Zwiespalt und gespalten sein

Welche Rumänen kassieren deutsche Sozialleistungen ab?

Symbolgrafik: sxc.hu

So oft ich mich zum Thema äußere, komme ich auf das Wort „zwiespältig“ zurück. Als ich mich vor einem halben Jahr mit einem Projekt zum Thema Integration und Migration von rumänischen Migranten in Berlin für ein Stipendium im Rahmen des „European Journalists Fellowships“ an der Freien Universität (FU) Berlin beworben habe, kam mir die ganze Wortfamilie von „Zwiespalt“ in den Sinn. Ein Adjektiv hat es bis in die Titelzeile des Projekts geschafft: „Das zwiespältige Image von rumänischen Migranten in Berlin“ nenne ich mein Vorhaben. Die FU Berlin nahm es als Forschungsthema an. Subjekte sind zwei Extreme: die hochqualifizierten Fachkräfte (Ärzte, Ingenieure, Wissenschaftler) und die Armutseinwanderer, darunter auch Roma, die aus Rumänien nach Deutschland ziehen. Über erste Zwischenergebnisse meines Vorgehens soll, nach dieser Einführung, später in mehreren Folgen die Rede sein.

Das Image

Berlin-Mitte. Am Lustgarten. Ich frage Passanten, was ihnen beim Wort „Rumänien“ spontan einfällt. „Roma?!“, fragt mich eine spanische Touristin zurück. Der Unterschied zwischen „Roma“ und „Rumäne“ ist ihr nicht ganz klar, weder auf Deutsch noch Englisch. Auch wenn sie Rumänen meint, spricht sie von „Roma“. „Es gibt viele Roma in Spanien“. „Nee, nicht Zigeuner, sondern Romas, Romanians.“ Andere zählen auf: Die „Do you speak English“-Anmache der bettelnden Roma-Frauen, die Autoscheibenputzer, Ceauşescu, Siebenbürgen. Das Wort „Armut“ fällt auch einige Male. Bukarest. Dracula. Ein Hochschulprofessor sagt „Herta Müller“. Ein Student erinnert sich an „Timişoreana“. Manchen fällt überhaupt nichts ein. Sie lachen verlegen.

Dann die eigene Erfahrung. In einer deutschen Redaktion: „Du kannst ja über die Armutseinwanderung berichten“. In einem Telefonanbieter-Shop: „Ist Rumänien EU-Land?“. An der Uni: „Kommst du auch aus Temeswar? Das ist ja witzig, alle Rumänen, die ich kenne, kommen aus Temeswar“. In der Kantine: „Gibt es diesmal Pferdefleisch aus Rumänien?“. Mit der Hausverwaltung: „Spricht Frau Iordache überhaupt Deutsch?“. Eine armenische Freundin: „Ist der Regisseur von ´Child´s pose´ bekannt?“. Eine russische Kollegin: „Gibt es viele Roma in deiner Heimatstadt?“. Eine Politikerin: „Woher kommen die denn alle? Wie sieht es in diesen Dörfern, aus denen sie auswandern, überhaupt aus?“.

Die wichtigste Kategorie geht unter

Den Zwiespalt der Unwissenheit gibt es also. Mehr oder weniger. Oft sind es gegensätzliche Bilder, die das Image von Rumänen prägen, je nachdem, worauf sie beruhen. Auf Rumänienreisen. Auf Erfahrungen. Auf der deutschen Berichterstattung. Auf Freundschaften. Oder auf Vorurteilen. Problematisch, eindeutige Schlussfolgerungen zu ziehen. Wann kann man von Einzelfällen reden, wann verallgemeinern? Schwierig, beide Richtungen austariert zu betrachten. Schlimm, das Negative zu überspitzen und das Gute wegzulassen. Oder umgekehrt. Nutzlos, seit sechs Jahren unaufhörlich das alte, hilflose Argument zu bemühen, Rumänien hätte nicht in die EU kommen sollen.

In diesem Zwiespalt geht, neben einer breiten, eher kaum sichtbaren Mitte (Studierende, Sozialpfleger und Künstler) jene Kategorie unter, die vielleicht die wichtigste ist: Die Kinder. Jene Kinder, viele Roma, die in der Schule keine Pause wollen, um schneller Deutsch zu lernen, wie Lehrkräfte in Berlin-Neukölln berichten. Kinder, denen schnell bewusst wurde, dass die Sprache, Deutsch, ihnen eine (vielleicht die einzige) Überlebenschance sichert. Kinder, die nach dem Schulunterricht nicht nach Hause wollen. Kinder in einem fremden Land, mit fremden Eltern. Kinder, die nicht genau wissen, nach welchen Regeln sie sich richten sollen: Nach den schulvermittelten, wo sie zum Erlernen eines Berufs ermuntert werden, oder nach den archaischen Ritualen und Lebensweisen, die ihr Elternhaus prägt, wo es manchmal heißt, dass das Geld ja „sowieso vom Amt kommt“! Wozu also noch lernen und arbeiten?
Und schon ist er wieder da, der Zwiespalt.

Boia-Theorie – viele Gegensätze

Vielleicht ist „zwiespältig“ mehr als nur ein Sprachklischee. Vielleicht ist es, ein bisschen überspitzt, ein Status und ein Statut, dem man nur schwer entkommt. Seit Jahren kommt man immer wieder darauf zu sprechen. Der Historiker Lucian Boia setzt diese Spaltung sogar Jahrzehnte, Jahrhunderte zurück, spricht von einer langen Reihe von Gegensätzen, die die rumänische Geschichte prägt und zieht in seinem umstrittenen Buch „De ce este România altfel?“ (Warum ist Rumänien anders) eine ernüchternde Schlussfolgerung: Wir sind verspätet in Europa gestartet und so ist es bis heute geblieben – ein Hinterherhinken über lange Jahre. Ein Zwiespalt zwischen Rumänien und Rest-Europa. Zwischen dem, was man vorgibt zu sein, und was man eigentlich (und wirklich) ist.

Das jetzige Rumänien stand immer wieder im Zeichen unterschiedlicher politischer Modelle, zwischen kyrillischer und lateinischer Schrift, zwischen prägnanter Multikulturalität (in den Städten) und argwöhnisch-streng überwachter Traditionsbewahrung (auf dem Land). Größenmäßig ein nicht unbedeutendes Land, wirtschaftlich immer noch unterentwickelt. Die Zwischenkriegszeit, die als „Goldene Epoche“ bezeichnet wird, ist, laut Boia, von großen Unterschieden geprägt. Rumänien war zu der Zeit das Land mit der höchsten Geburtenrate, der höchsten Sterberate und der höchsten Kindersterblichkeit – der Historiker suggeriert: starke soziale Kontraste, Zeichen von Unterentwicklung.

Man sagt, Extremfälle, egal ob gut oder böse, sind meist Einzelfälle. Was aber, wenn Extremfälle ein ganzes Land prägen? Oder sein Image? Vielleicht ist das Auslandsbild von Rumänien deshalb so gespalten, weil auch das eigene, das Inlandsbild, geteilt ist (und es immer war): zwischen Wut, (Selbst-)Verachtung und Bewunderung, zwischen Stolz und Demut, zwischen Liebe und Selbsthass. Auch Hass auf die EU, das Regelwerk. Es fehlt die Mitte, das Austarierte. Oder vielleicht ist die Mitte zu unsichtbar, zu unbemerkt, zu passiv. Unscheinbar. Mit solchem Fehlen kommen Lücken: Bürgerliches Bewusstsein, ziviles Engagement, Bereitschaft zur Beziehung eindeutiger Standpunkte, „Normalität“ - die „vergessene Normalität“, die Andrei Pleşu auf einer Berlinreise wiederentdeckt und sich ihrer Abwesenheit in Rumänien (noch mehr) bewusst wird.

Die Masse, die Mitte, die Mehrheit ist ein Grundprinzip der Demokratie, des Wirtschaftssystems und Wirtschaftswachstums von heute. Sie bestimmt, wer regiert. Sie bestimmt, was, wie und wann es passiert. Und wie das aussieht, was rauskommt. Aber was, wenn die Mehrheit von Extremfällen überschattet wird und eben diese bestimmen, wie wir wahrgenommen werden?  Rumänien bleibt weiterhin ein umstrittenes Stichwort, was Integration angeht. Ob in Deutschland, in Europa oder einfach im eigenen Alltag. Darüber soll in meinen weiteren Beiträgen aus Berlin die Rede sein. Daten und Fakten, Interviews mit deutschen Politikern zu diesem Thema, Reportagen über Schulen, wo Kinder aus Rumänien lernen und rumänische Lehrkräfte unterrichten, sowie Beiträge darüber, wie die Situation in den deutschen Medien präsentiert wird, stehen noch bevor.

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