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Mit Greta Thunberg filmreif dem Ende entgegen?

Vom Gehweg vor dem schwedischen Reichstag zur Anführerin einer globalen Jugendbewegung

Schülerproteste in Düsseldorf

Greta Thunberg. Am 1. März demonstrierte die junge Schwedin mit Jugendlichen in Hamburg. Fotos: dpa

Luisa-Marie Neubauer ist eine der Hauptorganisatorinnen des von Greta Thunberg inspirierten Schulstreiks in Deutschland.

„Warum soll ich für eine Zukunft lernen, die es so vielleicht gar nicht geben wird, wenn niemand etwas dafür tut, diese Zukunft zu sichern? Und warum soll man Fakten pauken, wenn die wichtigsten Fakten von der Gesellschaft nicht ernst genommen werden?“, erklärte Greta Thunberg im vergangenen Dezember während der UN-Klimakonferenz von Kattowitz gegenüber António Guterres, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen.

Greta Thunberg, das schwedische Mädchen mit den zwei lang geflochtenen Zöpfen und dem starren Blick, ist in den vergangenen Monaten zum Symbol der Klimaschutzbewegung geworden. Dabei sagt sie Sätze wie: „Wir haben die Dringlichkeit der Situation erkannt. Unsere Führer haben versagt. Die jungen Menschen müssen die älteren Generationen für das Chaos, welches sie verursacht haben, verantwortlich machen. Wir müssen wütend werden, und diese Wut in Handeln umsetzen.“ Am vergangenen Freitag folgten Hunderttausende Kinder und Jugendliche, von Schweden über Deutschland bis Australien und Kanada ihrem Aufruf.

Lässt sich die junge Schwedin von der „Klimalobby“ instrumentalisieren? Ist sie eine PR-Marionette ihrer Eltern? Schulschwänzerin oder Klimaretterin? Das sind Fragen, die keiner Beachtung notwendig sind, sondern lediglich zur Ablenkung vom Anliegen führen sollen. Die Fakten zur Globalen Erwärmung seit der Industrialisierung und der Verantwortlichkeit des Menschen sind seit Langem bekannt. Allein, es wird nicht ausreichend gehandelt. Thunbergs zentraler Kritikpunkt!

Am 20. August 2018 sitzt die 15-jährige Greta Thunberg das erste Mal vor dem schwedischen Reichstagsgebäude in Stockholm. Es ist der erste Schultag nach den Sommerferien. Auf ihrem Instagram-Account veröffentlicht sie zwei Fotos, die sie mit einem Plakat mit der Aufschrift „Schulstreik für das Klima“ zeigen. Dazu schreibt sie: „Wir Kinder machen meist nicht das, was ihr uns sagt. Wir tun das, was ihr tut. Und da ihr Erwachsenen auf meine Zukunft scheißt, tue ich das auch.“ Stockholm verzeichnet in diesen Tagen den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1756.

Ingmar Rentzhog verbreitet noch am späten Nachmittag des ersten Streiktages von Greta ein kurzes Video mit ihrem Anliegen über die Facebook-Seite seines Technologie-Start-up-Unternehmens „We don‘t have time“. In Kombination mit einem über Twitter geteilten Foto und entsprechender Unterschrift, lässt sich eine im voraus geplante PR-Aktion vermuten. Rentzhog selbst erklärte später, er habe die Schülerin an jenem Montag zufällig gesehen und danach über sein Kontaktnetzwerk verschiedene Medien informiert.

Bereits am folgenden Tag sendete die öffentlich-rechtliche Fernsehgesellschaft „Sveriges Television“ einen kurzen Beitrag über Greta. Darin kritisiert das Mädchen, dass der Klimaschutz keine Priorität der Politiker sei. „Die Klimafrage ist die Schicksalsfrage unserer Zeit, was wir jetzt tun, können zukünftige Generationen nicht ändern. Wir erreichen bald einen Wendepunkt, von dem wir nicht zurückgehen können.“

In den folgenden Tagen berichteten weitere schwedische Medien über Greta und ihren Streik, den sie bis zur Reichstagswahl am 9. September durchhalten will. Und es werden die ersten internationalen Medien wie der „Guardian“ auf die junge Schwedin aufmerksam.

Schon ab ihrem zweiten Streiktag wird sie von weiteren Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen, unterstützt. Am Tag vor der schwedischen Reichstagswahl verkündet sie, dass sie ihren Protest fortsetzen wird. Tags darauf spricht sie bei der Demonstration „Das Herz schlägt für die Erde“ in Stockholm und erklärt vor einigen Hundert Menschen - in englischer Sprache - dass sie und ihre Mitstreiter fortan jeden Freitag vor dem schwedischen Parlament sitzen werden, bis sich Schweden nach dem „Übereinkommen von Paris“ ausrichtet. Dieses Übereinkommen ist eine Vereinbarung mit dem Ziel des Klimaschutzes und sieht die Begrenzung der menschengemachten globalen Erwärmung vor. Thunberg fordert Schüler in der ganzen Welt auf, es ihr gleichzutun.

Weltweit berichten große und kleine Medien in den folgenden Wochen über die junge Schwedin. Und sie findet Nachahmer. In der holländischen Gemeinde Zeist demonstriert die 10-jährige Lilly Platt ab dem 21. September vor dem Rathaus. Sie sagt: „Die Absicht des Schulstreiks ist, dass Regierungen uns zuhören, dass alle Regierungen sich dem Pariser Übereinkommen anschließen.“ Im kanadischen Sudbury protestiert die 11-jährige Sophia Mathur an jedem ersten Freitag im Monat. Gegenüber der Lokalzeitung „The Sudbury Star“ erklärt das Mädchen, dass sie im August ein Video von Greta gesehen habe und daraufhin ihre Mutter fragte, ob sie es der Schwedin gleich tun könne. „Ich hoffe, dass ich die Erwachsenen begeistern kann, sodass sie etwas für die Umwelt tun. Und ich hoffe, dass ich die Politiker dazu bringen kann, damit zu beginnen auf unsere Experten zu hören.“

Die Mission von Greta verbreitet sich in der Welt. Während Australien am Beginn des heißesten Sommers seit Beginn der Wetteraufzeichnungen steht, demonstrieren in Melbourne, Sydney und anderen Städten Tausende Schüler gegen die Klimapolitik der Regierung. Am 14. Dezember gehen in einigen deutschen Städten erstmals Schüler auf die Straße. Zur gleichen Zeit hält Thunberg bei der UN-Klimakonferenz in Kattowitz eine bewegende Rede. Es ist der Wendepunkt, ihr Wendepunkt. Die 15-Jährige steigt in den kommenden Tagen zum globalen Gesicht des Klimaschutzes auf, wird zur Ikone stilisiert.

Zu Beginn des neuen Jahres demonstrieren in Deutschland, Belgien und der Schweiz Zehntausende Schüler. Am Rande der Münchener Sicherheitskonferenz versucht sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in Verschwörungstheorien: „Diese hybride Kriegsführung im Internet ist sehr schwer zu erkennen, weil sie plötzlich Bewegungen haben, von denen sie gedacht haben, dass die nie auftreten – die immer ansetzen an einem Manko. In Deutschland protestieren jetzt die Kinder für Klimaschutz. Das ist ein wirklich wichtiges Anliegen. Aber dass plötzlich alle deutschen Kinder – nach Jahren ohne sozusagen jeden äußeren Einfluss – auf die Idee kommen, dass man diesen Protest machen muss, das kann man sich auch nicht vorstellen.“ Es ist vielleicht genau diese Ignoranz von Politikern, die Schüler rund um den Globus an Freitagen statt in die Klassenzimmer auf die Straße zieht. Thunberg geht auf die Aussage der Bundeskanzlerin ein, spricht von einem unglücklichen Formulierungsfehler, und stellt trotzdem das entscheidende Problem heraus: „Es ist interessant: Immer wenn die Schulstreiks als Thema aufkommen, reden fast alle politischen Führer und viele Journalisten über alles mögliche – außer über den Klimawandel.“

„Wir können eine Krise nicht lösen, wenn wir sie nicht als Krise anerkennen“, sagte sie bereits in Kattowitz. Ihre Rede endete damals mit der Drohung: „Ich habt uns in der Vergangenheit ignoriert, ihr werdet uns auch in Zukunft ignorieren. Wir sind gekommen, um euch wissen zu lassen, dass Veränderung kommen wird, egal ob ihr wollt oder nicht. Die wahre Macht gehört zu den Menschen.“

Greta Thunberg ist es in den vergangenen Monaten gelungen, die westliche Medienaufmerksamkeit wieder auf den Klimawandel zu lenken. Diese Aufmerksamkeitsspanne dauert, dass hat die Vergangenheit gezeigt, vermutlich nicht sehr lange an. Noch mögen Journalisten die kleine Heldin, die hinter sich eine Heerschar Kinder und Jugendliche vereint, und sich gegen den Klimawandel stellt – während sich Politiker mit ihr oder gegen sie profilieren können. Doch eine filmreife Geschichte stoppt noch nicht die globale Erwärmung. Um dies zu erreichen, müssen die Schüler mehr tun.

Im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss erklärte Thunberg unlängst: „Das politische System, welches sie erschaffen haben, dreht sich ausschließlich um Wettbewerb. Du betrügst, wenn du kannst, denn alles was zählt ist zu gewinnen, die Macht zu haben. Das muss aufhören, wir müssen aufhören, miteinander zu konkurrieren, wir müssen kooperieren und zusammen arbeiten sowie die Ressourcen des Planeten gerecht verteilen.“ Sie hätte auch Karl Marx bemühen können: Um den Klimawandel zu bekämpfen, muss der Kapitalismus bekämpft werden. Denn dieser ist sowohl auf die Ausbeutung der Menschen, als auch auf die Ausbeutung der Natur angewiesen. Marx ist tot.

 

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