Herrscher auf Lebenszeit – an bedingungslosen Gehorsam gebunden

Neue Erkenntnisse aus dem „fabelhaften osmanischen Archiv von Istanbul“ über die Herrschaft Brâncoveanus

Prof. Mihai Maxim, Experte für osmanische Archive

Fürst und Kirchenstifter Constantin Brâncoveanu mit Ehefrau Maria, den vier Söhnen und sieben Töchtern (Votivbild der Klosterkirche von Horezu)
Fotos: George Dumitriu

Als Verteidiger des Christentums gegen den Islam und großer Kirchenstifter, aber auch als Förderer von Bildung, Kunst und Kultur ist Constantin Brâncoveanu (1654-1714) für viele ein Meilenstein in der rumänischen Geschichte. Nicht nur gelang es ihm, sich in turbulenten Zeiten 26 Jahre lang auf dem Thron zu halten – die längste Herrschaft eines Woiwoden der Walachei. Sein Name steht auch für Frieden und Wohlstand in Zeiten, in denen das Land unter dem Joch des Osmanischen Reichs litt und der Hohen Pforte in Istanbul tributpflichtig war. Ränkespiele unter machthungrigen Konkurrenten und hinterlistige Vorstöße beim Sultan zum Zweck der Verleumdung oder des „Kaufs“ eines Thronwechsels – oft durch die eigenen Brüder – standen damals an der Tagesordnung. Doch selbst Brâncoveanus unrühmliches Ende – von den Türken des Verrats bezichtigt und mitsamt seinen vier Söhnen geköpft, die Leiber achtlos in den Bosporus geworfen – brachte ihm noch Verehrung als Märtyrer ein, die 1992 mit seiner Heiligsprechung durch die orthodoxe Kirche ihren Höhepunkt fand.

Kein Wunder, dass der Name Constantin Brâncoveanu noch heute Faszination auslöst. Doch wer war dieser Herrscher wirklich? Wie sah die Gratwanderung seiner Beziehungen zu den muslimischen Unterdrückern aus? Wie der wirtschaftliche Alltag der Walachei, den hohe Tributzahlungen und ständige Forderungen eines nimmersatten Sultans prägten, der damit sein Heer und seine militärischen Vorstöße finanzierte. War der friedliebende Brâncoveanu Held oder Feigling, überzeugter Glaubensverteidiger oder stolzer Kirchenbautenstifter, geschickt in Handel und Vermögensvermehrung oder geldgierig, despotischer Herrscher oder weiser Diener seines Landes und Volks?
Einer, der diese Fragen zumindest teilweise beantworten kann, ist Prof. Mihai Maxim, Turkologe, Professor an der Fatih-Universität von Istanbul, Gründer des Zentrums für türkische Studien „Dimitire Cantemir“ und Ehrenmitglied der Türkischen Akademie. Über 200 Dokumente studierte der rumänische Historiker und Philologe im Laufe seiner Karriere zu Brâncoveanu, die er in bisher sieben Bänden veröffentlichte und ausführlich kommentierte. Der achte liegt vor uns auf dem Tisch: „Brâncoveanu und die Hohe Pforte. Neue Dokumente aus den Türkischen Archiven (I)“; Teil II soll noch dieses Jahr folgen. Am 28. März stellte der Wissenschaftler sein jüngstes Werk im Bukarester Kulturhaus „Friedrich Schiller“ auf der gleichnamigen Konferenzdebatte, organisiert von Aurora Fabritius, einem interessierten Publikum vor. Mit ihm diskutierten Dr. Ionel Cândea, Historiker, Direktor des Stadtmuseums „Carol I.“ in Br˛ila und des dazugehörigen Verlags Istros, in dem das Buch erschienen ist, sowie sein ehemaliger Student, Prof. Bogdan Murgescu, der sich auf historische Wirtschaftsbeziehungen spezialisiert hat.

Logistische Herausforderung unter latenter Bedrohung

„Ich bin immer bewegt, wenn ich über Brâncoveanu vortrage“, gesteht Mihai Maxim und beginnt, von dem „fabelhaften osmanischen Archiv in Istanbul“ zu schwärmen, mit geschätzten 150 Millionen Dokumenten. Der vorgestellte Band befasst sich mit 20 neuen Schriftstücken aus diesem Archiv, die sich auf die Herrschaft und Exekution Brâncoveanus beziehen. Doch der Forscher dämpft aufkommenden Enthusiasmus: „Ich nehme nicht die Position der Kirche ein, ich schwärme nicht und verurteile nicht, sondern erkläre im Licht der Dokumente, ohne Pathos oder Begeisterung – ich bin schließlich Wissenschaftler. Das habe ich auch schon mal dem Patriarchen erklärt.“ Was also bringt der Band Neues? Müssen wir unser bisheriges Bild des Woiwoden über den Haufen werfen?

Dies keinesfalls, versichert der Turkologe. Vielmehr verdichtet sich das vorhandene Puzzle um eine Vielzahl neuer Steinchen: „Meiner Beurteilung nach ist Brâncoveanu der in den türkischen Archiven meisterwähnte rumänische Herrscher, nicht zuletzt dank seiner langen Herrschaft.“ Was ihn prägte, waren die Kämpfe zwischen den christlichen Mächten und dem osmanischen Reich nach dem gescheiterten Sturm der Türken auf Wien 1683. Für die Walachei brachte dies die permanente Notwendigkeit einer Mobilisierung von Personal, wirtschaftlichen Gütern und Geldern für die osmanischen militärischen Kampagnen mit sich, die allerdings von den obligatorischen Tributzahlungen abgezogen wurden. Zwischen 1695 und 1697 erreichten den Woiwoden täglich nicht weniger als 24 Forderungen zur Lieferung von bestimmten Produkten – eine logistische Herausforderung, der umgehend nachgekommen werden musste. Und eine latente Bedrohungssituation, denn der Sultan bereitete einen neuen Feldzug gegen die Habsburger vor – gegen das christliche Europa.

„Geliefert werden mussten Lebensmittel, Hanf, Gefäße und vieles mehr. Und jede Verzögerung konnte umgehend den Thron kosten“, erklärt der Turkologe. Umso bemerkenswerter erscheint daher ein Dokument der Hohen Pforte, das Brâncoveanu im Zuge einer Reform 1695 den Thron auf Lebenszeit verleiht. Im Klartext bedeutete dies, dass sich die walachischen Bojaren fortan mit ihren Anliegen statt an die Hohe Pforte direkt an ihren Herrscher wenden mussten. Womit den Ränkespielen der Cantacuzinos ein Ende bereitet war. Der erbitterte Machtkampf zwischen den Cantacuzino-Brüdern und ihren Widersachern, den Leurdeni, geht ebenfalls aus den osmanischen Dokumenten hervor, erklärt Maxim – und relativiert sogleich die neue Machtposition des Woiwoden: Denn freilich war dieses Zugeständnis an die Pflicht zu bedingungslosem Gehorsam gebunden. Dennoch waren die Handlungen der Hohen Pforte niemals willkürlich, betont er. Für alles gab es ein Gesetz und in jedem Dokument war eine rechtliche Grundlage zitiert.

Fragiles Gleichgewicht

Aus zahlreichen Dokumenten erschließen sich Details aus dem wirtschaftlichen Leben unter der Herrschaft Brâncoveanus: In einem wird erstmals die Existenz von Maiskulturen auf dem Gebiet der Walachei attestiert, damals bekannt unter dem Begriff „türkischer Weizen“. Ein anderes verweist auf eine Pferdezucht Brâncoveanus in San Stefano sowie auf eine 6580 Quadratmeter große Artischockenkultur, deren Bewässerung eine 13,5 Kilometer lange Leitung sicherte. Ausgeschlossen, dass diese Menge Artischocken nur der Versorgung der Fürstenfamilie diente, folgert der Experte. Wahrscheinlich waren sie als Exportgut für den Heilpflanzenmarkt gedacht.

Prof. Murgescu fasst zusammen: Brâncoveanu war ein guter Verwalter, ausgeglichen, weder geizig noch verschwenderisch. Das Fürstentum funktionierte und die Steuerreformen, die zugunsten des Wirtschaftswachstums durchgeführt wurden, waren von Erfolg gekrönt. Trotz ständiger Abgabepflichten an die Hohe Pforte gelang es Brâncoveanu, ein stattliches Vermögen zu erwirtschaften, was letztlich auch zu seinem Fall beigetragen haben mag.
Dass das fragile Gleichgewicht mit den osmanischen Unterdrückern einmal ins Wanken geraten könnte – das hatte auch der Woiwode einkalkuliert und stets versucht, sich in Siebenbürgen einen Rückzug zu sichern. Die Hohe Pforte hingegen rechnete ständig mit einem möglichen walachischen Aufstand, wie Dokumente aus 1703 verrieten. Darin wurden Maßnahmen zur Überwachung Brâncoveanus und zur Verhinderung seiner Flucht angeordnet. Mehrere Befehle in dieser Hinsicht gingen an die Fürsten in Vidin und Adrianopol (heute Edirne). „Dies zeigt, wie akribisch die Osmanen alle Risiken einkalkulierten“, bemerkt Maxim und fügt an, sicher sei auch Brâncoveanu über jeden Schachzug der Hohen Pforte bestens informiert gewesen.

Verrat und Hinrichtung

Auch über das Ende Brâncoveanus erfahren wir einiges: „Ich bin zu Fuß durch Istanbul gestreift, um den Ort der tragischen Enthauptung zu lokalisieren“, erzählt Maxim. Nach seinen Recherchen in mehreren Dokumenten und Bibliotheken soll dieser genau vor dem Sitz der heutigen Handelskammer liegen. Erklärend fügt er an, dass das Gebiet des Topkapi-Palasts früher bis zum Bosporus hinunterreichte. Die Puzzlearbeit zur Erforschung der genauen Hintergründe der Exekution dauert an: „Ich fand ein Dokument über den Immobilienbesitz des moldauischen Prinzen Dimitrie Cantemir in Ortaköy – in unmittelbarer Nachbarschaft zum späteren Wesir Ali Pasha, der die Verhaftung und Enthauptung von Brâncoveanu angeordnet hatte! Unmöglich, dass dies nur ein Zufall sein soll“, gibt Maxim zu bedenken.
Schriftstücke berichten über die Inventarisierung der Gegenstände, die der Fürst und seine Söhne bei der Exekution am Leib trugen. Anschließend wird Brâncoveanus Vermögen in der Walachei konfisziert. Die Inventarliste hatte Maxim bereits 1995 eingesehen: „Ich hatte einen Schock beim Anblick dieser Lawine an Gütern, Schätzungen und Wechselkursen – welch ein unermesslicher Schatz!“ gesteht der Turkologe. „Und neben all diesen interessanten Details waren auch die Namen der Verräter (Informanten) angeführt.“

Maria, die starke Frau im Hintergrund

Auch andere Besonderheiten fördern die Dokumente zutage. So gibt es zwei Schriftstücke im Archiv, in denen Brâncoveanus Ehefrau Maria (Marica) erwähnt ist. In einem schreibt sie 1706 persönlich an den Kaiserlichen Diwan, rechtliche Instanz im osmanischen Reich. Interessant ist, dass sie darin ihren Ehemann oder ihre Position als Fürstin in keinster Weise erwähnt. Inhaltlich eröffnet sie, praktisch als Privatperson, einem säumigen, nicht-muslimischen, griechischen Schuldner in Istanbul den Prozess. Nicht ungewöhnlich war, dass sich auch Frauen in Rechtsstreitigkeiten – meist Erb- und Schuldfragen – in eigener Sache an den Diwan wandten. Zudem schien Maria Brâncoveanus Gebaren in Anbetracht ihrer Abstammung aus einer Familie begüterter griechischer Händler relativ normal. Der Diwan hingegen war dafür bekannt, derartige Fälle – übrigens auch Scheidungsanträge – rascher und effizienter zu lösen, als die christlich geprägten, kirchlich verflochtenen Instanzen im eigenen Land. „Wir haben es hier mit der ältesten Intervention einer walachischen Fürstin am Kaiserlichen Diwan zu tun“, kommentiert Maxim.

Doch noch etwas könne man aus dem Vorgang herauslesen: ihren unternehmerischen Geist, der sich gut mit dem ihres Ehemannes trifft. Beide Dokumente – in dem zweiten geht es um einen Rechtsstreit zu walachischem Landbesitz im Umfeld von Istanbul – erhärten die These über die Rolle der Fürstin als starke Frau im Hintergrund ihres Mannes. Ihre Bedeutung für die Walachei zwischen 1688 und 1728 soll sich mehrfach bestätigt haben. Nicht zuletzt waren auch ihre Bemühungen, nach Brâncoveanus Hinrichtung 1714 walachische Truppenreste aus dem osmanischen Reich zurückzuholen und bedeutende Teile des Familienvermögens vor der Konfiszierung zu retten, von Erfolg gekrönt, merkt Maxim an. Die türkischen Archive sind ein unfassbarer Schatz für die Erforschung der Geschichte der Walachei sowie der Moldau. Dank diesen ist auch die Geschichte von Br˛ila – 1538 vom osmanischen Reich annektiert – relativ gut erforscht. Im Stadtmuseum ist eine Reihe an Dokumenten einzusehen – eine Spende von Prof. Maxim, ergänzt Cândea. Unter anderem informiert eine Volkszählung aus 1570 ausführlich über die demografische und wirtschaftliche Entwicklung der ländlichen Bevölkerung: landwirtschaftliche Kulturen, sämtliche Wohnhäuser, Familien, Pfarrer, Steuern, gestaffelt nach Vermögensstand. Weitere Volkszählungen sind für 1597-98 in über 50 Dörfern und 1647 in der Stadt Br˛ila dokumentiert. „Das vorliegende Buch richtet sich vor allem an meine Studenten“, schließt Prof. Maxim. Neben dem eigentlichen Inhalt der in Originalsprache und Übersetzung aufgeführten Dokumente und umfassenden Anmerkungen des Autors liefert es jedoch auch dem interessierten Laien so manchen spannenden Einblick in den Mechanismus der rumänisch-osmanischen Beziehungen jener Zeit.


Mihai Maxim: „Brâncoveanu şi Înalta Poartă. Documente noi din arhivele turceşti (I)”, Editura Istros, Muzeul Municipal Brăila „Carol I“ 2016, ISBN 978-606-654-200-5 und ISBN 978-606-654-199-2.