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Festival-Land Rumänien

Kurze Übersicht und Geheimtipps für Begeisterte jeder Musikrichtung

Eva Labadi mit dem Publikum vor der Aufführung der Vorpremiere von „Aschenputtel – nur ein Märchen?“

Statt eines gläsernen Schuhs verlor das Mäuse-Aschenputtel sein Schuhmobil. Aber darin passt auch nur die Erwählte des Prinzen. Fotos: Dragos Dumitru.

Magischer Einblick in die Natur, Waha 2019. Foto: Mircea Struteanu

Seit einigen Jahren schon „boomt“ der Sommer in Rumänien nur so an Festivals und Veranstaltungen, die ein immer größeres, kreativeres und attraktiveres Programm anzubieten scheinen. Wirklich jedes einzelne Wochenende von Ende Juni bis Ende Oktober ist was los, manchmal finden sogar zwei bis drei Riesenevents am selben Wochenende statt. Dabei kommt jedermann auf seine Kosten, von Workshops aller Art, Film, Theater, Malerei und Streetart über Yoga, Tanz, Fotografie und noch viel mehr ist alles dabei, jedoch bleibt die Musik bei all dem immer im Vordergrund. Musik jeder Gattung, Musiker und Bands aus aller Welt finden mehr und mehr Einzug in unsere Musiklandschaft und tragen maßgebend zur Nationalkultur bei, für Zuschauer wie auch einheimische Musiker ist dies eine wahre Schule der musikalischen Sinne. Wenn es um einheimische Musiker geht, dann ist es offensichtlich, dass sich die Qualität der Musik im Land von Jahr zu Jahr steigert, was zu einem großen Teil der großen Ambition der Organisatoren von Veranstaltungen wie dem Klausenburger Festival „Jazz in the Park“, dem „Gărâna Jazz“-Festival in Wolfsberg, „JazzTM“  in Temeswar oder „Bucharest Jazz Festival“, zuzuschreiben ist, die sich bemühen, für Jung und Alt das Beste an internationalen Künstlern des Genres einzuladen, so zu inspirieren und einen Maßstab zu setzen. 

Wer Lust auf Jazz unter freiem Himmel in einer traumhaft schönen Umgebung hat, der sollte das „Smida Jazz“-Festival vom 15. bis zum 18. August im Nationalpark Apuseni keinesfalls verpassen, denn hier hat der Avantgarde-Jazz sein Heim gefunden. Dieses Jahr ist unter vielen anderen Elektro-Guru James Holden mit seinem Projekt „The Animal Spirits“ zu Besuch, denn was das Schönste am Jazz ist: der Einfluss so vieler anderer Musikrichtungen! Und Jazz-Fusion ist in Sachen Festivals längst nicht alles! Wer eher der Party-Mensch ist und die Abwechslung liebt, der wird bei Festival-Größen wie „Electric Castle“ in Klausenburg/ Cluj-Napoca, „Neversea“ an der Schwarzmeerküste oder „Untold“ am ersten Augustwochenende im Stadtpark Klausenburg, das jährlich über 300.000 Besucher anlockt, richtig viel Spaß haben. Auf 8 Bühnen werden internationale Live-Acts wie Akua Naru, Busta Rhymes, Robbie Williams, Morcheeba und viele mehr sowie zahlreiche einheimische Bands (Funkorporation, Nopame, Subcarpați, usw.) zu erleben sein. Die Liste der DJs, die wie jedes Jahr die Hauptbühne (das Nationalstadion) füllen werden, ist sehr lang. Von der Elektronik-Legende Armin Van Buren bis zu David Guetta ist wirklich alles dabei, was sich ein All-Night-Long-Partymensch wünschen kann. Ein Riesenplus von „Untold“: das Image! Die Grafik, mit der das Festival für sich wirbt, ist jedes Jahr faszinierender, und die Bühnen sind wahre Kunstwerke. Wie in jedem Milieu ist dies ein entscheidender Faktor, wenn es ums Geld geht, denn auch dank der „Verpackung“ ist „Untold“ mit einer Tageskarte zum Preis von durchschnittlich 400 Lei eines der etwas teureren Späßchen seiner Art. 
Wenn es um Rockmusik geht, dann machen die Festivals dieser Kategorie unserem Transsylvanien mit all seinen mehr oder weniger wahrheitsgetreuen Legenden alle Ehre, denn die Einheimischen brauchten so ihre Zeit, um sich an all die ausschließlich schwarzen Outfits, die langen Haare und oft düsteren Mienen, aber auch an die teils wirklich faszinierenden Gotik-Erscheinungen der weiblichen Rock-Fans mit übertriebenem Make-up und wallenden Röcken zu gewöhnen. In Hermannstadt/ Sibiu lockt das „Artmania“-Festival schon seit 2007 Begeisterte der für normale Sterbliche eher etwas gewöhnungsbedürftigen Kategorie der Musik an. Es ist das langlebigste Event seiner Art in Rumänien und bringt Legenden der Szene auf die Bühne. Am kommenden Wochenende (26. und 27. Juli) sind Opeth, Dream Theater und viele weitere, ausschließlich ausländische Bands zu sehen und zu hören. 

Das „Rockstadt Extreme Fest“ in Rosenau/ Râșnov ist etwas jünger, aber bereits mindestens genau so erfolgreich und tatsächlich „extrem“, denn am ersten Augustwochenende kann man vor „schwarzen Gestalten“ kaum einen Fuß in die örtlichen Supermärkte setzen. Sämtliche Unterkunftsmöglichkeiten sind bereits ein ganzes Jahr davor ausgebucht und die (für die schon erwähnten normal Sterblichen eher als Krach zu definierende) Musik von der Bühne hinter der Burg im gesamten weiten Umfeld zu hören. Auch eine Art von „Bildung“ und Bewusstseinserweiterung für die Einheimischen, die dieses Jahr wahrscheinlich noch mehr zittern werden, wenn die Norweger von „Dimmu Borgir“, DIE Black-Metal-Superstars schlechthin, auf die Bühne treten. Ihren Namen übernahm die Band von der Isländischen Gegend Dimmuborgir, wo sich der Legende nach das Tor zur Hölle befinden soll. Damit sei wohl alles gesagt! :D 

Und nun zu einer etwas kleineren, aber sehr feinen Veranstaltung, die mittler-weile ebenfalls zu einem Symbol für Rumänien geworden ist, vor allem für die vielen Besucher aus dem Ausland, die unser Land schon seit geraumer Zeit auf ihre Liste an Sommer-Zielen gesetzt haben: „Waha!“ Dieses magische Fest verwandelt einen kleinen, nicht besonders steilen Berghang in Micfalău, Covasna, jedes Jahr in ein Paradies - seit acht Jahren wird auf sieben Bühnen Musik gemacht, getanzt, meditiert, getrommelt, gelacht, gefeiert. Man kann sich an den vielen Installationen und Kunstwerken, die überall mit Liebe fürs Detail angebracht oder aufgestellt sind, gar nicht sattsehen. Außerdem ist es unmöglich, zehn Schritte zu machen, ohne ein bekanntes Gesicht anzutreffen. Es sind einfach alle da! Und genug Platz hat man auch. Geschlafen wird zwar im Zelt, das ist aber in diesem Umfeld auch gut so, denn die Natur und der Sternenhimmel sind wunderschön. Telefonempfang hat man keinen, was ein weiterer Pluspunkt ist, denn man bleibt dem Moment überlassen, der so viel zu bieten hat. Bei „Waha“ kann jeder der sein, der er ist, oder der er Lust hat, zu sein. Die buntesten Kleider, die das ganze Jahr über im Schrank liegen, finden hier ihren Laufsteg, denn nichts ist zu verrückt für diese Festivallandschaft. Und das Beste: alle sind freundlich zueinander. Wirklich jeder offene Mensch findet hier seinen Spaß, ob bei den so vielen, schon früh morgens beginnenden Workshops, Yoga-Sessions oder Meditationen beim „Luminish“ oben im Wald, bei den Drumming-, Tanz- oder freien Gesangs-Workshops bei der „Jam-Stage“, beim Tanzen bei der Deep House-, Psy- oder Alternative-Stage, oder während der unzähligen Live-Konzerte mit dem Feinsten an einheimisch-rumänischer Musik. Ausnahme und meine persönliche Offenbarung war dieses Jahr „Via Dacă“ aus Chișinău, die eine fantastische Mischung aus einem sehr melodienreichen Psychedelic Rock und Folklore mitbrachten, mit Texten von Mihai Eminescu sowie selbstgeschriebenen, umhauend tiefgründigen Versen, einer Sängerin zum Verlieben und einer einfach perfekten musikalischen Darbietung ihrer traumhaften Musik. Unbedingt zum Anhören, vor allem live, falls ihr die Gelegenheit dazu habt!

Besonders schön bei „Waha“: der Kinderspielplatz, wo Eltern ihre Kinder sorgenfrei an vertrauenswürdige Leute abgeben können, die mit Herz und Seele auf die Kleinen aufpassen und ihnen durch kreativen Zeitvertreib unvergessliche Momente bescheren. Haustiere sind ebenfalls gern gesehen, ob Hund, Katze oder sonstwas. Dieses Jahr hatte ein junger Mann sogar seine Taube mit dabei, die ihm auf Schritt und Tritt überall folgte! 

Entstanden ist das Festival aus dem Wunsch eines kleinen Freundeskreises heraus, eine tolle Party zu veranstalten. Heute ist die Party riesengroß, der Sinn für Freundschaft und Nächstenliebe ist trotzdem erhalten geblieben, was „Waha“ zu etwas so Besonderem macht.  
Es gäbe noch so viel erzählen, schließlich hat man als Musiker einen ganz besonderen Einblick in die bunte Welt der Festivals im Land. Falls ihr euren Sommer noch etwas spaßiger gestalten wollt, schaut einfach auf www.iabilet.ro/bilete-festivaluri nach, da findet ihr eine ganze Menge an Ideen! 

Macht´s gut und bis zum nächsten Konzert, vielleicht beim Riesenspektakel „TamTam“ am kommenden Wochenende (26. bis 28. Juli)  in Kronstadt/ Brașov, was das größte Festival verspricht, das die Stadt je gesehen hat. Es bringt unter vielen anderen Künsten das Beste der neuen rumänischen Jazz- und Klassik-Szene auf die Bühne. Details zum Programm gibt es unter www.tamtamfestival.ro.  

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