„Es sind gerade Situationen und Fälle, die man wirklich festhalten muss!“

„Rumäniendeutsch – zwischen Theorie und Praxis“: Eine Tagung an der Universität Bukarest lässt eine alte Tradition wieder aufleben

Ileana Ratcu (links) und Hermine Fierbințeanu (Mitte) mit einer weiteren Tagungsteilnehmerin. Foto: privat

Am 20. und 21. November 2020 veranstaltete die Fremdsprachenfakultät der Universität Bukarest eine Tagung. Daran beteiligte sich auch das Department für germanische Sprachen und Literaturen mit einem Workshop zum Thema „Rumäniendeutsch – zwischen Theorie und Praxis“. Zu diesem Anlass sprach Ioana Cusin mit den Dozentinnen Hermine Fierbințeanu und Ileana Ratcu über die thematischen Schwerpunkte der Tagungsbeiträge und die sprachliche und kulturwissenschaftliche Bedeutung der rumäniendeutschen Varietät hierzulande.

Frau Ratcu, inwieweit stellte die Tagung der Bukarester Fremdsprachenfakultät ein Novum dar? Handelte es sich dabei um die Wiederaufnahme einer älteren Tradition?

Ja, tatsächlich! Dank unserer Prodekanin Alina Tigău konnte man Ende 2020 diese Tradition wieder ins Leben rufen. Im Rahmen der Tagung gab es die Möglichkeit, Workshops zu organisieren, sodass auch das Department für germanische Sprachen und Literaturen sich daran beteiligen konnte. Das Thema des Workshops „Rumäniendeutsch – zwischen Theorie und Praxis“ war für unsere Sektion sehr passend, da man dadurch nicht nur auf theoretische Ansätze zurückgreifen, sondern auch einen wichtigen praktischen Teil ins Spiel bringen konnte. Damit meine ich Didaktisierungsvorschläge, die das Thema Rumäniendeutsch im Unterricht thematisieren.

Gleichzeitig wird an unserem Department seit drei Jahren eine Departmentstagung organisiert, sodass wir im vergangenen Jahr praktisch zwei Tagungen veranstaltet haben: Zum einen gab es die Celan-Tagung, die eher literarisch verankert war, zum anderen umfasste dieser Workshop zu Rumäniendeutsch sowohl literarische als auch sprachwissenschaftliche und didaktische Themen.

Wieso gerade Rumäniendeutsch?

H. F.: Sowohl Ileana Ratcu als auch ich gehören zu den Leuten, die sich im Laufe der Zeit damit beschäftigt haben. Ileana Ratcu tut das seit 1995 und mich persönlich hat das Thema immer fasziniert. Dabei wollte ich schon immer wissen, was mit unseren Vorfahren los war. Natürlich war es interessant, alles sprachlich herauszufinden, übrigens war mir einiges auch aus der eigenen Familie bekannt. Andererseits muss ich ehrlich gestehen, dass Professor Doktor Ioan Lăzărescu von der Universität Bukarest mich und andere Kolleginnen und Kollegen, als Angehörige der deutschen Minderheit, immer dazu ermuntert hat, dem Thema nachzugehen. Letztendlich handelt es sich dabei um das, was uns von allen anderen unterscheidet, und das muss festgehalten werden. Damit meine ich die diachrone und synchrone Untersuchung der Varietät. Denn, wenn die Zeitspanne bis 1990 bereits dokumentiert wurde, geht das weiter mit der Periode nach der Wende. Wichtig ist jedoch dabei, sich nicht nur mit der Theorie auseinanderzusetzen. Ich war positiv überrascht festzustellen, dass auf Tagungen auch die Kolleginnen und Kollegen in Ungarn und der Ukraine sich damit beschäftigen. Es sind Situationen und Fälle, die man wirklich festhalten muss. Das heißt, man muss sie publizieren. In diesem Sinne haben wir uns vorgenommen, den Studierenden entgegenzukommen und sie mit dem Thema vertraut zu machen. Darum haben wir die Didaktisierungsvorschläge eingeführt, die Literatur und Sprachwissenschaft zusammengebracht haben.

I. R.: 1995 war mir der Begriff ‚Rumäniendeutsch‘ bekannt, ich wusste damals allerdings noch nicht, dass ich mich damit beschäftigen würde. Ich erforschte deutschsprachige Urkunden aus Siebenbürgen, doch die bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema erfolgte etwas später. Ich kann mich an eine Tagung zu Bilingualismus an der Bukarester Fremdsprachenfakultät erinnern, als in den 1990er Jahren die Sprachwissenschaftler Ioan Lăzărescu, Sorin G²deanu und die Sprachwissenschaftlerin Grete Klaster-Ungureanu sehr interessante Beiträge zu Rumäniendeutsch präsentiert haben. In meinem Fall war das quasi der Auslöser, der die Varietät zum Forschungsobjekt avanciert hat.

Es erwies sich also als eine aufschlussreiche Perspektive in der Forschung. Wurde im Bereich Rumäniendeutsch bereits alles gesagt?

H. F.: Der Terminus ‚Rumäniendeutsch‘ wurde durch das Variantenwörterbuch des Deutschen 2016 offiziell anerkannt. In den 90er Jahren, während meiner Studienzeit, wurde uns erklärt, dass das Deutsch in Rumänien eine Inselsprache ist, was an sich auch stimmt. Aber trotz dieser Inselsprache war das Deutsch in Rumänien immer eine Standardsprache. Und das hatte Professor Ioan Lăzărescu bewiesen, als er diesen Status der Sprache nicht durch literarische Belege bewiesen hat, sondern durch konkrete Beispiele aus der deutschen Minderheitenpresse in Rumänien, nämlich aus der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien (ADZ).

Mein Forschungsinteresse geht hier in Richtung Pragmatik, denn im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass sich die Varietät auch aus der pragmatischen Perspektive sehr gut untersuchen lässt, die zu neuen Erkenntnissen führt. Gleichzeitig bin ich mir dessen bewusst, dass sich durch die Auswanderung der deutschen Minderheit in Rumänien sehr Vieles verändert hat. Das Standarddeutsche bleibt dasselbe, aber Dialekte verschwinden (leider Gottes!). Das kann man auch am Beispiel der Schulen, der Zeitungen und der anderen existierenden Medien verfolgen.

Und kann man dann noch über eine Zukunft dieser Varietät sprechen?

H. F.: Solange es eine Minderheitenpresse geben wird, wird es auch eine Zukunft für Rumäniendeutsch geben. Eine besondere Rolle werden auch die Minderheitenschulen spielen, obwohl die deutsche Minderheit, die in den heutigen Minderheitenschulen geht, die „absolute Minderheit“ ist. Das geht aus einer Untersuchung von Rudolf aus Hermannstadt hervor. In meinem Beitrag habe ich mich auf das Bukarester deutsche Goethe-Kolleg bezogen, weil das die älteste deutsche Minderheitenschule vor Ort ist, die die deutsche Sprache weitergibt.

Egal ob man nach dem Abschluss im Land bleibt oder auswandert, ist Deutsch mit eindeutigen Vorteilen verbunden. Gleichzeitig stelle ich als Germanistin fest, dass bei manchen Abgängern der deutschen Schule in Bukarest bestimmte Fehler auftreten, die man während des Studiums beseitigen muss. Und wenn man schon 18 Jahre alt ist, ist das nicht mehr so leicht. Das ist aber ein Phänomen, das wahrscheinlich auch an anderen deutschen Minderheitenschulen im Land vorkommt.

Welche waren die wichtigen Forschungsschwerpunkte der Beiträge?

I. R.: Der erste Teil der Tagung war sprachwissenschaftlich-theoretisch orientiert und durch Fallstudien ergänzt. Ich erwähne hier die Präsentation des Variantenwörterbuchs des Deutschen und der Viertelzentren von Doktorin Doris Sava aus Hermannstadt. Hanna Grassinger von der Universität Hamburg befragte in ihrer Untersuchung Leute aus Hermannstadt/Sibiu und den benachbarten Regionen wie auch Leute aus Bistritz/Bistrița nach ihrer Beziehung zur deutschen Sprache. Dabei hat es sich herausgestellt, dass einige der Sprechenden aus Mischehen stammten, andere Deutsch als zweite Muttersprache erlernt haben.

Als nächstes gab es einen Beitrag aus Kronstadt/Brașov von Claudia Șerbu-Spiridon über die Funktion der deutschen Sprache im Rahmen kultureller Veranstaltungen der Honterus-Gemeinde. Doktor Hermine Fierbin]eanu ist auf die Vor- und Nachteile von Rumäniendeutsch als Bildungssprache in der Walachei eingegangen.

Im zweiten Teil gab es Didaktisierungsvorschläge, die auf literarische Themen basierten. So zum Beispiel der Beitrag der Literaturwissenschaftlerin Daniela Ionescu-Bonnani, die sich mit Herta Müller beschäftigt, und Ana Karlstedt, die eine Didaktisierung vorgeschlagen hat, ausgehend von Iris Wolffs Roman „Halber Stein“.

Ich zum Beispiel habe über eine siebenbürgisch-sächsische Urkunde gesprochen, die man trotz ihrem „exotischen Charakter“ problemlos als Unterrichtsmaterial für den SCILL-Masterstudiengang einsetzen kann. Die langjährige Erfahrung hat gezeigt, dass diese Art von Texten bei den Studis sehr gut ankommt. Doktor Ionela Duduță aus Konstanza/Constanța ging auf das Thema Onlineunterricht als Herausforderung und als Chance ein.

H. F.: Da wir Raum schaffen wollten für all das, was an Rumäniendeutsch knüpfte und relevant war, siehe Geografie, Geschichte oder Bräuche, gab es auch verschiedene kulturwissenschaftliche Beiträge. So zum Beispiel die Präsentation der Literaturwissenschaftlerin Sunhild Galter von der Lucian Blaga-Universität, die diesmal aus ihrer Perspektive als evangelische Pfarrfrau in Neppendorf/Turnișor bei Hermannstadt/Sibiu berichtete. Ein anderer Vortrag kam von Doktor Alexandra Nicolaescu (Uni Bukarest), die Interviews mit den sogenannten Rückkehrern bzw. den Dagebliebenen in ihrem Beitrag integriert und zum Teil analysiert hat. Es fiel dabei auf, dass die Rückkehrer nicht viele, doch dafür jung sind. Im Falle von älteren Generationen, die auch ins Gespräch kamen, handelte es sich um solche Leute, die sowohl in Rumänien als auch in Deutschland leben, wie auch Leute um die 70, die nicht ausgewandert sind. Man konnte dadurch genau sehen, wie mehrere Generationen über Heimat denken und wie sie ihre Beziehung zu Deutschland und Rumänien verstehen.

Doktorandin Ana Dovgan aus Bukarest bezog sich in ihrem Beitrag auf den Volkskundler und Märchensammler Josef Haltrich. Ein weiteres Thema, das angesprochen wurde, war das Wirken des katholischen Bischofs Raymund Netzhammer, im Vortrag von Doktor Cristina Dogaru von der Universität Bukarest.

Fortgesetzt wurde die Vortragsreihe mit dem Beitrag von Doktor Evemarie Draganovici und Mihai Draganovici zu den gesellschaftlich-kulturellen und sprachlichen Besonderheiten der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinde in Tekendorf/Teaca, In dieser letzten Sektion gehörten auch andere sprachwissenschaftliche Beiträge wie zum Beispiel die Analyse des Namens ‚Klusch‘ von Doktor Adina-Lucia Nistor aus Iassy/Iași. Einen Einblick in den journalistischen Sprachgebrauch zum Wahlkampf bei den Kommunalwahlen in Rumänien 2020 in der ADZ lieferte der Beitrag von Doktor Adriana Dănilă. Fragen und Antworten zum Thema Schulbevölkerung in den deutschen Schulen in Siebenbürgen zwischen 1850-1945 von Doktor Ioana Velica aus Klausenburg/Cluj rundeten die Vortragsreihe ab.

Besteht da Interesse seitens des Dekanats der Fakultät für Fremdsprachen und Literaturen, weitere Workshops in den nächsten Jahren zu organisieren?

I. R.: Mit Sicherheit wird das Dekanat wieder die Tagung der Fremdsprachenfakultät organisieren. Dadurch wird das Department für germanische Sprachen und Literaturen der Uni Bukarest wieder die Möglichkeit haben, Workshops zu veranstalten. Es ist sehr gut, dass wir dabei unterstützt werden, die Beiträge in einem gesonderten Heft der Fakultätszeitschrift „Analele Universității București“ zu veröffentlichen. So könnte sich diese Minitagung zu Rumäniendeutsch mit unterschiedlichen Schwerpunkten etablieren.

Frau Ratcu, Frau Fierbințeanu, vielen Dank für das Gespräch!

 

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