Musik als Tanz

Am vergangenen Freitag fand im Bukarester Athenäum das letzte Konzert der Philharmonie „George Enescu“ in der Saison 2018/2019 statt. Auf dem Programm standen zwei der populärsten Werke der sinfonischen Musik des 20. Jahrhunderts: die 1924 in New York erstmals aufgeführte Komposition für Klavier und Orchester „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin und das 1937 in Frankfurt am Main erstmals aufgeführte Oratorium „Carmina Burana“ von Carl Orff.

Beide Werke beschritten in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts musikgeschichtlich neue Wege. George Gershwin versuchte mit seinem „Experiment in moderner Musik“ – so das Motto des Uraufführungskonzertes –, Jazz und konzertante Sinfonik miteinander zu verbinden; Carl Orff bemühte sich mit seinen „Weltlichen Gesängen für Sänger und Chöre“ – so der Untertitel des Oratoriums –, im Rekurs auf archaisch wirkende Harmonik und wuchtige Melodik sowie im Rückgriff auf mittellateinische bzw. mittelhochdeutsche Texte moderne musikalische Effekte zu erzeugen; und beide Kompositionen begeistern nach wie vor durch ihren tänzerischen Charakter und ihre mitreißende Rhythmik.

Eröffnet wurde das Saisonabschlusskonzert im Bukarester Athenäum mit George Gershwins „Rhapsody in Blue“. Das vollkommen in Schwarz gekleidete Orchester füllte die Athenäumsbühne gänzlich aus, deren ohnehin beschränkter Raum durch den Steinway-Flügel, an dem der Klaviersolist Daniel Goiţi seinen Platz hatte, noch weiter eingeengt wurde. Mit dem Pianisten zusammen betrat der Dirigent des Abends die Bühne, der sichtlich gealterte, aber innerlich jung gebliebene und immer zu Späßen aufgelegte Ilarion Ionescu-Galaţi, der zur Abwechslung einmal ganz in Weiß gekleidet war: vielleicht als Anspielung auf die Broadwaywelt, der die „Rhapsody in Blue“ entstammt; oder, eingedenk des tänzerischen Charakters der folgenden Kompositionen, als modisches Zitat der Kleidung von Tänzern, des weißen Anzugs eines Fred Astaire, John Travolta oder Michael Jackson; oder auch nur als Ausdruck der Nonchalance, der Leichtigkeit oder gar der Exklusivität.

Dem Dirigenten Ilarion Ionescu-Galaţi gelang es bei diesem letzten Konzert der Saison, das Orchester der Philharmonie „George Enescu“ zu neuen, ungewohnten, verblüffenden, teilweise auch humoristisch wirkenden Klangeffekten zu inspirieren und so die Spannung in diesem potpourriartigen Werk permanent aufrechtzuerhalten, nicht im Sinne einer kontinuierlich wachsenden Spannungskurve, wie sie Werken der klassischen Musik eignet, sondern eher in dem Sinne, dass das Publikum beim Zuhören ständig auf neue Klangmischungen, innovative Instrumentverwendungen oder überraschende musikalische Momente lauerte, angefangen vom berühmten Klarinettenglissando am Beginn der „Rhapsody in Blue“ bis hin zu diversen Bläserstellen und Passagen des Schlagwerks im weiteren Verlauf der Komposition. Daniel Goiţi brillierte vor allem in den Kadenzen und bedankte sich am Ende, den tänzerischen Charakter des Konzerts gleichsam weiterführend, mit zwei kurzen Zugaben für Soloklavier: einem Tanz von Béla Bartók und einer Bossa Nova von Sabin Pautza.

Nach der Pause ging es dann auf der Bühne noch beengter zu. Der Steinway war zwar Platz sparend an den Rand gerückt worden, aber es waren nun zusätzlich drei Chöre auf der verhältnismäßig kleinen Bühne unterzubringen. Der Frauen- und der Männerchor der Philharmonie „George Enescu“ (Einstudierung: Iosif Ion Prunner) standen eingezwängt unter dem vorkragenden Orgelprospekt, und der Rundfunkkinderchor (Einstudierung: Răzvan Rădos) war in der rechten Seitenloge platziert, wo ihm die besondere Aufmerksamkeit des Dirigenten zukam, der, trotz seiner körperlichen Unbeweglichkeit (er saß auf einem auf dem Dirigentenpodium stehenden Drehstuhl), mit seinem Dirigentenstab klare Anweisungen gab und das musikalische Gesamtgeschehen nicht nur vollkommen unter seiner Kontrolle hatte, sondern auch permanent durch lebhafte Impulse gezielt zu steuern wusste.

Bereits der gewaltige Anfang des auch als „szenische Kantate“ bezeichneten Oratoriums „Carmina Burana“ sorgte für Gänsehaut bei den Zuhörern, zumal der Effekt jenes Fortissimo gesungenen „O Fortuna“ weitaus stärker ist, wenn man das beliebte Stück nicht nur als Musikkonserve konsumiert, sondern seinen Schallwellen in statu nascendi leibhaftig ausgesetzt ist. Dass dieses Eingangsstück am Ende nochmals, ebenfalls im Fortissimo, wiederholt wird, rundet das überwältigende Klangerlebnis des Orffschen Oratoriums dadurch doppelt ab. Das Schicksal, verkörpert durch die Schicksalsgöttin Fortuna, umgreift also bereits formal die drei Teile dieser Monumentalkantate, die den Frühling, das Trinken und die Liebe besingt, alle drei rauschhafte Erfahrungen, die durch Orffs berauschende Musik den Zuhörern um so intensiver nahegebracht werden.

Bereits im ersten, „Primo Vere“ (Frühling) betitelten Teil des Oratoriums, der das heitere Gesicht des Frühlings, die alles erwärmende Sonne, blühende Blumen und begrünten Wald besingt, klingt das Thema der Liebe an, die von den festlich geschmückten und augenfällig geschminkten jungen Frauen innig herbeigesehnt wird. Und das Medium der Begegnung mit den jungen Männern ist, wie könnte es anders sein, der Tanz. Nicht von ungefähr tragen zwei dieser „Auf dem Anger“ spielenden Szenen die Überschriften „Tanz“ und „Reigen“. In letzterem Stück konnte man zum Beispiel wahrnehmen, wie Carl Orff auch aus dem mittelhochdeutschen Wortmaterial rhythmische Kraft gewinnt: das mittelhochdeutsche Wort „megede“ (Mägdlein) mit seinem intrinsischen dreisilbigen Stakkato wird von Orff in seinem Oratorium als musikalischer Effekt besonders prononciert verwendet.

Der zweite Teil „In taberna“ (In der Schenke) brachte nicht nur herrliche komödiantische Momente mit dem Bassbariton Valentin Vasiliu, sondern auch die wunderbare Schwan-Arie in hoher Lage, die vom Tenor Valentin Racoveanu grandios dargeboten wurde. Sie besingt das Schicksal eines Schwans, der, einstens Zierde des Sees, auf dem er dahin schwamm, nun, fein angebraten, den Gästen der Schenke zum Verzehr vorgesetzt wird.
Der fulminante Schlussteil „Cours d’amours“ (Hof der Liebesabenteuer), der neben der Liebe selbst auch die großen Liebenden Blanziflor und Helena besingt, setzte nicht nur die Sopranistin Veronica Anuşca, sondern auch den Radiokinderchor in Szene, welcher durch seine wunderbaren Decrescendi, die vom Dirigenten mit intensiven Blickkontakten begleitet wurden, das Publikum hellauf begeisterte. Dass trotz der konzertanten Aufführung auch das Dramatische dieser szenischen Kantate wirksam zum Zuge kam, dafür sorgten auf je eigene Weise die drei bemerkenswerten Gesangssolisten, deren musikdramatischer Hintergrund (alle drei sind Mitglieder der Nationaloper Bukarest) in ihrem Agieren auf der Bühne des Athenäums lebhaft spürbar wurde.
Das Saisonabschlusskonzert der Philharmonie „George Enescu“ fand schließlich sein Ende mit einem weiteren Fortissimo unter der Kuppel des Athenäums: dem Fortissimo des nicht enden wollenden Beifalls der Bukarester Konzertbesucher, die sich jetzt bereits auf die im Oktober beginnende neue Konzertsaison 2019/2020 freuen können.

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