90 Gäste zum 90. Geburtstag

Elisabeth Rosenauer, die letzte Sächsin von Neppendorf, wurde 90 Jahre alt

Elisabeth Rosenauer in ihrem Hof in Neppendorf

Elisabeth Rosenauer als Gastgeberin im Kleinschelker Haus im Freilichtmuseum im Jungen Wald in Hermannstadt

Beim Wuzerl-Kochen während des Gastro-Festivals 2019 im Freilichtmuseum

Es sollte ein außergewöhnliches Geburtstagsfest werden, nahm sich Frau Elisabeth Rosenauer vor, als sie ihren 90. Geburtstag schon lange im Voraus plante. 60 Anverwandte und Freunde aus aller Welt sollten sich am Samstag Ende Mai in der Orangerie des Brukenthalpalais in Freck treffen, 30 einheimische Freunde und Bekannte zu Pfingsten in der Großauer Kirchenburg. Der Corona-Virus vereitelte alle Pläne.
Neppendorf ist heute ein Stadtviertel von Hermannstadt, hat aber viel von seiner dörflichen Atmosphäre bewahrt. Das ursprüngliche Sachsendorf, durch den Zuzug österreichischer Immigranten auch Landlerdorf geworden, hat besondere Anziehungspunkte: malerische Gassen mit typischen Häusern, eine stolze Kirchenburg mit Landlermuseum und dem Sitz der Evangelischen Akademie Siebenbürgen, dazu neuerdings moderne Gästehäuser wie auch Zigeunerpaläste mit frappant fernöstlichem Einfluss. Das Ortsbild wird ständig bunter, die Ortsgeschichte immer unübersichtlicher.

Es gibt wenige sächsische Dörfer, die noch einen Dorfchronisten oder kundigen Reiseleiter haben. Neppendorf besitzt beides in einem, denn die 90-jährige Elisabeth Rosenauer kennt nicht nur ihren Heimatort und ihre Familiengeschichte genaustens, sondern auch die Geschichte und Baudenkmäler verschiedener Ethnien und Glaubensgemeinschaften in Siebenbürgen. Denn Reisen und Wandern bereicherten ihr Leben von Anfang an, und sie fand auch den richtigen Lebenspartner dafür. Kein Wunder, dass nach der Wende ein Sammler aus Österreich sie ausfindig machte und mit ihr als Übersetzerin verlassene siebenbürgische Dörfer besuchte, um sächsisches Kulturerbe zu retten. Ein Teil davon ist heute im Frecker Brukenthalpalais zu sehen, jedes Stück hat seine eigene Geschichte. Ein weiteres Angebot kam im Jahr 2000 vom Leiter des Astra-Freilichtmuseums, der in Klagenfurt einen Töpfermarkt veranstalten sollte und dafür zehn Frauen in Volkstracht brauchte. Frau Rosenauer erledigte alles problemlos und ist seitdem eine geschätzte Mitarbeiterin des Museums. Wer sie anlässlich der Kulinarischen Woche im vorigen Herbst im Freilichtmuseum in Hermannstadt erlebt hat, wie sie stundenlang die beliebten „Wuzerl” rollte und kochte, konnte nur staunen. Psychologen behaupten, man solle im Alter dorthin zurückkehren, wo man geboren wurde, dann sei alles in Ordnung. Elisabeth Rosenauer ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie man dem Alter einen Sinn geben kann: ständig rege sein! Bewundernswert ist ihr ausgezeichnetes Gedächtnis: wie wär’s mit einer Familienchronik?!

Als Elisabeth Fleischer am 26. Mai 1930 zur Welt kam, sah die Welt noch ganz anders aus. Der Vater Martin Fleischer war ein gesuchter Steinmetz, der sein Handwerk beim bekannten Mediascher Meister Klingenspor gelernt hatte; seine Grabsteine waren auf vielen sächsischen Friedhöfen zu finden. Er hatte sich Haus, Werkstätte und Wirtschaft in Nähe des Neppendorfer Bahnhofs aufgebaut. Als er Elisabeth Schenn heiratete, brachte sie eine Büffelkuh und eine Schachtel Urkunden mit in die Ehe, denn sie stammte aus einer der ältesten sächsischen Familien, die schon im 15. Jahrhundert hier ansässig gewesen war. Vier Kinder wurden geboren, Elisabeth war die älteste und ein reges und kluges Mädchen. Sie war gern unterwegs und begleitete so ihren Vater auf einer Geschäftsreise nach Urwegen: sie beide mit Zug und Kutsche, der Stein auf einem Ochsenwagen. Unvergessen blieben die Ereignisse am Bahnhof während der Kriegszeit. Ein langer Zug mit offenen Waggons, vollbeladen mit buntbemalten Wagen, Pferden und Menschen, die als Bukowinadeutsche „heim ins Reich” gebracht wurden, blieb im Gedächtnis haften. So auch, wie russische Truppen den Ort durchquerten auf ihrer Fahrt nach Berlin. Der Vater fehlte jahrelang, arbeitete auswärts in deutschen Betrieben und wurde danach nach Russland deportiert. Die Mutter musste allein die Wirtschaft führen, als Tagelöhnerin arbeiten und sehen, wie sie die Kinder durchbringen konnte. Diese wurden schnell selbstständig.

Im Bahnhofsviertel hatten sie beim Spielen mit anderen Kindern Rumänisch gelernt, in der Volksschule freundeten sie sich mit Landlerkindern an, das Leben war kunterbunt. Nach den Gymnasialklassen in Hermannstadt hieß es nun arbeiten. Inzwischen hatte Elisabeth Buchhaltung gelernt und Organisationstalent bewiesen. Deshalb wurde sie dem Voin]a-Sportklub zugeteilt. Dort lernte sie ihren zukünftigen Mann, den Mediascher Richard Rosenauer kennen, der Tennisspieler war. Sie versuchte sich auch im Sport, schaffte beim Orientierungslauf sogar einen Preis. Nun ging es aufwärts für das junge Paar. Auch der Kommunismus hatte seine Inseln: Sport und Tourismus hießen sie. Als Hüttenwart auf der Crinț verbrachten die Rosenauers ihre schönste Zeit. 13 Hütten, 130 Plätze mitsamt Kantine und Büfett waren zu betreuen. Der Touristenkomplex gehörte dem Kreisamt für Tourismus und war sommer- und winterüber ausgebucht. Die Rosenauers hatten keine Kinder, dafür unzählige Freunde und Bekannte, mit denen sie viel unterwegs waren. Es gab nichts Schöneres, als das Leben in der Natur, mit Tieren und Pflanzen, Bäumen und Blumen, wo Elisabeth sich Gott am nächsten fühlte.

Wieder zurück in Neppendorf erwarben sie ein Haus im Krautgartenviertel und arbeiteten in Hermannstadt. Als Elisabeth die alten Urkunden ihrer Mutter entdeckte, begann sie Familienforschung zu betreiben, bis ins 15. Jahrhundert reichte die Geschichte der Familie Schenn zurück. In Siebenbürgen lebte noch ein Bruder mit Familie, andere waren in Europa und sogar Amerika gelandet. Nun wurden sie ausfindig gemacht, man nahm Verbindung auf, besuchte sich. Es wurde eine schöne Zeit mit vielen Erlebnissen. Die Idee einer Familienchronik nahm Gestalt an.

Inzwischen hat sich auch in Neppendorf viel getan. Die Landlerhilfe wurde aktiv, Besuchsreisen nach Österreich folgten, die HOG meldete sich, die Schweizerische Papageno-Stiftung wurde tätig, die Evangelische Akademie Siebenbürgen sorgte für kulturelle Höhepunkte. Die Frauen um Frau Rosenauer gründeten einen Handarbeitskreis, der bei keinem Basar fehlt. Man feiert zusammen, unternimmt Reisen, hilft sich. Frau Elisabeth Rosenauer nimmt es gelassen, dass ihr Geburtstagsfest ins Wasser gefallen ist. Sie sagt lächelnd: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben und morgen ist auch ein Tag!

 

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