Eine Diplomatin im Dienste der deutschen Minderheit

In memoriam Hedi Hauser (1931-2020)

Hedi Hauser Foto: privat

Als der Schriftsteller Franz Storch im Juni 1982 in die Ewigkeit eintrat, fand sich in der Redaktion des „Neuen Wegs“ niemand in der Lage, ihn zu würdigen, denn es ging ja nicht nur um seine Bücher, über die man Bescheid wusste, sondern auch um seine Arbeit als Abteilungsleiter im Kulturministerium, damals der „Rat für Kultur und Sozialistische Erziehung“. Schließlich wurde ein Nachruf aus der Feder von Hedi Hauser veröffentlicht. Franz Storch und Hedi Hauser waren beide in exponierter Stellung tätig, er im Ministerium, sie beim Kriterion Verlag, beide im Dienste der deutschen Minderheit. Überdies stammten beide aus Temeswar, waren etwa gleich alt, und beide hatten in Bukarest beim „Neuen Weg“ angefangen. Man kann sagen, dass sie sich in jener schwierigen Zeit, als der Geheimdienst Securitate die Äußerungen der Kulturfunktionäre belauerte, durch Gedankenübertragung verstanden.

Am 20. Juli 2020 ist Hedi Hauser in Hamburg gestorben. Nach eigener Aussage blickte sie auf ein erfülltes Leben zurück. Als die „Siebenbürgische Zeitung“ sie anlässlich ihres 80. Geburtstags danach fragte, gab sie folgende Antwort: „Ja, ich glaube, so kann man es sagen. Ich habe zurzeit drei Kinder, sechs Enkel und vier Urenkel. Ich hatte rechtschaffene, fleißige und liebevolle Eltern, die mir vieles mitgegeben haben. Die Bücher, die ich geschrieben habe und die den Kindern hoffentlich Freude gemacht haben. Ich habe Hunderte von Büchern verlegt, hatte viele Lesungen in Kindergärten und Schulen, Begegnungen und gute Gespräche mit Menschen im Banat, in Siebenbürgen, aber auch in Bukarest, Fachgespräche in Verlagen, Redaktionen, auf Buchmessen und Reisen. Ich habe viele Länder gesehen, viele Freunde gehabt und viele gute Bücher gelesen.“

Als das erste Buch von Hedi Hauser entstand, es hieß „Waldgemeinschaft Froher Mut“, war sie 23 Jahre alt. Das Buch wurde ein Riesenerfolg, es erlebte neun Auflagen, darunter auch Exporte in die DDR. Ihm folgten vierzehn weitere Kinderbücher. Von 1955 bis 1968 arbeitete sie als Lektorin für deutschsprachige Bücher im Jugendverlag Bukarest. Nach der großen Verlagsreform 1969, als der Minderheitenverlag „Kriterion“ entstand, avancierte sie zu dessen Cheflektorin und behielt diese Stellung bis zur Schließung des Verlags im Jahre 1991. Ihre Wahl in politische Ämter war keinem besonderen politischen Engagement, sondern den Umständen zuzuschreiben: In den Führungsgremien gab es Quoten für Künstler, Minderheiten und Frauen – als Mitglied im Schriftstellerverband, als Deutsche und als Frau gelangte sie ins Zentralkomitee (ZK) der Rumänischen Kommunistischen Partei (RKP). (Deshalb nannten ihre Kinder sie „Quotenpolitikerin“.) Später wurde sie auch ins damalige Parlament gehievt, in die Große Nationalversammlung, sogar zu deren Sekretärin ernannt, und das bedeutete viel zusätzliche Arbeit.

Wie zermürbend der Alltag im Verlag war, hat Hedi Hauser nach der politischen Wende in Vorträgen und in ihrem Beitrag zu der von Stefan Teppert herausgegebenen Anthologie „Die Erinnerung bleibt“ aufgedeckt, dieser Aufsatz trägt den vielsagenden Titel „Die Nischen der Nischengesellschaft“:

„Aber die schwerste Aufgabe war, die Verlagspläne so ausgewogen auszuarbeiten, dass es danach keinen Grund gab, sie völlig auf den Kopf zu stellen. Wir hatten unsere Vorschriften für den Umfang und die prozentuelle Aufteilung zwischen den Sparten, Themen, Genres. Niemand weiß, welche Anstrengung es kostete, die Titel, die wir herausbringen wollten, in gewisse Themenkreise einzuordnen, und was da alles zum Beispiel in der Sparte Erziehung zur Vaterlandsliebe figurierte. Oder um junge, eigenwillige Autoren herausbringen zu können, mussten auch ein Breitenhofer oder eine Lotte Berg im Plan stehen, um ein Gleichgewicht zu halten. Um Heimatgeschichte zu drucken, brachten wir auch eine ganze Reihe von Titeln aus der rumänischen Kulturgeschichte heraus, und dennoch gab es den ständigen Vorwurf, der Kriterion Verlag drucke zu viel eigene Geschichte und Heimatkunde. Der Kalvarienweg begann schon bei den Verlagsplänen, die zur Festlegung der Auflagen gedruckt und an den Buchhandel verteilt wurden. Es gab zu jedem Titel eine kurze Beschreibung, die einerseits interessant sein sollte, um den Buchhändler zu veranlassen, eine höhere Auflage zu bestellen, an-dererseits aber so formuliert sein musste, dass der Titel bei unseren übergeordneten Stellen – Verlagszentrale, Rat für Kultur und Sozialistische Erziehung, Ideologische Abteilung des ZK der Partei – genehmigt wurde. Uns rauchten die Köpfe, bis wir alles – oft gemeinsam mit den Autoren – so formuliert hatten, dass wir damit anstandslos durchkamen. Dabei bestand immer noch die Gefahr, dass man beim Zensieren der Manuskripte im Kulturrat feststellte, dass das Manuskript nicht mit dem im Verlagsplan angekündigten Thema übereinstimmte. Dann begann ein endloses Sich-Durchwinden, Feilschen und Argumentieren. Es gab Titel, die monatelang liegen blieben, entweder als Manuskript oder bereits als fertiges Buch – denn es gab auch noch eine Nachzensur –, und nicht gedruckt oder ausgeliefert werden konnten. Manchmal mussten wir nachträglich bei einem Buch Seiten ausreißen, neu drucken und wieder einkleben, oder im besten Fall ein nachträglich gefordertes, erläuterndes Nachwort hinzufügen. Manche Titel wurden jedoch ganz zurückgezogen und eingestampft. Dafür wurde dann der Verlag haftbar gemacht. Das geschah meist mit ungarischen Büchern, auf die waren Zensur und Kulturrat besonders scharf.“

In seinen besten Jahren brachte Kriterion mehr als 40 deutsche Titel heraus (Belletristik, Folklore, Geschichte, Kunst, Sprachwissenschaft). An Belletristik sind Bücher aller Generationen erschienen, von Meschendörfer, Capesius, Cisek, Sperber und Wittstock, von Aichelburg, Weissglas und Kittner, von Scherg, Bergel, Schuster, Hodjak, Liebhardt und Heinz. Als die Mitglieder der „Aktionsgruppe Banat“ von sich reden machten, veröffentlichte Kriterion Gedichte und Prosa von Werner Söllner, Richard Wagner, Johann Lippet, Herta Müller, Horst Samson, Helmut Frauendorfer und William Totok.

Bei Kriterion erschien 1975 die erste und 1987 die erweiterte Fassung der „Banater Mundartenkunde“ von Dr. Johann Wolf. Dort veröffentlichte Anneliese Thudt zusammen mit Gisela Richter die Märchensammlung „Der tapfere Ritter Pfefferkorn“ (1971), eine Nebenfrucht ihrer Feldforschungen zum Siebenbürgisch-sächsischen Wörterbuch. Dort veröffentlichte Herta Wilk ihre Mappe mit siebenbürgisch-sächsischer Leinenstickerei aus Tartlau (1974), Roswith Capesius ihre Monografien über das siebenbürgisch-sächsische Bauernhaus (1977) und über die siebenbürgisch-sächsische Schreinermalerei (1983), Maja Philippi ihre Studie über die Bürger von Kronstadt im 14. und 15. Jahrhundert (1986). Gewöhnlich war die Auflage zu klein, viele Titel wurden als Bückware verkauft, „unter dem Pult“. Das gilt aber auch für zahlreiche rumänische Veröffentlichungen und hängt z. T. mit der Kulturpolitik der Parteiführung, z. T. mit der prekären wirtschaftlichen Lage zusammen.

Denken wir auch an die „Sächsisch-schwäbische Chronik“ von Eduard Eisenburger und Michael Kroner, die erste Geschichte der deutschen Minderheit nach dem Zweiten Weltkrieg (1976). An die Anthologien „Banater Volksgut“ von Walther Konschitzky (1979 und 1989) sowie an den Sammelband „Aus Urkunden und Chroniken. Beiträge zur siebenbürgischen Heimatkunde“ von Gernot Nussbächer (1981), der eine ganze Reihe eröffnete.

Zu den Vorhaben, die gestoppt worden sind, und zwar konkret durch ein Veto des Kulturministeriums, in dem ein Teil der Zensur wohnte, gehört die Volkskunde der Rumäniendeutschen, die 1982 erscheinen sollte. Der umfangreiche Fragebogen für die potenziellen Mitarbeiter (rund 700 Fragen) war in der von Franz Storch gesteuerten Monatszeitschrift „Volk und Kultur“ veröffentlicht worden.
Für den Erhalt und die Förderung der deutschen Kultur in Rumänien erhielt Hedi Hauser 1971 vom damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann das Verdienstkreuz am Bande. Damals war der Kriterion Verlag erst zwei Jahre alt …
 

 

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