Zunehmender Nationalismus

Rumänien – Land der großen Worte, kaum der Taten, bei weitem nicht der Logik. Die Theorien der „Schuld“ der „Fremden“ an der Misere im Inland sind für jeden „echten“ Rumänen die bequemste Lösung: Sie erfordert nicht die Qual des Nachdenkens, die Logik des Überlegens, kein kritisches Denken. Die Wahrheit – nebensächlich, Erklärungen liegen „auf der Hand“.

Ende März veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut Inscop eine Umfrage zum Thema Nationalismus: „Öffentliches Misstrauen: Der Westen versus der Osten, der Aufstieg der Strömung des Nationalismus in Zeiten der Desinformation und der Fake News“. Bestellt hatte die Umfrage des Thinktank Strategic Thinking Group des German Marshal Fund of the United States, unter Finanzierung des Black Sea Trust for Regional Cooperation über die Nachrichtenplattform True Story Project. Die Resultate bestätigen einen Trend des Völkerhasses und des Ethnozentrismus, der aus dem Ceauşescu-Nationalkommunismus erspross (der seinerseits den Chauvinismus der rumänischen Faschisten der Zwischenkriegszeit aufsog) und nach der Wende mal mehr, mal weniger manifest wurde, indem die neue „Freiheit“ bewusst (aus)genutzt wurde, erst von der Großrumänienpartei PRM, später von AUR, der Allianz für die Einheit aller Rumänen, unterschwellig aber und durchgehend von allen Parteien.

Die beiden ersten Teile der Umfrage zeigen die (allgemein ablehnende) Meinung der Rumänen gegenüber der Unterstützung, die das Land anderen Ländern bzw. Internationalen Organisationen gewährt. Spannend für jeden, der mitten drin lebt, ist Teil drei, der sich direkt auf den Nationalismus der Rumänen bezieht, seine Verbreitung, seine Perzeption, seine Unterstützung/Unterstützer. Sicher: Auch der Kontext der Befragung muss in Betracht gezogen werden: Pandemie, (zitterhändige staatliche) Restriktionen, das Gefühl des Eingesperrtseins, Druck der Gesundheitskrise bei Anfälligkeit des Gesundheitssystems usw.

Ein Lichtblick: 87 Prozent der Befragten sind für einen stärkeren Schutz der Minderheitenrechte in Rumänien, für mehr Toleranz, für die Delegitimation ethnischer Provokationen und die Diskreditierung von Schuldzuweisungen aufgrund der Volkszugehörigkeit – im selben Land, wo es vor 30 Jahren, unmittelbar nach 1989, blutige lokale interethnische Zusammenstöße gab.

Andrerseits: 35 Prozent der Befragten sind überzeugt, die Umweltverschmutzung Rumäniens würden rumänische Firmen verursachen, aber 55,9 Prozent (die 30- bis 44jährigen) sagen, es seien „Ausländer“; die Wälder Rumäniens fällen „die Ausländer“, meinen 47,3 Prozent der Befragten, aber 45,8 Prozent sagen, es seien rumänische Firmen; 35,4 Prozent der Befragten sind überzeugt, „die Ausländer“ würden den Autobahnbau in Rumänien hintertreiben, zwecks Entwicklungsstopp des Landes, 58,2 Prozent sind überzeugt, die Rumänen selbst seien am lahmen Autobahnbau schuld. Zum Minderwertigkeitskomplex der Rumänien gegenüber „Ausländern“: 78,2 Prozent meinen, die Rumänen seien für Resteuropa „Bürger zweiter Hand“. Dass Rumänien nicht zum Schengen-Raum gehört, gehe laut 50,2 Prozent der Befragten aufs Mauern einiger Schengen-Staaten zurück, 43,5 Prozent sagen, Rumänien erfülle die Beitrittskriterien nicht. 49,5 Prozent meinen, Ungarn wolle Siebenbürgen von Rumänien losreißen, 43,2 Prozent sind vom Gegenteil überzeugt.

An der telefonischen Befragung nahmen zwischen dem 1. und 12. März 1100 Personen über 18 Jahren teil. Die Glaubhaftigkeit der Umfrage wird bei 95 Prozent angesetzt, die Fehlerrate wird mit 2,95 Prozent angegeben. Der Verein Gruppe für Strategisches Denken, der die Umfrage in Auftrag gab, meint, er verfüge nun über einen Beleg, dass sich die Nationalismustendenzen in Rumänien festigen, vor allem der Wirtschaftsnationalismus. Einer der Wege, um gegenzuwirken, sei die Förderung des kritischen Denkens und die Verbreitung der Wahrheit. Versus Fakenews.

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