„Der Traum, geboren zu sein“

Dem Pfarrer-Dichter Kurt Marti aus Bern zum 100. Geburtstag

„Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Das ist ein Merksatz, die bekannte Sentenz von Margot Käßmann, als sie vor einem Scherbenhaufen stand, nachdem sie wegen einer Autofahrt mit zu viel Alkohol im Blut angehalten worden und als Chefin der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) zurückgetreten war. Dieser Wortklang geht einem nach, sieht sie doch Gott als Geliebten, der auffängt, wenn der Sturz kommt und zu zerschmettern droht. Eine innige Metapher für den barmherzigen und behütenden Gott. 

Gott: eine Liebesgeschichte? So meinte es die evangelische Bischöfin, die in ihrem Satz auch das Jenseits mit dem Diesseits verbindet und so der deutschen Mystik nahe kommt, die sich mit Meister Eckart vorstellte, Gott werde in uns geboren, sei in uns präsent. Navid Kermani, unter anderem Träger des Friedespreises des Deutschen Buchhandels, schrieb ein Buch mit dem verheißungsvollen Titel „Gott ist schön“ und plädierte für die ästhetische Erfahrung beim Lesen der 112 Suren des Koran. Es war seine Dissertation von 1967. 

Auch wem das Grundbuch des Islam fremd bleibt, das in weiten Teilen auf Judentum und Christentum gründet, kann dem Kölner gelehrten Romancier in der Idee folgen, dass Sprache göttlich sein kann, vor allem und vielleicht auch nur dann, wenn sie schön, eben ein Sprachkunstwerk ist. Die poetische Welt von Kurt Marti, des 1921 geborenen Dichters aus Bern, liegt dem recht nahe: „Die Wortverwandtschaft zwischen ‚schön‘ und ‚schonen‘ ist nicht zufällig. Sie verrät etwas über die Ethik des Schönen, über die Moral der Poesie.“ 

Sie sei – Hölderlin aufgreifend, der sie als die „unschuldigste aller Geschöpfe“ erkannte – die kryptische Form von Moral, auch und gerade dann, wenn es sich keineswegs um „moralische“ oder gar moralisierende Poesie handele. Dies schrieb der Poet und Pfarrer 1996 im Nachwort zum Band „Der Traum, geboren zu sein“ mit ausgewählten Gedichten.

Der bedeutendste deutsche Maler der Gegenwart, der in Köln lebende Gerhard Richter, bekannte einmal, die Kunst sei die höchste Form der Hoffnung. 
Wer wollte dem widersprechen? 

Kurt Marti schrieb welthaltige Lyrik und versuchte immer wieder, sich der Psalmensprache zu nähern, so in dem Zyklus „preisungen“, wo es heißt:

preise den tödlichen ernst
der heimkehrt ins göttliche spiel

preise der greisinnen herzlichen mut
die kühnen revolten göttlicher
hoffnung

Ins Diesseits holen wollen diese Verse. Wer vom herzlichen Mut der Greisinnen schreibt, dem Tode nah und gegen ihn revoltierend, auf die Hoffnung setzend, die von Gott ausgeht, muss ein besonderer Dichter sein, einer, der das große Gegen-Ich nicht erst nach dem Verlöschen erwartet, sondern in die Gegenwart holt. Und so endet der „Jesus“-Zyklus denn auch mit dem 9. Gedicht

und also erzählen wir weiter von ihm
die geschichten seiner rebellischen
liebe
die uns aufwecken vom täglichen tod –
und vor uns bleibt: was möglich   wär´ noch

Der Atem der Mystik erfasst das Bild „die kirche / des geistes / sind unsere körper… // darum dann: umarmungen küsse / und heilige mähler.“ Kirche sein heißt also Geist sein. Das ist die pfingstliche Botschaft. Von Steinen und Mitra keine Rede. Der Dichter bittet in „stirnwünsche“, „dass / schwermut nicht heillos / die stirnen / zerfresse“. 

Er weiß, dass der menschliche Kosmos vom Gedanken bestirnt wird und so vom Wort. Alles wurzelt in der Weisheit des Johannes-Evangeliums, welches das Wort an den Anfang von Welt und Leben stellt und poetisch in die Menschen verwandelt, mit dem Gott-Menschen als Alpha und Omega, „der immerwährenden Kreuzigung“ ausgesetzt.

Prediger-Dichter horchen die Sätze und Silben oft genauer ab als Romanschreiber, sind sie ja geübte Spracherkunder. Aber auch sie wissen, dass es Worte und Erwartungen gibt, die erschlagen können, dass das Schweigen zuweilen mehr Fülle an Trost und Ankommen verheißt als noch so innige Sprachgesten.

Reiner Kunze wusste es auch, damals, als im Realsozialismus der DDR die evangelischen Pfarrhäuser Zuflucht gaben, oft für Menschen, die sich von den Botschaften der Bibel lange abgewandt oder nie etwas davon gehört hatten. Kunze war so einer. Er schreibt denn auch von sich selbst:

EINLADUNG ZU EINER TASSE
                                JASMINTEE
                                
Treten Sie ein, legen Sie Ihre
Traurigkeit ab, hier
Dürfen Sie schweigen

Das Nicht-Sprechen ist die innigste Form des Einverständnisses, des Geborgenseins beim anderen. Insofern ist dieser kleine Text ein Liebesgedicht, wie denn so oft Gebet und Liebesgedicht sich verschränken.

Es gibt nicht allzu viele Dichter, die auf Gott zugehen. Der im siebenbürgischen Rumänien immer noch als Pfarrer lebende Eginald Schlattner, einer der großen Romanciers deutscher Sprache, schreibt keine Gedichte, aber er lebt aus den Psalmen wie Kurt Marti. „Stelle eine Wache vor meinen Mund, bewahre das Tor meiner Lippen, dass sich mein Herz nicht neige zu bösem Wort“, heißt es in Psalm 141.

Schönheit hat in sich das Wort Schonen und so auch das Trösten. Die Bibel ist schön. Die Dichtung von Kurt Marti auch. Sie sind verschwistert. Im Januar wäre er 100 Jahre alt geworden. Sein Werk gibt dem Akkord der deutschen Literatur aus der Schweiz den vollen Klang.

 

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