Freie Szene vor dem Aus?

Unabhängige Kultureinrichtungen fordern Unterstützung vom Staat

Ab dem 1. September kann man wieder ins Theater, ins Kino und in die Oper gehen. Wenigstens theoretisch. Kultureinrichtungen aus Kreisen mit einer kumulativen Corona-Inzidenz von höchstens 1,5 Neuinfektionen pro 1000 Einwohner in 14 Tagen können unter bestimmten Bedingungen wieder öffnen. Die an die Corona-Krise adaptierte Wiedereröffnung der Kultureinrichtungen mit reduzierter Zuschauerzahl und Maskenpflicht ist zwar eine gute und unverhoffte Nachricht, löste aber auch Besorgnis und Unsicherheit aus, besonders in der freien Kulturszene. 20 unabhängige Theater aus dem ganzen Land haben am Montag, dem 31. August, einen offenen Brief an die Staatsbehörden verfasst, in dem sie auf die Situation aufmerksam machen und ein Alarmzeichen setzen.

Der finanzielle Abgrund droht

Die Corona-Pandemie hat verheerende Folgen für die Kultur- und Kreativwirtschaft. Während jedoch die staatlichen Kultureinrichtungen über Finanzen von den Lokalbudgets oder dem Staatsbudget verfügen, aus denen auch die Produktionen und die Gehälter der Angestellten gezahlt werden, stehen die kleinen Kultureinrichtungen der freien Szene am finanziellen Abgrund. Für freie Künstler und Künstlerinnen geht es um die Existenz. Bis Juni konnten Freischaffende noch eine kleine finanzielle Hilfe vom Staat erhalten, doch nachher kam nichts mehr.

 Umsonst hat man auf Unterstützung oder Förderleistungen von der Regierung gewartet. Der rumänische Staat tut nur wenig, um Kulturschaffende zu unterstützen und die Zukunft der Kultureinrichtungen zu sichern. Ein Sicherheitsnetz, das in dieser akuten Notlage diejenigen auffängt, bei denen infolge der Corona-Epidemie die Einnahmen stark gesunken sind, gibt es nicht. Es gibt auch überhaupt keine Aussicht, wann freie Künstler wieder mit einem regulären Einkommen rechnen können.

Wichtig für die Kulturlandschaft

Viele Einrichtungen der freien Szene sind aus der Kulturlandschaft nicht wegzudenken. Viele freie Kulturvereine versuchen mit sehr wenig Geld, das zu tun, was staatliche Institutionen nicht tun. Sie bieten Hospitanzen für junge Künstler, veranstalten Projektwettbewerbe und Workshops, fördern internationale Zusammenarbeiten und haben auch während des Lockdowns innovative Projekte für Online-Medien entwickelt. Ebenso organisieren sie Veranstaltungen an Orten, wohin Kultur kaum gelangt – in Dörfern und Kleinstädten, wo es keine Theater, Kinos, Opernhäuser und Museen gibt.

Geld, um ihre Projekte ins Leben zu rufen und zu erhalten, gibt es von Sponsoren, von den Lokalbehörden und von der Verwaltung des Nationalen Kulturfonds (AFCN), der zweimal pro Jahr einen Projektwettbewerb organisiert und die einzige Institution in Rumänien ist, die Projekte nichtstaatlicher Träger fördert. Doch außer dem Geld für Projekte braucht man Geld, um überleben zu können, vor allem für Miete und Unterhaltskosten für die Räume. Nach sechs Monaten ohne Einnahmen und mit wenig Unterstützung vom Staat ist nun der unabhängige Kultursektor vom Aussterben bedroht.

Am 27. August trafen sich beim Bukarester Theater Apollo 111 die Vertreter mehrerer freier Kulturinstitutionen (die meisten davon Theater), die zusammen einen offenen Brief an die Behörden verfassten. Angesprochen werden die rumänische Regierung, das Kulturministerium, das Finanzministerium, das Ministerium für Europäische Fonds sowie lokale Bürgermeisterämter und Präfekturen. Der Brief, in dem um finanzielle Unterstützung für das kommende Jahr gebeten wird, wurde von 20 Kulturvereinen aus ganz Rumänien unterschrieben.

„Die Unsicherheit wurde verschärft”

Die Kulturschaffenden weisen darauf hin, dass sie in Gefahr schweben, ohne Einkommen zu bleiben, und dass sie nicht mehr in der Lage sind, ihre Arbeit fortzusetzen. „Die mangelnde Beteiligung der Behörden an der Unterstützung der freien Kulturszene während des nächsten Jahres würde bedeuten, dass die wesentliche Rolle, die diese Kultureinrichtungen für die Zukunft Rumäniens spielen, missverstanden wird. Die Zukunft ist ungewiss, aber ohne Kultur existiert die Zukunft nicht!“ Die meisten freien Kultureinrichtungen sind auf Besucher angewiesen. Laut der neuen Hygienevorschriften kann nur die Hälfte der Sitzplätze im Saal besetzt werden, wobei die Entfernung zwischen Publikum und Bühne wenigstens drei Meter betragen soll. Die meisten unabhängigen Theater funktionieren in kleinen Sälen mit 50, höchstens 100 Sitzplätzen, wobei die Zuschauer sehr nahe an der Bühne sitzen. In Zukunft werden laut den Vorschriften 20, höchstens 30 Leute eine Vorstellung in so einem Theater besuchen können. Da viele unabhängige Theater die Miete und andere Kosten durch den Verkauf von Eintrittskarten finanzieren, wird es sehr schwierig sein.

„Die unabhängigen Kultureinrichtungen profitieren nicht vom Staatshaushalt, sondern sind seit 30 Jahren Orte der künstlerischen Innovation und entwickeln Projekte, die in ganz Europa relevant sind. Gleichzeitig zahlen sie Steuern, also tragen zum Staatshaushalt bei und beschäftigen junge Arbeitskräfte. Im März, als die SARS-CoV-2-Pandemie alle Kultureinrichtungen zwang, ihre Türen zu schließen, war der unabhängige Kultursektor trotz des konsequenten Beitrags zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Rumäniens ohnehin prekär und fragil. Die Pandemie hat die problematischen Arbeitsbedingungen und die anhaltende Unsicherheit verschärft. Im Gegensatz zu den staatlichen Kulturinstitutionen, die über großzügige Budgets für Produktionen verfügen, keine Miete und keine Gehälter zahlen müssen und für die es kaum negative Konsequenzen gibt, wenn weniger Eintrittskarten verkauft werden, befinden wir uns in Gefahr. Wir weisen darauf hin, dass ohne die Beteiligung der Behörden an der finanziellen Unterstützung unabhängiger Kulturvereine während dieser Zeit der Einschränkungen und der drastischen Reduzierung der Anzahl der Zuschauer die freie Szene komplett verschwinden wird. Die Lücke, die sie hinterlässt, wird man nicht schließen können.

Deshalb bitten wir die Behörden um finanzielle Unterstützung und hoffen, dass unser Aufruf beantwortet wird. Uns zu ignorieren, ist nicht nur ein Zeichen der Gleichgültigkeit, sondern ein fataler Fehler, der zum Aussterben eines wesentlichen Kultursektors führen wird, der bisher dem Staat und der Gesellschaft nur Vorteile gebracht hat“, steht im offenen Brief. Er wurde unter anderen vom ACT-Theater Bukarest, dem Apollo 111 Theater Bukarest, Auăleu Temeswar, Visssual Kronstadt un Reactor de Creație și Experiment aus Klausenburg unterschrieben.

Ob das Anliegen die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich ziehen wird, ist fraglich.

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