Erasmus Büchercafe

„Peitschenhieb des Hohnes“

Deutsch-Rumänische Kulturgesellschaft veranstaltete Buchvorstellung

Buchvorstellung in den Räumen der Bibliothek der TU Politehnica (v.l.n.r.): Ana-Maria Dascălu-Romișan, Bogdan Dascălu-Romișan, Ralf Krautkrämer, Simona Șimon, Werner Kremm und William Totok. Foto: Zoltán Pázmány

Voll war der Mehrzweckraum der Bibliothek der TU Politehnica am vergangenen Dienstagabend, als die Deutsch-Rumänische Kulturgesellschaft aus Temeswar/Timișoara sowie der Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaften derselben Hochschule, Fachrichtung Übersetzung und Dolmetschen, zu einer Buchvorstellung eingeladen hatten. Studierende, Unterrichtende, Germanisten, Diplomaten, Unternehmer und an Literatur Interessierte fanden sich hier ein, um der Präsentation des zweisprachig publizierten Romans von Franz Xaver Kappus, „Die Peitsche im Antlitz. Geschichte eines Gezeichneten / Biciul disprețului. Povestea unui stigmatizat“, beizuwohnen.

Den Roman hatte ADZ/BZ-Redakteur Werner Kremm ins Rumänische übertragen, wobei der Schriftsteller, Forscher und Journalist William Totok die Einführung dazu verfasste. Der zweisprachige Band erschien 2018 im Verlag des Nationalmuseums der Rumänischen Literatur in Bukarest. Durch den Abend führte die Veranstalterin des Ereignisses, Dr. Ana-Maria Dascălu-Romițan, die den Vorsitz der Deutsch-Rumänischen Kulturgesellschaft innehat und am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaften der TU Politehnica unterrichtet.

Nach einem Grußwort von Vizedekanin Lekt. Dr. Simona Șimon hob der deutsche Konsul Ralf Krautkrämer, von Ana-Maria Dascălu-Romițan als „Freund und Unterstützer der Deutsch-Rumänischen Kulturgesellschaft und des Deutschen Kulturzentrums Temeswar“ vorgestellt, die Bedeutung von guten Übersetzern und Übersetzungen hervor. „Die Publikation und die Übersetzung des Mikroromans ins Rumänische erwecken zugleich das Interesse des rumänischen Leserpublikums für einen berühmten deutschsprachigen Autor des Banats, der diese Region schon lange vor der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Herta Müller in der Welt bekannt machte“, sagte Konsul Ralf Krautkrämer. „Es ist kein Zufall, dass Werner Kremm und William Totok, zwei Gründungsmitglieder der Aktionsgruppe Banat, der ´ersten und letzten deutschsprachigen Dichterschule in Rumänien´ (Zitat von Ernst Wichner), ihre Aufmerksamkeit auf Franz Xaver Kappus lenken. Er ist nämlich einer der wenigen deutschsprachigen Autoren der Zwischenkriegszeit, der die Grenzen einer nationalen Literatur überschritten hat“, sagte der deutsche Konsul. Einige Herausforderungen der Übersetzer heutzutage erwähnte Konsul Krautkrämer: „Wie ist es, wenn ein Wort aufgrund historischer Entwicklung seine Unschuld verloren hat? Wie gehen wir mit Gender-Fragen um, die in einer anderen Sprache eben anders gelöst werden?“, sagte er. Als persönliche Beobachtung fügte Ralf Krautkrämer hinzu, dass gute Übersetzer auch gesellschaftlich und politisch informierte oder sogar politisch denkende Bürger sein sollten.

Der Forscher der Rumänischen Akademie, Doz. Dr. Bogdan Mihai Dascălu-Romițan, ermöglichte den Anwesenden einen Einblick in den Kurzroman von Franz Xaver Kappus. Das 1921 erstmals in Temeswar erschienene Buch erzählt die Geschichte des Einzelgängers Kamükler, eines Gezeichneten, dessen Gesicht von einem permanenten Riktus geprägt ist. Die Gestalt wird zu einem Einzelgänger, der schließlich in einen wahnsinnsähnlichen Zustand verfällt und Selbstmord begeht. Bogdan Dascălu-Romițan erwähnte in seiner Präsentation auch die Briefe von Rainer Maria Rilke an Kappus, die letzteren berühmt gemacht hatten. Die Briefe an Rilke mit Bitten um Rat in der Literatur hatte Kappus während seiner Zeit an der Kadettenschule in Sankt Pölten geschickt. Die Antworten Rainer Maria Rilkes wurden von Kappus 1929 in dem Band „Briefe an einen jungen Dichter“ veröffentlicht. Die Originalbriefe hatte Franz Xaver Kappus in den 1950er Jahren für eine Million US-Dollar an einen Amerikaner verkauft, seine Originalbriefe an Rilke sind nicht bekannt.

Der Schriftsteller William Totok, der zwei Jahre lang für das Verfassen der Einführung zur zweisprachigen Romanversion geforscht hatte, brachte dem Publikum mit Hilfe einer Power-Point-Präsentation mehrere interessante und teilweise unbekannte Aspekte aus dem Leben und Schaffen Kappus´ näher. Unter anderem erwähnte er, dass sich Franz Xaver Kappus, in dessen Werken zahlreiche expressionistische Elemente zu finden sind, ursprünglich gegen den Expressionismus positioniert hatte. Kappus´ Roman „Der Rote Reiter“, 1922 erschienen, sei sogar zweimal verfilmt worden, erstmals als Stummfilm, erzählte Totok, allerdings konnte er selbst keinen dieser Filme in den Archiven finden. Die Behauptung, dass Franz Xaver Kappus in der Satire-Zeitschrift „Simplicissimus“ veröffentlicht habe, wies Totok, der alle Ausgaben aus jener Zeit durchgeblättert hat, von der Hand. Zum Schluss seiner Präsentation zeigte er dem Publikum einen Auszug aus dem amerikanischen Film von Steven Spielberg, „Schindlers Liste“ (1993), in dem ein bekanntes Kinderlied gespielt wird: „Mamatschi (Schenk mir ein Pferdchen)“. Den Text dieses Liedes von Oskar Schima hatte kein Geringerer als Franz Xaver Kappus verfasst, wie die Anwesenden erfahren sollten. Bei der Buchvorstellung spielte es der zurzeit in Kleinsanktpeter/Sânpetru Mic/Totina lebende Jazzmusiker Tony Kühn, ein guter Freund und Kommilitone der Gründungsmitglieder der Aktionsgruppe Banat, live auf seiner Hohner-Melodica vor.

Schließlich kam der Übersetzer des Romans, Werner Kremm, zu Wort. Er wandte sich auch an die angehenden Übersetzerinnen und Übersetzer im Saal. „Der Name des Übersetzers steht immer an letzter Stelle, ihr kommt immer als letzte zu Wort“, sagte er. Zuallererst antwortete er auf eine Frage, die ihm oft gestellt wurde und die wahrscheinlich viele Anwesenden auf den Lippen hatten. Er zitierte aus der Originalfassung, wo der Ausdruck „Peitschenhieb des Hohnes“ – „biciul disprețului“ erscheint. „Ich habe mich also nicht von der Botschaft des Buches entfernt, sondern mit dem Verzicht auf eine wortwörtliche Titelübersetzung eigentlich bemüht, die Story auf ihren Kern zurückzuführen“, sagte Werner Kremm, der ebenfalls erklärte, dass man sich mit dem Autor identifizieren müsse, um eine gute Übersetzung zu schaffen. „Das Buch erzählt die Geschichte eines Gezeichneten und ist zugleich auch eine Art psychoanalytische Studie im Sinne Sigmund Freuds, mit Einflüssen aus der Philosophie Nietzsches. Der Aufbau des Romans, mit vielen Hinweisen auf Folgendes, mit Vorwegnahmen und Präzisierungen, ist technisch sehr interessant und mit beachtlicher schriftstellerischer Meisterschaft verfasst“, erklärte Werner Kremm, der mit Hilfe von Zitaten die expressionistischen Elemente des Romans erwähnte (u. a. ein Bild, das den Leser an das berühmte expressionistische Werk „Der Schrei“ des norwegischen Malers Edvard Munch erinnert). „40 Romane ohne Inhalt zu schreiben, kann nicht jeder“, sagte Werner Kremm über das Werk des in Temeswar geborenen Autors, der später (ab 1926 und bis 1966, seinem Todesjahr) in Berlin seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Schundliteratur verdiente. „Franz Xaver Kappus konnte einfach schreiben und deswegen hat es mir Spaß gemacht, ihn zu übersetzen“, fügte er zum Schluss der mehr als zweistündigen Veranstaltung hinzu. Im Anschluss ergab sich die Möglichkeit, sich mit den beiden Mitgliedern der Aktionsgruppe Banat in privaten Gesprächen auszutauschen. Die zweisprachige Romanversion kann zum Preis von 56 Lei von der Webseite des Verlags des Nationalmuseums der Rumänischen Literatur, www.edituramnlr.ro, bestellt sowie in einigen öffentlichen Buchhandlungen erworben werden.

 

 

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Bemerkungen :

  • user
    dan 27.03.2019 Beim 17:49
    Die Banater Schwaben haben schon immer sich auf die Brust geschlagen.
    Dabei sind sie als Volk es, bei denen es von Opportunisten wimmelte unter ihren Intelektuellen und Schreibern.
    Deswegen müssen sie auch immer wieder beteuern, dass sie die einzigen Deutschen in Rumänien sind, die die Ersten sind...
    Auch F. X. Kappus war ein Mensch dieser Sorte, der sich als Banater Schwabe besser präsentieren und zu verkaufen wusste, als seine säxischen Kollegen damals..
    Die Banater Schwaben hatten schon immer weniger Hemmungen als die Saxen, sich anzubiedern, wenn es was zu holen gab.
    Deswegen auch sind sie viel schneller magyiarisiert und danach romanisiert als die Saxen... eben weil jedem von ihnen das eigene Fortkommen immer wichtiger was als seine Brüder und Schwestern, seine Gemeinschaft.
    Wenn in Siebenbürgen noch die Kirchenburgen in 100 Jahren bezeugen werden, dass dort einmal das Volk der Saxen 1000 Jahre Kultur und Erfolg dem Land gegeben hat, wird im Banat von den Schwaben keine Spur mehr zu sehen sein.
    Die Rumänen täten gut daran, die Saxen zu präferenzieren vor den Schwaben.
Kanton Aargau