Der 75 Jahre seit dem Beginn der Russlanddeportation gedacht

Gedenkfeier des DFDR in der „ökumenischen Hauptstadt Rumäniens“

Gedenken des DFDR im Tietz-Zentrum (v. l. n. r.): Ovidiu Ganț, Elke Sabiel, Paul-Jürgen Porr, Bernd Fabritius und Reinhart Guib Foto: Raluca Nelepcu

Bei der Vernissage der beiden Ausstellungen im Museum des Banater Montangebiets (v.l.n.r.): Lilia Antipow, Marc Schroeder, Übersetzer Werner Kremm, Erwin Josef Țigla und Elfriede Helene Polluch Foto: DFBB

Im Museum des Banater Montangebiets in Reschitza/Reșița herrschte am Freitag, dem 24. Januar, kurz vor der Mittagszeit, großes Gedränge. Dutzende Menschen standen im Eingangsbereich und warteten darauf, dass die beiden Ausstellungen, die im Rahmen der Gedenkveranstaltung zur Russlanddeportation der Rumäniendeutschen zustande kamen, eröffnet wurden. Unter-dessen schauten sich die Anwesenden die ausgestellten Plakate und Fotografien an. Am Eingang links, in dem Bereich, wo das Haus des Deutschen Ostens die Ausstellung „Mitgenommen – Heimat in Dingen“ vorstellte, wurden die Gesichter plötzlich ernst. Bei dieser Ausstellung geht es um Flucht, Vertreibung und Deportation – traurige Realitäten für die deutsche Bevölkerung aus den Ländern des östlichen Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele der Besucher kannten Geschichten von Flucht und Deportation aus ihren eigenen Familien, andere zählten zu den wenigen Glücklichen, deren Vorfahren davor verschont geblieben waren und die lediglich von Bekannten oder Freunden über diese Themen erfahren hatten. 

„Die Besucher können die Geschichte der Vertreibung von 1945 aus mehreren Perspektiven erleben. Zum einen ist es die Perspektive der Historiker, die in den einführenden Texten der Ausstellung festgehalten ist. Zum anderen ist es die Perspektive der Betroffenen. Diese Geschichte können sie anhand der mündlichen Berichte und der Gegenstände, die in dieser Ausstellung präsentiert sind, erfahren“, erklärte Lilia Antipow, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Haus des Deutschen Ostens in München. Die Ausstellung wurde 2015, anlässlich des 70. Jahrestags seit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, zusammengestellt und wandert seitdem durch Europa. 
Einige Schritte weiter, wo die Fotografien des Luxemburger Marc Schroeder an den Wänden hingen, weilten die Blicke der Betrachter etwas länger auf den Exponaten. Zu sehen waren mehrere Porträts von Überlebenden der Russlanddeportation 1945. „ORDER 7161 – Zeitzeugenporträts einer Deportation“ betitelt sich die Fotoausstellung, die Marc Schroeder dem Reschitzaer Publikum vorstellte – besonders wichtig war es dem Luxemburger Fotografen, dass sich auch das rumänischsprachige Publikum seine Ausstellung ansieht und das Thema der Russlandverschleppung vertieft. Dies war einer der Gründe, weshalb zwischen den Fotografien auch ergänzende Texte auf Rumänisch, mit persönlichen Geschichten, die Marc Schroeder gesammelt hatte, hingen. „Eine Herausforderung für mich als Fotograf war, das Vertrauen der Leute zu gewinnen, damit sie sich so fühlten, als sei ich fast nicht da“, erzählte Marc Schroeder, der erstmals 2010 nach Rumänien kam. Ungefähr 40 Seniorinnen und Senioren bekam er schließlich vor seine Kamera – die Porträts einiger von ihnen und mehrere dazugehörigen Geschichten sind zurzeit im Museum des Banater Montangebiets zu sehen.

Dass in Reschitza eine solch großangelegte und vielfältige Veranstaltungsreihe zur 75-Jahr-Gedenkfeier seit dem Beginn der Russlandverschleppung zustande kommen konnte, dafür sorgte der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Banater Berglanddeutschen (DFBB), Erwin Josef }igla, der sich seit Jahren darum kümmert, dass dieses Thema nicht in Vergessenheit gerät. In diesem Jahr gab es Filmvorführungen, Ausstellungseröffnungen, Buchvorstellungen und ökumenische Gottesdienste, um an eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Rumäniendeutschen zu erinnern und das breite Publikum darüber zu informieren. Ungefähr 70.000 Deutsche wurden 1945 als Kriegswiedergutmachung in die damalige Sowjetunion verschleppt – davon kehrten 20 Prozent nicht wieder heim. Heute leben nur noch ungefähr 180 ehemalige Russlandverschleppte in Rumänien, berichtete Erwin Josef }igla. Bei der Ausstellungseröffnung sprach er über seinen persönlichen Bezug zur Russlanddeportation – auch sein Großvater war fünf Jahre lang im Ural deportiert gewesen. Drei Gegenstände aus der Russlanddeportation zeigte der Vorsitzende des Berglandforums: einen Bilderrahmen aus dem Ural, ein im Arbeitslager von den Deportierten benutztes Dominospiel und einige Briefe, die die Deportierten über das Rote Kreuz nach Hause geschickt hatten. 

Viele Jugendliche – Schülerinnen und Schüler aus Reschitza – durften sich im Rahmen der Gedenkwoche mehrere Dokumentarfilme in der Regie von Cristian Amza anschauen, um mit dem Thema der Russlandverschleppung vertraut zu werden. Ein Thema, das in der heutigen Gesellschaft, mit Ausnahme der deutschen Gemeinden, kaum Beachtung findet, wie Ministerialrat Ilie Schipor bei der Vorstellung seines Buchs „Deportarea în fosta URSS a etnicilor germani din România. Argumente arhivistice ruse“, 2019 im Honterus-Verlag erschienen, unterstrich.

Bei der Gedenkveranstaltung im Museum des Banater Montangebiets fanden sich nicht nur Berglanddeutsche, sondern auch Banater Schwaben, Siebenbürger Sachsen, Sathmarer Schwaben, Bukowiner Deutsche, u. a. ein. Schließlich ist die Russlandverschleppung ein Thema, das die Deutschen aus Rumänien gleichermaßen betroffen hat. Die Ehrenvorsitzende des Vereins der ehemaligen Russlanddeportierten, Elke Sabiel, die Unterstaatssekretärin im Departement für Interethnische Beziehungen, Christiane Cosmatu, der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Bernd Fabritius, der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR), Paul-Jürgen Porr, der DFDR-Geschäftsführer Benjamin Józsa, der Abgeordnete der deutschen Minderheit im rumänischen Parlament, Ovidiu Ganț, sowie die Vorsitzenden mehrerer Ortsforen aus ganz Rumänien reisten nach Reschitza, um der Gedenkfeier beizuwohnen. Ein besonderer Gast war die ehemalige Russlanddeportierte Elfriede Helene Polluch aus Suceava, die eigens mit dem Zug gekommen war. Marc Schroeder hatte sie im Jahr 2013 fotografiert. Erwin Josef Șigla überreichte ihr, wie auch zwei weiteren Menschen, die während der Deportation in der ehemaligen Sowjetunion zur Welt kamen – Elfriede Chwoika und Helmut Weinschrott –Gedenkmedaillen.

Mehrere Bücher zum Thema der Russlandverschleppung wurden anschließend im Veranstaltungsraum des Museums vorgestellt. Das Fachbuch „Un veac frământat. Germanii din România după 1918“ des Historikers Ottmar Trașcă und des Soziologen Remus Gabriel Anghel aus Klausenburg/Cluj-Napoca wurde von letzterem vorgestellt und war kurz nach der Buchvorstellung ausverkauft. Die Chefredakteurin der „Hermannstädter Zeitung“, Beatrice Ungar, sprach über den Roman von Mariana Gorczyca, 2019 in deutscher Fassung im Polirom-Verlag mit dem Titel „Diesseits und jenseits des Tunnels. 1945“ erschienen. Dafür dokumentierte sich die aus Brăila stammende und in Schäßburg/Sighișoara lebende Autorin bei Bekannten aus Siebenbürgen, die nach Russland verschleppt worden waren. Entstanden ist ein Briefroman in rumänischer Sprache, den Beatrice Ungar in Rekordzeit ins Deutsche übersetzt hat. Ebenfalls einen Rekord setzte auch das Buch des Militärhistorikers Ilie Schipor auf, der vor etwa zehn Jahren in den Archiven Moskaus auf wertvolle Dokumente mit Bezug auf die Russlanddeportation der Rumäniendeutschen gestoßen war: Sein Buch war in nur zwei Monaten geschrieben und gedruckt, informierte Benjamin Józsa. Schipor betonte, dass in den Archiven in Russland noch reichlich Informationsmaterial vorliege, welches nur darauf warte, von Forschern entdeckt und untersucht zu werden.

Nachmittags verlagerte sich das Geschehen ins deutsche „Alexander Tietz“-Zentrum, wo das DFDR tagte. Bernard Gaida, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten, betonte, dass auch der Verschleppten aus anderen Ländern gedacht wird. Der Minderheiten-Bundesbeauftragte Bernd Fabritius sprach von der „Sklaverei auf Zeit“, der auch sein eigener Großvater zum Opfer gefallen war. „Die Russlandverschleppung der Rumäniendeutschen war der tragischste Bruch in der kollektiven Biografie der Deutschen in Rumänien. Mein Großvater hat die Verschleppung überlebt, er kam Ende 1949 zurück. Meine Eltern, seine Kinder, haben ihn kaum erkannt, er war auf 48 Kilo abgemagert, eigentlich fast verhungert. Das, was er erlebt hat, hat unsere Familie auch nachher nachhaltig geprägt. Mein Großvater gehört zu den Verschleppten, die über die Deportation erzählen konnten. Und das, was er uns erzählt hat, das verschafft mir auch heute noch Gänsehaut“, erzählte Bernd Fabritius. Der DFDR-Abgeordnete Ovidiu Ganț berichtete von den Bestrebungen des Deutschen Forums zur Unterstützung der verschleppten Rumäniendeutschen. In den 1990er Jahren schaffte es das Deutsche Forum zu bewirken, dass auch die Russlandverschleppten zu den politischen Häftlingen gezählt werden und somit vom rumänischen Staat eine monatliche Zuwendung beziehen. Seit letztem Jahr bekommen dank der Bestrebungen des DFDR-Politikers die Russlanddeportierten aus Rumänien eine erhöhte monatliche Entschädigung von 700 Lei pro Deportationsjahr.

„Gemeinsames Trauern und gemeinsames Feiern fördern das, was uns verbindet“, sagte Reinhart Guib, evangelischer Bischof A.B. in Rumänien, bei der Gedenkveranstaltung des Deutschen Forums in Reschitza, der „ökumenischen Hauptstadt Rumäniens“, wie er die Stadt an der Bersau bezeichnete. Reinhart Guib war nach Reschitza gekommen, um einen Tag später einen ökumenischen Gottesdienst für die Russlanddeportierten gemeinsam mit dem römisch-katholischen Bischof von Temeswar, Josef Csaba Pál, in der Maria Schnee-Kirche zu zelebrieren. Das Gedenken im Tietz-Zentrum endete mit zwei aufschlussreichen Vorträgen von Ilie Schipor und dem Professor an der Babeș-Bolyai-Universität in Klausenburg, Rudolf Gräf.

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