Weltschauspielerbe auf Hermannstadts Bühnen

Chinesische Operninszenierung nach dem Roman „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas d.J. Fotos: Klaus Philippi

Offenes Staunen unter dem Nachthimmel auf dem Habermann-Platz erregte eine Violine spielende Seiltänzerin aus Frankreich.

Paarbeziehungen müssen eine Menge aushalten, wenn Langfristigkeit aus ihren Keimen sprießen möchte. Im Umgang mit Frontalangriffen von Geschichte, Sozialbrandmarkung, Tyrannei und höherer Gewalt offenbart sich die Wunschfähigkeit der Gesellschaft zu geschlossener Reaktion auf Basis von Hinterfragung und Vernunft statt Affäre und Kalkül. Wo ist Hartnäckigkeit gefragt, wo Kompromissbereitschaft? Junge Menschen neigen naturgemäß zu Ersterem, versperren sich widerstandslosem Abrücken von ihrer Forderung nach Debatte. Noch immer ist Hermannstadt/Sibiu kein studentischer Dauerbrenner, der es mit Bukarest, Temeswar, Jassy/Iași oder Klausenburg/Cluj-Napoca aufnehmen könnte, aber Möwenschreie am Himmel über Astra-Park und Continental Forum Hotel und ein alljährlich zu Sommeranfang sprunghaft sinkender Altersdurchschnitt der bürgerlich-konservativen Kreishauptstadt am Zibin lassen Rentnerlook und Wohlstandsbauch internationaler Touristenströme alt aussehen und schenken dem Großen Ring samt Umgebung die Stimme einer Zivilklasse, die noch richtig was vom Leben will.

Oftmals endet alles Schenken mit Erfüllung pauschaler Protokollnormen. Hermannstadt durfte am 10. Mai aufatmen, nachdem die geräumige Spielfläche unter freiem Himmel zwischen römisch-katholischer Stadtpfarrkirche, Rathaus, Brukenthalmuseum und Hallerhaus tags vorher ausschließlich von 27 Regierungschefs der Europäischen Union sowie ausgesuchten Fotografen und Reportern vollumfänglich beschritten werden durfte. Gäbe es keinen Lokalstolz, würde im Nachhinein lautstark über den EU-Gipfel gelästert. So manches wurde am 9. Mai in Hermannstadt geschenkt, aber auch etliches verwehrt. Schenken blieb aufgesetzte Geste ohne Herzton. Daumen runter für sterile Großveranstaltungen!

Intendant Constantin Chiriac und das Team des Internationalen Theaterfestivals Hermannstadt (FITS) wissen um verhasste Sackgassen Bescheid und gewährleisten auf Heltauergasse und Zugangswegen zu mehr als 70 Aufführungsorten auf urbanem und ruralem Boden jährlich das Gegenteil von Gängelung. Obwohl das FITS heuer in der Zeitspanne 14. bis 23. Juni zum 26. Mal in Folge stattfand, bedeutete ein Festivalverzicht Phantomschmerzen. Zu reichhaltig an Gesprächsstoffen das Vorstellungsangebot und viel zu realitätsnah die Weltanschauung praktizierender Berühmtheiten der internationalen Szene, die täglich Podiumsgespräche bestreiten und Lücken in der Reparaturarbeit an beschädigten Nervensträngen der Aktualität aufzeigen. Hermannstadts Theaterbühnen zählen nicht als ein Ort, wo gerne geflissentlich um den heißen Brei herumgeredet wird. Das FITS birgt ungleich höhere Geschenkwerte als jeder EU-Gipfel. „Die Kunst des Schenkens“ lautete das Motto der Festivalauflage 2019, in deren Verlauf niemand sich ausgeklammert gefühlt haben konnte.

Was die Politikerkaste aus Eigenversagen oder Narzissmus nicht umzusetzen vermag, kann Zerreißprobe für Zweiertandems werden. Arzt Diego, Hauptperson des Dramas „Belagerungszustand“ von Albert Camus, muss sich auf der Höhe eines Pestausbruchs im spanischen Cádiz zwischen Stadtrettung oder Liebespartnerschaft zu Victoria, der Tochter des Richters, entscheiden. Angebote, durch Kollaboration mit der Entscheidungsgewalt die eigene Haut retten zu können, lehnt er ab. Diego wählt den Weg seiner Exekution durch Krankheitsbefall, überwindet Todesfurcht und bringt seiner Heimatstadt ein an Hingabe nicht zu übertreffendes Opfer. So geschehen am 18. und 19. Juni auf der Bühne der Faust-Halle in der Kulturfabrik Hermannstadt dank Regisseur Emmanuel Demarcy-Mota und Schauspielern des Théâtre de la Ville Paris, die das 1948 in Paris uraufgeführte Stück in französischer Originalsprache inszenierten. Auf zwei Stunden Vorstellung folgte reichlich Applaus für den in Hochnot zur Wunderleistung Altruismus fähigen Helden.

Willkürliche Staatsführung zeitigt Sofortprobleme mit Langzeitnachwirkung, wenn vorangehende Generationen das Ziel vollständiger Schadensausmerzung verfehlen. Ioana Natalia Corban, George Cocoș und Alex Iurașcu, Ensemblemitglieder des Luceafărul-Theaters Jassy und Repräsentanten des Geburtsjahrgangs 1990, spielten am 19. Juni im Kinder- und Jugendtheater „Gong“ eine Inszenierung von Projektautorin Oltița Cîntec, die in privaten wie öffentlichen Zeitdokumenten von der Epoche des Moldauer Herrschers Grigore Alexandru Ghica (1804-1857) bis Mitte des ersten Jahrzehnts der Nachwendezeit gestöbert hatte und sämtliche Recherchen unter dem Titel „Istorie la persoana I“ zusammenfasst. Offizielle Geschichtsrahmen verblassen, sobald historische Fakten anhand persönlicher Biografien chronologisch nachgestellt werden. Ersten Generationen heutiger Erwachsener, die nach der Dezember-1989-Revolution geboren wurden, erscheint es skurril, dass noch 1994 Schlangestehen vor Zeitungskiosks nicht unüblich war. Ulkig zuweilen auch eine Anekdote von der Ersatzgewohnheit, einander auf der Straße plötzlich mit „Bürger“ (rumänisch „cetățene“) statt „Genosse“ („tovarăș“) anzusprechen. Das digitale Zeitalter unserer Gegenwart tischt die delikate Herausforderung auf, am Horizont vier zusammenlebender Generationen gemeinsame Fixpunkte unterschiedlicher Ausprägungen von Realitätsempfindung zu orten.

1987 entstand „Das Kind hinter den Augen“ (The Child Behind the Eyes), ein Musical von Theatermacherin Nava Semel (Israel). Es schildert die tränenreiche Erfahrung von Mutter Michal, deren Sohn Yotam mit Down-Syndrom zur Welt kommt und sowohl von Ärzten als auch sozialem Umfeld marginalisiert wird. Vater und Ehemann David findet langsam in die Bewältigung der Herausforderung hinein, Schwester Talia schützt ihren kleinen Bruder vor Spitzfindigkeiten der Spielkameraden. Nachbarin Frau Baum verweigert ihren Besuch am Tag der Säuglingsbeschneidung und beendet abrupt jeden weiteren Kontakt zur leidgeprüften Familie. Großmutter Erika, die das Neugeborene heiß geliebt hatte, ist seit einer Woche tot. Mutter Michal schwerst getroffen: „Es ist weder meine Wahl noch meine Schuld, aber es ist mein Lebewesen!“ Dreißig Jahre haben das Musical kein bisschen altern lassen. Regisseur Kemal Bașar, Schauspieler Eda Kandulu und ein Ensemble des Keyfi Tiyatro Istanbul boten am 20. Juni im Kinder- und Jugendtheater „Gong“ lebensecht inszenierte Gefühlsausbrüche.

Andere Länder, andere Sitten. Verbissen sucht Europa nach Temperaturkonsens an gemeinsamen Herdstellen. Andere Länder, eine Sitte? Nicht realisierbar. Geopolitische Einheitsfindung in der berstenden Welt zeichnet Sittenvielfalt vor. Ein strategischer Fingerzeig, den das FITS 2019 auch musikalisch bewarb. Folkloristische Querschnitte „Vom Morgenland bis Bairro Alto“ des Trios Maria Răducanu (Gesang), Michael Griener (Schlagzeug) und Robert Lucaciu (Kontrabass) in der römisch-katholischen Stadtpfarrkirche und aufführungspraktische „Portraits des Orients und des Abendlandes“ im Kooperationskonzert der Barockensembles Stradivaria (Nantes, Frankreich) und Transylvania (Klausenburg) vor der Innenkulisse der evangelischen Johanniskirche gehören gleichermaßen auf die Notensysteme Europas. Oder gar der Welt, wenn die Spielfreude der Formation The Archive Ravens (USA) mitschwingt, deren Aufführung „Trobairitz“ in der Franziskanerkirche Donald Trumps Konfrontationskurs strahlend widerlegte.

Überall in der großen Welt wird gebaut. Und noch immer hinkt Rumänien dem globalen Trend hinterher. Die Hauptstadt des Enescu-Festivals bringt es nicht fertig, die überalterte Infrastruktur des akustisch edlen, aber viel zu kleinen Athenäums und der Sala Palatului um zeitgemäße Immobilien zu erweitern. Siebzehn Architekten und Intendanten aus Übersee, Asien und Europa gaben sich ein Stelldichein im Spiegelsaal des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt (DFDH), der eigens für die dreitägige Gesprächsreihe „Therme Forum. World-changing ideas for a changing world“ futuristisch eingerichtet worden war. „Architekten sollten zur Planung eines Aufführungsraumes fähig sein, der alle tonlos geballte Erwartungshaltung und Stille vor Spielstart fühlbar schützt“, so Alexander Schwarz, Designer des Berliner Architekturbüros David Chipperfield und gelernter Geigenbauer.

Hermannstadts Habermann-Platz wurde 2018 nach mehrjähriger Neubauetappe wiedereröffnet. In Ermangelung schlüssiger Nutzungsangebote jedoch liegt er meist menschenleer inmitten des urbanen Geschehens. Ausgenommen die zehn Tage des FITS 2019, als das Gelände allabendlich von Kleinkünstlern und Zirkusakrobaten bespielt und jungen Zuschauermassen Hermannstadts heimgesucht wurde. Eltern und Kinder, die weder Geld noch Zeit für den Besuch kostenpflichtiger Indoor-Angebote aufbringen wollten, nahmen den Habermann-Platz unter Beschlag. Hier wurden bei freiem Eintritt Pantomime, Zaubertricks, Kunstgymnastik bis hin zu Seiltanz und Nervenkitzel von übersättigter Qualität geboten. Eine Gegenleistung an Hermannstadts steuerzahlendes Publikum, die man nicht missen möchte.

Vorschlusshöhepunkt des abschließenden Festivalwochenendes war die chinesische Operninszenierung „Liyaxian“ des Chongqing Chuanju Theaters als freies Bühnenstück auf Grundlage des Romans „Die Kameliendame“ (La Dame aux camélias) von Alexandre Dumas d.J. International umstrittene Politkurse der Volksrepublik unter Staatsoberhaupt Xi Jingping konnten der Delegation aus dem Reich der Mitte den Erfolg in Hermannstadt nicht im Geringsten verleiden. Profitänzer, ein aus chinesischen Instrumenten bestehendes Kammerorchester und makellos singende Schauspielerinnen und Schauspieler der Metropole auf halber Strecke des Jangtsekiang brachten chinesische Seidenkostüme und dezent überzeugendes Auftrittsverhalten asiatischer Bewusstseinswürde auf die Bühne des Radu-Stanca-Theaters.

Seit 26 Jahren bietet Hermannstadt Mitte Juni der Welt eine Heimstatt. Kein anderer Festtermin Südsiebenbürgens eignet sich besser zum Nachspüren strahlender Kulturleuchtfarben sämtlicher Erdteile.

 

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