Ein Tag vierzehn

ADZ-Reihe: Wertvolle Jugendbücher

„Vierzehn“, Tamara Bach, Carlsen Verlag, ISBN 978-3-551-58359-8 ausgeliehen in der Bibliothek des Goethe-Instituts Bukarest, Calea Dorobanți 32/ Pavilion. www.goethe.de/bukarest

„Für dich. Ja, Dich.“ steht auf der ersten Seite, noch bevor der Text beginnt. Dort, wo andere schreiben, „meiner Mutter gewidmet“, oder „für Tanja und Joe“, und du fragst dich, wer das sein mag und wieso der Autor das in ein Buch schreibt, das ja doch an dich gerichtet ist. Weil du es lesen wirst.

Du liest. Und etwas Merkwürdiges passiert, gleich in den ersten Zeilen. Du liest nicht nur, sondern du bist. Schlüpfst rein in dieses Mädchen, von dem du bis zur letzten Seite nicht einmal den vollen Namen kennst. Du denkst ihre Gedanken. Du beobachtest mit ihren Augen. Du wohnst unter ihrer Haut. Vieles ist dir vertraut. Anderes wird dir gleich vertraut sein. Ihre Gedanken sind dir nicht neu.

Ihr Wecker klingelt - eigentlich ist es deiner. Erster Schultag. Blick auf die Fingernägel: Der Lack an der linken ist noch gut. An der rechten an einem Finger abgeblättert. Du gähnst, streckst dich, kratzt dich. Erinnerst dich an einen Traum mit Elefanten. Es ist eine komische Sprache, mit der du diesen Tag beginnst. Jeder Satz zieht dich mehr in die Geschichte hinein. In deine Geschichte.

Erster Schultag. Bus. Schulhof. Mathe, Englisch, Deutsch. Es gibt eine Neue in der Klasse, sie sitzt ausgerechnet neben dir. Sie hat einen komischen Namen, denkst du. Maxima. Und dann: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Die beiden Emmas stecken die Köpfe zusammen und kichern. Wie immer. Hannah hasst Mathe und simuliert. Du sollst sie ins Krankenzimmer begleiten. Sie ist sauer, dass es nicht Jeanette ist, die mitgehen darf. Du beneidest Hannah und Jeanette um die Klassenfahrt, auf die du nicht mit konntest, weil du krank warst. 
Du bist vierzehn.

Kunststunde. Diaschau. Grüne Häuser, ein ganzes Dorf mit Efeu überwachsen. Dann ein verlassenes Kino. Leere Mülltonnen in der Landschaft, umgekippt. Ein Fenster mit einer verblassten roten Plastikblume in einer Vase. Thema für eine Studie: Was haben diese Orte gemeinsam? Du notierst etwas. Hannah stößt dich an. Was schreibst du da? Hat die gesagt, wir sollen etwas schreiben? Du schiebst ihr den Block hin, weil du weißt, dass sie ja doch keine Ruhe geben wird. Hausaufgabe: Ihr sollt fotografieren. Verlassene Orte, die einmal für viele Menschen, Geselligkeit oder so, gedacht waren. 

Nach der Schule: der Hund. Erst Papa. Dann Mama. Du erlebst das alles wie ein Zuschauer. Wie jemand, der in deiner Haut durch ein fremdes Leben fährt.  Beobachtest. Knipst jedes Detail mit dem inneren Auge. Die Bilder werden zum Film. Zeitlupe, Zeitraffer. Das noch leere blaue Zimmer bei Papa. Es fügt sich zum Stimmungspuzzle. Manchmal sagst du nicht alles, was du denkst. Fühlst dich dann besonders schlau. Ist es nicht so? Gefühlsbäder. Wie ein Schwimmer bist du mal über, mal unter Wasser. Mal lässt du dich treiben in deiner Beobachterhaut. 

Du erlebst viel. Aber keine Abenteuer. Dein Alltag füllt trotzdem das Buch. In deinem Leben gibt es auch solche verlassenen Orte... 

Bevor du nach Hause kommst, wirst du geküsst! Die Mama ist schon da und hat leckere Sachen eingekauft: Hummus, Käse, getrocknete Tomaten, gefüllte Weinblätter. Du stellst ihr ein Weinglas hin. Vor dem Schlafengehen knipst du das Arbeitszimmer deines Vaters. Du hast geweint. Du nimmst die Karte, die Anton dir geschrieben hat, schon vorgestern, am Samstag. Mit Elefanten drauf. Du stellst sie aufs Nachtkästchen, bevor du das Licht ausknipst. Wie konnte er wissen, dass du Sonntagnacht von Elefanten träumen würdest?

„Vierzehn“. Will man dieses Buch beschreiben, muss man aufpassen, dass man es nicht zerschreibt. Die zart gewobenen Fäden aus  scheinbar locker hingestreuten Worten nicht zerreißt. Nicht zu viel verrät - wobei es eigentlich gar nichts zu verraten gibt. Die Bilder entstehen beim Lesen zwischen den Zeilen.  

„Wie Tamara Bach durch Weglassen eine Geschichte ausfüllt und alle paar Seiten Formulierungen auslegt, die man als Leser aufheben und nicht mehr hergeben möchte, ist Literatur vom Feinsten, lakonisch, ironisch und liebevoll“, verrät der Klappentext. Das Besondere an diesem Buch ist nicht nur die Sprache, sondern auch das Wechselspiel zwischen Intensität und Distanziertheit, das einen unvermittelt in ein fremdes Leben hineinreißt. Egal ob man vierzehn ist, oder vierunddreißig - oder vielleicht sogar achtzig.

Am Ende ist nur ein Tag vergangen. Aber du – du hast ihn erlebt! Du legst das Buch weg, das du in einem Atemzug verschlungen hast. Gibst die fremde Haut zurück. Bist wieder zurück in deiner eigenen. Immer noch vierzehn? Für einen Tag warst du es wirklich.


Tamara Bach wurde 1976 in Limburg an der Lahn geboren und wuchs in Ludwigshöhe, Rheinland-Pfalz auf. 1993 und 1995 nahm sie am renommierten „Treffen Junger Autoren“ teil, auf dem sie ausgezeichnet wurde. 1996 begann sie in Mainz zu studieren, nach drei Semestern wechselte sie nach Berlin, wo sie heute lebt. Sie studierte an der Freien Universität Deutsch und Englisch auf Lehramt, arbeitete nebenbei für das Fernsehen und entwickelte Jugendtheaterstücke. Ihr erstes Buch, „Marsmädchen“, wurde 2002 mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet, 2004 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Insgesamt hat sie acht Jugendbücher verfasst: „Marsmädchen“, „Busfahrt mit Kuhn“, „Jetzt ist hier“, „Was vom Sommer übrig ist“, „Marienbilder“, „Vierzehn“, „Mausmeer“ und „Wörter mit L“.


Die Monatliche ADZ-Reihe „Wertvolle Jugendbücher“ möchte Kinder und Jugendliche zum Lesen in deutscher Sprache anregen. Die hier vorgestellten Bücher sind in den Bibliotheken des Goethe-Instituts auszuleihen.

 

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