„Ich hab geglaubt, ich werde wahnsinnig“

Allergien, Unverträglichkeiten und Ekzeme beeinflussen die Lebensqualität der ganzen Familie

Die juckenden Quaddeln auf der Haut führen oft zu schlaflosen Nächten.

Auf dem Kühlschrank der Familie Velicaru kleben Anweisungen zum Menü des Kindes, zur Behandlung sowie ein Tagebuch mit den Symptomen, die durch ein Nahrungsmittel ausgelöst werden. Fotos: privat

Die Nase läuft, die Augen tränen, es kratzt im Hals und auf der Haut. Im Frühling herrscht Pollenalarm, der Blütenstaub von Pflanzen löst bei Milliarden von Menschen eine der meist verbreiteten Allergien aus: Heuschnupfen. Immer mehr Leute leiden daran, auch steigt weltweit die Häufigkeit allergischer Erkrankungen und Nahrungsmittelunverträglichkeiten, wie etwa in Bezug auf Gluten, Laktose und Histamin. Schwere Atemprobleme, Magen-Darm-Beschwerden, manchmal gräßliche Hautreaktionen, chronische Kopfschmerzen, Müdigkeit und Apathie können oft darauf zurückgeführt werden. Meist ist eine komplette Diagnose schwierig und langwierig, wenn man bedenkt, dass es rund 20.000 potenzielle Allergieauslöser gibt. Die Wissenschaft forscht noch in diesem Bereich. Nichtsdestotz ist es wichtig, die Auslöser in jedem konkreten Einzelfall möglichst genau zu identifizieren, um Beschwerden wirkungsvoll behandeln zu können. Wie erfährt man, worauf der Körper übertrieben reagiert und wie bekämpft man seine milden bis heftigen Alarmsignale?

Als Ana zum ersten Mal einen anaphylaktischen Schock erlitt, war sie zwei Monate alt. Sie hatte oftmals Quaddeln, die Haut war rissig und juckte fürchterlich. Sie musste sich ständig, oft blutig, kratzen. Schlafen konnte sie deswegen kaum, von den Eltern ganz zu schweigen. Monate vergingen so. „Das Schlimmste war, als 70 Prozent ihrer Haut wund waren“ erinnert sich Mona Cornel (Name von der Redaktion geändert), ihre Mutter, die Anas Haut Tag und Nacht mit Thermalwasser und Babypuder beruhigte. Auch ihr Mann war entsetzt, das Familienleben drehte sich nur noch um das gesundheitliche Problem der Erstgeborenen. Kinderarzt, Dermatologen und Allergologen verschrieben kortisonhaltige, antihistaminische, entzündungshemmende Medikamente und Salben. Diese halfen eine Weile. Neurodermitis, auch atopische Dermatitis genannt, lautete die Diagnose. Eine chronische Hauterkrankung, an der etwa 15 Prozent der Kinder weltweit leiden, die ähnlich wie bei der Nesselsucht (Urtikaria) oder bei Hautausschlägen Juckreiz an unterschiedlichen Körperstellen verursacht und in verschiedenen Schweregraden vorkommt. Die traditionelle Medizin bekämpft die quälenden Reaktionen hauptsächlich durch Symptombekämpfung und teils auch durch Hyposensibilisierung. Naturheilkundlich orientierte Methoden bringen Heilung durch personalisierte Diäten und Zufuhr natürlicher Zusatzstoffe.

Mit der Ruhe und Freude im Haus der Familie Cornel war es bald vorbei. Die Eltern stellten fest, dass infolge der Behandlung allein die Symptome unterdrückt wurden, das gesundheitliche Grundproblem aber weiterhin bestand. Die Kleine musste sich wieder kratzen und erlitt bis zum zweiten Lebensjahr zwei weitere anaphylaktische Schocks. Verzweiflung, Entsetzen und Hoffnungslosigkeit stellten sich ein. „Ich hatte Momente, wo ich nicht mehr konnte. Ich ging mit dem Mädchen im Arm in der Wohnung auf und ab, schrie, weinte und betete zu Gott, er solle sie retten. Ich habe gedacht, ich werde wahnsinnig! Ich wusste nicht, woran alles liegt, wie sie geheilt werden kann”, erinnert sich Mona. Sie führte ein Tagebuch mit dem genauen Menü und Beobachtungen zu den Symptomen. Es stellte sich heraus, dass Ana allergisch auf Ananas und Naturlatex von Luftballons (Latexallergie) reagierte. Doch das Meiden dieser beiden Allergieauslöser war nicht genug.

Hyposensibilisierung nur für einige Allergene

„Zyrtek, Aerius, Xyzal wird ja allen verschrieben“, beklagen sich Anas Eltern. Die Medikamente werden in akuten Situationen angewandt, erklärt Allergologin und Immunologin Daniela Drăguş. Allergien seien sehr vielseitig, es gäbe aber grundsätzlich drei Schritte, um diese zu behandeln: das Beseitigen des Allergens, medikamentöse Behandlung und Hyposensibilisierung, also die kontrollierte Konfrontation mit dem Allergen in kleinen Dosen. Letztere Etappe wird nicht von der Rumänischen Krankenkasse abgedeckt. Sie gilt als einzige ursächliche Behandlungsmethode von Allergien, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannt und empfohlen wird. Ziel der Hyposensibilisierung ist die Entwicklung einer Toleranz seitens des Immunsystems gegenüber dem Allergen. Das Allergen kann subkutan durch Injektionen unter die Haut, sublingual durch Tropfen unter die Zunge oder in Tablettenform verabreicht werden. Eine Therapie dauert etwa drei Jahre. Bislang gibt es diese Methode jedoch nur für einige Allergene, sodass zahlreichen Patienten zur Behandlung weiterhin Kortisonpräparate, Antihistaminika und Entzündungshemmer verschrieben werden.

Mona suchte nach alternativen Behandlungsmethoden im Internet, in Büchern, bei anderen Eltern mit allergischen Kindern. Das Mädchen schluckte homöopathische Mittel und Tinkturen. In ihrer Verzweiflung probierte die Mutter auch Aromatherapie mit ätherischen Ölen aus. Keine grundlegende Änderung trat ein.

Nahrungsmittel als Retter

Naturheiler Doru Laza (dorulaza.ro) verschrieb ein monatelanges Darmreinigungs- und Entgiftungsverfahren und eine strenge individuelle vegane Diät. Bei einer derartigen Kur bewirkt die Zufuhr der nötigen Nährstoffe, Vitamine und Spurenelemente eine Erneuerung der zellulären Bestandteile des Immunsystems und trägt so zu einer normalen Immunabwehr bei, erklärt er. Der Großteil aller Immunzellen befinden sich im Darm, sie sind für ungefähr 80 Prozent der Abwehrreaktionen verantwortlich. Somit erlangte Ana durch eine gesunde Darmflora ein starkes Immunsystem und hatte bald keine Beschwerden mehr. Mittlerweile darf die nun Zehnjährige sogar Fleisch, Pizza oder Schokolade essen. Mona kontrolliert ihr Menü, bereitet ihr unterschiedliche Nahrungsmittel(-gruppen) in bestimmten Zeitintervallen als Rotationsdiät vor, damit der Körper nie zu viel von einer bestimmten Substanz bekommt.

Wie Anas Eltern geht es Abertausenden in Rumänien. Im Bemühen, die aggressiven Reaktionen des Körpers der Kinder von Grund auf zu eliminieren, suchen sie nach effizienten  Heilungsmethoden. Vor allem aber suchen sie nach den Ursachen der Beschwerden und Krankheiten.

Rund 240 Millionen Menschen, drei Prozent der Bevölkerung weltweit, leiden laut der World Allergy Organisation (WAO) an Lebensmittelallergien, Europas meist verbreitete chronische Krankheit. Und noch viel mehr leiden an Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Die beiden Begriffe werden oft synonym verwendet, sind allerdings verschiedene Erkrankungen. Bei einer Allergie schaltet sich das Immunsystem sofort gegen etwas „Fremdes“ ein, bei einer Intoleranz treten Reaktionen des Körpers ohne Beteiligung des Immunsystems auf, sie können oft erst nach Tagen beobachtet werden.

Gesunde Darmflora = gesundes Immunsystem

Kinderärztin Ingrid Bălan, Autorin des Buchs „Heile Neurodermitis, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Allergien deines Kindes auf natürliche Weise” (Bucureşti-Verlag, 2014) behandelt seit mehreren Jahren Kinder durch eine langwierige Reinigung der Darmflora mittels gesunder und gezielt angepasster Ernährung. Sie empfiehlt u.a. auch natürliche Präparate wie Prä- und Probiotika, Pflanzen- und Kräuterextrakte, Verdauungsenzyme oder auch natürliche Öle.

Einen strikten Speiseplan einzuhalten ist schwierig, meist müssen Lebensmittel, die man ständig in der Küche verwendet, gemieden werden. Eltern müssen daher kreativ sein, sich über Alternativen informieren.
Ernährungswissenschaftler können hierbei helfen. Iulia Velicaru absolvierte sogar einen personalisierten Kochkurs, um für ihren Sohn David, der an Histaminintoleranz, Laktose- und Atemwegsallergien leidet, richtig kochen zu können. Laktose zu meiden war die Familie schon gewöhnt, aber die Unverträglichkeitsreaktion des Körpers auf Histamin war schwer zu bewältigen. Histamin ist ein Gewebshormon und Botenstoff, der natürlicherweise im Körper, wie auch in vielen Lebensmitteln vorkommt. Er wird durch Reifungs-, Fermentations- und Gärungsprozesse gesteigert, weswegen das Essen immer frisch zubereitet verzehrt werden sollte. Außerdem müssen Nahrungsmittel, die mikrobiell produzierten werden und hohe Histaminkonzentrationen bilden, gemieden werden, darunter Emmentaler, geräucherter Schinken, Salami, Sauerkraut, Sardinen, aber auch Auberginen und Tomaten. Nach allen Behandlungen und Therapien, die David während der Jahre durchgemacht hatte, war Bălans die erste, nach der die schuppige Haut, der Durchfall, die Augenringe endlich verschwanden.

Davids älterer Bruder war oft verärgert, dass er sich vor seinem Bruder immer verstecken musste, um Waffeln zu essen. Nun essen sie diese gemeinsam.

Nach dieser totalen „Reinigungskur“, in der Davids Körper keinen Kontakt zu den für ihn problematischen Substanzen hatte, darf er nun einige Lebensmittel einzeln wieder einführen. Reagiert der Körper darauf, wird wieder auf sie verzichtet.

Davids Atemwegsallergien sind nun viel leichter zu kontrollieren. Im Haus gibt es keine Teppiche mehr, ein Elektro-Staubsauger und ein teurer Luftreiniger halten die Luft rein. Auch die Luftfeuchtigkeit wird strengstens kontrolliert. Die Bettwäsche, Kissen und Decken sind antiallergen, Wäsche wird nur bei 60 Grad und mit ökologischem Waschmittel gewaschen.

Heilquellen und ganzheitliche Therapien

Iulia plant in den Sommerferien, mit David in den Südkarpaten im Kurort Baile Olăneşti eine zweiwöchige Kur mit Schwefelwasser durchzuführen. Das Heilwasser lindert Atemwegsprobleme, Ernährungs- und Verdauungsstörungen, aber auch dermatologische und allergische Erkrankungen.

Von den Erfolgen des in Rumänien geborenen Biochemikers und Immunologen John Ionescu hat Iulia noch nichts gehört. Dafür ist die von Ionescu gegründete Spezialklinik für Allergien, Haut- und Umwelterkrankungen und Fachklinik für Neurodermitis in Neukirchen beim Heiligen Blut, Deutschland, weltbekannt. Sie wird von allen Krankenkassen Deutschlands und Österreichs anerkannt und behandelt allergische Erkrankungen wie chronische Ekzeme (Neurodermitis), Asthma oder Heuschnupfen. In der Klinik werden die Allergene jedes Patienten identifiziert, der Entzündungsprozess im Körper gezielt ausgeschaltet und Toxine eliminiert, ein komplexer Prozess, der nur als Ganzes Erfolge aufweist. Ionescu führt Untersuchungen auch in Bukarest (quantum-therapy.ro) durch.

Nur die wenigsten rumänischen Eltern leisten sich gründliche Untersuchungen für die allergischen Reaktionen ihrer Kinder, geschweige denn teure Therapien. Die Krankenkasse begleicht leider nur einen geringen Teil der Kosten für Tests und Behandlungen.

cffviseu