Auf den Spuren der internationalen Holzmafia

ADZ-Gespräch mit Monica Lăzurean-Gorgan, Regisseurin und Produzentin des Dokumentarfilms „Wood“

Monica Lăzurean-Gorgan setzt sich für den rumänischen Dokumentarfilm ein. Foto: Manifestfilm

„Wood“ kann am 12. September beim Astra Film Festival in Hermannstadt gesehen werden.

Die Kinder der Familie Enache in ihrem ehemaligen Zuhause, dem Văcărești-Delta in Bukarest.

Rund drei Fußballfelder Holz werden laut Greenpeace in den rumänischen Karpaten jede Stunde kahl geschlagen. Jahrhunderte Jahre alte Bäume aus dem letzten Urwald Europas werden zu Billigmöbeln verarbeitet. Über das globale Milliardengeschäft, eines der einträglichsten überhaupt, berichten die einheimischen Massenmedien schon seit Jahren, auch die internationale Presse hat das Problem der „Holzmafia“ unter die Lupe genommen. Die Morde an Förstern und Waldarbeitern, die sich den Diebstählen widersetzen, haben die Öffentlichkeit erschüttert. Der Dokumentarfilm „Wood“ (Holz, 2020) von Monica Lăzurean-Gorgan, Michaela Kirst (Deutschland) und Ebba Sinzinger (Österreich) greift das Thema des illegalen Holzeinschlags und -handels tiefgründig auf und verfolgt eine jahrelange Investigation mit versteckter Kamera des Umweltaktivisten Alexander von Bismarck auf den Spuren der Holzdiebe in Rumänien, Peru, Russland und China. Über den Umweltthriller, aber auch über den rumänischen Dokumentarfilm im Allgemeinen spricht dessen rumänische Regisseurin und Produzentin Monica Lăzurean-Gorgan mit ADZ-Redakteurin Laura Căpățână Juller.

Du verfolgst das Thema des gesetzwidrigen Holzeinschlags in Rumänien seit mehr als zehn Jahren und hast einen Kurzfilm darüber gemacht. Auf deine Initiative kam Alexander von Bismarck, Nachfahre des „Eisernen Kanzlers“ und Kopf der Environmental Investigation Agency (EIA) in Washington, in unser Land, um den Machenschaften mit dem kostbaren Rohmaterial nachzuspüren.

Ich liebe die Natur, die Wälder, kenne die vorteilhaften Auswirkungen auf uns und will dazu beitragen, dass sie erhalten bleiben. Zudem wollte ich den Kampf sowie den gesamten Prozess um das illegale Holzfällen und den illegalen Handel verstehen und dokumentieren und einem breiten Publikum zeigen.

Sascha (Alexander von Bismarck) hat 2015 viel in Rumänien ermittelt und große Rechtswidrigkeiten bei Holzindustrie Schweighofer, einem der größten Holzunterrnehmen Europas, aufgedeckt, die die EIA veröffentlicht hat und die zu Schlagzeilen in der Presse und zu Massenprotesten führten. Der Film zeigt unter anderem, wie der österreichische Gigant illegal aus rumänischen Nationalparks gefälltes Holz ankauft.

Du warst bei den Dreharbeiten in Rumänien dabei, wo man oft mit versteckter Kamera arbeiten musste. Spannung herrscht im ganzen Film, man hat als Zuschauer den Eindruck, dass überall Gefahr lauert. Hattest du keine Angst?

Ich persönlich habe keine Angst gehabt. Ich wollte den Film unbedingt machen, um mich für die Wälder einzusetzen, um zu versuchen, die industrielle Abholzung in Rumänien zu bremsen oder wenigstens zu verlangsamen. Zu den Drehs sind wir immer sehr gut vorbereitet gefahren, ich habe kein Teammitglied in Gefahr gesetzt, wir haben nie etwas riskiert.

„Wood“ wurde bei internationalen Filmfestivals in Kopenhagen (CPH:Dox), in Toronto (tiff), aber auch beim TIFF in Klausenburg/Cluj-Napoca, oder bei One World Romania in Bukarest ausgestrahlt. Wie wurde er aufgenommen?

Wegen der aktuellen weltweiten Lage ist der Film im Ausland online gelaufen, wir konnten leider nicht anwesend sein, sodass wir die Reaktionen nach der Zuschauerzahl registriert haben. Besonders in Kanada, wo es auch illegale Abholzungen gibt, war das Interesse sehr groß. In Rumänien war der Film ausverkauft, die Diskussionen mit dem Publikum waren sehr lebendig; die Leute sind wirklich sehr angetan vom Thema und viele wollen wissen, was sie tun können, um die strafbare Rodung zu stoppen.

Was kann ich tun, wenn ich einen LKW auf der Straße fahren sehe, der mit Baumstämmen voll beladen ist?

„Wood” ist ein Beobachtungs-Dokumentarfilm, der Alexander von Bismarck bei seiner undercover-Investigation verfolgt und den illegalen industriellen Holzschlag in einen globalen Kontext stellt. Der Film ist ein Alarmzeichen, er bietet keine Lösungen. Lösungen können Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace, WWF (World Wildlife Fund) und Agent Green, die sich aktiv damit befassen, empfehlen.

Gleichzeitig müsste jeder von uns bewusster konsumieren und weniger Papier, weniger Billigmöbel nutzen. Außerdem können wir beim Kauf von Möbeln nach der Herkunft des Holzes fragen und nur legal angeschafftes kaufen.

Der Film verfolgt von Bismarck flüchtig auch nach Russland, China und Peru, man bekommt jedoch nur wenig Details über die Situation dort mit. Warum?

Ja, man wird neugierig zu erfahren wie diese strafbaren Geschäfte auch in anderen Ländern laufen. Der Film konzentriert sich aber auf Rumänien,  und die Informationen aus den anderen Ländern dienen dazu, die internationale Dimension dieser Mafia zu zeigen.

Was habt ihr mit dem Film erreicht?

Es sind kleine Siege, die wir erzielt haben. Dass Sascha nach Rumänien gekommen ist und diese Investigation erfolgreich durchgeführt hat, ist schon ein kleiner Sieg. Die Straßenproteste von 2015, die der Veröffentlichung der EIA-Vorwürfe an Schweighofer Holzindustrie folgten, der Druck der Medien und der Zivilgesellschaft sind kleine Siege. NGOs setzen sich auch aktiv zum Erhalten der Wälder ein, das führte auch zur Änderung des Forstgesetzes. All diese kleinen Siege tragen dazu bei, dass der Wald erhalten bleibt.

Du hast die Kampagne „Documentarul contează“ (deutsch: Der Dokumentarfilm zählt) ins Leben gerufen. Erzähl uns etwas darüber.

In den letzten Jahren werden immer mehr Dokustreifen gemacht, viele davon sind national und international sehr geschätzt und preisgekrönt, auch anerkannte Spielfilmregisseure wie Radu Jude oder Corneliu Porumboiu widmen sich diesem kreativen Genre. Auch die Nachfrage des Publikums ist um rund 15 Prozent gestiegen, wie man bei den Online-Anbietern Netflix und HBO sehen kann. Dennoch ist dieser Bereich weiterhin unterfinanziert, er gilt als Aschenputtel im Filmwesen.
Die Kampagne verfolgt, dass dem rumänischen Dokumentarfilm mehr Vertrauen und mehr Finanzierung geschenkt wird. Beim letzten Wettbewerb des Nationalen Filmzentrums (CNC) wurden von 44 eingeschriebenen Doku-Projekten nur fünf finanziert, obwohl viele der anderen auch gut waren.

Der Dokumentarfilm zählt auch, weil er außer den Ebenen, die ein Spielfilm bietet – Unterhaltung und Kunst/Kultur –, die Ebene der sozialen Beteiligung anspricht, die heutzutage von großer Bedeutung ist. Zudem kommt die erzieherische Wirkung hinzu, die für Schüler, die einen Film in der Schule schauen und besprechen, von Nutzen sein kann.

Der Vertrieb für Dokumentarfilm ist ohnehin schwer. Wie ist er aber zu Corona-Zeiten?

Zurzeit ist es sehr kompliziert. „Acasă“ (Zuhause) von Radu Ciorniciuc (Anm. d. Red: Der von Monica Lăzurean-Gorgan produzierte Film beobachtet im Laufe von vier Jahren die Ereignisse der elfköpfigen Familie Enache, welche sich nach einer 20-jährigen naturverbundenen Lebensweise im Bukarester Văcărești-Delta gezwungen sieht, in den urbanen Dschungel zu ziehen, als ihr Heim zum Naturpark erklärt wird) wird bis zu seiner Premiere im Oktober auf HBO Go, im Freien in mehreren Städten gezeigt, u. a. am 8. September beim Astra Film Festival, Open Air, in Hermannstadt/Sibiu. „Holz” wird am 12. September in Hermannstadt gezeigt und geht wahrscheinlich ab dem Winter online.

Du wurdest vor Kurzem eingeladen, Mitglied der Amerikanischen Filmakademie zu werden. Was bedeutet das für dich?

Es war eine willkommene Überraschung. Als Mitglied werde ich für die besten Dokumentarfilme stimmen dürfen. Im Vorjahr wurden vier internationale Dokus für den Oscar nominiert, auch allgemein hat sich die Akademie in letzter Zeit nach Europa und auf internationaler Ebene geöffnet, was sehr gut ist. Dass „Parasite” (Regie Bong Joon-ho, Südkoreea), ein Film, in dem nicht Englisch gesprochen wird, den Oscar gewonnen hat, ist eine Premiere.

Woran arbeitest du gerade?

Solange die Kinder noch klein sind, werde ich weiterhin Filme produzieren, ich habe sehr gute Projekte und wähle nur jene, die mich ansprechen. Andererseits vermisse ich es, mich in eine Geschichte hinein zu vertiefen, wieder einmal einen eigenen Film zu drehen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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