Zum 300. Geburtstag von Giovanni Battista Piranesi

Ausstellung von Werken des italienischen Künstlers in Bukarest

Giovanni Battista Piranesi Foto: Pietro Labruzzi, Wikipedia

In den von der Bukarester Știrbei-Vodă-Straße aus zugänglichen Erdgeschossräumen des Nationalen Kunstmuseums Rumäniens ist seit dem 5. Dezember 2020 und noch bis zum 28. März dieses Jahres eine Ausstellung zu sehen, die dem künstlerischen Werk des großen italienischen Kupferstechers, Architekten, Kunsttheoretikers und Archäologen Giovanni Battista Piranesi (1720-1778) gewidmet ist. Von den 52 Exponaten, die in zwei großen Sälen zu sehen sind und allesamt zu den eigenen Beständen des Nationalen Kunstmuseums gehören, stammen 39 von Piranesi selbst, 13 dagegen aus der Hand von Zeitgenossen, seien es ältere wie Tiepolo und Canaletto, die als Piranesis Lehrmeister betrachtet werden können, seien es jüngere wie Goya, mit dem Piranesi zahlreiche bildnerische Motive, etwa das des Kerkers, verbinden.

Die in der von Cosmin Ungureanu kuratierten Ausstellung im Bukarester Nationalen Kunstmuseum gezeigten Drucke von Werken Piranesis stammen aus den Jahren 1790 bis 1810, sind also durchweg nach dem Tode des höchst produktiven Künstlers entstanden, der neben monumentalen Zyklen und Druckfolgen, teilweise in Gemeinschaftsarbeit zusammen mit anderen Meistern wie Fausto Amidei oder Ridolfino Venuti, auch diskursive Werke theoretischer Natur, Briefe, Dialoge und Traktate veröffentlichte. Goethe bereitete sich anhand von Piranesis Veduten auf seine Rom-Aufenthalte vor und nahm in der Ewigen Stadt Wohnung in der Via del Corso, in eben der Straße, wo Piranesi 1747 nach seiner endgültigen Übersiedlung nach Rom ein Geschäft eröffnete.

Die Piranesi-Ausstellung im Bukarester Nationalen Kunstmuseum, die durch zahlreiche Schautafeln und exzellente Bildinformationen museographisch ausgezeichnet aufbereitet ist, wird begleitet durch einen 160 Seiten umfassenden, reich bebilderten und substantiell dokumentierten Katalog, der neben Reproduktionen sämtlicher Exponate zusätzlich rund drei Dutzend Bilder enthält, welche die sehenswerte Ausstellung ihrerseits ergänzen und kommentieren.

Betritt man den ersten und kleineren der beiden Ausstellungsräume, so sticht in der Raummitte sogleich eine Vitrine mit drei mächtigen Folianten ins Auge, die Architekturphantasien aus der Hand Piranesis präsentieren: aufeinander getürmte Paläste, Grabmäler, Obelisken, Skulpturen, Inschriften und Ruinen, die den Betrachter sogleich auf die Antike einstimmen, auf eine Epoche vergangener Größe, deren kunstgeschichtliche Bewertung während der damaligen Zeit höchst umstritten war. Die Verfechter der römischen Pracht und Herrlichkeit („magnificenza“), zu denen Piranesi gehörte, standen den Anhängern der griechischen Antike gegenüber, welche durch den deutschen Archäologen und Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann mit dessen berühmter Formulierung als „edle Einfalt und stille Größe“ charakterisiert wurde. Winckelmann, der 1755 nach Rom übersiedelte, wurde acht Jahre später zum „Commissario delle Antichità“, zum Oberaufseher über die Altertümer im Kirchenstaat ernannt, ein Amt, das vor ihm zwanzig Jahre lang der bereits erwähnte Ridolfino Venuti bekleidet hatte, wie Piranesi ein Verfechter römischer Glorie und Monumentalität.

Im ersten der beiden Ausstellungssäle sind nur drei Werke Piranesis zu sehen. Erstens ist das eine Ansicht des römischen Pantheons aus dem Jahre 1761, die nicht nur die Monumentalität des antiken Bauwerks zur Geltung bringt – um dessen Größe zu veranschaulichen und zu unterstreichen, hat Piranesi winzige menschliche Gestalten auf der begehbaren Kuppel abgebildet –, sondern auch durch die belebte Straßenszene vor dem Pronaos des antiken Tempels, der im 7. Jahrhundert in eine christliche Kirche umgewandelt wurde. Zweitens ist das eine in den Jahren 1752 bis 1758 entstandene Ansicht des Palazzo Mancini in der Via del Corso, in dem zur Zeit Piranesis die Académie de France à Rome ihren Sitz hatte; gegenüber dem Palazzo Mancini hatte Piranesi sein Geschäft, in dem er seine Drucke verkaufte. Und drittens handelt es sich um ein „Gefangene im Kerker“ (1749-1761) betiteltes Werk, in dem ein für Piranesi typisches architektonisches Ensemble von Mauern, Gewölben, Arkaden, Treppen, Brücken, Gängen, Überwegen usw. ohne erkennbare strukturelle Logik grandios inszeniert ist. Die abgebildeten menschlichen Figuren dürften dabei von Michelangelos Sklaven-Skulpturen inspiriert sein.

Daneben sind in diesem ersten Ausstellungssaal Werke von Zeitgenossen Piranesis zu sehen: von Giovanni Battista Tiepolo und Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto, von Francesco Bartolozzi und Marco Alvise Pitteri, von Gaspar van Wittel und Hubert Robert, von Jacques Dumont mit dem Beinamen „le Romain“ (der Römer), von Charles-Michel-Ange Challe und Edmé Bouchardon, und nicht zuletzt von Francisco de Goya. Bei deren Werken handelt es sich um Landschaften und antike Szenen, um figurale und architektonische Studien, um Ansichten bekannter Bauwerke sowie, im Falle Goyas, um eine Kerkerszene („Der kleine Gefangene“, 1811-1815) sowie um das satirische Capriccio Nr. 79 (1799) mit dem Titel „Nadie nos ha visto“ (Niemand hat uns gesehen), das zechende Kleriker zeigt, eine Szene, die man mit einem Zitat aus Heinrich Heines Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“  kommentieren könnte: „Ich weiß, sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser“.

Im zweiten und größeren Saal der Ausstellung sind dann ausschließlich Werke Piranesis zu sehen: eine Auswahl aus seinen Serien „Carceri d’invenzione“ und „Vedute di Roma“ sowie der Zyklus „Grotteschi“. Bei letzterem handelt es sich um eine Serie von vier Radierungen, die Piranesi in den Jahren 1747 bis 1749 zunächst einzeln veröffentlichte und dann 1750 unter dem Titel „Grotteschi“ zusammenfasste. Die vier Werke – „Die Skelette“, „Der Triumphbogen“, „Das Grab des Nero“ und „Die große Tafel“ – sind inspiriert durch die architektonischen „Capricci“ von Marco Ricci sowie Tiepolos „Scherzi di fantasia“. Besonders das zuletzt genannte Werk, „Die große Tafel“, besticht durch detailreichen Illusionismus und durch die Wiedergabe zahlreicher antiker Motive wie des Hermes- oder Asklepiosstabes, der Panflöte oder der Herkuleskeule.

Mit dem Frontispiz der Serie „Vedute di Roma“ (1746-1748) wird dann die Piranesi-Schau im zweiten Ausstellungssaal fortgesetzt. Aus den insgesamt 135 Ansichten von Rom, die den Glanz und die Majestät der einst mächtigen Hauptstadt des Römischen Reiches verherrlichen sollten, sind hier rund zwanzig ausgewählt, unter denen die Ansicht von der Piazza di Spagna mit der berühmten spanischen Treppe, die Ansicht von der Trajanssäule neben der Chiesa del Santissimo Nome di Maria, die Ansicht von den Ruinen der Diokletiansthermen sowie die Ansicht von der Milvischen Brücke über den Tiber besondere Beachtung verdienen. Zahlreiche Rom-Veduten Piranesis sind am unteren Rand mit einer Legende versehen, wo die im Bild mit Ziffern bezeichneten Bauwerke mit Namen genannt sind.

Mit einer Auswahl aus der Serie „Carceri d’invenzione“ schließt der Rundgang durch die sehenswerte Piranesi-Schau im Bukarester Nationalmuseum. Hier trifft man auf labyrinthische Raumensembles, phantasmagorische Entwürfe von Gewölben und faszinierende dysfunktionale architektonische Welten, die ihr Licht auf eine surrealistische und kafkaeske Moderne voraus werfen. Nicht von ungefähr wurde der niederländische Künstler Maurits Cornelis Escher (1898-1972) in seinen modernen Bildern von endlosen Treppen durch Piranesis Kerkerbilder inspiriert. Eine zweite Vitrine mit Piranesischen Folianten, die im geöffneten Zustand die Armspannweite eines Erwachsenen erreichen, sowie eine dritte Vitrine mit acht Bildbänden zum Werk Piranesis runden den Besuch der empfehlenswerten Ausstellung im Bukarester Nationalen Kunstmuseum ab.

 

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