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Die Europäische Kulturhauptstadt 2021 stellte sich in Bad Kissingen vor

Ein Wochenendseminar behandelte Stadt- und Kulturgeschichte Temeswars

Studienleiter Gustav Binder (r.) und Halrun Reinholz vom Kultur- und Dokumentationszentrum der Banater Schwaben in Ulm fungierten als Moderatoren der Veranstaltung in der Bildungsstätte „Der Heiligenhof“. Dr. Walter Engel sprach über Temeswar als literarisches Zentrum der Banater Deutschen. Fotos: die Verfasserin

Temeswar/Timișoara/Temesvár, seine Geschichte, sein reichhaltiges Kulturleben, die Sehenswürdigkeiten und das besondere Flair dieser westrumänischen Stadt standen im Mittelpunkt einer internationalen Tagung, die am zweiten Dezember-Wochenende in Bad Kissingen, Deutschland, abgehalten wurde. In der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ kamen am 6. Dezember Gäste von nah und fern zusammen, um sich, gerade im Hinblick auf das Europäische Kulturhauptstadtjahr 2021, mit Temeswar und all dem, was die Stadt an der Bega ihren Besuchern zu bieten hat, auseinanderzusetzen. Veranstaltet wurde das Treffen von der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ in Bad Kissingen, in Zusammenarbeit mit dem Verein der Freunde der Lenau-Schule und dem Kultur- und Dokumentationszentrum der Banater Schwaben in Ulm, gefördert wurde es von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Das Programm begann am Freitagabend mit einer Vorstellungsrunde. Der Gastgeber, Studienleiter Gustav Binder, führte zusammen mit Halrun Reinholz vom Kultur- und Dokumentationszentrum der Banater Schwaben in die Seminarthematik ein. Es folgte ein Referat von Dr. Walter Engel, der über Temeswar als literarisches Zentrum der Banater Deutschen, über Autoren, Werke und Zeitschriften im 20. Jahrhundert vortrug. Am Samstag gab es wiederum ein volles Programm: Dr. Hans-Heinrich Rieser machte am frühen Morgen die Anwesenden mit der geografischen Lage und der Stadtwerdung Temeswars vertraut. Der Architekt Mihai Opriș erzählte vom sagenumwobenen „türkischen Jagdschloss des Grafen Mercy“ – es war ein sehr spannendes Thema, das viele der Anwesenden bis dato nicht kannten. Das Gebäude, von dem Mihai Opriș erzählte, befand sich einst im Jagdwald, und zwar dort, wo aktuell die Forstschule steht. „Eigentlich war es nicht das Jagdschloss des Grafen Mercy, sondern ein barockes Juwel, das man in der Zeit um 1763 gebaut hat. Es war eine sehr interessante Architektur – ich habe es sogar gewagt, die Hypothese zu formulieren, dass der Architekt Karl Josef Römmer der beste Architekt im Banat des 18. Jahrhunderts war, der Meister des Temeswarer Barocks schlechthin. Es gibt Legenden, die die Dokumente nicht bestätigen – eine dieser Legenden erzählte eben von diesem sogenannten ‘türkischen Jagdschloss des Grafen Mercy‘“, erklärte der Architekt Mihai Opriș, der die Tätigkeit des Architekten Römmer auch durch einige Pläne der Domkirche, eines Symbols der Stadt Temeswar, die in der zweiten Bauetappe der Bischofskathedrale zustandekamen, illustrierte. Nach einem Vortrag der Unterzeichnenden über die Geschichte des Banater deutschen Schulwesens und der Nikolaus-Lenau-Schule, die im kommenden Jahr ihr 150-jähriges Jubiläum feiert, zeichnete Dr. Eszter János aus Großwardein/Oradea das Bild von Temeswar in der „Temesvarer Zeitung“ nach. Der Musikwissenschaftler Dr. Franz Metz sprach über die Rolle von Musik und Gesang im multiethnischen Temeswar. „In meinem Vortrag geht es um fast 500 Jahre Temeswarer Musikgeschichte, wenn wir bedenken, dass nach 1500 zum ersten Mal die Stadt Temeswar besungen wurde, in einem Historiengesang, der von Heltai Gáspár in Klausenburg sogar vervielfältigt wurde. Insgesamt ist es eine spannende Geschichte, vom osmanischen Reich, der österreichisch-ungarische Doppelmonarchie bis zur Entstehung Großrumäniens, während der Zeit des Kommunismus und nach 1990. Die Musik hat an solchen Orten wie Temeswar, wo mehrere Ethnien und Konfessionen leben, schon immer eine verbindende Rolle gespielt. Denn wo das Wort aufhört, da beginnt die Musik“, sagte Dr. Franz Metz, der auch die Musikvereine, in denen die verschiedenen Ethnien einander trafen, erwähnte.

Einen Überblick über die fast 990 Jahre alte Geschichte des Römisch-Katholischen Bistums Temeswar (ehem. Bistum Tschanad) bot Dr. Claudiu Călin, Archivar der Diözese Temeswar, der in seinem Vortrag auch die Lebensgeschichte und die Leistungen des Schwabenbischofs Augustin Pacha, einer Persönlichkeit des Banats, erwähnte. Abends gab es einen Bericht von Dr. Sabolcs János aus Großwardein über Temeswar in historischen Reiseberichten. Eigens aus der Schweiz war Getta Neumann angereist, die über das jüdische Leben in Temeswar referierte. Den Erzählungen der Tochter des ehemaligen langjährigen Temeswarer Ober-Rabbiners Dr. Ernest Neumann zufolge blieben die Juden in der Stadt Temeswar – anders als dies in anderen europäischen Städten der Fall war – vor Pogromen verschont. Das friedliche Miteinander der Ethnien, das die Stadt schon immer geprägt hatte, hoben mehrere Referenten in ihren Vorträgen hervor. Zum Schluss berichtete die aus Ortzydorf/Orțișoara gebürtige und 1976 nach Deutschland ausgewanderte Reisekauffrau Ramona Lambing, die Reiseagenturen in Saarbrücken und Temeswar betreibt, über das touristische Potenzial der Stadt Temeswar und hob dabei auch mehrere negative Aspekte der rumänischen Tourismusbranche hervor. „Temeswar hat in den letzten Jahren dennoch einen Fortschritt gemacht. Es gibt im Stadtzentrum jetzt das Tourismusinformationszentrum, das dem Bürgermeisteramt untergeordnet ist, und es gibt, beim Kreisrat angesiedelt, den Verein zur Tourismusentwicklung und -förderung, der ebenfalls einige Projekte in die Wege geleitet hat“, informierte Ramona Lambing. Im Anschluss an die Vorträge wurden Fragen gestellt bzw. Anregungen gemacht.

Die Referate boten nicht nur reichlich Informationsmaterial, das auch den gebürtigen Banatern zugute kam, sondern sie ließen auch diejenigen, die noch nie oder schon lange nicht mehr in Temeswar gewesen sind, auf den Geschmack kommen, der Stadt an der Bega demnächst erneut einen Besuch abzustatten: „Ich bin schon im Banat und in Temeswar gewesen, aber ich bin von den vielen Präsentationen, von der schönen, reichhaltigen Kultur dermaßen begeistert, dass ich es gleich wieder tun müsste. Es hat mir wirklich Appetit gemacht, dass ich das Banat, das Banater Bergland und Temeswar besuche“, sagte Studienleiter Gustav Binder im Anschluss an das Seminar.

„Der Heiligenhof“ beherbergt seit Jahren Veranstaltungen zu Städteporträts in Rumänien – dabei wurden bereits siebenbürgische Städte wie Hermannstadt/Sibiu, Kronstadt/Brașov, Mediasch/Mediaș und Klausenburg/Cluj-Napoca vorgestellt. Unter den mehr als 50 Gästen, die bei dem Wochenendseminar in Bad Kissingen dabei waren, befanden sich auch viele nach Deutschland ausgewanderte Banater und ehemalige Nikolaus-Lenau-Schüler.
 

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