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Bauhaus, Bukarest und Erdbeben

Konsolidierung versus Modernisierung – Erhaltung von Kulturerbe oder Wiederaufbau?

Der Bukarester Magheru-Boulevard zur Zwischenkriegszeit. Foto: Wikipedia

Viele junge Leute und Architekten nahmen an der Diskussionsveranstaltung zum Thema Erdbeben und Bukarest im NEC teil. Foto: die Verfasserin

Erdbeben von 1977 in Bukarest. Foto: Wikipedia

Der „Pilz“ auf dem Móricz Zsigmond Platz in Budapest. Foto: Civertan Grafikai Stúdió/Wikipedia

Was haben Bauhaus, Bukarest und Erdbeben miteinander zu tun? Der Bauhaus-Stil ist omnipräsent in rumänischen Städten. Vor allem Bukarest verfügt über ein außergewöhnlich reiches Kulturerbe an modernistischen Gebäuden aus der Zwischenkriegszeit. Nur dass dieses von fortgeschrittenem Verfall bedroht ist. Zum einen wird es vernachlässigt, weil der Wert „moderner“ Bauwerke als Kulturerbe gering geschätzt wird. Zum anderen gefährden zerstörerische Modernisierungsmaßnahmen die ohnehin marode Bausubstanz. Durch Verkleidung der Gebäude zur thermischen Isolierung oder Fassadenverschönerung wird das Problem elegant versteckt - und damit nur verstärkt. Hinzu kommt, dass Bukarest in einer Erdbebenzone liegt und ausgerechnet die Gebäude aus der Zwischenkriegszeit - dank neuer Materialien meist höher als sechs Etagen gebaut - genau im Rhythmus der Tiefbeben von Vrancea schwingen. In den Erdbeben von 1940 und 1977 stellten sie den größten Prozentanteil unter den eingestürzten Gebäuden dar.

Was also tun? Mit dieser Frage setzten sich die Architekten Raluca Munteanu (Pro Patrimonio), Pierre Bortnowski (Team Built) und die Künstlerin Iuliana Vîlsan auseinander – letztere beiden auch als „Blockpräsidenten“ mit Fallstudien zu den Immobilien, die sie selbst bewohnen, die Blocks „Marcel Iancu“ in der Strada Armenească und „Tiberiu Niga“ am Bv. Lascăr Catargiu . Auf der Diskussionsveranstaltung, die am 22. Oktober im New Europe College (NEC) im Rahmen des Projekts „BAUBAU-Bauhaus 100 Bukarest“ stattfand, unterstützt vom Goethe-Institut und dem ungarischen Kulturinstitut „Balassi“, präsentierten sie Probleme und Lösungsansätze. BAUBAU steht hierbei bewusst doppeldeutig auch für den „schwarzen Mann“, vor dem sich rumänische Kinder fürchten. Ein passender Name für ein Thema, in dem es um Tradition, Skepsis und Optimismus, das Unbekannte und Angst geht, findet Architekt Ștefan Ghenciulescu, der Moderator der Veranstaltung. Unter dem Titel „BAUBAU-Bauhaus 100 Bukarest“ fanden dieses Jahr mehrere Ausstellungen und Konferenzen statt. Im Anschluss an die Diskussion präsentierte der Budapester Architekt Szabó Levente Beispiele von modernistischen Gebäuden aus der ungarischen Hauptstadt, die nicht nur bautechnisch gerettet wurden, sondern auch neu interpretiert und für die Öffentlichkeit wiederbelebt. Dabei mussten sich die Stadtplaner mit der Frage auseinandersetzen: originalgetreu restaurieren oder wiederaufbauen?

Mangelnde Transparenz in Bukarest

Wie geht man in Bukarest mit der ständig drohenden Erdbebengefahr um? Zuerst wurde der rote Punkt erfunden – ein zynisches Kennzeichen für Bauwerke, die durch ihren möglichen Einsturz die Öffentlichkeit gefährden: Erdbebenrisikostufe eins. Bukarest avancierte zur Stadt der roten Punkte. Allzu oft wurden diese anstatt auf Basis einer Expertise aus wirtschaftlichem oder politischem Kalkül vergeben oder auch nicht vergeben, bemerkt Architektin Raluca Munteanu. Dabei könne man das Schwingungsverhalten eines Gebäudes im Erdbebenfall recht gut extrapolieren, indem man es misst, wenn eine Straßenbahn oder ein Lastwagen vorbeifährt, und dann hochrechnet.  

Schließlich sollte ein Zauberwort Abhilfe schaffen: Konsolidierung. Der Umfang der Arbeiten hängt von den individuellen Gegebenheiten ab, in einer Expertise für jedes Gebäude einzeln zu ermitteln. Konsolidierung lohnt sich nicht nur in Fällen von Erdbebenrisiko eins, sondern auch für Gebäude der Stufen zwei oder drei, in denen ernste Schäden an der Bausubstanz oder nur lokal begrenzte Schäden zu erwarten sind. Und: Sie bietet nicht nur mehr Sicherheit, sondern steigert auch den Wert der Immobilie. 
Als Hürden stehen einem solchen Projekt die meist zersplitterten Eigentumsverhältnisse in den Blocks im Wege, eine generelle Skepsis der Besitzer, das Fehlen eines Finanzierungssystems, der Mangel an  zugänglichen Informationen. Bis es überhaupt zum Projekt kommt, müssen von jedem Besitzer im Block fünf Dokumente eingeholt werden, erklärt Bortnowski. „Die Überzeugungsarbeit dauert meist länger als die eigentliche Bauphase“, gibt er zu bedenken. Ein großes Problem ist auch mangelnde Transparenz: Es gibt keinerlei Beratungsstellen. So kommt es, dass die meisten Besitzer die bauliche Durchführung einfach den Rathäusern überlassen, ohne sich der Alternativen bewusst zu sein. 

Es muss nicht immer Beton sein

Konsolidierung bedeutet in der Regel, die Verstärkung von Mauern mit Beton. Nicht zu unrecht fürchten sich viele Besitzer davor. Ihre Wohnung müssen sie für den Zeitraum des Bauprojekts für mehrere Jahre verlassen und erhalten sie anschließend völlig verwüstet zurück. Dabei sind sich die meisten nicht einmal dessen bewusst, dass auch sämtliche Installationen – Wasser, Strom, Heizung – neu gemacht werden müssen. Und dass sich der Wohnraum signifikant verkleinert, bemerkt Vîlsan. 
Alternativmodelle zu der – allgemein üblichen - rigiden Konsolidierung stellt Architekt Pierre Bortnowski zur Diskussion. Statt Verstärkung der Mauern durch Beton schlägt er vor, ein neues Gebäude als Stütze anzulehnen. Oder: In Gebäuden mit Innenhof könnte dort ein kranartiger Turm aus Metall hochgezogen werden, mit Armen, die von oben über das Dach greifen und die Gebäudeteile wie in einer Spange zusammenhalten. Eine andere Lösung wäre das Aufbrechen der Starre des Gebäudes durch den Einbau von Gummifüßen auf Kellerniveau. Varianten, die zudem ohne Umsiedlung der Bewohner durchgeführt werden könnten. Allerdings, räumt Bortnowski ein, hat der Laie kaum die Möglichkeit, sich über solche Alternativen zu informieren. Bisher werden sie in Bukarest nicht praktiziert.

Baumängel unter den Teppich gekehrt

Auf dem Boulevard Magheru befinden sich besonders viele Gebäude im Bauhaus-Stil, bemerkt Ghenciulescu. „Doch ich kenne dort kein einziges gut restauriertes Bauwerk aus dieser Zeit“, gibt er zu bedenken. Von Konsolidierung gar keine Rede, allenfalls Modernisierungen wurden durchgeführt. Raluca Munteanu zeigt Bilder von Negativbeispielen: Mit Styroporplatten werden baufällige Außenmauern abgedeckt - außen hui, innen pfui! Wie Stabilitätsprobleme einfach unter den Teppich gekehrt werden, verdeutlich das Vorher-Nachher-Bild eines modern renovierten Appartments mit großem Panorama-Eckfenster. Als die Abdeckung oberhalb des Fensters entfernt wurde, gähnte dort ein Loch - die Mauer fehlte gänzlich! Beim Einbau des Fensters hatte man sie weggelassen und den Raum nur mit Platten geschlossen. Der Käufer einer solchen Wohnung ist meist völlig ahnungslos. Modernisierung bedeutet meist nur Kosmetik, bietet keine bauliche Verbesserung, kritisieren die Architekten. Die Forderung nach thermischer Effizienz der Gebäude sei geradezu eine Einladung für das Verwenden von künstlichen Materialien, die bauliche Mängel verdecken, meint Iuliana Vîlsan.

Restaurierung oder Wiederaufbau und Transformation?

Über die Streitfrage Restaurierung oder Wiederaufbau sprach Architekt Szabó Levente anhand von Beispielen in Budapest. Ein Projekt betraf des runde, im Volksmund als „Pilz“ bekannte technische Gebäude der Transportinfrastruktur auf dem Móricz Zsigmond- Platz aus dem Jahre 1949. Als die Straßenbahn, deren Schienen es kreisförmig umgaben, verlegt wurde, hatte es seine Funktion verloren und verfiel. Das zuvor nicht öffentliche Gebäude war bis 1997 denkmalgeschützt, wegen seiner dünnwandigen Bausubstanz entschloss man sich jedoch gegen eine Restaurierung. Beim Wiederaufbau wurden gewisse Veränderungen zugunsten der Funktionalität in Kauf genommen. Das 2014 fertiggestellte Gebäude  wurde als Folge eines 2009 ausgeschriebenen Designwettbewerbs neu ausgestaltet und ist nun der Öffentlichkeit zugänglich. Weil der Platz in der Revolution von 1989 eine große Bedeutung spielte, sollte es zudem auch die Funktion einer Gedenkstätte erhalten. Dies wurde durch eine diskrete Inschrift am Boden, die dem Umfangskreis folgt, realisiert. An das Original erinnern nur die beibehaltenen Dimensionen und die kreisförmige Struktur. Legitim, findet Levente. „Der Pilz war eine spezielle Situation. Das Gebäude hatte seine Funktion verloren und der öffentliche Platz sein Aussehen stark verändert.“

Das zweite Beispiel betrifft das alte Budapester Rathaus mit baulichen Etappen vom Mittelalter bis 1952. Hier entschloss man sich für eine Integration der alten Gebäudeteile – tatsächlich handelt es sich um einen Komplex aus vier Gebäuden - in ein modernes Gesamtkonzept. Im Keller stehen Mauerreste aus dem Mittelalter in eigenwilligem Gegensatz zum modernen Design. Im obersten Stock wurden die hölzernen Rundbögen des Dachbodens aus dem Zweiten Weltkrieg, nach Bombardierung nur noch teilweise erhalten, sichtbar integriert. An der Frage Restauration oder Wiederaufbau scheiden sich oft die Geister, erklärt Levente. Wiederaufbau von Denkmälern werde von vielen Experten als Fälschung empfunden. Die Entscheidung müsse daher für jedes Bauwerk in Abhängigkeit seiner historischen und aktuell zugedachten Funktion sowie unter Berücksichtigung der Veränderungen der Umgebung getroffen werden. 
 

cffviseu

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