujii (Japan) unter Gastdirigent Michael Sanderling, die Osloer Philharmoniker unter Vasily Petrenko, das Sinfonieorchester und der Chor des Rumänischen Rundfunks unter Paul Daniel, das Orchester und der Chor des Maggio Musicale Florenz unter Fabio Luisi, die Sankt Petersburger Philharmoniker unter Yuri Temirkanov, das Vocalconsort Berlin sowie der Chor und das Orchester der George-Enescu-Philharmonie Bukarest unter Lothar Zagrosek und das Königliche Orchester des Concertgebouw Amsterdam unter Tugan Sokhiev und Maestro Mariss Jansons reihum die Künstlergarderoben nutzen. Dem niederländischen Vorzeigeensemble wird heuer zum wiederholten Male die Ehre zuteil, das Enescu-Festival zu beschließen. Der Abschied in die lange Zeitstrecke vor der nächstfolgenden Auflage des alle zwei Jahre stattfindenden Großereignisses geschieht am 22. September mittels Tschaikowskys Sinfonie Nr. 1 in g-Moll op 13. „Winterträume“.

Russisch und weltoffen zugleich liest sich die Handschrift von Vladimir Jurowski, seit 2017 Träger der künstlerischen Gesamtleitung des Festivals. Der gebürtige Moskauer und fließend Deutsch sprechende Dirigent mit dem kühlen Blick etwa eines geübten Scharfschützen ist derzeit Chefdirigent des Berliner Rundfunkorchesters (RSB) und designierter Generalmusikdirektor der Bayrischen Staatsoper München ab der Spielzeit 2012/2022. Am 4. und 5. September 2019 führt er die Orchestermitglieder des RSB auf der Bühne der Sala Palatului an und lässt, gemeinsam mit dem Chor der George-Enescu-Philharmonie Bukarest, den zweiten beider Abende als Darbietung der Dritten Sinfonie in C-Dur op.21 des 1955 in Paris in ärmlichen Wohnverhältnissen verstorbenen Komponisten aufleben. Auch ist unter seiner Leitung am selben Abend Julia Fischer als Interpretin des Violinkonzerts von Johannes Brahms zu erleben. Am 11. September dirigiert Jurowski zudem das Akademische Russische Staatsorchester „Evgheni Svetlanov“ anlässlich einer Aufführung der Zweiten Sinfonie in A-Dur op.17 von George Enescu. Am 12. September wiederum liegt es an Gabriel Bebeșelea, dasselbe Orchester durch Tschaikowskys „Manfred“-Sinfonie zu leiten.

Einem permanenten Vergleich mit Deutschland oder Frankreich hält Rumänien nach wie vor nicht stand. Umso mehr entpuppt sich das Enescu-Festival stets als nach den Sternen greifende Veranstaltung, für die nicht geringe Anteile aus dem international hoch verschuldeten Staatshaushalt Rumäniens bereitgestellt werden. 1958 war die erste Festivalauflage durchgeführt worden, um die klassische Musikwelt von der Ebenbürtigkeit des stalinistischen Rumänien zu überzeugen. Auf der einen Seite steht die Erinnerung an zwei Konzerte der Wiener Philharmoniker unter Herbert von Karajan in Bukarest Mitte September 1964, worauf sich andererseits bald Ceaușescu persönlich einschaltete und die Auflage 1973 auf gerade einmal sieben Tage Festivaldauer beschnitt.

Bukarest steht aktuell erneut in der Kritik, empfängt aber trotzdem nahezu alle großen Namen der Klassik-Szene, die den Abend ihrer Karriere erreicht haben und sich auf wenige Auftritte jährlich beschränken. Mitsuko Uchida bezieht am 21. September im Athenäum Platz am Flügel und leitet das Gustav Mahler Chamber Orchestra als dirigierende Solistin der Klavierkonzerte Nr. 19 in F-Dur KV 459 und Nr. 20 in d-Moll KV 466 von W.A. Mozart. Wer die Orchesterklangwelt Mozarts im heimischen Musikbetrieb allzu oft vermisst, wird bei Mitsuko Uchida sicherlich satt entschädigt werden. Im Klassik-Tempel Rumäniens auf der Benjamin-Franklin-Straße Bukarests gibt auch Gerhard Oppitz einen Klavierabend am 17. September.

Nicht unerwähnt bleiben darf der gleichnamige Wettbewerb des Festivals im Bereich Komposition und den Solowertungen Violine, Violoncello und Klavier, der sich als Pendant zum Tschaikowsky-Wettbewerb Moskau oder gar dem Musikwettbewerb „Prager Frühling“ verstanden wissen möchte. Ob er es auf den Standard des ARD-Musikwettbewerbs oder des Concours de Genčve schaffen wird, ist nicht bloß eine Frage der künstlerischen Leistung der zu ermittelnden Preisträger. Die Intendanz der Stiftung Art Production und der staatlichen Agentur Artexim unter der Leitung von Ex-Berufssänger Mihai Constantinescu ist kein ausreichender Qualitätsgarant. Jeder Ausblick soll auch kritische Rückblicke nach sich ziehen dürfen. Unweigerlich drängt sich die Frage auf, ob es nicht taktisch vertretbar wäre, zwei oder drei Festivalauflagen ausfallen zu lassen und die hierfür gewährten Mittel aus dem Staatshaushalt für Neubauten adäquater Konzerthallen einzuplanen? Aller durchschlagende Erfolg des Enescu-Festivals darf nicht über Rumäniens Mangel an langfristig tragbaren Visionen hinwegtäuschen.
 

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