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„Wir sollten an einem Strang ziehen und ein Zeichen setzen in der Gesellschaft“

ADZ-Gespräch mit Caroline Fernolend, Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen im Kreis Kronstadt

Die Vorsitzende des Mihai Eminescu Trust und des Demokratischen Forums der Deutschen im Kreis Kronstadt Caroline Fernolend

Im Frühjahr 2018 erfolgte beim Demokratischen Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt (DFDKK) ein Führungswechsel: Wolfgang Wittstock übergab nach 12 Jahren die Stafette an Caroline Fernolend. Fernolend ist somit die erste Frau, die das Kronstädter Forum seit seiner Gründung leitet.Die Vorsitzende des Mihai Eminescu Trust und Leiterin des Fachausschusses für Urbanistik beim Kronstädter Kreisrat steht hinter der inzwischen internationalen Bekanntheit ihres Heimatdorfes Deutsch-Weisskirch/Viscri. Durch ihren unermüdlichen Einsatz sind hier viele Projekte zur Wirklichkeit geworden. Dabei glaubt Fernolend fest daran, dass das gute Gelingen eines Projektes nicht nur die Arbeit eines Einzelnen ist, sondern ein Gemeinschaftswerk.
Nach einem Jahr, in dem sie sich in der Führungsposition „eingelebt“ hat, sprach Caroline Fernolend über die Herausforderungen und die Verantwortung, die ihr Amt mit sich bringt, mit der ADZ-Redakteurin Elise Wilk.


Frau Fernolend, es ist bald ein Jahr vergangen, seitdem Sie das Demokratische Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt leiten. Wie ist diese Zeit für Sie als Vorsitzende abgelaufen? Wie würden Sie das Jahr 2018 charakterisieren?

Es ist tatsächlich schon bald ein Jahr vergangen, seitdem die Vertreter unserer Gemeinschaft, durch demokratische Wahl, mir das Vertrauen für die Leitung des DFDKK geschenkt haben und seitdem ich dieses Amt von Herrn Wolfgang Wittstock übernehmen durfte. 2018 war für mich ein Jahr, in welchem der Kreis Kronstadt mir noch mehr ans Herz gewachsen ist. 2018 war aber auch ein Jahr des Kennenlernens, des Brückenbauens und der guten Arbeit zusammen mit den tatkräftigen Kollegen des DFDKK. 2018 wurden 13 Kulturprojekte und drei Buchprojekte von den Gremien des Siebenbürgen-Forums genehmigt und vom DFDKK erfolgreich durchgeführt. Bei all diesen Projekten hat sich das DFDKK mit 5 Prozent Eigenbeitrag beteiligt.

Und mit frischen Taten geht es auch in diesem Jahr weiter. Für 2019 haben wir bereits 20 neue Projekte genehmigt, die startklar sind. Darunter sind verschiedene Feste und Feiern, wie zum Beispiel das Honterusfest oder das Bartholomäusfest, aber auch das Dankesfest anlässlich der Fertigstellung der Renovierung der evangelischen Kirche in Brenndorf und auch viele Projekte zur Förderung der Initiativen des Jugendforums, wie die Teilnahme von Mitgliedern des Deutschen Jugendforums Kronstadt am Tag der offenen Tür der Nationalen Universität für Theater- und Filmkunst Bukarest oder ein Fotowettbewerb für Schüler unter dem Motto „Die Kultur der deutschen Minderheit im Blick der Jugend.“ Ich freue mich schon sehr auf die Umsetzung dieser Projekte, welche uns als Forum hoffentlich ein bisschen bekannter machen und für uns neue Perspektiven öffnen werden.

Um auch im Jahr 2019 unsere 5 Prozent Eigenbeitrag für die 20 geplanten und genehmigten Projekte zu leisten, möchte ich hier nochmals die Gelegenheit nutzen, Sie, liebe Leser, alle zu ermutigen, die 2 Prozent Ihrer Einkommenssteuer, über die Sie verfügen können, an das DFDKK zu überweisen. Bei denen, die dies schon gemacht haben, bedanke ich mich ganz herzlich!

Welches war vor einem Jahr Ihrer Ansicht nach die größte Herausforderung dieses Amtes? Ist sie es auch heute noch geblieben?

Die größte Herausforderung ist zugleich mein größter Wunsch: dass wir alle unsere Energie bündeln und gemeinsam den besten Weg finden, um in unserer kleinen Gemeinschaft sowie in der großen Gemeinschaft, in der wir leben, durch unser Tun Gutes zu tun und einander Kraft zu geben.

Ich wünsche mir sehr, dass Forum, Kirche und Schule mehr gemeinsame Projekte haben, die uns allen zugutekommen. Darüber hinaus gibt es gegenwärtig Herausforderungen genug um uns herum. Ich glaube, wir sollten an einem Strang ziehen und ein Zeichen setzen, in unserem Umfeld, in der Gesellschaft. Denn die gesamte Gesellschaft ist in gewisser Weise unsere Gemeinschaft: unser Umfeld ist gleichermaßen Kronstadt, als auch Siebenbürgen, als auch Rumänien und nicht zuletzt unser Europa. Ich glaube, dass wir immer im Hinterkopf behalten sollten, dass all diese Ebenen zueinander gehören.

Als Vizepräsidentin und seit 2018 Präsidentin des Mihai Eminescu Trust haben Sie viele Projekte initiiert und erfolgreich durchgeführt. Dabei geht es insbesondere um die Rettung des historischen und kulturellen Erbes von kleinen Ortschaften im Kreis Kronstadt. Besonders stark haben Sie sich Deutsch-Weißkirch, ihrem Heimatdorf, gewidmet. Dabei scheinen Sie eine Strategie verwendet zu haben, und zwar dass man mit kleinen Schritten oft große Ziele erreichen kann. Werden Sie diese Strategie auch was das Forum betrifft anwenden?

Es ist die Philosophie des Mihai Eminescu Trust (MET), dass auch der Weg schon das Ziel sein kann. Denn sich auf einen Weg begeben, bedeutet schon, für den Fortschritt offen zu sein. Wir glauben, dass es unsere Aufgabe ist, die Dorfgemeinschaften, mit denen wir arbeiten, zu ihrem Ziel zu begleiten: die Wiederbelebung der traditionellen Handwerke, der Erhalt der dörflichen Bausubstanz, die vermehrte Verwendung und Verwertung von natürlichen, landwirtschaftlichen Produkten, die Entwicklung des nachhaltigen Tourismus und, letztendlich, eine bessere Lebensqualität für die Dorfbewohner und ihre Kinder.

Wenn man jedoch die Strategie der kleinen Schritte wählt, dann braucht man meistens mehr Zeit, um an das gewünschte Ziel zu kommen – Zeit, die heute für viele von uns oftmals zu kostbar scheint, um mit der Erfüllung kleiner Schritte zufrieden zu sein. Ich glaube daran – bei MET als auch beim Forum –, dass die kleinen, nachhaltigen Schritte, die man gemeinsam und bewusst geht, langfristig viel mehr bewirken können, als der große Traum vom schnellen Erfolg. Der bleibt bekanntlich oftmals nur ein Traum, und leider ohne den Erfolg.

Welches sind Ihre wichtigsten Ziele für das Jahr 2019?

Für 2019 wünsche ich mir, gemeinsam mit den Vorstandsmitgliedern ein noch stärkeres Regelwerk für unser Forum zu erarbeiten und umzusetzen. Dieses soll für noch mehr Transparenz und Mitbestimmung stehen. Das Regelwerk soll beispielsweise der besseren Umsetzung der bereits genannten jährlichen Förderprojekte des DFDKK dienen sowie der Vorbereitung auf die Lokalwahlen für 2020. Ich wünsche mir auch, dass wir gemeinsam die richtige Formulierung eines zusätzlichen Paragrafen für unsere Satzungen finden, um den Verleumdungsversuchen Einhalt zu gebieten, die im letzten Jahr gegen uns verbreitet wurden.

2018 meinten Sie, dass eine Person nicht allein das Forum leiten kann und dass Sie Ihre Ziele nicht ohne die Hilfe der Vorstandsmitglieder erreichen können. Der Erfolg zukünftiger Projekte muss das Ergebnis eines Gemeinschaftswerkes sein. Inwiefern wurde Ihnen im letzten Jahr geholfen?

Ich vertrete auch heute ganz klar diese Meinung, und zwar, dass wir nur gemeinsam unsere Aufgaben und Vorhaben erfüllen können – ein Gemeinschaftswerk eben.Unser Altvorsitzender Herr Wolfgang Wittstock, der Stellvertretende Vorsitzende, Herr Dieter Drotleff, unsere Geschäftsführerin, Frau Lucia Sevestrean, aber auch viele andere Vorstandsmitglieder, sind mir im Jahr 2018 sehr zur Seite gestanden und ich wünsche mir, dass dies auch weiterhin so bleibt. Frau Christine Chiriac und Frau Ursula Philippi haben sich sehr erfolgreich für die Organisation und die Umsetzung von Kulturprojekten eingesetzt. Frau Chiriac, Frau Elise Wilk und Herr Paul Binder sind dabei, unsere Facebook- und Webseite neu aufzusetzen. Herr Richard Sterner betreut unsere Webseite und sendet an alle Personen aus dem Verteiler Einladungen und wichtige Informationen. Freundlicherweise hat er sich bereit erklärt, dies auch in Zukunft zu tun.

Welche Bereiche sind für Sie am wichtigsten?

Gemeinschaftsfördernde und kulturelle Projekte sowie die Qualität des Unterrichts an unsern Schulen und die gute Zusammenarbeit zum Wohle des Forums gehören zu meinen Prioritäten. Unser Vorstand und ich sind jedoch für alle Vorschläge und Initiativen offen, die unseren Mitgliedern und unserer Gemeinschaft zugute kommen.

Mit welchen Vorstellungen kommen Sie für die Bereiche Schule, Kultur und Politik?

Ich glaube, dass diese Bereiche in unseren Projekten sehr schön zusammenfließen, unterstützt von der Wirtschaft. Beispielsweise ist der Deutsche Wirtschaftsklub, gemeinsam mit der AHK und der Deutschen Botschaft in Bukarest, einer der größten Unterstützer des dualen Schulsystems, welches für unseren Kreis und für das Land sehr wichtig ist.

Zudem glaube ich auch, dass die deutschen Schulen nicht nur die junge Generation mit solidem Wissen und kritischem Denkvermögen für die Zukunft vorbereiten, sondern ihr auch eine gewisse Kultur einhauchen. Eine Kultur der Ehrlichkeit, der Gemeinschaft und der Kompetenz – alles Tugenden, die jetzt mehr denn je hervorgekehrt werden müssen. Ich sehe das Forum als Vermittler dieser Werte und Tugenden in der Bildung, in der Kultur und in der Politik, gleichermaßen auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene.

Wie stellen Sie sich die Zukunft des Forums vor? Was wird sich in den nächsten fünf Jahren ändern? Was sollte so wie jetzt bleiben?

Zum Schluss also ein Blick in die Glaskugel. Ich wünsche und hoffe, dass unser Jugendforum wächst und Schritt für Schritt mehr Verantwortung in allen wichtigen Bereichen des Forums übernimmt. Ich wünsche mir auch, dass in fünf Jahren die gemeinsamen Projekte mit Schule und Kirche, und vielleicht auch mit weiteren Institutionen, schon zur Routine gehören. Am allermeisten wünsche ich mir, dass wir noch mehr zur Festigung der Zivilgesellschaft und zum Wohl der gesamten Gemeinschaft beitragen können.

Frau Fernolend, wir danken für das Gespräch!


cffviseu

Kommentare zu diesem Artikel

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Bemerkungen :

  • user
    dan 22.03.2019 Beim 11:02
    Frau Fernolend hat sich einen guten Namen aufgebaut.
    Leider weiss man anderseits nicht, was sie genau getan hat und tut für den Erhalt der Saxen und deren Kulturgutes.
    Der MET hat in vielen Dörfern nur oberflächlich Hausfassaden gestrichen, die Häuser dahinter fallen oft auseinander.
    Was fehlt, beim Forum wie bei Kirche und anderswo in fast jeder ehmals sächsischer Gemeinde, sind Menschen, die es schaffen, sozial den Saxen in Siebenbürgen Hoffnung auf Zukunft zu geben.
    Und sich um die Alten zu kümmern, die allein sterben müssen, als Einzige in ihrem Dorf.

    Die meisten Projekte von Forum, Kirche, MET usw. zeigen nur des Kaisers neue Kleider- wenn ein Besucher aufmerksam hinter die Fassaden blickt, sieht er oft nur Armut, Verfall, desolate Zustände, und keine Hoffnung.

    Die Organsiationen sollten sich mehr mit den Menschen beschäftigen, deren Probleme lösen- und weniger mit Fassadentüncherei und Politik.
    Bisher gibt es außer persönliche sich (politisch) profilierenden Personen unter den Saxen wenige, die etwas für ihre Gemeinschaft tun.
    Doch all´ diese heutigen so berühmten Personen wie W. Wittstock, Fernolend, Guib und Co. werden in die Geschichte eingehen als diejenigen Verantwortlichen, die versagt haben.
    Wenn sie so erfolglos weitermachen wie bisher, was das Schicksal und die Zukunft der Saxen in Siebenbürgen betrifft.
Kanton Aargau