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Die längste Nacht in Bukarest

Museumsnacht in Bukarest verzeichnete ungeahnte Besucherströme

„Haus des Volkes”: Diese Kulisse entschädigt für das lange Warten. Fotos: George Dumitriu

Nationales Geschichtsmuseum: Mitternachtsführung durch die Schatzkammer

Schloss Cotroceni: Überwältigender Andrang kulturhungriger Menschen

Kunstmuseum im Königspalast: Selbst um vier Uhr nachts tosende Menschenmassen vor dem Palast

Piata Constitutiei: Die Kommentarwand des Museumslabyrinths erfreut sich auch bei den Kleinen großer Beliebtheit

Wie man die Nacht zum Tage macht und eine Großstadt in eine einzige Party verwandelt, demonstrierten am vergangenen Samstag die Bukarester in dem kulturellen Spektakel „Nacht der Museen” (Noaptea Muzeelor). An der landesweit durchgeführten Aktion vom 14./15. Mai beteiligten sich 22 Museen in der rumänischen Hauptstadt, die ihre Tore kostenfrei für den kulturhungrigen Ansturm öffneten, teils mit Sonderausstellungen, Filmpremieren und Führungen. Hierfür standen die Bukarester bis in den Morgen stundenlang vor den Museumspforten Schlange.

Als besondere Attraktion zirkulierten neun schicke Minicooper-Cabriolets  mit der Aufschrift „Mini Taxi – Noaptea Muzeelor” kostenfrei zwischen den Museen. Wer keinen der begehrten Taxiplätze ergatterte, konnte auf Sonderfahrten öffentlicher Verkehrsmittel zurückgreifen. Der fulminante Erfolg der Nacht der offenen Türen ist nicht nur auf den freien Einritt zurückzuführen – es ist vor allem die Atmosphäre dieses medientechnisch groß angekündigten Spektakels und vielleicht auch die laue, fast sommerliche Nacht.

Museum im Schloss Cotroceni (Muzeul National Cotroceni), 21 Uhr

Ungeahnte Menschenmassen warten geduldig vor dem Einlass des Museumspalastes und Sitz des Präsidenten. Gelegentlich geht es ein paar Schritte vorwärts. Doch der Besuch war es wert, meint der Vater einer Familie, die gerade aus den Ausstellungsräumen kommt. Sie sind extra aus Ploie{ti angereist. Eine Gruppe Studenten steht kurz vor dem begehrten Einlass. Obwohl sie schon 40 Minuten ausharren, wollen sie noch viele Museen abklappern. Eine lange Nacht steht bevor!

Militärmuseum (Muzeul Militar National „Regele Ferdinand I”), 21.30 Uhr

Pärchen sitzen turtelnd unter schwerem Kriegsgerät im Vorgarten. Zwar gibt es keine Warteschlange, doch drängen sich ungewöhnliche Menschenmengen um Mörser, Kanonen und Schaukästen. Bis jetzt seien es etwa 3000, meint Museograf Corneliu Andronie - dazu ein völlig anderes Klientel als sonst! Das Militärmuseum wird normalerweise eher von Männern, aber auch von Großeltern mit Enkelsöhnen besucht. Er bestätigt den Eindruck, dass die Leute wegen der Stimmung hier sind– doch vielleicht lässt sich der ein oder andere anregen und kommt noch einmal?

Haus des Volkes, 22 Uhr

Auf dem weitläufigen Einfahrtsgelände des Parlamentsgebäudes – dem zweitgrößten Bauwerk der Welt – herrscht zunächst kein Gedränge, doch spätestens vor dem hell erleuchteten Eingang werden die verfrühten Hoffnungen eines telefonierenden Jungen, der vom überfüllten Kunstmuseum hierher ausweichen wollte, bitter enttäuscht: eine Riesenschlange auch vor diesem Eingang. Dafür entschädigt die Kulisse für das lange Warten: hell erleuchtete, gläserne Aufzugsschachte vor der Fassade des gigantomanischen Prachtbaus – und über dem grünlich irisierenden Licht der Schachte kreist ein Vogelschwarm vor einem ovalen Beinahe-Vollmond.

Nationales Geschichtsmuseum (Muzeul National de Istorie a Romaniei), 23 - 2.30 Uhr

Vor dem Museum brodelt es wie in einem Bienenstock. Auf den Eingangsgtreppen bieten Verkaufsstände Süßigkeiten feil, während die Menschen durch mehrere Türen in die gigantische Halle des ehemaligen Postgebäudes strömen. Der Mann, der gerade die Tickets verteilt, ist Museumsdirektor Dr. Ernest Oberländer-Târnoveanu höchstpersönlich! Mehr als 15.000 Besucher konnte man schon verzeichnen, zählbar dank der Eintrittskarten, berichtet der bekannte Numismatikexperte. Der Ansturm der Menschenmassen lässt sich nur aufgrund guter Vorbereitung bewältigen. So konnte man sich für die beliebten Führungen durch die Schatzkammer, die in der Museumsnacht stündlich stattfanden, per Internet voranmelden.

Das Sonderprogramm des Museums begann um 14 Uhr mit einer 3-D Präsentation der Trajanssäule mit Malwerkstatt für Kinder, Konzerten  (Klassikgitarre, mittelalterliche und ethnische Musik aus Europa) und einem Feuertanz, gefolgt von zwei Filmpremieren (Geschichte der Königskrone, Alltag und Securitate-Verfolgungen der Jugend zwischen 1970 und 1980), beide mit begleitenden Ausstellungen.
Mitten in der Halle posiert eine Braut im Blitzlichtgewitter ihrer Fotografen vor einer Schautafel! Sie feierte in einem nahen Club und wollte sich die Museumsnacht nicht entgehen lassen.

Höhepunkt ist die mitternächtliche Führung durch die Schatzkammer: Ausgehend von 7000 Jahre alten, neolithischen Götterfigürchen aus Gold entführt Dr. Oberländer-Târnoveanu die atemlos lauschenden Besucher über die Bronzezeit zu den Schätzen der Daker und Goten, zum Handkreuz von Fürst Brâncoveanu und den Kostbarkeiten aus der Zeit Stefans des Großen, um  mit den Kronjuwelen zu schließen. Rundum Klicks und Blitze, Fotografieren ist ausnahmsweise erlaubt!

Nationales Kunstmuseum im Königspalast, 3 Uhr

Trotz vorgerückter Stunde auch hier ungebrochener Besucherstrom mit langen Schlangen an beiden Eingängen! Ein Wachposten schätzt den bisherigen Andrang auf etwa 7000 Menschen. Im Hof des Kunstmuseums wiegt sich eine dichte Menschenmenge vor einer Bühne zu dröhnenden Klängen aus überdimensionierten Lautsprechern. Auf der anderen Straßenseite lagern Studenten zu Füßen der Reiterstatue von Carol I.

Labyrinth auf der Pia]a Constitu]iei, 3.30 - 4 Uhr

Im Labyrinth – einer Kooperation des Bauernmuseums (Muzeul }²ranului) und des Nationalen Naturgeschichtemuseums (Muzeul Na]ional de Istorie Natural² „Grigore Antipa”) – geht es beschaulicher zu: Familien und Paare lassen sich gemächlich durch alternierende Fotoausstellungen zu Naturgeschichte und Folklorekunst treiben. Kurioses oder Ästhetisches kann man hier bestaunen und beim Durchschlendern lernen – über Stämme aus Afrika, seltene Insekten, historische Fischfangtechniken, alte Volksbräuche oder folkloristische Keramik. Am Ende des Labyrinths malen drei Knirpse mit Filzstiften angestrengt ihre Namen auf die für Besucherkommentare vorgesehene Wand. Es ist vier Uhr morgens - doch die Museumsnacht ist für viele noch lange nicht zu Ende!

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