Wer lernt wo Deutsch?

Eine neue Erhebung zeigt Zahlen und Entwicklungen auf

Grafik aus „Deutsch als Fremdsprache weltweit. Datenerhebung 2020“, Auswärtiges Amt.

Welchen Stellenwert hat Deutsch als Fremdsprache in der Welt? Alle fünf Jahre geht das Auswärtige Amt Deutschland dieser Frage auf den Grund. Gemeinsam mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der Deutschen Welle (DW), dem Goethe-Institut und der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) werden dabei Daten erhoben, die Aufschluss über die Zahl der Deutschlernenden weltweit geben – so können auch längerfristige Entwicklungen verfolgt werden.

Die diesjährigen Ergebnisse präsentierte in der vergangenen Woche Michelle Müntefering, Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, und diskutierte anschließend Entwicklungen, Herausforderungen und Probleme bei der Verbreitung der deutschen Sprache mit dem Generalsekretär des Goethe-In-stituts, Johannes Ebert, und dem Intendant der Deutschen Welle, Peter Limbourg. Ebenfalls eingeladen waren bei der Veranstaltung, die im Internet live mitverfolgbar war, junge Menschen aus verschiedenen Ländern, denen das Erlernen der Sprache eine Ausbildung in Deutschland ermöglicht hatte.
Insgesamt 15.453.528 Personen geben weltweit an, die deutsche Sprache zu erlernen – wobei diese Zahl nur diejenigen umfasst, die Unterricht in einer Bildungseinrichtung besuchen, keine Angehörigen deutschsprachiger Minderheiten oder Menschen, die sich die Sprache privat aneignen.

Daraus lässt sich eine positive Entwicklung ablesen: Während es im Jahr 2000 noch 20,1 Millionen Deutschlernende gab, fiel die Zahl bis 2010 drastisch auf 14,8 Millionen. 2015 war ein leichter Anstieg auf 15,3 Millionen zu verzeichnen, der sich offenbar fortsetzt.

Dies trifft beispielsweise auf einige Nachbarländer Deutschlands zu: In Dänemark, den Niederlanden, Tschechien und Frankreich steigt das Interesse. Bitter ist dagegen die negative Entwicklung in Polen und Ungarn, wo Deutsch aufgrund der geografischen Nähe und historischer Verflechtungen eigentlich tief verwurzelt ist. Negativ sind auch die Aussichten für Großbritannien, wo immer weniger Deutsch unterrichtet wird – was der Brexit kaum ändern wird.

Besonders erfreulich dagegen ist, dass in Rumänien ein positiver Trend zu verzeichnen ist: Die Zahl der Deutschlernenden ist im Vergleich zu 2015 um 20.956 Personen gestiegen. Insgesamt geben 205.207 Menschen hierzulande an, die deutsche Sprache zu erlernen – davon 4600 an Goethe-Instituten und 6483 als Studierende an Hochschulen. Die größte Gruppe bilden aber die 194.124 Schüler und Schülerinnen, die eine der 1058 Schulen besuchen, an denen 1758 Lehrkräfte Deutsch unterrichten.

Auch in der Russischen Föderation, wo bei der letzten Erhebung ein starker Rückgang verzeichnet wurde, steigt das Interesse wieder: von 1,54 auf 1,79 Millionen Deutschlernende. Insgesamt lebt mit 73 Prozent die überwiegende Mehrheit derjeniger, die weltweit diese Sprache erlernen, in Europa.

10 Prozent dagegen leben in einem der 55 afrikanischen Staaten – noch 2015 waren es nur 7 Prozent. Der Norden des Kontinents ist hier Vorreiter: In Ägypten, das traditionell hohe Zahlen aufweist, sind diese weiter gestiegen (von 250.000 auf 400.000), in Algerien haben sie sich gar verdoppelt – in Zentralafrika und im Süden des Kontinents bleiben die Zahlen niedrig. Westafrikanische Staaten wie Côte d’Ivoire, Kamerun, Benin, Togo und Burkina Faso verzeichnen steigende Zahlen. Im Osten des Kontinents dagegen ist der Anstieg gering, Kenia bildet hier eine erfreuliche Ausnahme.

Auf den amerikanischen Kontinenten leben nur 2,26 Prozent der Deutschlernenden. Die Zahlen sind in Südamerika leicht angestiegen, außer in den beiden – allerdings größten – Staaten Argentinien und Brasilien. Mittelamerika verzeichnet durchwegs erfreuliche Zuwächse, in Nordamerika hingegen ist die Entwicklung eher durchwachsen – während in Mexiko die Zahl der Deutschlernenden von 75.176 auf 85.896 erheblich gestiegen ist, melden die USA einen massiven Rückgang: Nur noch 421.735 Menschen hier lernen Deutsch.

Dagegen steigen die Zahlen in Indien, China, Japan und dem Iran stark an – herausragend in der Region Asien und Ozeanien ist aber das zentralasiatische Usbekistan: Trotz eines Rückganges von 508.000 auf 406.000 Lernenden ist es hier das Land mit den meisten Deutschlernenden.

Michelle Müntefering vom Auswärtigen Amt entnimmt diesen Zahlen, dass man auf dem richtigen Weg sei – sie wünsche sich aber, dass bei der bislang rein quantitativen Studie auch erhoben würde, auf welchem Sprachniveau die Lernenden sich befinden, ob sie die Sprache im Alltag tatsächlich benutzen und auf Basis welcher Motivation sie diese lernen. Nicht umsonst nennt sie die Verbreitung der deutschen Sprache in der Welt ein „strategisches Ziel deutscher Außenpolitik“: International operierende deutsche Unternehmen profitieren weltweit von Arbeitskräften mit Deutschkenntnissen, aber vor allem herrscht im Land selbst ein Fachkräftemangel, dem offenbar mit ausländischen Arbeitskräften begegnet werden soll: Seit dem 1. März ist das „Fachkräfteeinwanderungsgesetz“ in Kraft, das den deutschen Arbeitsmarkt für qualifizierte Drittstaatsangehörige öffnet. Müntefering betont dessen Notwendigkeit: Schließlich setze sich der demografische Wandel fort, weshalb ausländische Arbeitskräfte notwendig seien – sofern diese über Fach- und Sprachkenntnisse verfügen. Damit sie sich letztere im Zuge einer „Vorintegration“ bereits vor der Emigration aneignen können, müsse das digitale Angebot weiter ausgebaut werden.

Dazu trägt beispielsweise die Deutsche Welle als Auslandsrundfunk der Bundesrepublik bei: Das Angebot aus unter anderem Kursen, Videos oder Nachrichten (in langsam gesprochener Sprache!) ist ausschließlich online verfügbar, kostenlos und für alle mit Internetzugang. Laut Intendant Peter Limbourg erreicht die DW damit 2,6 Millionen Menschen – von Januar bis April habe sich diese Zahl coronabedingt mehr als verdoppelt. Auch auf den Fachkräftemangel wurde hier reagiert: Mit Mitteln der Bundesagentur für Arbeit wurden spezifische Kurse entwickelt, etwa „Deutsch für Pflegekräfte“. Damit komme man den Bedürfnissen derjeniger entgegen, die in Deutschland arbeiten wollen – und den Bedürfnissen des deutschen Arbeitsmarktes.

Limbourg verweist aber darauf, dass es sich dabei um Angebote für Einsteiger handle – die Präsenzkurse und Sprachdiplom-Prüfungen, die das Goethe-Institut anbietet, seien unabkömmlich. Tatsächlich dienen dessen Niederlassungen weltweit nicht nur als Anlaufstelle für Menschen, die an deutscher Sprache und Kultur interessiert sind, sondern ermöglichen es darüber hinaus Auswanderungsfreudigen, durch die Ablegung der Sprachdiplom-Prüfung eine Voraussetzung für ein Studien- oder Arbeitsvisum zu erfüllen.

Die digitale Wende ist auch hier in vollem Gange: Es werden nicht nur Kurse angeboten, die Präsenz- und Online-Module verbinden, sondern inzwischen auch (kostenpflichtige) Kurse, in denen ein Tutor digital unterrichtet. Sie erfreuen sich stark steigender Nachfrage. Generalsekretär Johannes Ebert zeigt sich vor allem darüber erfreut, dass die Zahl der Schulen, an denen Deutsch als Fremdsprache gelehrt wird, weltweit von etwa 95.000 auf knapp 106.000 angewachsen ist – da stecke sehr viel Arbeit dahinter, etwa in Form von Gesprächen mit Schulbehörden oder Werbeaktionen. Dass immer mehr Erwachsene die Sprachkurse besuchen, deutet er als Hinweis, dass das Thema Fachkräfteanwerbung auch für das Goethe-Institut an Relevanz zunimmt.

Dieses kümmert sich auch wie der DAAD – in verschiedenen Formen – um die Aus- und Fortbildung von Deutschlehrkräften. Dieses Jahr wurde deren Anzahl zum ersten Mal erhoben: 62.000 Lehrer und Lehrerinnen unterrichten weltweit Deutsch als Fremdsprache – Tendenz sinkend. Viele, die die deutsche Sprache erlernt haben, gehen lieber in die Wirtschaft als an die Schulen. Hier müssten laut Ebert Programme entworfen und neben den bereits bestehenden weitere Angebote gemacht werden, wie es in Asien bereits teilweise der Fall sei. Wenn der Arbeitsmarkt und Wohlstand in Deutschland auch durch Fachkräfte aus dem Ausland erhalten werden solle, müsse man das Problem ernst nehmen und daran nicht sparen, stellt er abschließend fest.

Die Broschüre mit allen Zahlen und genauen Darstellungen der Situation in ausgewählten Ländern findet sich auf den Homepages der genannten Organisationen – zum Beispiel auf goethe.de.

 

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