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30 Jahre seit den Umsturzbewegungen in Rumänien

Sportlehrer Harald Pinzhoffer verlor seine Mutter in der Revolution

Harald Pinzhoffer führt die Schüler an das Grab seiner Mutter. Am Rande dieses Grabs stand er am 22. Dezember 1989 – er war fast so alt wie die Teenager, denen er heute seine Lebensgeschichte erzählt.

Zeitzeuge Harald Pinzhoffer steht den Schülerinnen und Schülern der Lenau-Schule Rede und Antwort.

Eine Gedenktafel im Heldenfriedhof erinnert an die 35-jährige Georgeta Pinzhoffer, die am 17. Dezember 1989 erschossen worden ist. Fotos: Zoltán Pázmány

Helden sterben nie. Foto: Harald Pinzhoffer

Die ersten Opfer der Revolution von 1989 sind in Temeswar/Timișoara am 17. Dezember gefallen. Zu ihnen zählt auch Georgeta Pinzhoffer, die Mutter von Turnlehrer und Fußballtrainer Harald Pinzhoffer. Seine Geschichte erzählt der Sohn der Märtyrerin, sooft er danach gefragt wird, und das aus einem ganz bestimmten Grund: Die jungen Menschen müssen erfahren, was sich damals, in jenem blutigen Dezember 1989, zugetragen hat, und an jene Leute denken, die ihr Leben aufgeopfert haben, damit ihre Nachkommen ein besseres Leben führen können. Anfang November ließ sich Harald Pinzhoffer von einigen seiner Schüler erneut zu diesem Thema interviewen. Dies geschah im Rahmen eines Projekts der Deutschen Spezialabteilung an der Nikolaus-Lenau-Schule, das sich mit dem 30-jährigen Jubiläum seit dem Fall der Berliner Mauer und der rumänischen Revolution befasste.

Es ist ein warmer Novembermontag, an dem Harald Pinzhoffer, Turnlehrer an der Nikolaus-Lenau-Schule in Temeswar, einige seiner Schüler an einem etwas ungewohnten Ort erwartet. Treffpunkt ist an jenem Morgen des 11. Novembers der Heldenfriedhof, da, wo die „Ewige Flamme“ seit Dezember 1989 für die Opfer der rumänischen Revolution (fast) ununterbrochen brennt. Harald Pinzhoffer, „Herr Harry“, wie ihn die jungen Menschen nennen, erzählt den Teenagern, wie die Revolution ausgebrochen ist, wie sich die Ereignisse in Temeswar gesteigert haben, und auch noch eine äußerst persönliche Episode aus seinem Leben, die in enger Verbindung mit der Revolution 1989 in Temeswar steht. Die Revolution, die den Bürgern Rumäniens den Sturz des Kommunismus und die lang ersehnte Freiheit gebracht hat, hat Harald Pinzhoffer jene Person für immer weggenommen, die ihm damals, vor 30 Jahren, am nächsten gestanden hat. Mit nur 14 Jahren hat er seine eigene Mutter verloren – Georgeta Pinzhoffer ist am Abend des 17. Dezembers, einem Sonntag damals, von Unbekannten auf einem Gelände in der Lippaer Straße, unweit des Wohnblocks, in dem sie mit ihren beiden Söhnen lebte, erschossen worden. Sie hinterlässt zwei Kinder, Harald und Bruno, der eine 14, der andere 12 Jahre alt. 

Die acht Schüler der zehnten und elften Klasse an der Deutschen Spezialabteilung, die an jenem 11. November ihren Sportlehrer interviewen, sind zunächst ein bisschen schüchtern. Man sieht ihnen an, dass es ihnen zunächst gar nicht leicht fällt, die passenden Fragen zu stellen. Ein Zeitzeugengespräch zu einem so sensiblen Thema ist nicht jedermanns Sache. Doch Lehrer Harald Pinzhoffer schafft es, die Scheu der jungen Menschen recht schnell verschwinden zu lassen, indem er sehr ruhig und sehr gefasst von jenem Sonntag-abend, an dem seine eigene Mutter erschossen worden ist, erzählt.  „Wir haben gebadet und dann sind ein paar Nachbarn gekommen. Es hatte sich herumgesprochen, dass etwas geschieht, aber wir wussten nicht genau, was es war. Am Anfang wollte meine Mutter nicht mitgehen, doch dann ist sie doch rausgegangen. Bei uns wohnte noch die Schwester meiner Mutter, meine Tante. Um 20 Uhr hörte man Schüsse, es dauerte etwa eine halbe Stunde. Ich ging ins Treppenhaus und fragte die erschrockenen Leute nach meiner Mutter“, erinnert sich Harald Pinzhoffer. Seine Mutter arbeitete als Putzfrau am Kreiskrankenhaus in Temeswar. Sie war alleinerziehend – die Eltern waren geschieden.

Georgeta Pinzhoffer ging nach 19.30 Uhr zusammen mit mehreren Nachbarn hinaus, um zu sehen, was los war. Es hatte sich herumgesprochen, dass draußen eine Manifestation stattfand. Man begann zu schießen und die Menschen kamen erschrocken zurück, nicht auch  Harald Pinzhoffers Mutter. Der Turnlehrer erinnert sich an jenen schrecklichen Moment, als die Nachbarn seine Mutter ins Treppenhaus brachten. Eine Kugel hatte sie getroffen – sie war auf der Stelle tot. Die Tante von Harald Pinzhoffer, von Beruf Krankenschwester, stellte fest, dass ihre Schwester nicht mehr am Leben war. Von ihr bekamen die beiden Kinder, für die der Tod der Mutter ein großer Schock war, Beruhigungsmittel. Die Leiche wurde ins Krankenhaus befördert. Bei der Todesursache wurde „Herzstillstand“ angegeben – dies war wohl der Grund, weshalb der leblose Körper von Georgeta Pinzhoffer nicht zu den anderen Leichen, die ins Cenușa-Krematorium nach Bukarest in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gebracht wurden, gezählt wurde. Am 22. Dezember 1989 wurde die damals 35-jährige Georgeta Pinzhoffer im Friedhof an der Lippaer Straße begraben. Es war recht schwer, einen Pfarrer zu finden, berichtet  Harald Pinzhoffer, doch schließlich übernahm die Begräbniszeremonie der römisch-katholische Pfarrer Josef Hajdu. Für die Hinterbliebenen folgte eine schwere Zeit.  

Harald Pinzhoffer führt die Lenau-Schüler, die einen Kranz für die Opfer der Revolution mitgebracht haben, zu der Gedenktafel, die an Georgeta Pinzhoffer erinnert, und anschließend zu ihrem Grab. Wie er sich gefühlt habe, als er allein geblieben war, fragen die Schüler. Ein Gefühl, das keine Worte beschreiben können. „Stellt euch vor, dass ihr eure Mutter verlieren würdet. Wie glaubt ihr, dass ich mich damals gefühlt habe?“, antwortet Harald Pinzhoffer, und plötzlich halten alle inne. Die Augen der Schülerinnen und Schüler werden feucht. Wer wohl schuld an dem Tod von Georgeta Pinzhoffer sei, wollen die Schüler wissen. „In der Nähe unseres Wohnblocks stand eine Militärkaserne und von dort hat man geschossen. Ich bin mir zu 90 Prozent sicher, dass die Armee an jenem Abend geschossen hat. Sie mussten die Befehle umsetzen“, sagt Harald Pinzhoffer. Heute wäre Georgeta Pinzhoffer gewiss stolz auf ihren Sohn, ist Harald Pinzhoffer überzeugt. Seit mehreren Jahren ist er an der deutschen Nikolaus-Lenau-Schule, die er absolviert hat, als Sportlehrer tätig, er ist aber auch als Fußballtrainer in Temeswar aktiv. Der Fußball war schon immer seine große Leidenschaft gewesen. Harald Pinzhoffer ist verheiratet und hat ein kleines Mädchen.

Die Schülerinnen und Schüler, die sich Harald Pinzhoffers Geschichte angehört haben, haben ihre Lektion über die rumänische Revolution von 1989 von einem Zeitzeugen gelernt. Eine Geschichte, die sie alle zutiefst berührt hat. „Es war sehr schwer für mich, diese Geschichte zu hören. Ich streite oft mit meiner Mutter, und denke nicht daran, dass sie es nur gut mit mir meint. Mein Vater war bei der Revolution auf der Straße – und eine Kugel ist an seinen Kopf vorbeigeflogen“, erzählt die 15-jährige Francesca.
Geschichten, wie jene von Harald Pinzhoffer, sollten erzählt werden, findet der Sportlehrer. Auch wenn es manchmal sehr schwer fällt. „Ich erzähle deswegen von meinem Schmerz, damit ihr wisst, wie es damals war. Voriges Jahr habe ich im Fernsehen eine Umfrage gehört – die Leute wurden gefragt, was am 17. Dezember 1989 geschehen ist. 80 Prozent hatten keine Ahnung davon. Das ist für mich das Traurigste. Die Menschen, die gestorben sind, Schwester, Vater, Mutter, die sind für euch gestorben. Dass ihr das Leben, das ihr heute habt, führen könnt“, betont Harald Pinzhoffer. 

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