Unser Lehár

Zum 150. Geburtstag des Komponisten Franz Lehár (Teil 3)

„Lehár-Melodien“ (Ausgabe für Klavier), wie sie in vielen privaten Banater Sammlungen vorzufinden sind

Franz Lehár war der erste Filmstar in der Musikgeschichte. Bereits wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg hat man seine Interviews und Vorstellungen gefilmt und in Kinos einem breiten Publikum angeboten. Er konnte geschickt seine Werke durch seinen eigenen Glocken-Verlag in Wien vermarkten, wurde Besitzer des Schikaneder-Schlössls in Wien und einer Villa in Bad Ischl. Zwischendurch entstanden seine Meisterwerke, u.a. „Die Tangokönigin“, „Der Zarewitsch“, „Paganini“ und „Das Land des Lächelns“.

Zu den bedeutendsten Interpreten seiner Musik zählte der Tenor Richard Tauber, dem er viele seiner Arien und Lieder gewidmet hat. Dieser sorgte auch für die Verbreitung von Lehárs Operetten in Amerika während des Zweiten Weltkriegs. Als sich 1945 die amerikanischen Soldaten Salzburg und Bad Ischl näherten, beeilten sie sich, um den berühmten Lehár zu besuchen, wobei ihm sogar ein Ständchen dargebracht wurde.

Franz Lehárs Musik tröstete und begeisterte mehrere Generationen in schwersten Zeiten. Noch heute gehören seine Melodien aus dem „Zarewitsch“, „Giuditta“ oder dem „Land des Lächelns“ zu den beliebtesten und meist aufgeführten Musikwerken der Musikgeschichte.

Lehár-Rezeption im Banat

Auch im Banat wurden seine Werke früh bekannt. Vor allem waren es die Klavierauszüge seiner beliebtesten Werke, die in den „musikalischen Hausapotheken“ Banater Familien verbreitet waren. Die ältesten Banater Abschriften seiner Werke stammen vom Beginn des 20. Jahrhunderts und entstanden in Werschetz, Temeswar, Steierdorf und Reschitz. Hier hatte man z.B. in den zwanziger Jahren mehrere Lehár-Operetten aufgeführt. Natürlich geschah dies in Abwechslung mit Werken von Emmerich Kálmán und Robert Stolz, die ebenfalls sehr beliebt waren.
Am 7. Juni 1908 führte Kapellmeister Wenzel Josef Heller mit seiner Kapelle des 29. Infanterieregiments in Temeswar u.a. den Walzer „Cudipo“ aus der Operette Lehárs „Der Göttergatte“ auf. Diese Kapelle zählte zu den besten Österreich-Ungarns und war über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Am 21. Januar 1931 fand das Festkonzert anlässlich des 60-jährigen Jubiläums des Temeswarer Philharmonischen Vereins statt, dabei sang der Tenor Miklós Szedö drei Arien von Franz Lehár. Am 7. August 1948 erklangen beim Sommerfest des Temeswarer Ungarischen Gesangvereins Teile aus „Zigeunerliebe“ (Cigányszerelem) und „Die lustige Witwe“ (A Vig Özvegy).

Temeswar – wo die Operette zu Hause ist

„Lehár ist zweifellos der Meister der modernen Operette. Das hat man bei der gestrigen Reprise des förmlich neuentdeckten ‚Grafen von Luxemburg‘ wieder empfunden, die für das Theater ein bis zur Decke dichtgefülltes Haus, für die Darsteller wahre Stürme des Beifalls und für die Liebhaber der süßen Melodien, hauptsächlich aber der lebhaften Tanzweise Lehárs eine Reihe von Wiederholungen zeitigte.“ So beginnt Gabriel Sárkányi seinen Bericht, der die „Neue Temesvárer Zeitung“ am 1. Oktober 1919 brachte. Es war die Zeit nach dem langen Großen Krieg und das Temeswarer Publikum sehnte sich nach einem besseren Leben, mit mehr Oper, Konzert und Theater. Dies war aber nicht die erste Lehár-Operette dieser Spielzeit, bereits einige Wochen davor wurde im städtischen Theater Lehárs „Die Lustige Witwe“ aufgeführt. Damals wechselten sich die verschiedenen Schauspielgesellschaften auf der Temeswarer Bühne nacheinander ab, es waren sowohl deutsche als auch ungarische.

Eine noch größere Überraschung konnte das Temeswarer Publikum Ende Januar 1929 erleben, als die „Neue Temesvárer Zeitung“ die beiden berühmten Wiener Künstler Louise Kartousch und Ernst Tautenhayn angekündigt hat. Sie traten sowohl in Lehárs (Banat-) Operette „Wo die Lerche singt…“ auf, wie auch in der Strauss-Operette „Wiener Blut“. Beide kamen mit dem Bukarester Schnellzug in Temeswar an und wurden im Hotel Ferdinand großzügig untergebracht: „…Somit wäre der Traum unserer Theaterfreunde, einmal wirkliche Größen der Wiener Bühne bei uns zu sehen, endlich in Erfüllung gegangen. Es werden an den beiden Tagen des Gastspieles Operetten-Vorstellungen geboten werden, wie sie in unserer Stadt wohl noch niemals zu sehen waren.“ Man kann sich die große Begeisterung des Temeswarer Publikums kaum vorstellen und Gabriel Sárkányi jubelt: „Das Haus war total ausverkauft, das Publikum begeistert. Ein erfreulicher Beweis dafür, dass die klassische Operette in unserer Stadt noch immer Liebe und Verständnis findet, zumal die Wiener Operette, die uns ja so sehr ans Herz gewachsen ist.“ Louise Kartousch und Ernst Tautenhayn gehörten damals in Wien neben Richard Tauber zu den bedeutendsten Lehár-Interpreten.

Und gleich am nächsten Tag folgte noch eine zusätzliche Premiere der Operette „Eine einzige Nacht“ von Robert Stolz. Und wer noch nicht immer nicht genug Operettenmusik erlebt hat, konnte wenige Tage später Emmerich Kálmáns „Zirkusprinzessin“ erleben, diesmal aufgeführt durch das Ensemble des ungarischen Theaters. In keiner anderen Stadt Großrumäniens wurde die Operette so geschätzt wie in Temeswar. Wenn es in Hermannstadt und Kronstadt mehr die klassische Musik war, so war es in Temeswar die Operette – und genauer gesagt, die Wiener Operette, die hier zu Hause war.

Nur zwei Jahre nach seiner Premiere in Wien führte man 1929 den „Zarewitsch“ in Temeswar auf. Sárkányi war ein guter Kenner der Musikwelt und seine Berichte sind äußerst gut dokumentiert. So schreibt er über die „Zarewitsch“-Aufführung vom 10. März 1929: „Die neue Lehár-Operette ‚Zarewitsch‘ ist nicht auf den äußeren Erfolg gestimmt. Das Libretto von Jenbach und Reichert zielt eher auf das Ernste ab und tut sich im Sentimentalen wohl und breit… Zu diesem Text kann Franz Lehár naturgemäß nur eine seriöse Musik liefern, in welcher er auch seine alte Meisterschaft zeigt…“

Ende des Jahres 1929 konnte das Temeswarer Publikum die Operette Lehárs „Friederike“ erleben, deren Premiere erst 1928 stattgefunden hat. Dies wurde durch die Gastspielreise einer deutschen Operettengesellschaft ermöglicht, die von Temeswar weiter nach Siebenbürgen, Bukarest und Czernowitz reiste. Gabriel Sárkányi berichtet darüber: „… Ein sentimentales Singspiel, dessen ganzer Inhalt sich um eine Jugendliebe Goethes mit der Pastorentochter Friederike dreht… Die Musik des Stückes ist ein Meisterwerk des Komponisten und wurde dem Dirigenten Veczera für die Leistungen den Orchesters wohlverdiente Anerkennung gezollt.“

Zum Schluss

Lehárs Musik kennt keine Grenzen. Seine Musik ist weltweit verständlich, weil sie menschliche Gefühle ausdrückt, die weltweit die gleichen sind. Er verstand es auch genial, typische nationale Elemente in seine Operetten einzubeziehen: den ungarischen Csardás, die rumänische Hora, russische Chöre, chinesische Musikinstrumente, amerikanische Jazzmusik, spanische Rhythmen, Zigeunermusik, modische Tänze – und dies alles meisterhaft bearbeitet.
Mit Lehár-Operetten konnte man in schwersten Zeiten der Not ganze Opern- und Theaterhäuser retten. Selbst die Wiener Staatsoper präsentierte ihrem Publikum in den Jahren der Weltwirtschaftskrise 1929 Lehár-Operetten, um sich vor dem finanziellen Untergang zu retten. Auch in Temeswar wurden Werke Lehárs selbst in der Zeit der beiden Weltkriege aufgeführt. Nach den Worten von Kurt Tucholsky: „Brot und Spiele… Mit dem Brot ist es zur Zeit etwas dünn. Na, da spieln mir halt Lehár. Mein Lehár, wie lieb ich dich!“

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