„Das Leben ist eine Erlebnisreise“

Eine bunte Familie führt im Wald um Rosenau ein nachhaltiges Öko-Leben

Nicol Trandafir, Bogdan Ionescu und ihre vier Kinder – jeder trägt zumindest ein Kleidungsstück aus der Familienschneiderei. Foto: Alexandra Bordeianu

„Lilutesa”-Kleidungsstücke heben sich durch Farbe, Schnitt und Stoffqualität von herkömmlichen Klamotten ab.

Die kleine Enia trägt die Kreationen ihrer Mutter. Fotos: privat

Nicol Trandafir und Bogdan Ionescu haben vor 20 Jahren entschieden, ein gemeinsames Leben zu führen. Seither haben sie in mehreren Städten gewohnt, eine Kunstgalerie in einem Kaffeehaus geführt, vier Kinder bekommen, sind aus Bukarest nach Rosenau/Râşnov, im Kreis Kronstadt/Braşov gezogen und reisen gerne mit ihrem Wohnmobil. Nicol schafft seit über elf Jahren Kinderkleidung aus nachhaltigen Stoffen unter dem Markennamen „Lilutesa”. Bogdan, Szenograf und Innendesigner, hat im Wald um Rosenau ein nachhaltiges Haus gebaut, in dem die Familie lebt. Ökologisch, gesund und organisch, aber auch gastfreundlich, offen und fröhlich.

Der Wald in der Nähe von Rosenau ist verschneit, einzelne Häuser sind hier und dort verstreut. Zwei Kinder – elf und vierzehn Jahre alt – springen über ein teils vereistes Bächlein und haben Spaß, ein achtjähriger Junge klettert in einem  Baum. Neben ihnen spielen zwei riesige Hunde Fangen.

Die Eltern der Kinder sind im Haus. Der Vater legt Holz in den Stückholzofen, die Mutter stillt das zweijährige Mädchen. Die Familie ist gerade von ihrer Schneiderei aus Rosenau zurückgekehrt, wo Nicol Bestellungen vorbereitet hat. Die von ihr entworfenen Pluderhosen, Kleidchen, Röckchen, Blusen und Westen unterscheiden sich sichtlich von den Kleidern, die man sonst in Werbung und Geschäften sieht. Sie bestehen aus natürlichen, umweltbewusst hergestellten Stoffen – Baumwolle, Seide, Wolle, Leinen, haben außergewöhnliche Muster, Motive und Texturen, sind farbenfroh und haben einen sehr einfachen Schnitt, der es bereits den Allerkleinsten erlaubt, sich alleine, ohne Hilfe, anzuziehen. Der Schnitt und die Textilien machen die Teile über Generationen halt– und tragbar, Hosen werden anfangs als lange, dann als kurze Hose getragen, Kleider haben Träger und können mit der Zeit als Hemdchen benutzt werden.

Das spart Neukauf und Ressourcen und bewahrt die Kleidung davor, allzuschnell zu Müll zu werden. Die 41-Jährige macht seit 2010 bewusst „Slow Fashion“ und lädt damit zu mehr Achtsamkeit gegenüber den Produkten und deren Herstellung ein, wie auch zu Respekt und Verantwortung für Käufer und Umwelt.

Sie wendet nur Stoffballen-Enden von in Rumänien hergestellten Textilien für ihre kleine Serien von Modekleidern an. Stoffreste benutzt sie beispielsweise für Hosentaschen, Haarbänder, Nasen-Mund-Masken, neuestens auch für kleine Bauchtaschen oder wiederverwendbare Gesichtsreinigungspads. Auch für die kleinsten Reste findet sie eine Anwendung, wie in der Kindheit, als sie die Seidenkleider ihrer Mutter zerschnitt, um ihre Puppen anzuziehen.

Das Wiederverwerten von Resten oder alten Objekten nennt man auch Upcycling. Im Ausland ist es bereits seit etwa zwei Jahrzehnten Trend: scheinbar wertlosen Abfallprodukten wird ein neuer Zweck zugeführt. Aus alten Bettlaken entstehen Klamotten, aus Segeltüchern, Zelten oder Werbeplakaten entstehen Rucksäcke oder Taschen, aus Fahrradschläuchen Federmäppchen. Auch Mülltonnen können umgebaut werden, beispielsweise zu Sesseln oder Hockern, Straßenschilder zu Stühlen, Teile von Kronleuchtern oder auch Tennisbälle und viele weitere Altmaterialien zu Schmuck. Die „Lilutesa“-Produkte kommen daher im Ausland gut an, erfreu-licherweise aber auch bei zahlreichen Rumäninnen, die diese ökologische Ware schätzen.  

Auch das Haus ist nachhaltig

Nicht nur die Kleider sind ökologisch bei Nicol. Auch das Haus, in dem sie mit ihrer Familie lebt, ist grün. Ihr Mann, ein begeisterter Handwerker, hat es in drei Jahren selbst errichtet: Es besteht aus Strohballen, Holz und natürlichen Materialien wie Lehm. Rund 80 Prozent von dem, was sich im Haus befindet, sind wiederverwertete Objekte, die von Umbaus stammen oder von Firmen, die sie nicht mehr benötigen. Türrahmen, Parkett, Fliesen, aber auch Möbelteile oder Teppiche erhielten hier ein neues Leben und machen aus diesem Heim ein Unikat.

Freunde und Freiwillige aus aller Welt, von Südafrika nach Israel, über Deutschland oder Frankreich bis nach Argentinien, aber auch der eigene Nachwuchs, haben sich um die Inneneinrichtung gekümmert. Die beiden Söhne beispielsweise haben farbige Fliesen zerschlagen, die Tochter hat mit Volontären diese auf Wände oder Boden geklebt. Die elektrische Leitung machte ein Deutscher, einer der Wohnwägen auf ihrem großen Grundstück wurde von einer Argentinierin bemalt, Franzosen  haben ein Baumhaus errichtet. Viele Eindrücke verbinden Nicol, Bogdan und ihre Kinder mit dem Bau ihres „internationalen Hauses“, wie der Familienvater es nennt. So viele Leute haben mit angepackt, dass jeder Quadratzentimeter in diesem organischen, unregelmäßigen, rundlichen Haus an sie, an die gemeinsame Erfahrung erinnert. Durch die Pandemie wurde der Einsatz von Freiwilligen eingestellt, sodass die Fertigstellung noch warten muss. „Ich habe mich bereits damit abgefunden, dass es nicht allzu bald ganz fertig sein wird. Es ist wie Gaudis La Sagrada Familia“ lacht der handwerksbegeisterte Mann.

Nicht viele Menschen trauen sich, in einem solch abenteuerlichen Haus zu leben, noch dazu mitten im Wald. Für sie war eben dieser Kontakt zur Natur, weg von der Großstadt, bedeutend. „Du musst dir das wünschen, es ist nicht für jedermann. Viele könnten den Komfort nicht aufgeben, ein vorgeheiztes Haus vorzufinden, Strom in Hülle und Fülle zu haben“ erklärt die Schneiderin sehr bewußt. Sie haben sich daran gewöhnt, haben gelernt, sparsam mit den Ressourcen umzugehen und alles zu schätzen und mit Maß anzuwenden, was sie haben. Das Licht brennt nur, wo es nötig ist, Wasser fließt nur, wenn man es tatsächlich braucht.

Der von den Solarkollektoren erzeugte Strom soll für den Kühlschrank und die Waschmaschine, im Winter auch für die Heizkörper reichen. Durch ihren Einsatz enfällt der Konsum von Ressourcen wie Öl, Kohle und Gas, was umwelt- und klimaschonend ist und geringe Nebenkosten sichert. „Tagsüber laden wir die nötigen elektronischen Geräte auf, am Abend versammeln wir uns alle in einem Zimmer, wo es warm und gemütlich ist, und verbringen die Zeit im freundlichen Licht der Lichterketten, die mit Batterien funktionieren” beschreibt die Mutter.

Auch im Haushalt lebt man so viel wie möglich nachhaltig: Küchenabfall wird zu Hundefutter oder Kompost, Tomaten werden im Garten angebaut, Chemikalien werden keine benutzt. Gemeinsam haben die Familienmitglieder gelernt, nicht verschwenderisch zu sein, nicht mehr als nötig zu kaufen, billig zu reisen, lokal, saisonal und gesund zu essen.

Reisen und Begegnungen haben sie inspiriert

Diesen Lebensstil, den die Partner für sich und ihre Lieben auswählten, haben sie während ihrer monatelangen Reisen mit dem Wohnmobil durch Europa übernommen. Schon als die ersten beiden Kinder ganz klein waren, haben sie in unterschiedlichen Gemeinschaften oder bei Unbekannten gewohnt, verschiedene Denk- und Lebensweisen kennengelernt, die sie angeregt haben. Sie entdeckten, mit wenig auf kleinstem Raum auszukommen, aber auch, sich vor allem auf Begegnungen, Gespräche und Erfahrungen zu konzentrieren und mit Menschen zu kommunizieren.
„Jeder Tag war unterschiedlich, es tauchten viele Herausforderungen auf und wir haben gelernt, keine großen Erwartungen zu haben, um keine dementsprechend großen Enttäuschungen zu erleben.

Eigentlich ist dieses Leben eine Erlebnisreise und wir haben gelernt, sie zu genießen“ erklärt Nicol besonnen. Am liebsten genießen sie diese Reise zusammen, wie Bogdan auf seinem Blog, „viatapeindelete.ro“ (gediegenes Leben), erklärt: „Reisen bietet Freiheit. Die ständige Bewegung, die Veränderung, gibt uns die Möglichkeit, als Familie zusammenzuwachsen, unabhängig davon, wo wir uns befinden. Das fordert uns heraus, verpflichtet uns, zusammenzuarbeiten, uns aufeinander zu verlassen.“ Und darum geht es ihnen letztendlich, dass sie gemeinsam ein gediegenes, buntes Leben, voller Erfahrungen und Erinnerungen führen. Dass diese Erlebnisreise nie zustande gekommen wäre, wenn sie nicht „beide in dieselbe Richtung“ geblickt hätten, ist ihnen klar, sie sind dankbar für dieses Zusammenpassen.

Für die Zukunft hoffen sie, bald wieder wie vor der Pandemie reisen zu können. Nicol und die Kinder sehnen sich auch nach den Märkten, an denen sie mit „Lilutesa“ teilnahmen und interssante Leute kennenlernten, sowie an ihren Einsatz bei den Filmfestivals in der Gegend, etwa dem Film- und Geschichtsfestival in Rosenau oder dem Cartfest in Neustadt/Cristian. Bis das möglich sein wird, arbeiten sie an ihrer Idee, einen Campingplatz auf ihrem zwei Hektar großen Grund einzurichten, um Bekannte und Unbekannte aus aller Welt mit Zelten und Wohnwägen empfangen zu können.

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