Gennadij der Wunderbare als Iwan der Schreckliche

Der russische Meisterdirigent Roschdestwenskij beim Enescu-Festival in Bukarest

In der Reihe „Große Orchester der Welt“ des diesjährigen Internationalen Musikfestivals „George Enescu“ in Bukarest bildet die russische Musik einen besonderen Schwerpunkt.

Im Eröffnungskonzert mit der Den Haager Philharmonie „Residentie Orkest“ erklang Schostakowitschs Zehnte Sinfonie, das London Symphony Orchestra interpretierte eine Woche später zusammen mit der Menuhin-Schülerin Nicola Benedetti Glasunows Violinkonzert und es hätte sehr verwundert, wenn der St. Petersburger Dirigent Walerij Gergijew zu Beginn dieser Woche ohne Werke russischer Komponisten im Gepäck nach Bukarest gekommen wäre: das Sinfonieorchester des Mariinskij Theaters brachte unter seiner Leitung im Großen Saal des Palastes Skrjabins sinfonische Dichtung „Prometheus“, Schtschedrins „Naughty Limericks“ und Mussorgskijs „Bilder einer Ausstellung“ in der Orchesterfassung von Maurice Ravel zur Aufführung.

Einen glanzvollen Höhepunkt in dieser ohnehin illustren Konzertreihe des diesjährigen Enescu-Festivals bildete der Auftritt des russischen Meisterdirigenten Gennadij Roschdestwenskij. Auch er widmete sich in seinem Programm der russischen Musik: Gemeinsam mit russischen Gesangssolisten, mit dem Chor und dem Orchester der Philharmonie „George Enescu“ sowie dem Kinderchor des Rumänischen Rundfunks interpretierte er Sergei Prokofjews Werk „Iwan der Schreckliche“.

Außerdem brachte er zusammen mit seiner Ehefrau, der weltberühmten Pianistin Viktoria Postnikowa, Prokofjews erstes Klavierkonzert in Des-Dur (op. 10) zu Gehör. Als Hommage an den großen rumänischen Komponisten und an das nach ihm benannte Festival eröffnete er sein Konzertprogramm mit George Enescus sinfonischer Dichtung für Sopran, Tenor, Chor und Orchester „Vox Maris“ (op. 31).

Es war allein schon ein Genuss, dem russischen Altmeister der Dirigierkunst, der lange Jahre künstlerischer Direktor des Moskauer Bolschoi-Theaters gewesen war, bei der Interpretation der von ihm zur Aufführung gebrachten Werke nur zuzuschauen. Bekleidet mit einem weißen Jackett und, wie gewohnt, nicht erhöht auf einem Podest, sondern mitten im Orchester stehend, strahlte er eine unglaubliche Präsenz aus, die er mit seinem langen Dirigierstab optisch noch effektvoll unterstrich.

Seine präzise, ungemein wache und von jedem einzelnen Musiker höchste Aufmerksamkeit fordernde Dirigiersprache trug dazu bei, dass eine musikalische Darbietung von höchster Konzentration entstand, zu deren bemerkenswerter Qualität nicht zuletzt auch intensive Vorbereitungen der Sänger und Instrumentalisten beigetragen haben mochten. Jedenfalls durfte sich das Orchester der Philharmonie „George Enescu“ aufgrund der mitreißenden Gegenwart von Gennadij Roschdestwenskij durchaus und mit vollem Recht in der Festivalreihe „Große Orchester der Welt“ hören lassen.

Dies wurde bereits im Eröffnungswerk des Konzertabends, in Enescus sinfonischer Dichtung „Vox Maris“, deutlich. Das dreiteilige, in einem Satz dargebotene Werk im Stile spätromantischer Programmmusik schildert Ausbruch, Klimax und Verebben eines Sturms, dessen Wüten ein Seemann (Solotenor: Marius Vlad Budoiu) zum Opfer fällt.

Beeindruckend waren an der Darbietung dieses an eine Opernszene gemahnenden Werkes nicht nur die Leistungen der Bläser, zum Beispiel die kraftvollen Glissandi der Posaunen, sondern auch das perfekt agierende Schlagwerk des Orchesters, das außerdem eine Windmaschine wiederholt zum Einsatz brachte. Die Tenorsoli, das Sopransolo „Miserere, Domine!“ und der mehrfache Aufschrei des Chores rundeten den gewaltigen Eindruck dieses dramatischen Eröffnungswerkes kunstvoll ab.

Das zweite Werk, das an diesem Abend dargeboten wurde, war Prokofjews erstes Klavierkonzert, ebenfalls ein dreiteiliges Werk in einem Satz. Die Solistin Viktoria Postnikowa, deren Aufnahmen sämtlicher fünf Klavierkonzerte Prokofjews große Bekanntheit erlangt haben, interpretierte das der Form einer Sonate nachgebildete Klavierkonzert kraftvoll und mit starker Hingabe an seine Rhythmik. In der vom Publikum geforderten Zugabe zeigte sie, dass sie nicht nur gekonnt eines harten Anschlags fähig ist, sondern den Konzertflügel auch subtil mit weichem Anschlag zu feinstem Gesang im Pianissimo zu beseelen vermag. Das Publikum jedenfalls verharrte, gebannt lauschend, in atemloser Stille.

Der zweite Teil des Konzertabends war einem Oratorium gewidmet, das ursprünglich eine Filmmusik war. Sergei Prokofjew hatte die Musik zu Sergei Eisensteins zweiteiligem Film „Iwan der Schreckliche“, dessen erster Teil von Stalin gelobt, dessen zweiter Teil jedoch vom sowjetischen Diktator mit einem Aufführungsverbot belegt wurde, in den Jahren 1942 bis 1946 komponiert.

Abram Stasewitsch, der Dirigent der Filmeinspielung, arrangierte später jene zwanzig Episoden der Filmmusik zu einem Oratorium aus siebzehn Szenen, die von ihm zum Teil in veränderter Reihenfolge angeordnet wurden. Dieses monumentale Werk ruft nicht nur ein volles Orchester, mehrere Chöre und Gesangssolisten (Mezzosopran: Larissa Diadkowa; Bariton: Alexej Tanowitski), sondern auch einen Erzähler (Igor Tschernewitsch) auf den Plan, der das Publikum in russischer Sprache (im Bukarester Großen Palastsaal mit rumänischen Seitentiteln) durch das Leben des russischen Zaren Iwan IV. mit dem Beinamen „der Schreckliche“ führt.

Für eine besondere Überraschung sorgte der Dirigent Gennadij Roschdestwenskij damit, dass er selbst den Sprechpart Iwans des Schrecklichen übernahm, und dies auch noch auf derart formvollendete Weise, dass man sich als Zuhörer an die Rezitationskunst des japanischen Bunraku erinnert fühlte. So wogte das geschichtliche und künstlerische Geschehen im Großen Saal des Palastes zwischen den Gesangssolisten und den Instrumentalisten, den Frauen-, Männer- und Kinderchören, dem Erzähler und dem Dirigenten hin und her, der sich selbst abwechselnd dem Publikum zu- und wieder von ihm abwandte.

Für diejenigen, die das Prokofjewsche Monumentalwerk bis ganz zum Ende auf sich wirken ließen und nicht, zum Spätabendkonzert des Festivals im Athenäum überstürzt aufbrechend, vorzeitig in Scharen davon hasteten, wird diese Aufführung unter Leitung des russischen Meisterdirigenten Gennadij Roschdestwenskij sicher als unvergessliches Erlebnis im Gedächtnis haften bleiben.

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