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Antisemitismus – Ursprungsmythen und deren Transfer in Zeit und Raum

ADZ-Gespräch mit Prof. Dr. Carol Iancu, Historiker und Experte für jüdische Geschichte in Rumänien

Prof. Dr. em. Carol Iancu Foto: George Dumitriu

„Ursprungsmythen des Antisemitismus. Von der Antike bis in unsere Zeit“ - so lautet übersetzt der Titel des Buchs von Carol Iancu (emeritierter Professor für zeitgenössische Geschichte an der Universität „Paul Valery“ in Montpellier, Frankreich, und Ehrenmitglied der Rumänischen Akademie), das kürzlich auch auf Rumänisch erschienen ist. Iancu entstammt einer jüdischen Familie aus Hârlău (Jassy/Iași), seine Herkunft aus Rumänien hat er nie vergessen. Er studierte nicht nur ausführlich den Holocaust - er selbst bevorzugt den Begriff „Shoah“ (Katastrophe) - in Rumänien und den umliegenden Ländern, schreibt Bücher und tritt auf internationalen Symposien auf, sondern reist auch regelmäßig zu Veranstaltungen in die alte Heimat (siehe ADZ-Online vom 21. April 2018: „Antisemitismus als kollektive Psychose“ und 13. Juli 2019: „Mutige Händler, geschickte Handwerker, Pioniere der Industrie“). In Frankreich setzt er sich als Mitvorsitzender eines Vereins für jüdisch-christliche Freundschaft ein. Über einige Kerngedanken aus seinem Buch diskutiert er in Bukarest mit Nina M a y.

Herr Professor Iancu, über Antisemitismus ist viel geschrieben worden. Was war Ihre Motivation, ausgerechnet über dieses Thema noch ein Buch zu schreiben?

Das Buch ist eine Geschichte des Antisemitismus – aber ich wollte sie durch das Prisma der zugrundeliegenden Ursprungsmythen betrachten. Erklären, welche Mythen das sind, wie sie von einer Epoche in die andere „rezykliert“ werden, und Stereotypen destrukturieren. Ich beobachte zurzeit wieder eine Akutisierung des Antisemitismus. 

Was verstehen Sie unter „den dem Antisemitismus zugrunde liegenden Mythen“? 

Etwas Irrationales, Fiktion, Phantasiegeschichten. Hierzu eine Geschichte aus meiner Kindheit in Hârlău: Ich war acht, es war Ostern – das jüdische Ostern – und meine Mutter gab mir eine Mazze. Das ist ein Fladen aus Mehl und Wasser ohne Hefe. Mein bester Freund Gheorghiță war ein Kind armer Bauern aus einem Nachbardorf. Ich sagte, schau, das essen wir Juden an Ostern, es soll uns an die Flucht aus Ägypten erinnern. Und reichte ihm ein Stück. Da sagte er: „Carolică, ist da kein Blut drin?” Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Da hab ich ein Stück gegessen. Und er sagte: „Na, wenn du das isst, kann es nicht schlecht sein.” Dann bin ich nach Hause. Auf Jiddisch: „Mama, wos is dos?” Und sie erklärte: Einige Christen glauben, dass Juden Blut in die Mazze geben. 
Tatsächlich essen Juden aus Prinzip nie Blut! Fleisch muss ausgeblutet werden und das Tier ein reiner Pflanzenfresser sein – sonst ist es nicht koscher.

Sie beziehen sich hier auf den mittelalterlichen Mythos, Juden begingen Ritualmorde, um an Blut für okkulte religiöse Praktiken zu gelangen. Glaubt denn in einem aufgeklärten Europa noch jemand an so etwas?

Ja, deswegen habe ich das Buch geschrieben. 

Was verstehen Sie unter dem „Rezyklieren” solcher Mythen?

Ein Beispiel: Im Islam gab es den in Europa entstandenen Mythos, Juden würden rituell christliches Menschenblut essen, zunächst nicht. Bis zum Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Da fand ich in einer palästinensischen Zeitung einen Artikel, in dem von Palästinensern die Rede war, die von Israelis ermordet worden waren – und da stand, man hätte ihre Leichen gefunden, ohne einen Tropfen Blut! So ist der Mythos von einer Zivilisation in die andere gelangt. Dass es Christenblut sein sollte, hat man weggelassen. Suggeriert wird: Juden brauchen Menschenblut!

Wann begann der Antisemitismus – und welches Motiv liegt ihm zugrunde?

Von Antisemitismus können wir erst seit 1879 sprechen, als Wilhelm Marr das Wort zum ersten Mal in seinem Pamphlet „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum” verwendete. In der Antike und im Mittelalter hatten wir es mit Judenhass aus religiösen Gründen zu tun. Antisemitismus zeigt eine neue Realität: Judenhass plus Rassismus. Das ist neu: Rassenhass. 

Wie wirkte sich dieser neue Aspekt aus?

Bisher gab es alle möglichen Anschuldigungen gegen Juden. Wirtschaftliche: Juden betrügen. Juden beherrschen den Geldmarkt. Religiöse: Juden haben Jesus umgebracht. Jetzt kommt hinzu: Juden sind eine minderwertige Rasse. Was bedeutet das? Im Mittelalter konnte sich ein Jude taufen lassen und ein guter Christ werden. Aber jetzt ging das nicht mehr, das war die Neuheit. 

Paradoxerweise haben den Rassismus nicht die Deutschen erfunden. Er kam erstmals im mittelalterlichen Spanien auf. 1391 gab es dort antijüdische Aufstände – das Wort Pogrom verwenden wir noch nicht, das kommt erst 1870 in Russland auf und bedeutet, dass auch Polizei und Soldaten beteiligt sind. Man bedrohte die Juden mit dem Säbel in der einen und dem Kreuz in der anderen Hand: Lass dich taufen oder wir bringen dich um. So haben sich viele konvertieren lassen – aber einige blieben heimlich jüdischgläubig, man nennt sie Marranen. Man beschuldigte sie, weiterhin zu “judaisieren”. Was bedeutet das? Sie verwenden keine Butter zum Braten, sondern Öl. Denn in der jüdischen Gastronomie gibt es die Regel, man dürfe das Lamm nicht in der Milch seiner Mutter garen. Oder sie lassen sich heimlich beschneiden. Wegen diesem Phänomen der Marranen sagten einige Kirchenleute: Wir wissen ja gar nicht mehr, wer ein richtiger Christ ist und wer heimlich judaisiert. Also stellte man Regeln auf: Wer jüdische oder muslimische Vorfahren hatte,  durfte nicht Mitglied im Malteserorden oder im Kirchenchor werden. Die Theorie der verschiedenen menschlichen Rassen kam aber erst im 19. Jh. auf.

Warum wurden Juden seit der Antike abgelehnt und stigmatisiert?

Als Historiker fragte ich mich das auch! Wenn Juden zu allen Zeiten in allen Ländern gehasst wurden, was ist los mit ihnen? Doch es ist ja nicht so, man kann nicht sagen, dass Judenhass in allen Ländern präsent war. In den großen Zivilisationen Chinas und Indiens gab es keinen Judenhass, aber es gab Juden. Es gab Pagoden als Synagogen, in China hatten die Juden chinesische Züge, in Indien waren sie schwarz…
Die Antwort lautet wie folgt: Antisemitismus entwickelte sich nur in zwei Zivilisationen, der christlichen und der islamischen. Warum? Vor dem Christentum, etwa im 2. Jh. davor, gab es einen paganen Judenhass. Das war die Opposition eines polytheistischen Imperiums vor einem Monotheismus. Die Polytheisten – Griechen, Ägypter – konnten einen abstrakten, spirituellen Gott nicht verstehen. Dies traf später auch die Christen. Die Griechen haben die Christen beschuldigt, Ritualmorde zu begehen. Sie bräuchten Blut einer Jungfrau für gewisse okkulte Praktiken. So litten erst die Christen unter diesem Mythos, bis er auf die Juden transferiert, also „rezykliert“ wurde. 

Wie kam es dann zu den antijüdischen Ressentiments seitens der Christen?

Mit der Etablierung des Christentums wurde aus der Aversion gegen Juden ein theologischer Diskurs. Die Kirche praktizierte dabei eine Mischung aus Toleranz und Intoleranz. Auf der einen Seite hieß es: Ihr dürft euch selbst organisieren und in christlichen Städten wohnen. Die Ursache dieser Toleranz ist vermutlich die gemeinsame Basis des Glaubens, Jesus und Maria waren Juden. Auf der anderen Seite gab es Elemente der Intoleranz. Man warf den Juden vor, dass sie nicht christlich wurden, wo doch einer der ihren die neue Lehre brachte. Man warf ihnen vor, sie hätten Jesus getötet. 

Wie äußerte sich konkret diese kirchliche Intoleranz?

Es gibt vier Elemente der Diskriminierung seitens der Kirche gegen Juden: die topografische, die durch Kleidung, die wirtschaftliche und die juristische. Man muss sich vorstellen, damals waren Kirche und Staat ja eng verwoben.

Können Sie diese vier Elemente näher erläutern?

Erstens, die topografische Diskriminierung: das bedeutet Ghettobildung. Anfangs wohnten Juden gruppiert um ihre Schule, Synagoge, ihren Metzger, doch später wurde daraus eine Pflicht. Sie mussten in eigenen Vierteln wohnen, dem Ghetto. Das Wort Ghetto kommt aus dem Italien des 17. Jh., aber eigentlich gab es  im 12., 13. Jh. bereits ein Riesen-Ghetto in Frankfurt am Main. Zweitens, 1215 wurde die Diskriminierung durch Kleidung eingeführt: Das vierte Konzil des Lateran – der damalige Name für den Vatikan – störte sich an gemischten Paaren. So sollte man von außen erkennen, wer Jude sei. Der gelbe Ring wurde eingeführt, der außen an der Kleidung anzubringen war. Und die Juden mussten dafür auch noch eine Abgabe leisten! Sie sehen, der gelbe Stern der Nazis war keine neue Erfindung... Doch wie sollte man einen Juden von hinten erkennen? Oder aus der Entfernung? So wurde der Spitzhut Pflicht, aus der Ferne gut zu sehen. Das war Kleidung, die stigmatisieren sollte. Nur Leprakranke und  Prostituierte mussten ebenfalls solche sichtbaren Zeichen tragen. Nach der Französischen Revolution durften die Juden dann den Spitzhut absetzen. Aber die Alten weigerten sich, weil sie inzwischen dachten, das sei ihre Nationaltracht!

Drittens, die wirtschaftliche Diskriminierung: Juden durften kein Land besitzen und oft auch keines bearbeiten, verschiedene Berufe blieben ihnen verschlossen.
Viertens, die juristische Diskriminierung: Ursache war die Frage, wie man im Fall eines Rechtsstreits dem Juden einen Eid abnehmen könne, er glaubt ja nicht an Christus. So dachte man sich eine spezielle Prozedur dafür aus, ebenfalls stigmatisierend. Manche Juden zogen es vor, den Prozess zu verlieren, als das mitzumachen! Mit Dornenkronen an Hals, Knien und Ellbogen musste der Jude statt vor dem Tribunal in der Synagoge schwören, in dem Moment, wenn die Tora rausgeholt wird, 24 Stunden vorher fasten,  ein kaltes Bad nehmen und Totenkleidung tragen.

Können Sie noch andere Mythen benennen und auf ihre Entstehung eingehen?

Ausgerechnet die Kirchenleute haben die bösesten Mythen verbreitet. Johannes Chrysostomos, Erzbischof von Konstantinopel, behauptete, Synagogen seien Freudenhäuser. Er hat auch die Anschuldigung des Gottesmordes lanciert. Die Idee ist grotesk: Wie kann ein Mensch Gott töten? Und wenn es Judas nicht gegeben hätte, um Jesus zu verraten, wäre das Christentum nicht entstanden... Außerdem wissen wir kaum etwas von dem Prozess gegen Jesus - nichts ist erhalten, keine Akten, nicht mal der genaue Tag. Und Kreuzigung war eine römische Methode, nach der wurden auch viele Rabbiner aufgehängt.

Ein Mythos ist auch, dass die Juden in alle Welt verstreut sind als Folge der Strafe Gottes, weil sie Jesus nicht anerkennen.  Aber es gab schon eine riesige Diaspora im 10. Jh. v. Chr., in Ägypten, Babylon, Mesopotamien. Die meisten in dieser Diaspora sahen Jesus nie, hatten nie von ihm gehört. Nur wenige kannten ihn - einige kritisierten ihn, andere wurden Christen.
Im Mittelalter wurde eine Dämonisierung der Juden betrieben: Schauen Sie sich in der Kirche die Statuen „Ecclesia“ und „Synagoga“ an! „Ecclesia“ ist schön, mit Zepter in der Hand, „Synagoga“ hat verbundene Augen und wird mit dem Teufel auf der Schulter dargestellt. 

Gibt es wirklich noch Menschen, die sich heutzutage davon beeinflussen lassen?

Glauben Sie, ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich so verletzt war wegen der Geschichte mit  Gheorghiță? Es gibt Leute, die leugnen Auschwitz! In Frankreich gibt es Schulen, die sagen, es wurde alles nur erfunden, damit die Juden Israel gründen konnten und Geld aus Deutschland bekamen. In Frankreich gibt es extreme Linke, die sagen, die Juden benehmen sich gegen die Palästinenser wie die Nazis einst gegen sie. Sie wollen die Dämonisierung von Israel. Dann gibt es Pseudo-Antisemitismus, alten Antisemitismus im neuen Kleid: Antiamerikanismus. Man sagt, Juden sind die Kapitalisten Amerikas. Juden streben die Weltherrschaft an.

Was kann man aus Ihrer Sicht gegen diese Vorurteile tun? 

Man müsste in Schulen die Geschichte der Juden erzählen, wie sie wirklich war. Es gab Probleme - aber auch viele konstruktive Aspekte. Doch viele wissen das nicht. Diese Teile der Geschichte sind unbekannt. Ich arbeite derzeit an einem Projekt „Erinnern und Gewissen“, in dem nicht nur das Negative gezeigt wird. Viele Christen haben Juden geholfen. Es gab konstruktive Zusammenarbeit. Und es gibt keine Kollektivschuld. Ich bin sehr aktiv in Frankreich, was jüdisch-christliche Freundschaft betrifft. Heute erkennt selbst die Kirche an: Es gibt zwei Wege zu Gott. Und aus der Mathematik wissen wir: Zwei parallele Linien treffen sich im Unendlichen.

Vielen Dank für die interessanten Ausführungen!
 

cffviseu

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