Wessen Einheit?

Das Buch „Erinnern Stören“ versammelt selten beachtete Erinnerungen an den Mauerfall

Das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, in dem vietnamesische Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter untergebracht waren, die 1992 Opfer des Pogroms wurden. Foto: Wikimedia Commons

Erinnern Stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive, Lydia Lierke und Massimo Perinelli (Hg.), Broschur, 540 Seiten, Verbrecher Verlag 2020

Im Sommer 1992 campierten rund 300 Menschen – vor allem Roma aus Rumänien – vor der überfüllten Zentralen Aufnahmestelle (ZAst) der Stadt Rostock im Stadtteil Lichtenhagen. Monatelang hatte sich die Stadt geweigert, die Lage der auf ihr Asylverfahren Wartenden zu verbessern und sie in geeigneten Unterkünften unterzubringen. Im Spätsommer, am 21. August, brachte die Rostocker „Ostsee-Zeitung“ einen Bericht, in dem drei Jugendliche ankündigten, „dass die rumänischen Roma ‚aufgeklatscht‘ werden“ sollten, und voraussagten: „die Leute, die hier wohnen, werden aus den Fenstern schauen und Beifall klatschen.“

Die Bilder, die wir kennen

So kam es dann zwischen dem 22. und 26. August 1992 zu den Bildern, die wir kennen: Ansammlungen von rund 3000 grölenden, den Arm zum Hitlergruß gereckten Deutschen vor der ZAst und dem benachbarten Sonnenblumenhaus – einem Heim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter und Vertragsarbeiterinnen.

Die Wende, die den Kontext der Geschehnisse bildet, sei dennoch eine Erfolgsgeschichte – so liest man es oft dieser Tage in deutschen Medien und auch der ADZ. Es wird vor allem von der Angleichung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Ost und West geschwärmt. Dass sich die Ostdeutschen dabei zum Teil als „Bürger zweiter Klasse“ fühlen und sich dies auch in der jüngeren politischen Polarisierung ausdrückt, wird dabei lediglich als „Schönheitsfehler“ betrachtet. Schlimmer noch: Häufig werden im Zuge der Wende erlebte Abwertungen herangezogen, um rechten Gewalttaten mit Verständnis zu begegnen. Die Wende bedeutet nach wie vor die deutsche Wiedervereinigung, dessen ,was vermeintlich zusammengehört: die Einheit der Deutschen.

Bei einem Besuch in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 antwortete der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Deutschen Juden, Ignatz Bubis, auf die Frage eines Journalisten, inwiefern die sozialen Umstände – also die Umstände der Nachwendezeit – die Vorkommnisse erklären könnten: „Wissen Sie, soziale Umstände ist eines, und Gewalt ist wieder was anderes. Die Menschen hier können doch nichts für die sozialen Umstände“ – und mit den „Menschen“ meint er eindeutig die Opfer, diejenigen also, die von der Mehrheitsgesellschaft als „nicht-deutsch“ gewaltsam ausgeschlossen werden.

Die Versuche jüdischer Bürgerinnen und Bürger, vor Ort eine Gedenkplakette anzubringen, die an die systematische Ermordung der Roma und Juden im Nationalsozialismus erinnert und so auf die Verbindung der verschiedenen Verbrechen gegen die „Anderen“ hingewiesen hätte, wurden damals von staatlicher Seite unterbunden. Seitdem hinterlässt die Deutschlandfahnen schwenkende Masse, die jährlich am 9. November den Mauerfall feiert, statt der Opfer der Reichspogromnacht vom 9. November 1939 zu gedenken, einen noch bittereren Beigeschmack.

Pünktlich zum 30. Jubiläum der deutsch-deutschen Vereinigung, am 3. Oktober, ist mit „Erinnern Stören – der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive“ jetzt eine Textsammlung erschienen, die den Schulterschluss der Ausgeschlossenen, der Juden und Jüdinnen, Migranten und Migrantinnen und Roma, der Alteingesessenen und Neudazugekommenen nachvollzieht, indem es ihre Erinnerungen in den Mittelpunkt stellt.

Lydia Lierke und Massimo Perinelli, die das Buch herausgegeben haben, gehen in der Zusammenstellung der Texte davon aus, dass der Mauerfall zur Vereinigung zweier deutscher Staaten führte, die grundverschieden waren. Um der Mehrheit trotz ihrer verschiedenen Lebenswelten und der von der Vereinigung freigesetzten sozialen Fliehkräfte ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu ermöglichen, kam es beginnend mit den 90er Jahren zu einer verstärkten, nicht selten gewalttätigen Abgrenzung der Deutschen von als „nicht-deutsch“ ausgemachten Menschen.

Wer ist „das Volk”?

„Mit dem nationalen Taumel ging ein alltäglicher sowie struktureller Rassismus einher, den all jene zu spüren bekamen, die nicht zur nationalen Gemeinschaft gezählt oder plötzlich aus ihr aussortiert wurden“, schreiben Lierke und Perinelli in der Einleitung. Er wurde medial, politisch und auf den Straßen durchgesetzt und traf viele: diejenigen, die wie die Rumänen und Rumäninnen von Lichtenhagen gerade erst angekommen waren, genauso wie diejenigen, die wie die Kinder türkischer sogenannter Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen in Deutschland geboren wurden, oder die, die wie Sinti und Roma, Juden und Jüdinnen seit jeher auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands leben.

Während die Gewalt, die sich in den Angriffen auf Wohnhäuser und Einrichtungen der Migrantinnen und Migranten, in den Mord- und Brandanschlägen in West- und Ostdeutschland zeigte, bis heute landläufig als Phänomen einer extremen Rechten abgetan wird, zeigt „Erinnern Stören“, dass sich mit der Wende das Verhältnis zu Migrantinnen und Migranten, Migrantisierten, Juden und Jüdinnen auch ausgehend von der Mitte der Gesellschaft veränderte.

Verstörende Erinnerungen

Wie der Beitrag von Evrim Kızılay zeigt, wurde die Beteiligung der migrantischen Arbeiterinnen und Arbeiter in den westdeutschen Gewerkschaftsstrukturen mit der Wende stark zurückgefahren; in den Betrieben wurden sie durch „deutsche“ Arbeitssuchende aus den neuen Bundesländern ersetzt. Im Osten, so berichtet Patrice Poutrus, waren Menschen, die bis zum Ende als Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter in und für die DDR gearbeitet hatten, von nun an auf Asyl angewiesen. Viele von ihnen wurden daraufhin umgehend abgeschoben.

In den Interviews, die Sharon Adler für das Buch unter anderem mit jüdischen Holocaustüberlebenden geführt hat, wird das „historische Unbehagen“ deutlich, das ihre Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner angesichts der Entwicklungen infolge des Mauerfalls verspürten. Anderen, die in „Erinnern Stören“ zu Wort kommen, war das historische Wissen um ihre gesellschaftlich zugeschriebene Position nicht mitgegeben worden. In ihrem Beitrag erinnern sich Lydia Lierke, Jessica Massochua und Cynthia Zimmermann an ihre Kindheit, die von der Abwesenheit ihrer nicht-weißen Väter geprägt war – sie waren als Studenten oder Vertragsarbeiter in die DDR gekommen, hatten Familien gegründet und hatten mit der Wende, vom vereinigten Deutschland dazu gedrängt, das Land verlassen müssen.

Andere schafften es zu bleiben und zu überleben. Paulino Miguel, als Jugendlicher aus Mosambik in die DDR gekommen, erzählt von der Notwendigkeit, sich täglich – bei der Arbeit, am Baggersee, in der Disko – gegen Anfeindungen und Gewalt zur Wehr zu setzen und von Freunden, die dies nicht konnten. Dennoch sah er sich nach der Wende mit der ungeduldigen Aufforderung konfrontiert, sich endlich in diese ihm so oft mit Gewalt begegnende Gesellschaft zu integrieren.

Der Widerstand gegen die bis heute fortwirkenden Verhältnisse ist ein weiteres Augenmerk der Texte. So erinnert Perinelli an die Antifa Gençlik, einen Zusammenschluss türkisch-migrantischer Jugendlicher im Berlin der 90er Jahre, die sich gemeinsam vor Nazi-Übergriffen schützten, und ruft den Leserinnen und Lesern die zivilgesellschaftliche Aufarbeitung der staatlichen Verstricktheit im NSU-Komplex ins Gedächtnis. Sabuha berichtet von der queeren, migrantischen Kultur, die sich – oft gut gelaunt – zur gegenseitigen Unterstützung in Berlin-Kreuzberg entwickelte.

Eine Stärke des Bandes ist es, die Erinnerungen nicht zu akademisieren. So kommen viele Stimmen zu Wort, die nicht aus der Welt der Universitäten heraus und über die Wissenschaftlichkeit vermittelt zu den Leserinnen und Lesern sprechen. Paulino Miguel, Hamze Bytici, Janko Lauenberger und Sabuha teilen ihre Erinnerungen in lockerer und trotz des in Teilen bedrückenden Themas sogar unterhaltsamer Weise. Dabei verflechten sich  gekonnt wissenschaftliche Analysen, essayistische Texte und Autobiografisches zu einem vielstimmigen Erinnerungsstrom, der die Vereinigung zu ihrem 30. Jubiläum in anderen Wassern tauft, als es Leserinnen und Leser aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft gewohnt sind.

Widerständig – bis heute

In „Erinnern Stören“ verbinden sich Zeitdokumente und Analysen zu einem Bild, das die Erinnerungen stört, auf die sich die Wendefeierlichkeiten dieser Tage beziehen. Es gelingt Lierke und Perinelli die vielen Stimmen in einem überzeugenden Kanon zu arrangieren, der ihre These unterstreicht: Der Zusammenhalt in der Mehrheitsgesellschaft wurde angesichts der Turbulenzen der deutsch-deutschen Vereinigung durch den Ausschluss so betrachteter „Nicht-Deutscher“ erzielt. Die aktuelle Hochkonjunktur rechter Politiken in Reaktion auf verschiedene Krisen bezeugt die traurige Gewöhnlichkeit dieses Mittels.

Auf wessen Kosten das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger nach der Wende hergestellt wurde, ist wohl auch eine Frage, die sich in Rumänien stellen lässt. Das deutsche Beispiel zeigt: Der Zusammenbruch eines Systems hinterlässt eine Bevölkerung nicht unbedingtnur in friedlich-revolutionärer Beschwingtheit, sondern auch mit Auflösungsgefühlen.

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Bemerkungen :

  • user
    Klaus Martin Philippi 02.10.2020 Beim 11:09
    Alles hat zwei Seiten. Auch und vor allem die Politik der Erinnerung. Von oben herab eine Sichtweise, von unten herauf die andere Optik. Leider wird die Geschichte jeweils von ihren Siegern schriftlich für die Nachwelt festgehalten, was irgendwo auch erwiesene Vorteile birgt. Aber kein Grund, Nicht-Siegern von Geschichte Erinnerung zu erschweren oder gar zu verbieten.