Es war einmal – und ist noch immer

Ein Tagesausflug durch den südlichen Teil des Harbachtales

Die Gemeinde Marpod im Harbachtal mit der ansehnlichen Kirchenburg

Die Gemeinde Kirchberg, von einer Anhöhe aus gesehen

Herbstliche Landschaft im Harbachtal

Johann Kessler war früher Kurator von Marpod.
Fotos: Dagmar Schneider

Es ist ein schöner und ungewöhnlich warmer Herbstsonntag in Siebenbürgen, nur gut um mal wieder durchs Harbachtal und dessen Umgebung zu fahren. Unterwegs besuchen wir dann auch einen der letzten Siebenbürger Sachsen in Marpod.

Wir beginnen unsere Fahrt in Hermannstadt/Sibiu. Der Weg führt uns zunächst durch das Harbachtal/Valea Hârtibaciului, eine liebliche, hügelige Landschaft, die sich in ihrer schönsten Farbenpracht zeigt. Immer wieder sehen wir große Schafherden von Hügel zu Hügel ziehen und das letzte saftige Gras abweiden. Auf der halben Wegstrecke von Hermannstadt nach Agnetheln/Agnita biegt ein Weg nach rechts ab, dem wir folgen. Zuerst fahren wir über das Bahngleis der stillgelegten Schmalspurbahn, kurz darauf überqueren wir den Harbach und folgen dem Pfad, welcher sich durch das schmaler werdende Tal schlängelt. Der Harbach ist für ehemalige Bewohner der Gegend kaum noch zu erkennen. Aus einem großen Bach, in dem Kinder früher in den Sommerferien badeten und die Bäuerinnen den Hanf und den Flachs im Spätsommer für die Weiterverarbeitung einweichten, rinnt nun ein müdes Bächlein durch das zugewachsene breite Bachbett in den Zibin.

Im weiteren Verlauf der Straße befindet sich auf der linken Seite das von zwei Schweizern gegründete Unternehmen „Karpaten Meat“, eine moderne und gutgehende Farm, auf der Angus-Rinder gezüchtet werden.

Marpod

Kurz vor der Einfahrt nach Marpod kann man schon den stolzen Kirchturm dieser ehemaligen sächsischen Ortschaft erblicken. Die Gemeinde Marpod liegt in einem Seitental des unteren Harbachtals und hatte vor dem Ersten Weltkrieg den höchsten Anteil an deutscher Bevölkerung im Tal. Mit den Jahren zogen immer mehr Bewohner arbeitsuchend nach Hermannstadt, Agnetheln oder Viktoriastadt/Victoria. Doch erst die große Auswanderungswelle der deutschstämmigen Bevölkerung nach der Revolution von 1989 brachte das traditionelle sächsische Dorfleben hier fast zum Erliegen. Heute zählt die Gemeinde noch fünfzehn deutsche Mitglieder evangelischen Glaubens.

Über die breite Dorfstraße fahrend, an der sich links und rechts die typischen sächsischen Häuser und Gehöfte aneinanderreihen, bleiben wir vor einem Gebäude stehen. Der Eigentümer sagte uns vorher schon, das Tor sei offen, er erwarte uns. Es ist Johann Kessler, ehemaliger Kurator von Marpod und einer der wenigen Sachsen, der mit seiner Frau nach dem Öffnen der Grenzen in seinem Heimatdorf blieb.

Wir treffen ihn in der Küche. Im Fernsehen läuft in einem deutschen Programm eine Sendung über die Züchtung von Rindern. Mit Interesse hört er dem Sprecher zu und sagt uns, er hätte früher, wie alle anderen Dorfbewohner, auch Rinder gezüchtet – bis vor einigen Jahren, als seine Frau verstarb. Von der großen Bauernwirtschaft übrig geblieben sind ein paar Hühner, die eifrig im Hühnerhof herumscharren, und die Katzen, die das schöne Wetter im Blumenbeet zwischen den Astern genießen.

Johann Kessler ist ein gebürtiger Marpoder, der sein ganzes Leben hier verbracht hat.
Der 84-Jährige erzählt uns, dass seine drei Töchter Maria, Katharina und Regina mit ihren Familien in Deutschland wohnen, dass sie aber auch in Marpod Haus und Hof besitzen. Regelmäßig bekommt er Besuch von ihnen und seinen Enkelkindern. Aus seinen Erzählungen entnehmen wir, dass er sich nicht einsam fühlt, nur das Alter macht ihm manchmal zu schaffen. Neben ihm auf der Küchenbank stapeln sich die Zeitungsausgaben der „ADZ“, der „Hermannstädter Zeitung“ und der „Siebenbürgischen Zeitung“, die er alle abonniert hat und mit Interesse liest.

Zeitsprung zurück

Zum ersten Mal trafen wir Herrn Kessler vor beinahe zehn Jahren. Er hatte damals, wie auch jetzt noch, eine blaue Schürze um und ruhte sich auf der Bank im Hof aus, in seinem Schoß döste eine Katze, die er immer wieder streichelte. Seine Frau hatte Pfannkuchenteig angerührt und buk köstliche Pfannkuchen, die mit selbstgemachter Marmelade bestrichen und danach zusammengerollt gegessen wurden. Dazu trank man einen Becher Milch. Damals, erinnern wir uns, hatte er eine Kuh und ein junges Kalb im Stall und ein Schwein hörte man grunzen, das vor Weihnachten geschlachtet werden sollte. Sein Sohn Johann Konrad, der in Deutschland lebte, war gekommen, um ihnen bei der Heuernte zu helfen. Wir unterhielten uns mit ihm ausführlich über das Fotografieren. Früher war er der Dorffotograf und bei vielen Anlässen und Feiern dabeigewesen. Im Winter 2008 war er, wie so oft, auf dem Weg zu seinen Eltern, als das Schicksal erbarmungslos zuschlug... Die Nachricht vom tödlichen Unfall ihres Sohnes war für die Eltern ein unglaublicher Schlag, insbesondere für die Mutter kaum verkraftbar.

Das Gefühl, dass Herr Kessler wehmütig an diese Zeit zurückdenkt, haben wir nicht. Er ist, wie viele alte Siebenbürger Sachsen, ruhig und ausgeglichen und sieht der Zukunft ohne Ansprüche entgegen. Was ihn ein wenig traurig macht, ist die geringe Zeit, die sich jüngere Leute nehmen für die Gemeinschaft. Als Kurator der Gemeinde von 1990 bis 2010 stimmt ihn auch der fehlende sonntägige Gottesdienst traurig, der in den letzten Jahren nur noch ein paar Mal jährlich in der Marpoder Kirche gehalten wurde, in diesem Jahr jedoch noch nie.

Bevor wir uns von ihm verabschieden, erzählt er uns noch, dass er am Abend seine Tochter Maria und deren beiden Söhne aus Deutschland erwartet. Er freut sich immer wieder auf Besucher, die Neuigkeiten bringen und denen er erzählen kann.

Gefragt nach dem Zustand der Straße in Richtung Kirchberg/Chirpăr, kann er uns nicht helfen, dafür bekommen wir Rat von einem Sachsen, der als Jugendlicher von hier nach Deutschland auswanderte und vor zehn Jahren wieder in sein Elternhaus zurückkam. Als selbstständiger Zimmermann, der in Deutschland das Handwerk lernte, ist er viel  unterwegs und kennt die Straßenverhältnisse.

Malerische Landschaft

Wir verlassen Marpod und fahren weiter in den Nachbarort Eulenbach/Ilimbav. Von hier aus verläuft die Straße über einen ausgedehnten Hügel in ein abgelegenes Tal, in welchem die ehemalige sächsische Gemeinde Kirchberg liegt. Auf einer Weide vor Kirchberg überrascht uns eine überaus große Kuh- und Ziegenherde, die dort friedlich grast. Weiter weg sieht man Bauern, die mit dem Einsammeln der vertrockneten Maisstängel beschäftigt sind. Die letzten warmen Tage des Jahres werden hier besonders genutzt.

Da wir an den Alt gelangen wollen, der parallel zur Nationalstraße DN1 fließt, biegen wir an der stattlichen Kirchenburg rechts ab und verlassen nach kurzer Zeit den Ort. Wieder fasziniert uns die sanfte Landschaft, die in Abwechslung schöne grüne Wiesen und  dichte bunte Laubwälder zeigt, in denen sich die Waldtiere geborgen fühlen.

Der Weg führt uns durch die Ortschaft Sachsenhausen/Săsăuş, die auf uns einen noch urigeren Eindruck macht. Im Nachhinein erfahren wir, dass hier früher auch Sachsen wohnten, die durch die Türkeneinfälle des 16. Jahrhunderts vertrieben und in Nachbarorten ansässig wurden. Nach der kurzen Durchfahrt des Ortes schlängelt sich die Straße weiter durch die sanfte, friedliche Landschaft. Linker und rechter Hand sieht man immer wieder Feldwege über Hügel führen oder im dichten Wald verschwinden.  Kurz vor Nou Român öffnet sich das Tal – und direkt vor uns sehen wir die imposanten Fogarascher Berge, deren Spitzen vom ersten Schneefall leicht bedeckt sind. Der Weg führt uns durch die Ortschaft hindurch und im Anschluss über die Staumauer des Wasserkraftwerkes von Arpaş. Von hier aus sieht man schon die vielbefahrene Nationalstraße 1, die uns auf schnellstem Weg in die hektische Realität zurückführt.

Es war ein ungeahnter, eindrucksvoller Ausflug, der uns anregte, öfters mal  die Natur zu genießen, Leute wieder zu sehen und unbekannte Landschaften zu entdecken.